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STRATEGIE5. Dezember 2022

GLS Bank-Interview: “Schnell Geld zu überweisen, sollte keine Bonus-Leistung sein!”

Melanie Han, Leitung Abteilung Zahlungsverkehr der GLS Bank
Melanie Han, Leitung Abteilung Zahlungsverkehr der GLS BankGLS Bank

In einer aktuellen Umfrage von n-tv belegt die GLS Bank aus Bochum in der Gesamtwertung sowie in den Sparten Spezialbanken, Girokonto und Sparanlage Platz 1. Die GLS Bank (Webseite) ist eine Genossenschaftsbank und in Deutschland die älteste und wahrscheinlich mit 300 000 Kunden wohl auch die größte nachhaltige Bank. Eine Bank, die von ihren Kunden so gut bewertet wird, aber ansonsten weitgehend unbekannt ist? Wir haben bei Melanie Han (leitet Abteilung Zahlungsverkehr, GLS Bank) nachgefragt, wie es denn mit der Aufstellung der GLS Bank beim Thema Zahlungsverkehr aussieht.

Frau Han, obwohl die GLS Bank von Ihren Kunden sehr gut bewertet wird, ist sie ansonsten weitgehend unbekannt. Würde da ein griffigerer Name ihrer Bank nicht mehr Aufmerksamkeit verschaffen? Man könnte ja vielleicht das Namensrecht der 2003 übernommenen Ökobank verwenden.

Der Name GLS steht für „Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken“. Er bezieht sich auf die Gründungsgeschichte, die aus einem solidarischen Miteinander entstanden ist. Geld als Gemeinschaft verwalten und dadurch wertbasierte Ideen, Projekte und Alternativen ermöglichen, die durch kollektive Unterstützung Wirklichkeit werden. Das war damals im Gründungsjahr 1974 – und ist bis heute der Grundgedanke der Genossenschaft.

Beim Thema Kontogebühren gehen aber allen Banken mit Nachhaltigkeitslabel in dieselbe Richtung. Ist ökologisches Banking mit einem kostenlosen Girokonto nicht vereinbar?

Nachhaltig oder nicht – Kosten für das Girokonto sind mittlerweile marktweit Voraussetzung. Wenn nicht durch direkte Gebühren, dann zumindest durch Bedingungen, wie beispielsweise ein Umsatzminimum oder anderweitige Kosten.

Unser Ansatz ist eine transparente Preisstruktur, die es uns ermöglicht, unseren eigenen qualitativen Anspruch und natürlich den unserer Kunden und Kundinnen zu erfüllen: Kolleginnen und Kollegen in der Research-Abteilung untersuchen laufend das GLS Bank Anlageuniversum auf Kontroversen entsprechend unseres Nachhaltigkeitsverständnisses.

Der Prüfprozess für neu aufzunehmende Unternehmen ist sogar noch aufwendiger und beinhaltet einen eigenen Anlageausschuss, der nach mehreren Prüfschritten final entscheidet. Kreditseitig wird neben obligatorischen Bonitätsprüfungen in eigenen Zirkeln über eine Vergabe entschieden, ebenfalls auf der Grundlage unserer Anlage- und Finanzierungsgrundsätze.

All diese Kredite veröffentlichen wir regelmäßig für jeden nachvollziehbar. Die GLS Bank organisiert Veranstaltungen, in denen wir mit Kunden und Kundinnen, Mitgliedern und Politikern Diskussionen rund um eine nachhaltige Entwicklung von Geld und Wirtschaft führen. Dieser Einsatz ist für uns selbstverständlich und macht uns seit fast 50 Jahren aus.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen- unser Nachhaltigkeitsverständnis ist mit einem Discount-Gedanken nicht vereinbar.”

