MEINUNG28. November 2018

Fidor-Chef Matthias Kröner: „Die Bank muss Geld-Coach des Kunden werden“

Matthias Kröner, CEO der Fidor Bank und Banken-Digitalpioneer in DeutschlandFidor Bank

Matthias Kröner hat sich viel Zeit genommen. Gut eine Stunde spricht der Gründer und CEO der Fidor Bank im Exklusiv-Interview mit dem IT-Finanzmagazin und verrät viel über die Bankenwelt der Gegenwart und der Zukunft. Kröner kann als einer der Pioniere im deutschen Bankgeschäft gesehen werden. In den 90er Jahren holte er als einer der ersten in Deutschland mit der Direkt Anlage Bank (DAB) das Brokerage-Geschäft aus den Filialen heraus. Seit immerhin fast neun Jahren gibt’s die Fidor Bank, die mit ihrem Community-Ansatz und einem stark social-media-orientierten Verständnis von Banking ebenfalls vieles anders macht als andere Banken. Matthias Kröner spricht über die Zukunft der Fidor Bank, darüber, warum die Beziehung mit der französischen BPCE-Gruppe nach nur zwei Jahren wohl bald am Ende ist – und er erklärt, warum er IoT-Anwendungen vorantreibt, sich aus dem Bitcoin-Thema immer noch raushält und was die Bank der Zukunft für den Kunden bieten muss. – Das Interview führte Tobias Weidemann.

Bei Fidor hat sich in letzter Zeit einiges getan. Seit 2016 gehören Sie zur französischen Gruppe der Volksbanken, der BPCE. Die BPCE hat jetzt allerdings angekündigt, dass man sich von Fidor wieder trennen will, einen Käufer sucht. Was sind die Gründe dafür, dass schon nach zwei Jahren der Bruch kommen soll?

Die Entwicklung in den zwei Jahren war durchaus erfolgreich, wir haben das Retail-Geschäft verdreifacht, das B2B-Geschäft sogar vervierfacht. Wir haben Risikoposten vermindert und die Bilanz auf ein schönes Level gebracht – was uns jetzt in dieser Situation natürlich hilft, weil derjenige, der sich jetzt für Fidor als Investor einlässt, einen erfolgreich bestellten Hof vorfindet. Gleichwohl hätten wir im aktuellen Marktumfeld stärker wachsen können. Das hängt auch damit zusammen, dass wir uns im ersten Ansatz dafür entschieden haben, vornehmlich in Frankreich zu wachsen und andere Themen und Märkte dabei hintangestellt haben – obwohl wir vielleicht in anderen europäischen Märkten schnellere Erfolge hätten feiern können.

Gleichzeitig weist unser französischer Partner traditionell eine starke offline-orientierte Grundstruktur auf. Hier wollten wir ja eigentlich so etwas wie die „digitale Speerspitze“ werden, was aber so nicht geklappt hat.

Unterm Strich haben hier zwei unterschiedliche Unternehmenskulturen nicht optimal zusammen gefunden. Wir haben dadurch nicht die Effizienz und die Flughöhe erreicht, die wir uns alle erhofft hatten, weswegen andere vergleichbare Mitbewerber aktuell schneller gewachsen sind als wir.“

Matthias Kröner, CEO Fidor Bank

Schwierigkeiten mit dem Wachstum hatten Sie allerdings offenbar auch im Zusammenhang mit den eigenen Kunden. Wenn man in die Foren und bei Facebook schaut, dann herrscht da viel Unzufriedenheit. Was läuft schief in den Prozessen und Workflows?

Wir haben im letzten Herbst und Winter mit dem Bitcoin-Boom und unserer Kooperation mit Bitcoin.de ein immenses Neukundengeschäft generiert. Pro Woche hatten wir kurzfristige Steigerungen auf zeitweise sechs- bis siebentausend Kontoeröffnungen, was für jede Organisation eine Herausforderung darstellt. In dem Zusammenhang gab es, insbesondere aufgrund von Problemen beim VideoIdent-Prozess Schwierigkeiten. Diese Herausforderungen konnten gemeistert werden. Heute arbeiten wir auf einer infrastrukturellen Lösung, die derartige kurzfristige Spitzen meistern wird.

