INSURTECHS & KOOPERATION4. Oktober 2018

Versicherer profitieren von InsurTechs … wenn sie über Prozesse nachdenken

Plädiert für durchgängige Prozesse: Stephen Voss, Vorstand Neodigital Versicherung
Stephen Voss, Vorstand Neodigital VersicherungNeodigital

Wer heute als InsurTech am Markt Beachtung finden möchte, darf nicht nur einen nutzen­stiftenden Prozess im Angebotsportfolio haben – auch die Interface-Architektur für den angebotenen Services muss genauso detailliert beschrieben werden. InsurTechs liefern heute eine Vielzahl von Prozessen, die Versicherer mehr oder weniger sinnvoll einsetzen können – wenn das Interface stimmt. Die Bandbreite der neuen Prozesse ist groß. Sie reicht von KI-basierten Gesichts­erkennungs­systemen, die das Post-Ident-Verfahren ersetzen, bis hin zur digitalen Schadenerfassung in Echtzeit mit angehängter Bilddatenerfassung zur Auswertung für den Schadensachbearbeiter.  

von Stephen Voss, Gründer und Vorstand der Neodigital Versicherung

Es zahlt sich für etablierte Versicherer aus, sich – je nach Teil der bearbeiteten Wertschöpfungskette – genauestens mit normierten Schnittstellen zur Datenübermittlung, etwa den BiPRO e.V.-Normen, auseinanderzusetzen.

Eine wichtige Orientierung bilden hierfür die Informationsübermittlungsprozesse, die unter anderem im Rahmen der 430er Normen definiert sind. So bildet beispielsweise der Use-Case 430.1. die allgemeinen Geschäftsvorfälle in einem Versicherungsunternehmen ab. Eine andere Ausprägung, der Use-Case 430.4., liefert vertragsbezogene Daten und Dokumente, während der Use-Case 430.5. Schaden- und leistungsbezogene Daten und Dokumente beisteuert.

Die Branche beginnt nun auch mit der Umsetzung der 500er Normen. Das sind Normen, die Änderungen in den Bestandsdaten übermitteln – also jenen Geschäftsvorgängen, die zur Beauskunftung und Änderung von versicherungstechnischen Informationen wie Partnerdaten und Vertragsdaten dienen.

Es ist für InsurTechs daher unumgänglich, die eigene Leistung, den Prozess oder den angebotenen Service so auf den etablierten Versicherer auszurichten, dass für diesen eine nahtlose und zukunftsfähige Übermittlung der Informationen gewährleistet ist.“

Selbst wenn der Partner dann nicht über normierte Schnittstellen wie die der BiPRO verfügt, sind die Interfaces so zu gestalten, dass eine spätere Transformation in einem normierten Umfeld ohne viel Aufwand erfolgen kann. Das fordert in der Kooperation dann nicht nur das InsurTech, sondern auch das Versicherungsunternehmen. Insofern ist bei einer Kooperation von Beginn an darauf zu achten, dass nicht nur das digitale Zielbild definiert wird, sondern auch der Weg dahin sowohl in prozessualer als auch technischer Hinsicht so skizziert ist, dass der Austausch der Daten langfristig sicher ist und die darin begründeten Prozesse nachhaltig sind. Damit das gelingt, ist einiges vorzubereiten.

Prozesse: Vom Target-Operating-Modell zur Interfacestruktur

Seitens des InsurTechs ist ein klares, auf transparenten Informationsaustausch ausgerichtetes Target-Operating-Modell zu etablieren, idealerweise basierend auf einem Datenbankmodell ohne Redundanzen in verschiedenen Systemen. Eine zentrale Systemarchitektur mit einer Datenbank und einer normierten Interfacestruktur ist gefragt. Und zwar eine solche, die es dem InsurTech ermöglicht, seine Datenausgabe der Prozesse auf die Vielzahl der im Markt auf der anderen Seite aufgebauten Schnittstellen optimal anzupassen. Kein Service oder Prozess eines InsurTechs – mag er noch so gut sein – wird sich durchsetzen können, wenn er nicht über eine sichere und adaptierbare Datenkommunikation verfügt.

