STRATEGIE24. Oktober 2019

Kernbankensystem als Cloud-Lösung? Gar nicht so eigenwillig – Thomas Muth, Five Degrees im Interview

Kernbankensysteme als Cloud-Lösung? Gar nicht so eigenwillig ‑ Thomas Muth, Five Degrees im Interview
Five Degrees

Five Degrees entwickelt eine neuartiges cloudbasierendes Kernbankensystem als Software-Plattform. Das Unternehmen war damit bereits dreimal in Folge unter den FinTech50. Wir haben mit Thomas Muth, Technologie-Berater DACH von Five Degrees, über das niederländische Banking-Technologieunternehmen und über die Zukunft von Cloud-Kernbankensystemen gesprochen.

Herr Muth, Banking verlagert sich immer mehr zu Cloud-Diensten. Ist das nicht in Bezug auf die Regulierung (BAIT) ein enormes Risiko?

Die Auslagerung von Informationstechnik (IT) und IT-Services gibt es im Bankenbereich ja schon deutlich länger als den Begriff „Cloud“. Dies wurde auch schon vor der Veröffentlichung des Rundschreibens zu Bankaufsichtlichen Anforderungen an die IT (BAIT) durch die BaFin gesetzlich durch KWG und MaRISK geregelt.

Mit BAIT sind die Vorschriften lediglich konkretisiert worden, wobei diese so allgemein gehalten sind, dass sie auch auf Cloud-Dienste anwendbar sind – auch wenn diese in der BAIT gar nicht explizit erwähnt werden. Der Begriff „Cloud“ kommt in der aktuellen Fassung genau einmal vor.“

Insofern würde ich hier eher von einer Erhöhung der Komplexität sprechen, die durch die Veränderung des Zusammenspiels der beteiligten Dienstleister entsteht. Das Risiko ergibt sich lediglich dadurch, dass für viele Beteiligten die verfügbaren Erfahrungswerte noch recht überschaubar sind und deswegen entsprechend vorsichtig agiert wird.

Was ändert sich denn prinzipiell mit der Cloud im Vergleich zum klassischen IT Outsourcing?

Mit der „Cloud“ sind neue Aspekte bei der Auslagerung hinzugekommen, die wie bei allen IT-Innovationen Chancen und Risiken bergen:

In einer echten Cloud – wenn sie denn diesen Namen verdient – ist der Kunde nun in der Lage, Rechenleistung rein nach Bedarf anzufordern. Dies birgt erhebliche Kostenvorteile.“

Dafür kommt in der Wertschöpfungskette nun mindestens ein neuer Dienstleister hinzu: der Cloud-Betreiber stellt die für den Betrieb der Kernbankensysteme notwendige Grundinfrastruktur. In der Regel sind dies Hardware, ein virtualisiertes Betriebssystem und Netzwerkkonnektivität. Er hat aber in der Regel keinen Zugriff auf die Kernbankensystem-Anwendung.

Auch diese Rollentrennung ist nicht neu, sie gewinnt aber durch die weltweit operierenden Cloud-Dienstleister eine neue Qualität, weil weiterhin sichergestellt werden muss, dass sowohl der Standort der Auslagerung als auch die vielen anderen Vorgaben des Regulierers, wie z.B. Sicherheitsaspekte, eingehalten werden.

Durch die noch vergleichsweise geringen Erfahrungswerte der Cloud-Nutzung im Bankenumfeld (nicht nur) in Deutschland sind die Entscheider in den entsprechenden Abteilungen noch zurückhaltend.“

Die BAIT-Regelungen sind jedoch vom Regulator so generisch formuliert, dass bei Erfüllung der entsprechenden Vorgaben einer Cloud-Nutzung grundsätzlich nichts im Wege steht.

Autor Thomas Muth, Five Degrees
Thomas Muth ist Technologieberater bei Five Degrees (Website) für die gesamten Geschäftstätigkeiten des niederländischen Banking-Technologieunternehmens in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig. Er berät Unternehmen aus der Finanzbranche bei der Modernisierung ihrer IT-Infrastruktur – insbesondere bezüglich ihres Kernbankensystem.

Der Diplom-Kaufmann blickt auf langjährige Erfahrungen im Bereich IT-Lösungen für Finanzunternehmen zurück. Thomas Muth war als Product Manager bei Interactive Data Managed Solutions sowie bei HID Global tätig. Bevor er Anfang 2019 zu Five Degrees kam, war er bei smarthouse adesso financial solutions als Senior Sales Executive u.a. für internationale Kunden im Investment- und Retail-Banking als auch aus der Medienbranche zuständig.

Welche Chancen sehen Sie für Anwender eines cloudbasierenden Kernbankensystem­s?

Neben den schon genannten Kosten- und Skalierungsvorteilen erlaubt es die Cloud auch, Sicherheitsaspekte der eigenen Anwendungen anders zu bewerten. Große Cloud-Dienstleiter unterhalten hier mittlerweile sehr große Abteilungen, die ihre Cloud-Systeme auf verschiedenste Weise überwachen und auf Sicherheitslagen jeder Art, sowohl mit Manpower als auch mit Know-How, langfristig deutlich schlagkräftiger und schneller reagieren können als jede bankeigene IT.

Typischerweise kommen mit der Umstellung auf Cloud-Services auch Vorteile beim Software-Management zum Tragen – wie zum Beispiel ein flexibleres Patch- und Update-Management. Diese sind streng genommen aber nicht cloudspezifisch.

