STRATEGIE27. Januar 2020

„Riesenpotenzial um FinTech-Standort auszubauen“ – Hessen­s Digitalministerin Sinemus im Interview

Prof. Dr. Kristina Sinemus (CDU), Hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung (Staatskanzlei Hessen)
Prof. Dr. Kristina Sinemus (CDU), Hessische Ministerin für Digitale Strategie und EntwicklungStaatskanzlei Hessen

Prof. Dr. Kristina Sinemus (CDU) ist Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung in Hessen – im Januar ist sie ein Jahr im Amt. IT Finanzmagazin-Redakteur Helge Denker hat die Digitalministerin zu den Erfahrungen, Erwartungen an die Bundespolitik, FinTechs und technologischer Entwicklung befragt. 

Frau Professorin Sinemus, der Begriff FinTech steht für die Umwälzung des Bankenwesens, für digitale Transformation. Welche Rolle spielen Deutschland und Hessen in diesem Prozess?

Frankfurt, der europäische Finanzplatz, spielt da eine große Rolle. Wir haben 200 Banken vor Ort, 78.000 Mitarbeiter und den Anspruch, dieses in die Zukunft zu entwickeln und zu gestalten. In den letzten Jahren hat sich hier einiges geändert, auch mit dem Standort der Europäischen Zentralbank, in der Interaktion zwischen großen Banken, Hochschulen und dem Start-up-Milieu, wie zum Beispiel im “Tech-Quartier”. Da haben unterschiedliche Banken unterschiedliche Geschäftsmodelle. Die Commerzbank hat zum Beispiel mit dem Main-Inkubator ein völlig neues Arbeiten versucht, die Deutsche Bank hat einen ähnlichen Accelerator vor Ort.

Wie gut läuft die Zusammenarbeit zwischen Unis, Banken und Start-ups?

Die Kooperation mit Darmstadt – gerade auch im Zusammenhang mit Digitalisierung – ist deutlich offener geworden. Der “Digital Hub Cybersecurity” wurde ernannt. Dort findet erstmals in Hessen eine außeruniversitäre Kooperation zwischen Frankfurt und Darmstadt statt.“

Darmstadt bringt den Cybersecurity-Teil mit und das Forschungs-Know-how, Frankfurt das FinTech-Wissen. Der Standort ist sehr gut gerüstet, man weiß auch genau, dass man sich in Zukunft gemeinsam entwickeln muss. Was wir an Stärken haben, müssen wir verstärken. Wir haben mit DE-CIX zum Beispiel den weltweit größten Datenknotenpunkt. Das ist ein Asset. Wir haben knapp 80 Rechenzentren in der Region und bauen weitere. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Green-IT. Wir haben 80, auch universitäre Forschungsinstitute, viele davon sind auch im FinTech-Bereich aktiv. Wir haben uns im Start-up-Bereich gut aufgestellt, die Banken sind in ihrem Denken offener und flexibler geworden.

Da ist ein Riesenpotenzial, um den FinTech-Standort zu entwickeln und diesen auszubauen.“

Wir waren relativ früh auch in London unterwegs und haben für den Standort geworben. Und wir sehen durchaus, dass viele eher mit Frankfurt liebäugeln als mit Paris. Das ist auch unser Ziel.

Glauben Sie, dass es in zehn Jahren noch Filialbanken geben wird – oder nur noch Smartphone-Apps, Online Banking und Geldautomaten? Studien gehen davon aus, dass bis 2030 rund 13.000 Filialen deutscher Banken und Sparkassen schließen werden.

Wenn man sich die Konzepte der großen Banken anschaut, dann setzen sie ganz offensichtlich auf ein Filial-Bankensystem plus Dialog. Sie sagen: ein Teil meiner Kunden möchte das Thema Digitalisierung so vorantreiben, dass es keine Banken mehr betreten muss. Sie wissen aber auch, dass es viele Menschen gibt, die das als ihren sozialen Anker brauchen. Ich glaube, die Banken stellen sich auf die unterschiedlichen Zielgruppen ein. Ob das gelingt, kann ich ihnen nicht vorhersagen.
 
Steuern wir da nicht auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu? Auf der einen Seite die jungen Mobilen, die alles auf dem Smartphone machen und der Rest, der in die Filiale geht?