Wie jedem Banker in Deutschland bereitet mir das Thema Pfändungskonten mehr Sorge. Diese sind mit automatisierten und standardisierten Verfahren so gut wie nicht zu bearbeiten. Gibt es da mal einen Anfragestau, gibt es auch unzufriedene Kunden. Inzwischen haben wir aus all diesen Erfahrungen die richtigen Lehren gezogen und Prozesse und Anfragen weiter standardisiert: In Zukunft werden wir vermehrt auch mit innovativen Technologien wie Chatbots arbeiten, um die Wartezeiten für die Kunden gering zu halten.

Matthias Kröner, Fidor Bank
Fidor Bank

Matthias Kröner ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der Fidor Bank. Einst lernte er das Hotelfach, bevor er dann in den 90er Jahren mit der Direkt Anlage Bank, dem nach eigenen Angaben ersten Discount-Broker in Europa, das Brokerage-Geschäft in Deutschland nachhaltig veränderte. 2009 nahm er mit seiner Community-Bank eine Vollbanklizenz auf und schuf eine der ersten Banken mit digitalem Ansatz und Innovationen wie P2P-Banking.

Sie sind angetreten als Social-Media- und Mitmach-Bank und waren in den ersten Jahren stets das Vorzeigebeispiel für einen neuen Typ Bank. Inzwischen sind diverse Banken wie N26 populärer als Fidor. Woran liegt’s? Fehlen die Innovationen oder die Umsetzung?

Wir haben 2010 als Community-Bank angefangen und sind heute bei 900.000 Nutzern und rund 360.000 Kunden. Das ist erst einmal nicht wenig – aber Sie haben recht, dass es nach Zahlen andere Player im Markt gibt, die gerade in den letzten Jahren schneller gewachsen sind als wir. Die Kundeneinlagen von rund 1,5 Milliarden Euro zeigen mir, dass unsere Kunden valide und aktive Kunden sind. Im Schnitt sind das rund 4.000 EUR pro Kontoeinlage. Das Fidor Kontoangebot wird als Erstkonto genutzt, auf dem der Hauptanteil der Kunden-Transaktionen läuft. Auch kann ich sagen, dass nach Eröffnung eines Kontos rund 70% der Kunden innerhalb der ersten drei Monate aktiv werden. Ich denke, da unterscheiden wir uns deutlich von anderen Marktteilnehmern.

Neben dem B2C-Geschäft, das für uns immer der Ursprung unserer Entwicklung und damit sehr wichtig ist, haben wir aber gerade in den letzten Jahren das B2B-Geschäft massiv voran getrieben und erfreuen uns insbesondere in der MENA-Region und in Asien starker Nachfrage. Ich komme gerade aus Singapur zurück: Dort sind wir Mitgründer einer API-Plattform, die FinTechs und Banken die Zusammenarbeit erleichtert. Nur um den Stellenwert zu vermitteln: Beim offiziellen Startschuss war der indische Premierminister anwesend, ebenso der stellvertretende Premierminister von Singapur. IWF-Direktorin Christine Lagarde hat die Opening Keynote gehalten.

Fast nebenbei haben wir über all die Jahre eine Vielzahl an Innovationen vorangetrieben, über die wir allerdings in der Tat oft weniger gesprochen haben als andere das tun. Wir beanspruchen seit jeher eine Innovationsführerschaft.“

Matthias Kröner, CEO Fidor Bank

Erfolgreich ist Fidor vor allem auch als Whitelabel-Banking-Partner. Welche Rolle werden Whitelabel-Banking-Lösungen in Zukunft spielen und werden Sie in Zukunft damit mehr Geld erwirtschaften?

Auf der Erlösseite ist das für uns definitiv ertragreicher, weil es im B2C-Geschäft signifikant schwieriger ist, relevante Revenues zu erwirtschaften – auch und insbesondere, weil digitalaffine Kunden, die wir ja ansprechen, sehr preissensitiv sind. Konsequenterweise ist für uns das B2B-Geschäft sehr spannend, weil wir in diesem Kontext den Löwenanteil unserer Revenues erzielen. Spannend sind dabei aber vor allem auch die Projekte, die wir mit verschiedenen B2B-Partnern durchführen. Da sind wir anderen weit voraus. Mit unseren Dependancen in Dubai und Singapur sind wir in der Region Middle East and North Africa sowie im asiatischen Raum erfolgreich unterwegs und bieten auf der Basis von FOS Platform-Services an.