Durch den Wegfall des Maestro Schemes müssen alle Banken ihre Kartenstrategie nachjustieren. Bisher emittiert die GLS Bank eine girocard mit Maestro-CoBadge. Wer Genossenschaftsanteile der GLS Bank gezeichnet hat, erhält zusätzlich eine kostenlose Mastercard Kreditkarte. Wie geht es im nächsten Jahr nach dem Ende von Maestro mit der girocard und den Mastercard-Produkten weiter?

Melanie Han, GLS Bank
Melanie Han leitet die Abteilung Zahlungsverkehr in der GLS Bank. Sie ist 1983 geboren, verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Bochum. Han arbeitet seit 2011 bei der GLS Bank. Nach ihrer Tätigkeit als Vertriebs- und Angebotsmangerin übernahm sie 2016 die stellvertr. Abteilungsleitung „Service & Beratung“. Darauf folgte im Sommer 2020 die Gesamtverantwortung des Zahlungsverkehrs.
Das Auslaufen des Maestro-Zahlungssystems bedeutet entgegen vielen Berichte erst einmal lediglich, dass die Neuausgabe von Maestro-Karten eingestellt wird. An der Akzeptanz bestehender Karten ändert dies jedoch nichts.

Ab Oktober 2023 planen wir die Einführung einer Nachfolgelösung für die bisherige girocard mit dem Maestro-Co-Badge.

Wir werden die neue girocard Debit Mastercard in unsere Kontomodelle integrieren.”

Diese Karte erfüllt alle Funktionen der alten Karte und darüber hinaus noch weitere Vorteile wie zum Beispiel die Nutzungsmöglichkeit im E-Commerce Bereich oder Reservierungsoptionen für Hotels oder Mietwagen.

Wie wichtig sind eigentlich Bankkarten aus nachwachsendem Rohstoff. Ist der Nachhaltigkeitseffekt hier überhaupt messbar oder geht es hier vor allem um den Symbolwert solcher Maßnahmen?

Unser Fokus ist ein ganzheitlicher Blick auf nachhaltige Geschäftsprozesse. Angefangen beim Kerngeschäft bis hin zur Mobilität der Mitarbeitenden und eben auch jetzt die Form, wie Bankkarten ausgegeben werden. Dazu haben wir mit unserer neuen Holzkarte ein Pilotprojekt in einer Stückzahl von 1000 Karten gestartet. Wir bieten die weltweit erste Holzbankkarte ganz ohne Plastikkern an. Dazu haben wir als erste deutsche Bank den ersten Schritt getan und hoffen, dass andere Institute nachziehen. Umweltdaten zu unserer Holzkarte lassen wir aktuell prüfen.

Wäre es nicht sinnvoller, komplett auf eine Karte zu verzichten? Der Kunde bekommt ein digitales Produkt und die Karte wird nur ausgestellt, wenn das explizit gewünscht wird?

Wir stellen den Menschen immer in den Mittelpunkt. Letztlich ist das auch der Kontext, weshalb wir uns so konsequent für eine nachhaltige Wirtschaft einsetzen. Es geht um eine lebenswerte Zukunft für die Menschen.

Wieder in die Gegenwart geschaut ist es so, dass die Infrastruktur in Deutschland noch nicht überall so entwickelt ist, dass deutschlandweit digitale Zahlungsweisen problemlos möglich sind.”

Darüber hinaus wählen einige Menschen bewusst die Bargeldzahlung. Die aktuelle Debatte um eine mögliche Bargeldobergrenze macht das sehr deutlich. Auch die digitale Zahlung z.B. über mobile Payment ist in Deutschland noch nicht komplett etabliert. Darum bedeutet für uns den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, dass wir aktuell jeden Kunden, jede Kundin mit einer Girokarte ausstatten. Durch das dichte Netz von Volks- und Raiffeisenbanken können unsere Kundinnen an über 18.000 Geldautomaten Bargeld abheben. Damit hat jeder Kunde die Option, ob digitale- oder lieber Barzahlung das Mittel der Wahl sein soll.

Warum gibt es bei der GLS Bank keine digitalen Karten für Kunden mit einem Android-Smartphone?

