Diebold Nixdorf - Vertriebseffizienzanalyse - Das Ende vom Prinzip Zufall
INTERVIEW27. Juli 2017

Erster digitaler Versicherer? Friday will perfekte User-Experience liefern – CEO Christoph Samwer im Interview

Christoph Samwer, CEO FridayFriday

Christoph Samwer will mit dem InsurTech Friday der erste wirklich digitale Versicherer sein. Und das gleich mit einem Angebot in der KFZ-Versicherung (das erste Auto – ein Nissan Qashqai – wurde am 16. März um 12.57 Uhr versichert). Friday ist die Deutsche Niederlassung der Basler Versicherungen Luxemburg A.G – dahinter steht die renommierte Baloise Group., ein Schwergewicht. Kann Friday wirklich einen neuen Maßstab setzen?

Herr Samwer, Sie sprechen bei Friday vom ersten digitalen Versicherer. Aber sind nicht alle Versicherer von jeher digital?

Das Versicherungsprodukt ist von jeher abstrakt und in gewisser Weise „digital“. Versicherer sollten digital sein, sind sie aber meist nicht. Wie häufig es daher in der alten Welt zu einem Papierstau kommt, müssen Sie die klassischen Versicherer fragen.“

Als digitaler Versicherer arbeiten wir bei Friday papierlos. Mit Hilfe von modernen Technologien haben wir das Geschäftsmodell entlang der gesamten Wertschöpfungskette digital aufgebaut. Dazu haben wir auf der grünen Wiese begonnen, auch um nicht von Legacy Prozessen oder IT-Systemen betroffen zu sein. Um Kunden zu begeistern, sind innovative Lösungen und eine perfekte User-Experience von der Angebotserstellung bis zur Schadensregulierung nötig. So erhält der Kunde beispielsweise innerhalb von 90 Sekunden einen Preis für seine KfZ-Versicherung angezeigt.

Welchen Mehrwert hat der Kunde davon? Oder gehen Sie auch nur über den Preis?

blackzheep/bigstock.com/Friday

Natürlich spielt der Preis – gerade im Kfz-Versicherungsbereich – eine wesentliche Rolle. Nichtsdestotrotz sind wir bei Friday überzeugt, dass für den Großteil der Kunden letztlich das Gesamtpaket aus Preis, Service und Benutzerfreundlichkeit stimmen muss.

Durch unser schlankes Greenfield Setup können wir attraktive Preise anbieten, da unsere Verwaltungskosten niedriger als bei den klassischen Versicherern sind. Das ist ein substantieller Wett­be­werbs­vorteil.“

Durch den Aufbau entsprechender Datenintelligenz wollen wir dem Kunden zum einen den Ab­schluss­prozess so einfach wie möglich machen und zum anderen die Flexibilität der Versicherungsprodukte deutlich erhöhen.

So bieten wir bereits seit März 2017 eine monatliche Kündbarkeit unserer Kfz-Policen an. Das ist ein Novum im deutschen Markt.“

Was für Friday dank unserer digitalen Versicherungsplattform ein kleiner Schritt war, ist für klassische Versicherer ein großer.

Die monatliche Kündbarkeit reduziert das Risiko für den Kunden im Kaufprozess, der sich durch Zeitdruck und eine große Informationsflut auszeichnet. Wer es gewohnt ist, seine Schuhe risikofrei noch nach 100 Tagen zurückzuschicken oder auf Monatsbasis sein Musik- oder Filmabo abzubestellen, der wird mittelfristig keine (Mehr-) Jahresverträge akzeptieren. Entsprechend positiv ist das initiale Feedback unserer Kunden. Diesen Tarif werden wir auch über eine API anbieten.

API? Heißt das, Sie wollen Versicherer als Partner anbinden?

Friday sieht sich als digitale Versicherungsplattform mit Volllizenz, die als Teil eines Ökosystems mit verschiedensten Partnern zusammenarbeiten wird. So bieten wir seit kurzem ein innovatives Zusatzfahrerprodukt, mit dem man tageweise Drittfahrer außerhalb des Fahrerkreises absichern kann, in Zusammenarbeit mit einem anderen Versicherer an. Mehr davon ist denkbar.

Auch im digitalen Vertrieb schließen wir Kooperationen, deren Datenaustausch über APIs funktionieren wird. Solche professionellen IT-Schnittstellen sind relevant für Kooperationen mit klassischen Partnern im Online-Bereich wie z.B. Aggregatoren, aber auch mit der Auto- und Mobilitätsindustrie.“

MaxThrelfall

Wir sehen, dass das Mobilitätsverhalten der Menschen sich verändert. Berlin ist die Hauptstadt des Carsharings und wir sind mittendrin. Aktuell entsteht ein neues Ökosystem, das auf neuen Technologien und einem veränderten gesellschaftlichen Verhalten basiert. Wir arbeiten daran, die passenden Versicherungslösungen für dieses Ökosystem anzubieten.