Wir haben das erste Mobile-Banking-Geschäft mit einer Bank in Algerien aufgebaut, haben gerade einen Award bekommen für das erste Digital-Community-Banking im Mittleren Osten, sind in einem API-Marktplatz-Konsortium in Singapur mit dabei und sind für zahlreiche Kunden mit unserem Banking-as-a-Service-Ansatz erfolgreich. Wir haben eine Reihe von internationalen Kunden, die alle live sind und mit einer FOS-Infrastruktur Kunden gewinnen. Das sind Projekte, die richtig Spaß machen und auch für die Konsumenten vor Ort echten Mehrwert schaffen.

Werden Sie sich in Zukunft auf diese Schwellenländer konzentrieren und den Fokus weniger auf den europäischen Raum legen?

Beide Märkte haben ihre spannenden Seiten und Herausforderungen. Die Wachstumszahlen und das Potenzial in den Emerging Markets sind einfach sensationell. Die Herausforderung ist in den Emerging Markets aber, fast noch stärker als in den etablierten Märkten, dass man Banking extrem kosteneffizient anbieten muss. Wenn man hier die Erfahrungen aus beiden Marktumfeldern kombinieren kann, ist das ein echter Gewinn für alle Seiten.

Von Dubai aus will Fidor den Nahen Osten erobern. Dr. Juma Al Matrooshi und Matthias Kröner bei der Eröffnung. Fidor Solutions

Was tut sich bei Fidor OS und welche Rolle spielt das für sie?

Fidor OS ist eines unserer Kern-Assets. Wir gehören zu den wenigen Bankengruppen, die eine gänzlich eigene digitale Infrastruktur entwickelt haben.

Meine Kernphilosophie basierend auf der Entscheidung „alles, was wir nicht selbst gecoded haben, ist am Ende des Tages nichts wert“ hat sich als richtig erwiesen. Auch gab es schlicht kein Angebot, als wir mit unserer Fidor-Idee begonnen hatten. Dass wir aus dieser infrastrukturellen Entscheidung mal ein Asset machen würden, das zweistellige Millionenumsätze hat, hat die Attraktivität der Fidor-Gruppe massiv gesteigert und unser Geschäft massiv befeuert.“

Matthias Kröner, CEO Fidor Bank

Dies haben wir weiterentwickelt zu unserem Banking-as-a-Service-Angebot, das nun andere Banken, Payment-Spezialisten oder Kreditanbieter hier einfach über APIs nutzen können. Diese Partner können sich so unsere Prozesse zu eigen machen und ihre eigene Strategie umsetzen. Auf diese Weise lassen sich ganz unterschiedliche Wertschöpfungsprozesse in unterschiedlichem Kontext der jeweiligen Kunden realisieren.

Sie haben Fidor Pay, sind bei Apple Pay dabei, bei Google Pay nicht. Wieso beim einen schon, beim anderen nicht – und wie passt Ihre eigene Lösung dazu?.

Wir sind gespannt auf den Start von Apple Pay und wie sich der Kontaktlos-Markt in den nächsten Monaten entwickeln wird. Wir sehen da ein enormes Potenzial und wollen unseren Kunden die Lösungen und Systeme anbieten, von denen wir glauben, dass sie sich durchsetzen.

Wer iOS als mobiles Betriebssystem hat (und das ist ein durchaus großes Kundensegment), ist auf Apple als Partner angewiesen – und deswegen sind wir da auch dabei. Bei Android läuft neben Google Pay auch Fidor Pay und einige weitere Lösungen.“

Matthias Kröner, CEO Fidor Bank

Wir waren mit Fidor Pay einer der ersten Player mit einer solchen Bezahllösung – in Kooperation mit Mastercard und einem großen Entwicklerteam. Natürlich stehen wir auch mit Google in Kontakt, haben aber zunächst die Entwicklungsprioritäten anders gesetzt.

Fidor

Warum Fidor Pay für uns so wichtig ist, hat einen einfachen Grund: Neben den Systemen, die infrastrukturell gebunden sind, wollen wir noch ein System haben, bei dem wir die Fäden in der Hand halten. In dem Punkt verhalten wir uns agnostisch. Wir wollen uns unsere geschäftspolitische Unabhängigkeit da ein Stück weit erhalten – was wir ja, am Rande bemerkt, auch in unserer Community pflegen, die eben gerade nicht beispielsweise unter Facebook gehosted wird, weil wir da selbst das Hausrecht haben wollen. Das geht bis hin zum Punkt der Netzneutralität, die aus meiner Sicht eminent wichtig ist. Der Begriff KI ist ein breiter Begriff, der viele Aspekte von Maschinen-basierter Logik umfasst. Während der Fortschritt im Bereich neuronale Netze beeindruckend ist, gibt es zur Zeit nach wie vor wenige operative Anwendungen. Auch von der Komplexität her empfiehlt es sich, erste Schritte mit erprobten Machine-Learning-Methoden zu unternehmen.