Wir haben zuletzt mit der neuen GLS Banking App einen ganz neuen Kanal entwickelt. Damit sind unsere Services wie Kontoeröffnung oder Abrufen der Klimawirkung des eigenen Geldes einfach abrufbar. Mit diesem Fokus haben wir uns dieses Jahr bewusst dazu entschieden, Kapazitäten aus anderen Bereichen für die App zu nutzen.

Für das Jahr 2023 steht die Android-Einführung auf der Roadmap und wird dementsprechend aktuell intensiv geprüft.”

Bei den Giro-Zahlungen geht die GLS Bank ebenfalls andere Wege als die meisten anderen Banken. Sie verlangen keine zusätzlichen Gebühren für SEPA Instant Credit Transfer (SCT Inst), die EU Echtzeitüberweisung. Warum verzichten Sie auf diese zusätzliche Erlösquelle und wieviel Prozent der Giro-Überweisungen laufen schon per SCT Inst?

Auch hier haben wir besonders die Kundenperspektive im Blick.

Komfortabel und schnell Geld zu überweisen und Rechnungen zu begleichen, sollte keine Bonus-Leistung sein.”

Besonders für Geschäfts- und Firmenkunden sollen Buchungsposten so einfach wie möglich gehalten werden. Kleine wie mittlere Unternehmen sind häufig auf Skonti angewiesen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, die beste technische Unterstützung anzubieten, die wir als Bank bieten können. Und das, ohne daran zusätzliche Bedingungen zu knüpfen in Form von Preisaufschlägen.

Obwohl SCT Inst Transaktionen bei der GLS Bank kostenlos sind, ist der Anteil aber immer noch verhältnismäßig niedrig.”

Die Fragen stellte Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
Wird die GLS Bank ihr giropay/paydirekt Engagement auch auf die neue Lösung für das Online-Bezahlen mit der girocard erweitern?

Wir wollen unsere Lösungen auch stärker in Richtung E-Commerce-Nutzung etablieren. Die Einbindung der girocard in giropay ist aktuell an die Infrastruktur des Verbundes gekoppelt. Aus mehreren Gründen haben wir eigene Kanäle, wie bereits beschrieben bspw. die GLS Banking App, entwickelt. Aktuell prüfen wir, inwieweit sich unsere individuellen Strukturen mit denen des Verbundes koppeln lassen, um für die Kundinnen und Kunden weiterhin bestmögliche Services bieten zu können.

Die GLS Bank ist im Zahlungsverkehr nicht nur auf der Ausgabeseite aktiv, sondern auch im Acquiring und hier besonders als Anbieter von Zahlungslösungen an den Ladesäulen. Was ist hier die Motivation?

Alternative Mobilitätslösungen einer lebenswerten Zukunft müssen zugänglich sein.”

Um eine nachhaltig funktionierende, ökologisch sinnvolle Verkehrs- und Antriebswende voranzutreiben, müssen Alternativen angeboten werden. Wir glauben, dass Elektromobilität ein wichtiger Bestandteil sein kann. Aber auch 2022 gilt noch immer: Wir müssen Barrieren im Bezahl- und Ladevorgang abbauen!

Dazu beschäftigt sich ein gesondertes Team, die GLS Mobilität, mit dem komplexen Themenbereich und hat konkrete Lösungen entwickelt: Mit Giro-e bieten wir eine barrierefreie Bezahllösung inklusive des technischen und kaufmännischen Backends an. Für Unternehmen bedeutet das, volle Preiskontrolle und -transparenz. Giro-e ermöglicht die Ad-hoc Bezahlung mit der Girokarte, welche keine Vorabregistrierung benötigt. Aktuell stellt sich das Team neu auf: In Zukunft wird der Fokus noch stärker auf zukunftsfähige Elektromobilität gelegt. Was das konkret bedeutet, können wir gerne im nächsten Gespräch erörtern.

Frau Han, vielen Dank für das Gespräch.Rudolf Linsenbarth

 
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