STRATEGIE3. April 2019

Blockchain – Zukunft oder Hype? Die Perspektive der Bankenaufsicht

Blockchain – Zukunft oder Hype? Die Perspektive der Bankenaufsicht
Prof. Dr. Joachim Wuermeling Bert Bostelmann

Bei der Finanzwoche Stuttgart unter dem Motto „Finanzplatz 2025 – Unlocking Blockchain“ sprach Prof. Dr. Joachim Wuermeling, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, über die Entwicklung der Blockchain und wie sich die Finanzaufsicht dazu positioniert. Wie viel Hype beziehungsweise wie viel Zukunft steckt tatsächlich in der Blockchain? Und wie sieht der Bankaufseher die Blockchain im Finanzwesen? Interessante Aspekte zu Marktentwicklungen, Interessenlagen und Perspektiven der Aufsicht sind hier zu entnehmen. Als Grundtenor kann gelten: der große Hype um die Blockchain ist vorbei, jetzt kann es wirklich um Innovation gehen. Eine Zusammenfassung seiner Rede.

von Professor Dr. Joachim Wuermeling, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Wenn wir von der Blockchain (vgl. unseren Artikel zum Grundprinzip hier) sprechen, geht es um eine ganze Reihe von Technologien. Die eigentliche Blockchain kann man als Transaktionsregister bezeichnen, das alle jemals getätigten Transaktionen erfasst – aufgeteilt in einzelne Blöcke. Mittlerweile gibt es unzählige Varianten, die je nach Aufbau nicht mehr viel miteinander zu tun haben.

Unter der ursprünglichen Distributed-Ledger-Technologie werden in erster Linie Varianten verstanden, bei denen die Buchführung vollkommen dezentral organisiert ist. Daneben gibt es viele andere Möglichkeiten, die Buchführung zu organisieren. Beispielsweise gibt es Blockchain-Systeme, die innerhalb eines einzelnen Unternehmens verbleiben und sich von ihren Eigenschaften her kaum von herkömmlichen Systemen unterscheiden. Täglich kommen neue Patente hinzu und führen zu weiteren Ausdifferenzierungen.

Ausgangspunkt für den Einsatz von Blockchain-Technologien ist der Wunsch, digital Werte verlässlich zu übertragen. Hierbei gibt es ein grundlegendes Problem:

Wer überwacht die Wächter von Urkunden, Kontobüchern etc., sodass sich jeder auf die Echtheit und Korrektheit der Eintragungen verlassen kann?“

Mit diesem Problem beschäftigt sich die Menschheit schon seit Urzeiten und hat im Laufe der Geschichte diverse Techniken entwickelt wie notarielle Beglaubigung, das Vier-Augen-Prinzip oder auch die Gewaltenteilung. Anhänger der Blockchain haben den Anspruch formuliert, den vertrauenswürdigen Umgang mit wertvollen Dokumenten verlässlicher, schneller, praktischer und billiger zu lösen.

Es geht um Effizienzvorteile: Wo heute noch Verträge kostspielig in mehrfacher Ausfertigung angefertigt werden, die dann von allen Vertragsparteien verwaltet und geprüft werden müssen, versprechen Blockchain-Anbieter den Zugriff auf eine gemeinsame Datenbasis. „Smart contracts“ gehen noch weiter und verwalten nicht nur Verträge, sondern führen sie auch automatisch aus, wenn die Vertragsbedingungen eintreten, z.B. indem eine Zahlung ausgelöst oder das Schloss einer Autotür geöffnet wird.

In vielen Projekten im Finanzbereich geht es auch darum, Prozesse zu entschlacken. Ein völlig anderes Geschäftsmodell besteht darin, auf der Blockchain Token zu generieren, die einen Wert repräsentieren. Die währungsähnlichen Token wie Bitcoin, Ripple oder Ether haben sicherlich zur Bekanntheit der Blockchain beigetragen, allerdings haben sie selbst seit dem Höhepunkt des Hypes Anfang des vergangenen Jahres einen großen Teil ihres Wertes verloren.

Die Bundesbank ist nach wie vor skeptisch, was ihren ökonomischen Mehrwert im Alltag angeht. Wir bewerten sie hauptsächlich als Spekulationsobjekte, denn sie werden kaum für Alltagstransaktionen genutzt.“

Mittlerweile ist eine klare Erkenntnis gereift: Mit Blockchain kann man zwar sehr vieles machen, aber nicht alles zugleich. Es gibt Trade-Offs zwischen den einzelnen Qualitätseigenschaften wie der Manipulationssicherheit, der Kosteneffizienz oder der Geschwindigkeit einer Blockchain. Unternehmen haben verstanden, dass sie die Blockchain nicht als Wunderwaffe einsetzen können, sondern zu Abwägungen gezwungen sind. Dabei treffen zum Beispiel gesparte Kosten bei der Vertragsdurchsetzung und gestiegene Manipulationssicherheit auf fehlende Korrekturmöglichkeiten und neue operationelle Risiken.

Interessen und Spannungsfelder

Ein klar gesetzter Rechtsrahmen würde Startups dabei helfen, rechtssichere Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ein weiterer Vorteil einer Standardisierung ist, dass die Produkte einheitlicher werden. Dadurch werden Innovationen auch untereinander kompatibler und deren Position im Markt insgesamt gestärkt.

