STRATEGIE1. Juni 2017

Girocard oder Debit Master­card – Wer die Wahl hat …

MasterCard

Früher war alles einfacher: Wer in Deutschland mit Karte zahlte, nutzte hierfür vorwiegend die ‚EC-Karte‘. Zusätzlich hatte man vielleicht noch eine Kreditkarte. Die kam seltener zum Einsatz, mit einer überschaubaren Akzeptanzstellenzahl beschränkte sich das auf Tankstellen, Hotellerie, Geschäfte mit luxuriösen Waren und die gehobene Gastronomie. Mittlerweile hat sich viel geändert, die ehemalige ‚EC Karte‘ heißt jetzt girocard und Mastercard bewirbt ein neues Kartenprodukt namens Debit Mastercard und kann diese als EC-Karte platzieren. Was ist eigentlich das Neue?
Wie steht diese EC-Karte im Wettbewerb zur girocard?

von Rudolf Linsenbarth

Bei der Debit Mastercard wird genau wie bei girocard jede einzelne Transaktion direkt auf dem Girokonto belastet. Damit hat der Kunde, im Gegensatz zur Kreditkarte, die Kosten besser im Blick. Die Debit Mastercard gibt es derzeit bei der Deutschen Bank(wir berichteten), der Commerzbank, der Fidor Bank, N26, MLP und bei O2 Banking. Die Markenrechte an der EC-Karte liegen bei Mastercard. Entsprechend versucht man, den Bekanntheitsgrad zu nutzen und positioniert die neue Debit-Karte als EC-Karte. Welche EC-Karte ist jetzt besser?

Autor Rudolf Linsenbarth
Linsenbarth-Rudolf-516Rudolf Linsenbarth ist Seni­or Consultant für den Be­reich Mobile Payment und NFC bei COCUS Con­sul­ting. Zuvor war er elf Jah­re im Bank­bereich als Seni­or Technical Specia­list bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Banken­gruppe). Linsenbarth ist ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Blog­ger der Fi­nanz­szene und kommentiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.

Aus der Sicht der Banken

Ob es für eine Bank günstiger ist, die girocard oder eine Debit Mastercard zu emittieren, hängt wahrscheinlich von der Anzahl der ausgegebenen Karten ab. Nicht umsonst verteidigen vor allem Genossenschaftsbanken und Sparkassen das eigene Produkt vehement. Zusammen haben beide Institute ca. 75 Millionen Karten im Feld und wollen bei sinkenden Erlösen nicht noch einen Teil der Gebühren an einen Dritten abtreten. Dazu kommt, bei einer eigenen Karte ist man autonomer in der Ausgestaltung des Produktes.

Am anderen Ende der Kette sind die neu gegründeten Banken und Startups, für die eine girocard überhaupt nicht mehr attraktiv erscheint. Folgerichtig haben sie solch ein Produkt gar nicht im Angebot. Dazwischen stehen die etablierten Privatbanken unterschiedlicher Größe mit einer sowohl als auch Strategie. Über die Motivlage lässt sich nur spekulieren.

Die Karten von Mastercard und VISA verhindern jedenfalls, dass der Handel die Bankprodukte für sein Lastschriftverfahren nutzt. Die Debit Mastercard bietet genau wie die Kreditkarte, die Option damit Online-Einkäufe im Internet zu tätigen. Im Augenblick die einzige Perspektive für Banken, vom boomenden Online-Handel zu profitieren.

Zudem hat die Debit Mastercard zurzeit noch einen Vorsprung im Bereich Tokenisation und Mobile Payment. Aber solange der Start von Android Pay, Apple Pay und Samsung Pay noch auf sich warten lässt, kann man mit diesem Pfund nicht wuchern.“

Aus der Sicht des Handels

EURO Kartensysteme

Eigentlich müssten beim Handel alle Signale auf girocard stehen. Nominell ist der Banken Interchange mit 0,2% zwar bei beiden Verfahren gleich hoch.

Das Bundeskartellamt hat aber die Banken verpflichtet, zusätzlich Verhandlungen über die Gebühren zu führen. Einige Unternehmen haben hierbei noch mal Zu­ge­ständ­nisse erhalten, die es so bei Mastercard und VISA nicht gibt.“

Dazu gilt im Gegensatz zur girocard, ist es mit Händlerentgelt noch nicht getan. Hinzu kommen noch Scheme- und Acquiring-Gebühren.