Ich möchte noch auf das Bitcoin-Thema kommen. Sie haben mal gesagt, dass Sie da persönlich nicht investiert sind. Wie bewerten Sie Kryptowährungen generell und wie sehen Sie deren Zukunftsaussichten?

Fidor Bank

Ich bin schon aus einer gewissen Compliance-Hygiene nicht in Bitcoin investiert. Dies habe ich schon in meiner Brokerage-Vergangenheit so gehandhabt. Grundsätzlich sind Kryptowährungen eine interessante Assetklasse, die in den nächsten Jahren ihren Platz im Markt finden wird. Wir sehen aus Kundensicht, dass analog zur Kursentwicklung des Bitcoin der Peak in der Nachfrage, den wir im letzten Herbst und Winter hatten, gegenwärtig vorbei ist. Dies bedeutet aber nicht, dass die Geschichte jetzt durch ist. Vielmehr erinnert es ein wenig an die Entwicklungen am neuen Markt um die Jahrtausendwende. Denn auch nach dem Platzen der Blase am neuen Markt ist das Internet nicht abgeschaltet worden und hat es attraktive Konzepte und Aktien im Technologieumfeld gegeben – nach einem gewissen Shake-out. Ich glaube, dass sich das Thema Bitcoin und Blockchain langfristig halten wird, weil viele Teams und Unternehmen an guten Konzepten und Applikationen diesbezüglich arbeiten. Kryptowährungen werden aus meiner Sicht ein wichtiger Bestandteil des digitalen Lebensstils sein.

Die Fidor Bank ist jetzt acht Jahre alt, was werden wir zum zehnjährigen Jubiläum sehen? Was sind Visionen, was Themen, die Sie aktuell auf der Agenda haben?

Eine Bank der Zukunft muss IoT-ready sein. Das bedeutet, dass beispielsweise mittelfristig mein Smart Home, mein Kühlschrank oder mein Automobil dazu berechtigt sein muss, Zahlungen auszuführen. Und da möchte ich als Banking-Partner mitspielen und das Geschäft eben gerade nicht nur den Kreditkartenanbietern überlassen. Auch Entwicklungen wie Smart Speaker sind für mich wichtig, also die Medien, über die ich mit meinem Konto kommuniziere. Ich will mit meinem Geld „reden“ können – auch wenn ich persönlich das wohl eher nicht über einen solchen Smart Speaker machen würde. Ich möchte Top-Notch-Technologie, damit unsere Kunden mit ihrem Geld so kommunizieren können, wie sie es wollen. Dazu passt die PSD2 als eine hochgradig spannende Entwicklung.

Aus diesem Dreieck – digitaler Zugangskanal zu meinem Geld, Digital Readiness und regulative Entwicklung rund um PSD2 – wird eine digitale Zukunft, die die Branche in den nächsten Jahren komplett durchmischen wird. Kombiniert mit einem vernünftigen Datenanalyse-Modell und guten Algorithmen werden wir als Bank so die Chance haben, zum Geld-Coach unserer Kunden zu werden. „

Matthias Kröner, CEO Fidor Bank

Wir wollen nicht nur Verkäufer von Geldanlageprodukten und Krediten sein, sondern dem Kunden signifikante Hilfe an die Seite stellen – und das eben nicht nur dem gut informierten und wohlhabenden Kunden, sondern buchstäblich jedem.

Die Community wird bei all diesen Entwicklungen immer zentral und maximal relevant bleiben. Wir als Fidor verstehen, dass wir weiterhin an der sozio-technologischen Entwicklung weiterarbeiten müssen – diese Kombination aus Soziologie, Empathie und Technologie macht Fidor aus. Meine persönliche Vision für eine Zukunftsbank ist, dass sie die Bedürfnisse des Kunden in ein digitales, technologie-basiertes Ecosystem übersetzt. All dies wird den Kunden dabei helfen, die eigenen Herausforderungen besser zu bewältigen. Am Ende des Tages möchte ich einen Finanzdienstleister schaffen, der es den Menschen ermöglicht, letztlich einfacher mehr Geld zu haben. tw

 
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