BANKING-PHILOSOPHIE3. Juni 2019

Sind die Banken in Zeiten von GAFA & Co. noch anschlussfähig?

Vorbei die Zeiten, als die Banken die exklusiven Ansprechpartner ihrer Kunden in Finanzfragen wie auch bei der Transaktionsabwicklung waren. Apple und Google sind mit ihren mobilen Bezahllösungen in das Stammgeschäft der Banken eingedrungen, während Facebook gleich an einer eigenen Zahlungsinfrastruktur arbeitet. Unterdessen hat Apple mit der Apple Card den nächsten Zug gemacht. Banken sind dabei, den Anschluss zu verpassen.

von Ralf Keuper

Rennen um Kundengunst - Banken verlieren den Anschluss
kentoh/bigstock.com
Vieles deutet darauf hin, dass Apple demnächst mit einer eigenen Identifizierungslösung an den Markt geht. Das Industrielle Internet bzw. das Industrielle Internet der Dinge kommt prinzipiell ohne klassische Banken aus. Die Geräte und Maschinen können sich gegenseitig beauftragen und bezahlen. Banken werden dann noch als Infrastrukturanbieter benötigt, und selbst das nur auf Zeit. Kurzum: Die Banken sind dabei, auf mehreren Gebieten den Anschluss zu verlieren. In den letzten Jahren haben sie zusammen mit der digitalen Souveränität auch ihre Anschlussfähigkeit in weiten Teilen eingebüßt.

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­formöko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.
Eine Zukunft ohne Banken ist durchaus vorstellbar. Dieser Ansicht ist nicht nur Bill Gates, dessen Aussage

Banking is necessary. Banks are not.“ (Bill Gates 1994)

immer wieder zitiert wird, um – zumindest in den meisten Fällen – zu zeigen, warum er sich geirrt hat. Ein plausibles Szenario entwarf im Jahr 2010 Heinrich Fendt in Bankless Banking 2030. Die technologischen Möglichkeiten, die Vision eines Bankless Banking zu realisieren, so Fendt vor neun Jahren, sind vorhanden. Wie bereits erwähnt, sind Apple, Google & Co. eifrig dabei, die Vision Realität werden zu lassen.

Geld als soziales Medium

Ihre Stellung als Finanzintermediäre, als Drehscheibe für die Informations- und Datenströme im Wirtschaftskreislauf, verdankten die Banken der Tatsache, dass sie die Deutungshoheit über das Medium Geld besaßen. Geld wurde als Einzelmedium gehandhabt, das nur von bestimmten Institutionen verwahrt und in Umlauf gebracht werden konnte. Das Geld ging von den Banken aus und kam – ohne dass eine andere Stelle bei der Interpretation maßgeblich involviert war – auch immer dorthin zurück. Was dazwischen geschah, welche Formen des Umgangs mit dem Geld als Kommunikationsmedium die Menschen ausgebildet hatten, war ohne große Bedeutung. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und der Vernetzung vormals weitgehend getrennt voneinander agierender Medien wurden die Branchengrenzen durchlässiger und das Bezahlverhalten der Menschen konnte über mehrere Kanäle hinweg aggregiert werden.

Der Unterschied zu damals ist, dass die aggregierte Sicht nicht mehr die Banken, sondern die großen digitalen Ökosysteme (Apple, Google, Amazon, Facebook, Alibaba, Tencent, Paypal) haben. Einzelmedien wurden von den Medien der Kooperation abgelöst.“

Damit verloren die Banken – in dieser Form zum ersten Mal in ihrer Geschichte – in weiten Teilen die Anschlussfähigkeit.

Kein Anschluss unter dieser Nummer
hkuchera/bigstock.com

Banken – kein Anschluss unter dieser Nummer

Wenn man versucht, einen Gesprächsteilnehmer, der seinen Anschluss gewechselt oder ihn aufgegeben hat, telefonisch zu erreichen, kommt der Hinweis: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Wer künftig noch versucht, seine Bank im Internet zu erreichen, könnte demnächst eine ähnliche Erfahrung machen.

Sinnbilder für die goldenen Zeiten der Banken sind der Geldautomat und die Filialen. In gewisser Weise kann man die Filialen und die Geldautomaten als Einzelmedien interpretieren, die räumlich nebeneinander existierten und noch existieren. Um sie herum bildete sich ein Netzwerk aus Herstellern, IT-Beratern und anderen Zulieferern, die mit der Zeit überwiegend mit der Optimierung des Status Quo beschäftigt waren (Vgl. dazu: Der Geldautomat als Gegenstand der Technik- und Kulturgeschichte). Paypal und später das Smartphone trafen Banken, Hersteller und Berater unvorbereitet. Der Besuch einer Filiale wurde zur Ausnahme. Die Bankinfrastruktur konnte umgangen werden. Das System aus Filialen, Geldautomaten, KADs und SB-Terminals schuf sich immer wieder neu, es reproduzierte sich – es verhielt sich in der Sprache der Systemtheorie selbstreferentiell. Solange dieses System den Bedarf der anderen sozialen Systeme abdecken konnte und sich keine Alternativen herausgebildet hatten, bestand für die Akteure in den Banken kein Anlass, selber Alternativen zu entwicklen. Neue Medienpraktiken sind entstanden (Vgl. dazu: Bezahlen als Medienpraktik – die neuen Infrastrukturen des Geldes ohne Banken).

WeChat Pay/Wirecard

Die neuen Codes of Banking

Ein System muss, um sich in seiner Umwelt zu erhalten, in der Lage sein, den allgemein vorherrschenden Code zu lesen und zu verstehen. Der neue Code wird von Software und den Medien der Kooperation repräsentiert. Es entstehen neue Symbolmilieus und Kommunikationsformen. Beispielhaft dafür ist das WeChat-Ecosystem of Connectivity.

Wer diesen Code nicht mehr interpretieren und in Aktionen umsetzen kann, verliert den Anschluss.

Die Banken reagieren auf den Verlust der eigenen Anschlussfähigkeit entweder mit kosmetischen Eingriffen wie in Form der Kooperation mit den FinTechs oder durch den Versuch, die alten analogen Kanäle, wie Filialen, zu modernisieren. Sie versuchen das alte Geschäftsmodell zu konservieren bzw. das alte System zu reproduzieren.“

Die Rückmeldungen aus der Umwelt zeigen indes immer häufiger, dass die Botschaft von den Banken nicht mehr richtig interpretiert wird. Die Abwanderung der Kunden zu BigTech und Online-Banken will man, wie bei den Sparkassen, mit einer eigenen Direktbank oder einer Superlandesbank aufhalten; Initiativen wie Yomo und YES werden nur halbherzig verfolgt. Jedoch das bislang beste Beispiel für den Verlust der Anschlussfähigkeit der Banken ist paydirekt. Hier hatte man geglaubt, das Spielfeld später betreten und mit den gewohnten Verfahren unter seine Kontrolle bringen zu können. Erkennen musste man stattdessen, dass kaum jemand auf sie gewartet hatte.

Das neue System funktionierte auch ohne Banken. Eine Erfahrung, die sich im IoT bzw. IIoT aller Voraussicht nach wiederholen wird.“

Als das Viktorianische Internet dafür sorgte, dass die Welt näher zusammenrückte, waren die Banken maßgeblich daran beteiligt. Heute sind sie nur noch Zaungäste. Das ist der wesentliche Unterschied.aj

 
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