Das klingt aber auch ein wenig nach PAYD?

Im Herbst wird Friday als Erster einen verbrauchsgerechten KfZ-Tarif in Deutschland einführen und sich als Innovationsführer etablieren. Der Kunde zahlt dabei nur für die Kilometer, die er tatsächlich fährt. Das kennt er von seiner Stromrechnung.“

So kann er seine Versicherungskosten selber steuern: Fährt er weniger, zahlt er weniger. Das ist eingebaute Flexibilität und Fairness! Daher haben wir uns zum Start auch bewusst gegen ein PHYD (Pay How You Drive, anm. d. Red.)-Ansatz, den alle anderen Anbieter von Telematik-Tarifen verwenden, entschieden. Denn die Berechnung der Prämie erfolgt dabei heute noch zu intransparent für den Kunden.

Aber ist das nicht das Aufkündigen des Solidaritätsprinzips?

Das sehen wir nicht so. Ganz im Gegenteil führt eine Abrechnung nach den gefahrenen Kilometern zu mehr Transparenz und Fairness. Nur die vom Fahrer beeinflussbare Fahrleistung ziehen wir mit dem Tarif vor die Klammer. Warum soll ein Wenigfahrer einen Mehrfahrer mitfinanzieren? Unser Versprechen ist: Mit Friday bist du sicher, dass du verbrauchsgerecht zahlst. Die Kunden müssen aber natürlich bereit sein, das zu zahlen, was sie auch gefahren sind. Wer transparent sein will, muss auch ehrlich kommunizieren.

Christoph Samwer, Friday
Christoph Samwer ist Mitgründer von Friday. 2009 kam Samwer zu McKinsey & Company, um einige der führenden Unternehmen in der Versicherungs- und Bankenbranche zu beraten. Er beschloss, sich auf FinTech und InsurTech zu konzentrieren, als er Cheshire Capital gründete. 2013 gründete Samwer auch Lendico, ein Berliner FinTech, unterstützt von Rocket Internet, HV Holtzbrinck Ventures und der Schweizer PostFinance. Für seine Doktorarbeit an der Technischen Universität München hat Christoph Anreizeffekte im Versicherungsvertrieb untersucht.

Welche Technik läuft bei Ihnen im Hintergrund?

Unsere digitale Versicherungsplattform wurde von unserem CTO Mathias Nestler, der zuvor das Berliner FinTech Barzahlen mitgegründet hat, neu konstruiert. Das Versicherungskernsystem läuft in der Cloud. Dabei setzen wir auf Kubernetes, um die komplexen Anwendungen leichter zu deployen. Für das Frontend nutzen wir Typescript als angesagteres Javascript. Ansonsten ist React.js im Einsatz, um viele kleine leicht zu wartende Komponenten zu bauen. Die Plattform soll ja zukunftssicher sein.

Warum die Baloise Group? Warum kein deutscher Versicherer?

Gert de Winter und die Baloise Group sind mit ihrer strategischen Ausrichtung „Simply safe“ sehr weitsichtig und agieren als Vorreiter bei der Digitalisierung der Versicherungsindustrie.

Friday ist ein wichtiger Baustein dieser breit aufgestellten Strategie. Daneben ist die Baloise Group mit der Investment- und Beratungsfirma Anthemis Group eine Investmentpartnerschaft eingegangen und hat jüngst das prestigeträchtige Investment in Trov, einem erfolgreichen InsurTech aus San Francisco, bekanntgegeben. Bei einer anderen Initiative werden junge Start-ups mit Potenzial zusammen mit Go Beyond gesichtet, um deren innovative Produkte und Services zu nutzen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Für das Team von Friday ist entscheidend, dass wir jederzeit unternehmerisch agieren können. Unser Fokus liegt auf neuen, innovativen Produkten, die den Aspekt der Flexibilität und Fairness in den Vordergrund stellen und den Massenmarkt adressieren. Alles, was Friday macht, muss zeitgemäß sein.

Wo sehen Sie Friday in 5 Jahren?

Unser Ziel ist, dass Friday der beliebteste Sachversicherer ist.“

Dafür möchten wir bei Produktinnovationen weiterhin den Ton angeben, bei der Kommunikation neue Wege gehen und damit eine sechsstellige Kundenzahl von Friday überzeugen. Zugleich möchten wir ein starkes Team zusammenführen. Nicht als Selbstzweck, sondern weil wir überzeugt sind, dass dies neben der Nutzung einer state-of-the-art Technologie Grundvoraussetzung ist, um sich konstant an die sich immer schneller wandelnde Realität anzupassen und somit zukunftsfähig zu bleiben.

Herr Samwer, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!aj

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