STRATEGIE13. Februar 2020

Kommentar: Die „Nokia-Falle“ der Geno-Banken

Die Genossenschaftsbanken tappen in die Nokia-Falle - sagt Michael Mayer
Michael Mayer, DilligentiaDilligentia

Vor ein paar Wochen habe ich wieder einmal, wie wahrscheinlich wir alle, einen Anruf einer Markt­forschungs­agentur bekommen. Diesmal war der Auftraggeber eine Genossenschaftsbank, bei der ich und meine Kinder ein paar Konten unterhalten. Da mir diese Bank grundsätzlich sympathisch ist, habe ich der Befragung durch die Marktforschungsagentur zugestimmt, mein Abendessen verschoben und ca. 15 Min. fast alle Fragen brav beantwortet …

von Michael Mayer, Dilligentia

Wie zufrieden sind Sie mit unserem Service, unserem Produktangebot, unseren Leistungen im Kreditbereich, in der Anlageberatung, im Investmentbereich… ?“

Nahezu alle Bankbereiche wurden abgefragt und bekamen von mir größtenteils gute bis sehr gute Noten. Die Bank kann also mit meiner Beurteilung sehr zufrieden sein und sich in ihrem Tun bestätigt fühlen – und tappt dabei voll in die „Nokia-Falle“!

Warum? Weil die Genossenschaftsbank und das beratende Marktforschungsinstitut die typischen Scheuklappen aufhatten. Sie haben mich nur zu ihrem derzeitigen Geschäftsmodell, zu Service, Beratung in Bezug auf Finanzprodukte gefragt und nicht über den Tellerrand hinausgeblickt. Sie haben abgefragt, was mir in Finanzdingen wichtig ist. Ehrlich gesagt war ich schon lange nicht mehr auf einer Bank und erledige alles Online. Ich schaue, dass ich meine Finanzdinge so geregelt habe, dass sie mich möglichst wenig Zeit kosten. Es ist ein Paradoxon. Geld und geregelte Finanzen sind zwar eine Grundlage für eine gesicherte Existenz aber für viele von uns ein notwendiges Übel. Es ist wie beim Zahnarzt: Ich gehe zwar nicht gerne hin, muss aber, damit meine Zähne gut gepflegt sind und möglichst lange halten.

Nach den wirklich wichtigen Dingen (in meinem Leben) wurde ich von dem Marktforschungsinstitut nicht gefragt!“

Was ist Ihnen wichtig im Leben? Wo liegen Ihre Probleme? Wie können wir Sie unterstützen? Wie stellen Sie sich unsere Zusammenarbeit in Zukunft vor? Was würden Sie sich von unserer Genossenschaftsbank für die Zukunft wünschen? Wie preissensibel sind Sie? Wovon ist diese Preissensibilität abhängig? Was wären Gründe, die Sie zu einem Wechsel zu einer anderen Bank bewegen würden?

Autor Michael Mayer, Dilligentia
Michael Mayer war meh­re­re Jah­re Vor­stand ei­ner Re­gio­nal­bank und stu­dier­te Un­ter­neh­mens­füh­rung an der Uni­ver­si­tät in Augs­burg (MBA). Seit 2017 ist er In­ha­ber von Dilligentia. Dil­li­gen­tia lie­fert die Struk­tur, in­ner­halb de­rer Un­ter­neh­men und Men­schen ih­re Selbst­steue­rungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­kräf­te – aus sich her­aus – wei­ter­ent­wi­ckeln.
Gerade für eine Genossenschaftsbank ist dies schon extrem bedenklich. In meinem Verständnis entstanden Genossenschaftsbanken durch den Zusammenschluss von Menschen, die ähnliche Probleme hatten, wie z.B. die Versorgung mit Krediten, Wucherzinsen, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs etc… mit dem Ziel, diese für die Mitglieder zu lösen. Diese Probleme existieren heute für die meisten Menschen nicht mehr.

