STRATEGIE24. Juni 2019

Libra und Calibra sind nur der Anfang – die Zukunfts-Analyse von Ralf Keuper

Libra und Calibra läuten eine Zeitenwende ein.
artmagination/bigstock.com

Das war schon ein Paukenschlag für die Bankenbranche, als Libra und Calibra der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Zwar ist noch nicht sicher, ob das Vorhaben von Erfolg gekrönt sein wird, jedoch wird daran ein Strukturwandel deutlich, den man durchaus als epochal bezeichnen kann und der sich längst nicht nur auf die jüngsten Aktivitäten von facebook beschränkt. Denn schon längst ist das eingetreten, was viele befürchtet hatten, nämlich, dass die Technologiekonzerne auch die Blockchain-Technologie für ihre Zwecke einsetzen und damit ihre Vormachtstellung sichern. Und das ist nur der Anfang …

von Ralf Keuper

Für die interessierte Öffentlichkeit sichtbar haben Google, Microsoft, Baidu, SoftBank, Alibaba, Amazon, Tencent, Samsung und Apple ihre Aktivitäten im Bereich Blockchain, digitale Währungen und digitale Identitäten in den letzten Jahren und Monaten systematisch ausgebaut.

Es tritt ein, was viele – ideologisch und ökonomisch – nicht für möglich gehalten hatten. Apple & Co. sind durchaus bereit, erfolgreiche Geschäftszweige zu opfern, wenn sich damit die Möglichkeit ergibt, das eigene Ökosystem und damit den eigenen Einflussbereich noch weiter auszudehnen.“

Vorreiter Microsoft

Wenngleich momentan alle Augen auf facebook, Libra und Calibra gerichtet sind, ist der eigentliche Pionier bei der Anwendung der Blockchain-Technologie Microsoft. Zusammen mit Mastercard arbeitet Microsoft an einer gemeinsamen Lösung für die Digitale Identifizierung. Daneben ist Microsoft stark bei der Verbreitung dezentraler digitaler Identitäten engagiert. Dabei präsentiert sich Microsoft als Fürsprecher eines ethischen Kapitalismus.

Einige Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Microsoft versucht, auf Basis des Bitcoin-Lightening-Networks einen globalen Standard für Digitale Identitäten zu etablieren.“

Parallel dazu ist Microsoft Unterstützer des ID4D-Projekts der Weltbank. Ein weiterer Vorstoß aus dem Hause Microsoft ist die Personal Data Bank unter der Projektbezeichnung Bali. Vieles deutet darauf hin, dass Microsoft alles unternimmt, um auch im Internet der Dinge (IoT) das bevorzugte Betriebssystem zu stellen, womit sich der Kreis schließen würde.

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper erkennt, dass sich hinter Libra eine Zeitenwende versteckt.Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­formöko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.

Amazon

Auch der weltgrößte E-Commerce-Konzern Amazon setzt sich intensiv mit dem Potenzial der Blockchain-Technologie auseinander. Immer wieder wird dem Unternehmen ein Interesse an der Errichtung einer eigenen digitalen Währung nachgesagt (Vgl. dazu: Amazon: Mit Blockchain und eigener Digitaler Währung in die nächste Phase?).

Für Aufsehen sorgte ein Patent für das Data Streaming. Zusammen mit Mastercard und Accenture plant Amazon, digitalen Identitäten im B2B-Geschäft zum Durchbruch zu verhelfen.“

Bereits 2013 bescheinigte ein Beitrag Amazon zusammen mit Facebook (damals noch auf Basis des Social-Logins) gute Chancen, die bevorzugten Lieferanten digitaler Identitäten werden zu können.

Google

Ähnlich wie facebook gerät Google angesichts der Diskussionen um Datenschutz, Privatheit und der eigenen Marktmacht zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Schon vor einiger Zeit hat Google daher begonnen, sich mit den Einsatzmöglichkeiten der Blockchain für das eigene Geschäft zu beschäftigen.

Demnach arbeitet Google an einer eigenen Blockchain-Variante.“

Obschon der Einsatz der Blockchain-Technologie das eigene Geschäftsmodell unterminieren würde, sind einige Branchenbeobachter davon überzeugt, dass Google dadurch neue und größere Einnahmequellen erschließen könnte. Zu diesem Ergebnis muss man auch bei facebook gekommen sein. Anbieten würde sich die Kombination mit Google Pay und abgeleiteten digitalen Identitäten auf dem Android-Smartphone.

Apple

Apple

Mit Apple Pay, Apple Card und neuerdings Sign in with Apple hat Apple konsequent seine Strategie der Systeminnovation umgesetzt. Zwar vermeidet man bei Apple, explizit von Blockchain und digitalen Währungen zu sprechen, jedoch wurde mit dem cryptographic developer tool ein erster Schritt unternommen.

Ein weiteres Indiz, das für ein Interesse an der Blockchain-Technologie spricht, stammt aus dem Februar diesen Jahres. Durchaus möglich, dass Apple, passend zur eigenen Strategie, einen Apple Coin herausbringt.“

Samsung

Juliane Wolff/Mastercard

Besonders umtriebig ist der koreanische Samsung-Konzern, der eine eigene blockchain-basierte Finanzplattform im Angebot hat, zu deren wesentlichen Komponenten digitale Identitäten zählen (Vgl. dazu: Samsung nimmt Digitale Identitäten ins Visier).

Zusammen mit Mastercard arbeitet Samsung daran, die digitalen Identitäten auf das Smartphone zu bringen.“

Die weiteren Akteure

Auch die anderen Technologiekonzerne forschen eifrig nach einem Weg, wie sich die Blockchain-Technologie, Payments und digitale Identitäten für ihre Zwecke verwenden lassen, wie Baidu, Alibaba, SoftBank, Tencent und HTC.

Vorläufiges Fazit

Libra ist nur Anfang bzw. der aktuelle Ausdruck einer Entwicklung, die erst begonnen hat, ihre Schatten jedoch vorauswirft. Ohne dass die Banken allzu große Notiz davon genommen hätten, ist in den letzten Jahren oder vielleicht auch nur Monaten eine parallele Infrastruktur für die Daten- und Zahlungsströme in der Wirtschaft und Gesellschaft entstanden, die ohne wesentliche Beteiligung von Banken auskommt.“

Während die Banken noch dabei sind, die alte Infrastruktur notdürftig instandzuhalten, wird an anderer Stelle bereits an einer neuen Stadt gearbeitet, die schon bald für ihre Bewohner bezugsfertig ist. In dieser Stadt besteht für Banken schlicht kein Bedarf, in der Raumplanung und Stadtentwicklung werden sie daher nicht berücksichtigt.Ralf Keuper

 
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