STRATEGIE31. Oktober 2018

IBM übernimmt Red Hat: Das bedeutet der Mega-Deal für die Finanzwirtschaft

BigStock / josefkubes

Unternehmens-Cloud trifft auf Open Source: Es ist mit 34 Milliarden US-Dollar einer der größten Deals in der IT-Wirtschaft – IBM wird die Open-Source-Company Red Hat übernehmen. Der Deal zeigt, das wird schon beim Lesen der Verlautbarungen beider Unternehmen deutlich, dass beide sich voll auf das Geschäft mit der Unternehmens-Cloud konzentrieren wollen. Und insbesondere IBM wird durch Red Hat stärker in der Open-Source-Welt verwurzelt sein. Das Potenzial, das hier schlummert, ist beachtlich – und doch bleibt ein Restrisiko für beide Partner.

Seit Jahren diskutieren IT-Verantwortliche auf Konferenzen über das Potenzial der Cloud: Als Public oder Private Cloud, als Hybrid Cloud, als Kombination aus unterschiedlichen Systemen, fürs Testing oder als vollwertigen Ersatz für On-Premise-Rechenleistung… und seit Jahren sind es dieselben Unternehmen, die das Geschäft unter sich aufteilen wollen: Google und Amazon auf der einen Seite, Microsoft und nicht zuletzt IBM – dazu noch Atos, Oracle oder VMware. Während für viele Manager der Gang in die Cloud immer noch ein großes Risiko darstellt, der gerade in konservativen Branchen mit reichlich Skepsis beäugt wird, sehen doch immer mehr Unternehmen auch das Potenzial und die Flexibilität, die im Cloud Computing stecken. Selbst Banken und Finanzdienstleister haben eingesehen, dass die Cloud für bestimmte Einsatzbereiche eine hervorragende, da flexibel skalierbare Alternative zum Serverraum darstellt.

Das Unternehmen IBM hat sich in den letzten Jahren gewandelt – viele fanden das damals falsch, aber heute erweist sich der damalige Kurswechsel als goldrichtig. Heute sind Hybrid-Clouds in Unternehmen gängig und das Unternehmen verdient gut daran. Denn IBM ist bei den Unternehmens-Clouds einer der Marktführer und will laut IBM-Chefin Ginny Rometty aufgrund der neuen Konstellation mit Red Hat zur absoluten Nummer Eins im Markt der Unternehmens-Clouds werden.

Bluemix gerüstet für IoT, Blockchain und KI

Mit Bluemix bietet das Unternehmen ein umfangreiches PaaS-Angebot. Gleichzeitig präsentiert sich „Big Blue“ als eher konservativ in seiner User Experience, auch wenn die Bedienung nicht in allen Punkten konsistent ist. IBM Bluemix zeichnet sich durch ein wachsendes Angebot an SaaS-Anwendungen aus und ist aufgrund seiner umfassenden IoT- und Blockchain-Anwendungen derzeit vor allem im Umfeld der Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister beliebt. Aufgrund der Python-Unterstützung eignet sich die Plattform aber auch gut für Applikationen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Allerdings lässt IBM die Entwickler auf einer Plattform, nicht aber auf einer Infrastruktur entwickeln, was im Vergleich zu anderen Anbietern mit einem gewissen Kontrollverlust einhergeht.

Und hier sind schon die Elemente, die zeigen, warum IBM im Cloud-Geschäft auch in den nächsten Jahren Erfolge feiern wird. Da ist zum einen die tiefe Verwurzelung in den Branchen, in denen es auch höchste Zuverlässigkeit ankommt: Banken und Versicherungen und klassische Industrie. Die Blockchain, künstliche Intelligenz und Big Data – all das sind Themen, bei denen IBM einen bemerkenswerten Track Record vorweisen kann.“

Tobias Weidemann, IT-Finanzmagazin

Doch anders als Google (und noch mehr Amazon) gilt das Unternehmen nicht als wendiges kreatives Haus, das ständig neue Services ausrollt. Insbesondere Amazon AWS spielt hier in einer ganz anderen Liga, gilt nicht nur als Pionier in Sachen Unternehmens-Cloud-Lösungen, sondern ist so vielseitig und performant wie kein anderer Cloud-Anbieter.

Zwei Unternehmenskulturen prallen aufeinander

Wenn auch Red Hat hier nicht in dem Maße punkten kann, so kann das Unternehmen IBM doch etwas einbringen, das IBM über die Jahre immer noch fehlt: das tiefe Vertrauen der Open-Source-Community und der Linux-Welt. Mit der Übernahme von Red Hat holt sich IBM einerseits ein solides, erprobtes Enterprise Linux ins Haus, andererseits aber auch Software für den Cloud- und Container-Einsatz, etwa Atomic Host oder Core OS. Auch bei Infrastruktursoftware kann Red Hat fast mehr Expertise einbringen als IBM selbst. Für Banken und Finanzdienstleister, die schon bisher mit IBM gut zusammengearbeitet haben, wird sich erst einmal nicht viel ändern, für Open-Source-affine Unternehmen, die es ja vor allem in der FinTech-Welt reichlich gibt, wird IBM mit dem, was Red Hat einbringt, zum attraktiven Partner.

Unterhält man sich mit Mitarbeitern aus den Unternehmen, wird klar, dass hier nicht nur zwei unterschiedliche Produktportfolios, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander treffen – eine Herausforderung, die Umdenken in beiden Lagern erfordern wird und die sicherlich auch bei den Kunden der Unternehmen für die eine oder andere Irritation sorgen könnte. Red Hat, so heißt es, soll zwar einerseits in das Cloud-Geschäft von IBM integriert werden, gleichzeitig aber eine eigene Einheit bleiben – verbunden mit einem hohen Grad an gestalterischer Freiheit im Unternehmen. Wenn das gelingt, ist das ein Gewinn für beide Seiten – denn bisher sind Produkte, die IBM übernommen hat, oftmals dem sogenannten „Blue-Washing“ zum Opfer gefallen und haben dadurch schnell ihre USPs eingebüßt.

Hoher Preis: IBM zahlt den zehnfachen Jahresumsatz von Red Hat

Kein Zweifel: IBM hat sich mit 34 Milliarden Euro Einsatz, dem mehr als zehnfachen Jahresumsatz von Red Hat (zuletzt 2,92 Mrd. US-Dollar Umsatz, 259 Millionen US-Dollar Gewinn) einiges vorgenommen und das Unternehmen riskiert viel. IBM ist aber auch eine Wette eingegangen, die der Markt nicht für allzu unwahrscheinlich hält.

Für die Bankenwelt wachsen hier zwei Unternehmen zusammen, die sich in der Vergangenheit als zuverlässige Partner erwiesen haben. Und wenn es IBM gelingt, ein Stück der Open-Source-Welt für sich zu adaptieren, also einen ähnlichen Wandel zu vollziehen, wie dies in den letzten Jahren Microsoft vollzogen hat, dann wäre das ein echter Gewinn – für die Kunden, aber nicht zuletzt auch für das Unternehmen selbst.“

Tobias Weidemann, IT-Finanzmagazin

Ganz in trockenen Tüchern ist der IBM-Red-Hat-Deal allerdings noch nicht. Zustimmen müssen noch die Kartellbehörden und die Aktionäre. Dass gerade Letztere dies tun werden, ist sehr wahrscheinlich – schließlich zahlt IBM einen satten Aufschlag von rund 60 Prozent auf den Schlusskurs vom vergangenen Freitag. tw

 
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