Außerdem ist dem Handel klar, verschwindet die girocard, bedeutet dies auch das Ende des sehr beliebten Lastschriftverfahrens (ELV).“

Für die Debit Mastercard Akzeptanz spricht vor allem der Wunsch, auch ausländischen Kunden ein Kartenzahlungsverfahren anbieten zu können. Das dies auch von den deutschen Kunden genutzt wird, muss der Händler in Kauf nehmen. Es gibt sogar Händler wie Primark, die ausschließlich auf internationale Zahlverfahren setzen, weil sie dann einen Terminal Standard haben, der europaweit einheitlich ist. Gleiches gilt auch beim Einsatz der sogenannten MPOS-Terminals von iZettle, Payleven und Co. Diesen Herstellern ist die Zertifizierung eines nationalen Kartenproduktes für nur ein Land schlicht zu aufwendig.

Zu guter Letzt hatte der Handel auch eine fehlende Innovationsbereitschaft auf Seiten der girocard bemängelt. Aber das ändert sich gerade.

Aus der Sicht der Verbraucher

Ob der Verbraucher mit einer girocard oder einer Debit Mastercard besser bedient ist, hängt vor allem vom Einsatzszenario ab. Wenn ein Kunde vor allem darauf Wert legt, möglichst alle Bezahlvorgänge mit der Karte zu tätigen, ist die girocard in Deutschland nach wie vor das Produkt der Wahl. Gerade im Segment der kleinen und mittleren Händler gibt es noch sehr viele, die ausschließlich girocard oder allenfalls noch Maestro/VPAY akzeptieren. Wenn die girocard dann noch wie allgemein üblich mit Maestro oder VPAY ein CoBadge besitzt, steht auch dem Einsatz am MPOS, bei Primark oder im Ausland nichts mehr im Weg.

Wenn der Verbraucher aber plant, die Karte auch für Einkäufe im Internet einzusetzen, ist die Debit Mastercard die bessere Alternative. Wer zudem Wert auf kontaktloses Bezahlen und Mobile Payment legt, findet bei Mastercard das etwas größere Angebot.“

Diese Momentaufnahme kann aber in einem Jahr schon wieder anders aussehen.
Interessant sind vielleicht noch die jährlichen Kartengebühren. Die girocard ist bei den meisten Banken als Bestandteil des Girokontos kostenlos. Gleiches gilt auch für die Debit Mastercard bei den Startup-Banken. Die Deutsche Bank als Herausgeber beider Produkte, gibt die girocard ohne Aufschlag heraus, verlangt aber für die Debit Mastercard 18 € im Jahr.

Wer mag das jetzt noch eben mal bitte dem Endkunden erklären?

Das girocard- und EC Karten-Fazit

Ein eindeutiger Sieger lässt sich also nicht festmachen. Je nach konkretem Anwendungsfall ist mal die eine oder andere Karte im Vorteil. Wie immer gilt, Wettbewerb belebt das Geschäft.

Das gilt auch für die Markenführung. Mastercard hat hier die Zügel angezogen. Der Deutschen Kreditwirtschaft ist bewusst geworden, dass für das eigene Produkt girocard Handlungsbedarf besteht. Der Handel darf sein Lastschriftverfahren nicht mehr als EC-Lastschrift bezeichnen.

Ob die Strategie aufgeht, die Debit Mastercard als EC-Karte zu positionieren, werden wir gespannt verfolgen.“

Vielleicht kommt es ja irgendwann mal zu einer girocard, die als CoBadge eine Debit Mastercard enthält. Das wäre dann die ultimative EC-Karte!Rudolf Linsenbarth

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://www.it-finanzmagazin.de/?p=51044
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (16 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von maximal 5)
Loading...

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

PwC-Studie überrascht: 55 Prozent der Deutschen zahlen bereits mobil oder möchten dies künftig tun

Mobile Payment-Anbieter, die sich in Deutschland durchsetzen wollen, sollten gemeinsam mit ihren Wettbewerbern eine einheitliche Technologie entwickeln und am Markt etablieren. Diese Forderung stellt...

Schließen