STRATEGIE8. August 2022

Kartenzahlung 2023 – eine Strategie wird noch gesucht!

Rudolf Linsenbarthprivat

In diesem Artikel geht es ausnahmsweise nicht um EPI (die European Payments Initiative), denn selbst wenn sich die Banken doch noch auf ein europäisches Kartenscheme einigen sollten, für das im nächsten Jahr anstehende Problem kommt EPI auf jeden Fall zu spät. Nein – es geht um das Ende von Maestro und das absehbare Ende von Visa V-Pay – und das Problem, dass Banken nun um die girocard ganz unterschiedlich lösen (müssen).

von Rudolf Linsenbarth

Ab Juli 2023 soll laut Mastercard die Ausgabe neuer Maestro-Karten in den meisten europäischen Ländern beendet werden. Bei VISA ist für V-Pay mit einem ähnlichen Schritt zu rechnen. Maestro und V-Pay sind die sogenannten Co-Badge Schemes der girocard. Nur dadurch ist der Einsatz der Karte auch im Ausland möglich.

Die deutschen Banken haben nun zwei Wahlmöglichkeiten. Entweder sie ersetzen das Maestro/V-Pay Co-Badge durch entsprechende Debitprodukte von Mastercard und VISA. Alternativ könnten sie auch zwei einzelne Karten emittieren.”

Hört sich prinzipiell nach einer simplen Entscheidung an. Wie schwer die Banken sich dabei tun, verdeutlichen aber die folgenden Beispiele:

Sparkassen-girocard mit Co-badge Mastercard
Sparkasse Siegen

Die Sparkassen haben schon seit knapp 3 Jahren ein fertiges Konzept für eine girocard mit einer Debit Mastercard als Co-Badge. Deren Vermarktung läuft aber mit angezogener Handbremse. Nur 23 von den 376 Sparkassen haben das Produkt im Angebot, wie der Blogger ReNa hier in seiner Github-Liste aufzeigt. Warum das so ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Ein Grund könnte sein, dass man die lukrativere kostenpflichtige Kreditkarte nicht kannibalisieren will. Spannend bleibt auch die Frage, ob man die Co-Badge DMC in Zukunft virtualisieren kann. Das funktioniert derzeit weder für Apple Pay, noch bei der Sparkassen-eigenen Android Mobile-Payment-Lösung.

Die Welle, auf der die girocard derzeit reitet, ist eine Erfolgsgeschichte, die sich die Volks- und Raiffeisenbanken auf die Fahne schreiben können. Vor ca. 10 Jahren waren sie es, die das Produkt im Alleingang modernisierten. Die Privatbanken waren damals komplett aus dem Rennen und die Sparkassen hatten sich irgendwo in der Sackgasse Geldkarte/girogo verlaufen. Nur von genossenschaftlicher Seite existierte eine klare Strategie für eine kontaktlose girocard, die in der Folge konsequent umgesetzt worden ist. Beim Thema Mobiles Bezahlen ist man dann aber auf halber Strecke stehengeblieben. Eine girocard-Integration bei Apple Pay wurde bisher nicht umgesetzt. Beim girocard CoBadge gibt es zwar Ankündigungen, in Zukunft auf die neuen Debit-Produkte der US Schemes zu setzen, ein Produkt wurde aber bis heute nicht präsentiert. Die Genossen wollen diesmal bei der Kartenstrategie anscheinend nicht der Schrittmacher sein.

Altertümliche girocard mit Debit Mastercard als Co-badge
Debit MasterCard

Bei der Deutschen Bank gibt es seit über 5 Jahren eine Debit Mastercard als Stand-Alone-Produkt. Die Karte ist auch in die Mobile-Payment-Lösungen der Bank voll integriert.

Die Einführung der DMC beim Tochterunternehmen Postbank scheint ebenfalls beschlossene Sache zu sein. Allerdings ist die kostenlose Standardkarte zum Girokonto der DeuBa immer noch die girocard mit Maestro Co-Badge. Wir dürfen gespannt sein, wie es ab Juli 2023 weitergeht.

Die Direktbanken DKB und ING gehen das Projekt Austausch der Top of Wallet Karte etwas aggressiver an. Die girocard mit V-Pay CoBadge ist jetzt optional und kostenpflichtig. Prinzipiell vorstellbar, dass man hier in Zukunft auf ein CoBadge verzichtet oder das Produkt komplett aus dem Portfolio nimmt.

Autor Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
Auch die Comdirect stellt die VISA Debit-Karte nach vorne ins Schaufenster. Die girocard (Website) kommt nun ohne Co-Badge, ist aber dafür ohne Aufpreis zu haben und wird immer noch als Standard zum Geldbezug im Automaten-Netz der „Cash Group“ beworben. Möglicherweise wird hier noch mal an der Strategie gedreht, wenn die Integration von Comdirect und Commerzbank weiter fortgeschritten ist.

Die Signale der Targobank zur Kartenstrategie sind ebenfalls uneindeutig. Es gibt zwar immer wieder Meldungen, dass die girocard ausgemustert werden soll. Marc Oliver Schaake schreibt zum Beispiel in seinem nocash.blog: TARGOBANK ersetzt die girocard durch VISA Debit (Website). In der Tat fehlt auf der Targobank-Webseite jeder Verweis auf die girocard. Eine Wunsch-PIN für die girocard gibt es im Gegensatz zur VISA Debit-Karte nicht. Steigt man aber in den Tiefen des PREIS- UND LEISTUNGSVERZEICHNIS erfährt man, dass die girocard mit V-Pay Co-Badge weiterhin kostenlos ausgegeben wird. Die girocard ist übrigens derzeit die einzige Möglichkeit, ein Kartenprodukt der Targobank für Mobiles Bezahlen unter Android zu nutzen (hier der Testbericht). Die VISA Debit-Karte lässt sich im Gegensatz zur Kreditkarte aber nicht zu Apple Pay hinzufügen und die 4 kostenfreien Geldabhebungen an Fremdautomaten sind ebenfalls der Kreditkarte vorbehalten. Um aus der VISA Debit-Karte das neue Top of Wallet Produkt zu machen, bleibt also noch ein wenig Luft nach oben.

Schaut man bezüglich einer Co-Badge Strategie zu den Neobanken, scheint die Frage in Ermangelung einer girocard beantwortet zu sein. Aber wie immer keine Regel ohne Ausnahme. Die C24 Bank ist zunächst nur mit einer DMC gestartet. Mittlerweile gibt es dort auch eine girocard (Website) im Portfolio, wenn auch ohne Co-Badge.

2023 die girocard am Scheideweg

Die girocard ist derzeit unangefochtener Marktführer beim bargeldlosen Bezahlen. Trotzdem wird wegen mangelnder Innovationsfähigkeit immer wieder ihr Ende herbeigeredet. Ohne Co-Badging könnte das wahrscheinlich auch so kommen.”

Fast jede zweite der ca. 100 Millionen girocards wird von den Sparkassen ausgegeben.

Eine klare Positionierung zu Gunsten des Co-Badging dürfte eine starke Sogwirkung auf die Genossenschaftsbanken und auch einige Privatbanken haben.”

Nicht ausgeschlossen, dass auch die 3 Direktbanken Comdirect, DKB und ING gezwungen sind, ihre Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Auf jeden Fall wird die Zeit langsam knapp.

Welche Auswirkungen eine girocard mit oder ohne Co-Badge für die Verbraucher, den Handel, Zahlungsdienstleister und auch die US Kartenschemes hat, behandeln wir in einem weiteren Artikel.Rudolf Linsenbarth

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/144255
 
 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.