Autor Stephen Voss, Neodigital Versicherung
Stephen Voss ist Gründer und Vor­stand der Neo­di­gi­tal Ver­si­che­rung AG mit Sitz in Neun­kir­chen im Saar­land. Vor sei­ner Tä­tig­keit beim von ihm ge­mein­sam mit Dirk Witt­ling ge­grün­de­ten In­s­ur­Tech war Voss un­ter an­de­rem in füh­ren­den Po­si­tio­nen bei der Ba­den Ba­de­ner Ver­si­che­rung AG, der Zu­rich In­suran­ce Com­pa­ny Ltd. und der AIG Eu­ro­pe tä­tig. Er hat über 20 Jah­re Er­fah­rung in der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft und in un­ter­schied­lichs­ten Be­rei­chen von Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men gearbeitet.

Auch seitens des etablierten Versicherers ist eine Menge zu tun. Es reicht nicht, die Kooperation mit dem InsurTech zu unterschreiben und dann den anderen die Arbeit allein machen zu lassen.“

Die vom InsurTech gelieferten Services und Prozesse verlangen dem eigenen System und dessen Architektur eine Menge ab – auch wenn gerade da der Knackpunkt liegt und sich einige dann die Frage stellen, warum man überhaupt eine Kooperation eingegangen ist.

Ein Praxis-Beispiel: Der Schadensprozess

Das Ganze kann anhand eines vom Versicherungsunternehmen ausgelagerten Schadensprozesses veranschaulicht werden. In diesem Fall übernimmt das InsurTech für den Versicherer die Aufnahme und die Erfassung der Schadensmeldung, konsolidiert für ihn die Schadeninformationen und liefert dieses Informationspaket an der definierten Schnittstelle ab. Die Prozesse sind damit bereits im Vergleich zum herkömmlichen Ablauf beschleunigt und der Kunde über eine digitale Kommunikation – beispielsweise eine Schaden-App – optimal abgeholt. Der eigentliche Nutzen liegt jedoch in den erfassten und damit auch auswertbaren Schadensdaten. Denn je genauer die Daten sind, die im Falle des Schadens übermittelt werden, umso präziser lässt sich ein Versicherungsportfolio steuern und gegebenenfalls anpassen. Und genau das macht die eigentliche Kernkompetenz eines Versicherungsunternehmens aus.

Dazu muss aber die Eingabe strukturiert werden und plausibilisiert auf das jeweilige Tarifvertragswerk abgestimmt erfolgen. Hier muss der Versicherer dann ansetzen. Er muss dafür sorgen, dass sein Versicherungstarif so aufbereitet und in die einzelnen Leistungen zerlegt ist, dass in der Schadenerfassung zu jedem Leistungsbaustein ein entsprechendes Schadensbild zur Erfassung hinterlegt ist. Erst dann kann das InsurTech seine Prozesse darauf ansetzen und zuschneiden, die Schrittfolgen in der Schadenerfassung optimal auf das Versicherungsprodukt abstimmen. Das InsurTech muss dazu den Tarif des Kooperationspartners digital als plausibilisierbare Basis Stück für Stück einlesen und in prozessuale Schritte so umsetzen, dass eine reibungslose und digitale Schadenerfassung durch den Kunden erfolgen kann. Erst dann kann die Schadenerfassung auch automatisiert erfolgen und die Schnittstelle solche Datensätze liefern, die wiederum von der Portfoliosteuerung des Unternehmens ausgewertet werden können.

Wird all das berücksichtigt, profitiert nicht nur die Kooperation zwischen InsurTech und Versicherer. Es nutzt auch dem Kunden, denn letztendlich profitiert er von einem durch das InsurTech maximal beschleunigten Prozess.“

Eine durch bessere Datenqualität optimierte Portfoliosteuerung durch den Versicherer führt zu einem günstigeren Preis bzw. zu besserer Leistung. Somit entsteht eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

 
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