Den Unternehmern, die Innovationen vorantreiben wollen, geht es vor allem darum, dass wesentliche Unsicherheitsfaktoren im Zusammenhang mit ihren Geschäftsideen beseitigt werden.“

Auch in der Politik zeigen sich diskrepante Interessen und Ausrichtungen. Weltweit gibt es Differenzen bei der Regulierung von Blockchain-Dienstleistungen und -produkten. So wurden ICOs in China verboten, während in der Schweiz ein vergleichsweise freundliches Umfeld dafür geschaffen wurde.

Die heterogene weltweite Regulierung steht im Zusammenhang mit einem Standortwettbewerb: International haben einige Staaten bereits Blockchain-Strategien festgelegt. Zudem entstehen Strukturen, indem sich etwa Blockchain-Spezialisten in bestimmten Städten und Ländern niederlassen, Patente anmelden und Standards etablieren.

Diesem First-Mover-Vorteil stehen aber auch gewisse Vorzüge des Abwartens entgegen. Schließlich kann man aus den Fehlern der Vorreiter lernen. Und vor Fehlern sind Blockchain-Anwendungen nicht gefeit. So sind einer Studie von EY (Ernst&Young) zufolge mehr als 10 Prozent aller Einnahmen durch ICOs durch Hacker-Angriffe verloren gegangen. Auch betrügerische Vorfälle sind vorgekommen. Gerade in solchen Kontexten sollte nicht unterschätzt werden, wie schnell ein noch junger Markt wegbrechen kann, wenn das Vertrauen erschüttert wird. Um das Vertrauen in Anwendungen zu gewährleisten, bedarf es eines gut durchdachten Rahmens. Schließlich nimmt die Bedeutung nationaler Grenzen bei Blockchain ab: Man braucht keine Umzugskartons zu packen, um mit der Blockchain in ein anderes Land zu ziehen.

Perspektiven der Aufsicht

Als Aufseher sind wir gegenüber verschiedenen Technologien neutral. Unser Anliegen ist es, das regelkonforme Verhalten der beaufsichtigten Unternehmen zu gewährleisten und so zum Vertrauen in den Sektor beizutragen.

Daher sind wir prinzipiell offen gegenüber Innovation. Schließlich stecken darin auch Chancen, etwa Geschäftsmodelle nachhaltiger zu machen. Durch die Blockchain könnten sogar positive Effekte für die Finanzstabilität entstehen, indem z. B. Verwahrketten nicht mehr blockiert sind, wenn einer der Unterverwahrer in Schieflage geraten sollte. Deshalb wollen wir es den beaufsichtigten Instituten ermöglichen, die Chancen der neuen Technologien zu nutzen, allerdings ohne die Stabilität zu gefährden.

Blockchain und Co. sind nicht per se unfehlbar.“

In der Vergangenheit sind verhängnisvolle Programmierfehler zu Tage getreten. Auch wurden bereits mehrere Handelsplattformen für Krypto-Token gehackt. Überhaupt sind schon häufig die „privaten Schlüssel“ zu Blockchain-Einträgen gestohlen worden oder verloren gegangen. Aus Aufsichtsperspektive fordern wir von den Instituten, auch die Schattenseiten der Innovation von Beginn an angemessen zu berücksichtigen.

Ein Thema ist auch der Grad der Dezentralität der Buchführung.

Eine extreme Variante der dezentralen Buchführung – wie sie etwa beim Bitcoin funktioniert – ist innerhalb des regulierten Finanzsektors nicht umsetzbar, denn sie ist mit grundlegenden Prinzipien der Regulierung nicht vereinbar.“

Grund hierfür ist, dass immer mindestens eine Partei die Verantwortung für die Risiken übernehmen muss. Ein völlig dezentrales Netzwerk, in dem niemand die Verantwortung für das reibungslose Funktionieren des Netzwerkes übernimmt, ist mit diesem Prinzip schlicht nicht vereinbar. Institute, die Distributed-Ledger-Technologien einsetzen, setzen daher auf geschlossene Netzwerke mit autorisierten Mitgliedern.

Ein anderes Thema sind operationelle und Reputationsrisiken im Zusammenhang mit der Blockchain. Die Schlagzeilen über Diebstähle von Krypto-Token sollten Warnung genug sein. Hier könnte sehr schnell ein sehr hoher Schaden entstehen.

Ein drittes Thema sind die finanziellen Risiken. Sobald Krypto-Token ein finanzielles Risiko darstellen, sollte selbstverständlich sichergestellt sein, dass sie – wie sämtliche anderen risikobehafteten Posten – auch tragbar sind und die Solvenz des Instituts nicht gefährden.

Natürlich würde es helfen, Kategorien für Blockchain-Anwendungen zu entwickeln, etwa um konkretere Sicherheitsanforderungen für vergleichbare Anwendungen zu formulieren. Darüber hinaus ist es aber nicht sinnvoll, allgemeingültige Regelungen für die sehr unterschiedlichen Anwendungen zu formulieren. Dies würde den verschiedenen Innovationen letztlich nicht gerecht werden.

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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