Auch Open Banking wird ja nicht mehr zu verhindern sein (Stichwort: XS2A). Aber was haben die Banken davon?

Mit der „schönen neuen API-Welt“ und den vielen FinTechs gibt es in der Finanzwelt aktuell einen Innovationsschub, der zum Teil im Wettbewerb zu den Banken als etablierte Player steht. Dieser in der Tat schmerzhafte Angriff auf die wichtigen Bestandteile der klassischen Wertschöpfungskette von Banken einerseits wird andererseits jedoch durch eine Vielzahl an Innovationen begleitet, die für Banken wichtige Probleme lösen bzw. ihr Service-Portfolio oder IT-Stack in einer Weise ergänzen, zu welchem die Banken allein nur schwer in der Lage wären.

Der Vorteil der Banken in Open Banking liegt somit darin, die eigene IT und Organisation soweit zukunftssicher auszubauen, dass die Integration und Nutzung solcher Innovationen auf einfache Weise möglich ist – sei es zur internen Kostenoptimierung oder um den eigenen Kunden neue Dienstleistungen und Produkte anbieten zu können.“

Welche Entwicklungen bei Banken und Versicherern treiben (abgesehen vom Regulierer) Themen wie Open Banking voran?

Die Digitalisierung unseres Alltags und die sich daraus konkret ergebenden Erwartungen der Kunden sind hier sicherlich als wichtigste Faktoren zu nennen. Mittlerweile sind wir alle verwöhnt, wenn es um Benutzerfreundlichkeit, Produktinnovationen, Kommunikationskanäle sowie Preis- und Prozesstransparenz geht. Beim Online-Händler meiner Wahl weiß ich genau, wie viel mein bestelltes Paket kostet und wo es sich gerade auf dem Lieferweg befindet. Der Müllentsorger meiner Stadt hat eine App, die mir eine Pushnachricht schickt, welche Tonne am nächsten Tag geleert wird, oder wenn mal eine Leerung ausfällt. Und meine Fluggesellschaft benachrichtigt mich, sobald ich online einchecken kann oder sich das Abflug-Gate ändert.

Die Kunden fragen sich zurecht, warum dieses Level an Service nicht auch bei ihrer Bank und Versicherung funktioniert.“

Daraus resultiert dann ein Wettbewerbsdruck durch innovative, neue Angebote und am Ende auch der entsprechende Kostendruck.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Chancen bei den Banken, Open Banking-Strategien voranzutreiben und umzusetzen?

Die zwei größten Herausforderungen sehe ich hier in der Bank selbst: im Herzen vieler Banken befinden sich Kernbankensysteme, die bereits mehrere Jahrzehnte alt und technologisch total überholt sind. Um diese Systeme herum wurden eine Vielzahl von Lösungen gestrickt, um zumindest ein Mindestmaß an Innovation oder auch regulatorischer Konformität sicherzustellen. Im Ergebnis hat die Bank jedoch technische Schulden aufgebaut, die sie nicht so leicht loswird.

Mit diesen Altlasten im Gepäck ist das Umsetzen einer Open Banking-Strategie schwierig.“

Genauso herausfordernd ist es bei einigen Banken, für Open Banking den richtigen Mindset in der Organisation zu schaffen. Neben dem noch immer vielfach verbreiteten Bedürfnis, alles selbst zu machen, ist auch der kulturelle Wandel zu flexibleren Organisationseinheiten innerhalb der Banken eine große Herausforderung. Die zu beobachtende Umstellung bei manchen Banken in Richtung einer sog. „Spotify“-Organisation ist für den notwendigen Kulturwandel meiner Meinung nach der richtige Weg.

Und was können die Banken in Bezug auf die PSD2 für sich nutzen?

Trotz aller Unkenrufe sind die Banken aus Kundensicht nach wie vor ein vertrauensvoller Partner, den man nicht so ohne weiteres wechselt.

Wenn die Banken es schaffen, im Rahmen ihres eigenen Angebotes den Kunden via PSD2 adäquaten Komfort, Service und ein Produktangebot zu liefern, das lediglich „gut genug“ ist, werden sie nur wenige Kunden verlieren – gleichzeitig aber pro Kunde mehr Geschäft mit neuen Produkten machen.“

Die PSD2 ist sicher nicht das Ende der Fahnenstange. Was kommt als nächstes?

Nach den jüngsten Meldungen zum Umsetzungsstand von PSD2 ist davon auszugehen, dass zunächst einmal die Regularien von PSD2 auf den Prüfstand kommen und ggf. nachgeschärft werden.“

Der generelle Trend zu Standardisierung und digitalen Ökosystemen wird auch im Bankenbereich, speziell bei einem Kernbankensystem, voranschreiten.

In vielen Bankorganisationen sind in den verschiedensten Bereichen noch erhebliche organisatorische Ineffizienzen zu beobachten, die sich die Banken nicht mehr leisten können. Es ist davon auszugehen, dass hier die Banken selbst die Standardisierung weiter vorantreiben werden. Anstatt Software und Lösungen an den gewachsenen organisatorischen Strukturen der Bank auszurichten, wird die Bereitschaft steigen, die Organisation an Standardsoftware und Prozesse anzupassen, die sich im Markt bereits bewährt haben, und eine günstigere Kostenbasis erlauben.

Herr Muth, vielen Dank für das Interview.aj

 
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