Professorin Kristina Sinemus (CDU)
Professorin Kristina Sinemus (CDU) ist seit Januar 2019 hessische Ministerin für digitale Strategie und Entwicklung (Vita). Seit 2011 war sie Professorin für Public Affairs an der Quadriga-Hochschule Berlin. 1998 gründete sie die Genius GmbH als geschäftsführende Gesellschafterin. 1996 gründete sie „Communication in Life Science“, einen Vorläufer der Genius GmbH. Seit 1991 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Technikforschung an der TU Darmstadt.
Das würde ich so nicht unterschreiben. Eine Klasse heißt für mich, das einer besser oder schlechter behandelt wird. Das sehe ich so nicht. Man versucht eine Diversifizierung der Angebote so zu machen, dass sie jeder Zielgruppe gerecht werden. Meine große Tochter macht fast alles digital. Wenn es aber um Beratung geht, “Wie lege ich Geld an?” oder “Was mache ich, wenn ich ins Ausland gehe?”, dann möchte sie das nicht am Telefon machen, sondern einen Ansprechpartner in der Filiale haben.

Welche Rolle werden chinesische Firmen spielen? Auf der FinTech Inn-Konferenz in Vilnius sprach unter anderem der CEO von A.E. Money. Die Chinesen bewegen 67,7 Milliarden Dollar an einem Tag mit Mobile Payment. Sehen Sie das als eine Chance oder als Bedrohung?

Ich habe in keinem der Gespräche hier das Wort China gehört. Ich möchte uns nicht mit China vergleichen. Wir haben da einen anderen Weg, eine andere politische Struktur. Wir leben in einer Demokratie, die ist an vielen Stellen langsamer, aber dafür umso zukunftssicherer. Insofern finde ich diese Vergleiche schwierig. Ich glaube, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, wir sind auf einem guten europäischen Finanzplatz-Weg.

Sehen Sie bei FinTech nicht auch eine Gefahr, wenn immer mehr Firmen Zugriff auf Kontodaten und -bewegungen haben? Es handelt sich ja um sehr sensible Daten.

Nicht umsonst wurde der „Digital Hub Cyber Security“ in der Metropolregion Hessen ernannt. Weil wir genau diese Fragen und diese Risiko-Debatte sorgfältig prüfen und berücksichtigen wollen.“

Das wollen wir so sicher wie möglich machen, auch mit den neuen technischen Möglichkeiten wie Künstlicher Intelligenz oder der Forschung mit dem Fraunhofer-Institut mit Cyber-Security-Schwerpunkt.

Ist das auch eine Konsequenz, die sie gezogen haben, aus dem Beispiel N26, das als Startup ohne Filialnetz, als reine Online-Bank Schwierigkeiten mit der Erreichbarkeit bei Missbrauchsfällen hatte?

Ich denke, das ist ein Momentum davon. Ich glaube, dass gerade wir auf das Thema Sicherheit und den Schutz der Privatsphäre achten.“

Wie kann ich meinen Alltag mit Digitalisierung auch im Finanzwesen einfacher machen, aber gleichzeitig meine individuellen Daten schützen? Das ist völlig richtig und diesen Weg sollen und müssen wir gehen. Was in der Diskussion um Huawei auf Bundesebene stattfindet, finde ich richtig. Nämlich zu sagen: Wir entschließen uns jetzt nicht gegen den Einsatz einer Technik, sondern geben unsere eigenen Sicherheitsstandards vor.

Im Januar sind sie ein Jahr im Amt als Digitalministerin in Hessen. Ist das eine Vorlage auch für den Bund? Brauchen wir in Berlin ein Digitalministerium?

Ich finde es richtig, das Hessen als erstes Bundesland den Mut hatte, ein echtes Digitalministerium auf den Weg zu bringen.“

Wir sind auch im Zuschnitt besonders, weil wir nicht nur das Thema Infrastruktur, Verwaltungsdigitalisierung und Digitalstrategie inklusive KI der Zukunft bei uns haben, sondern auch die gesamte Digitalisierungs-Milliarde des hessischen Haushalts monetär und qualitativ verwalten: Einerseits die Kombination aus kontrollieren, wofür das Geld ausgegeben wird und ob Projekte vernünftig umgesetzt werden, und andererseits die Bündelung über alle Ressorts hinweg und zu schauen, wo kann man sinnvoll Themen zusammendenken, um damit zielführend die Zukunft der Digitalstrategie Hessens zu entwickeln.

Frau Sinemus, vielen Dank für das Gespräch!Helge Denker

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/100297 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertungen)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiterbildung: Dem großen Fortbildungsbedarf der Finanzdienstleister gerecht werden

Für drei Viertel der Experten aus dem Finanzsektor ist die...

Schließen