Meine bankspezifischen Grundbedürfnisse deckt heute jede Bank mit ihrem Angebot in einer ähnlichen Weise ab. Ehrlich gesagt geht mir auch der ganze Digitalisierungshype mittlerweile ganz schön auf den Wecker.“

Meine Bedürfnisse diesbezüglich sind abgedeckt. Ich brauche nicht noch das eine oder andere Feature, das mir mein Leben noch leichter und angenehmer macht und mir noch mehr Dinge abnimmt. Anders formuliert: Ich kann und will in meinem Haus noch alleine die Rollläden rauf und runter lassen.

So gesehen ist Genossenschaftsbanken heute ihr ursprünglicher Sinn, ihr Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen. Sie sind austauschbar geworden. Ich persönlich habe das Gefühl, dass mit jeder Fusion, mit immer größeren Einheiten, es immer sinnloser – austauschbarer wird.

Ich würde den Mitarbeitern einer Genossenschaftsbank in einer Befragung nur eine einzige Frage – die Frage nach dem Sinn – stellen: „Warum stehen Sie morgens auf und gehen zu Arbeit?“

Antworten gibt es viele, z. B.
Um Geld zu verdienen
Weil mir keine andere Alternative bleibt
Um Kunden möglichst ganzheitlich zu beraten
Zum Verkaufen von Bankprodukten
Um Karriere zu machen
Einen sicheren Job zu haben
Um die Digitalisierung voranzutreiben oder Risiken zu minimieren
Weil ich Kundenkontakt und den Umgang mit Menschen mag
Weil ich mich für Finanzen und Wirtschaft interessiere, …

Doch ob mich diese Argumente motivieren weiterhin Kunde zu bleiben, wenn meine Genossenschaftsbank die Gebühren weiterhin so erhöht wie in den letzten beiden Jahren und dann ggf. noch Minuszinsen auf kleinere Beträge einführt? Wahrscheinlich nicht.

Alternative Antworten gäbe es auch viele, die sehr gut zu dem ursprünglichen Zweck (Problemlösung von Mitgliedern) von Genossenschaftsbanken passen würden:“

Wir unterstützen Mitglieder aktiv bei der Wohnungssuche.
Wir unterstützen Unternehmer bei der Suche nach Lehrlingen.
Wir organisieren Hilfe für unverschuldet in Not geratene Mitglieder.
Wir bieten Zugang zu einem starken regionalen Netzwerk.
Wir vergeben nur Kredite an Unternehmen, welche sozial, ökologisch, ökonomisch und nachhaltig die Region unterstützen.
Wir fördern biologische und naturnahe Landwirtschaft in der Region, …
Unsere Mitglieder können vergünstigt diverse Weiterbildungen nutzen z.B. in Bezug auf agile Arbeitsweisen, Energieeinsparung, Change Management oder auch im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Alle Einnahmen, welche die Selbstkosten übersteigen, spenden wir an dem Gemeinwohl verpflichtete Organisationen in der Region.
Weil unsere Bank das ehrenamtliche Engagement unserer Mitarbeiter fördert. Wir haben z.B. Mitarbeiter für Arbeiten an der Tafel freigestellt, …

Tolle Antworten. Auch wenn diese Bank relativ teuer ist, weiß ich, dass sie auch mein Geld dazu verwendet, um sinnvolle Dinge für die Region und die darin lebenden Menschen zu tun. Aber:

Ich hätte wirklich ein schlechtes Gewissen zu wechseln. Der einzige Nachteil: Ich habe noch keine regionale Bank mit solchen Antworten gefunden.“

Doch zurück zu einer rein sachlichen Argumentationskette:

Genossenschaftsbanken haben die Herausforderungen, die mit der Finanzmarktkrise entstanden sind, bisher relativ gut überstanden.
Ob die bisher erfolgreiche Strategie der Fusionen, Kosteneinsparungen und Digitalisierung ausreicht, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden ist fraglich.
Eine Differenzierung über Bankprodukte ist heute nicht mehr möglich.
Auch nahezu alle Bankdienstleistungen sind austauschbar geworden.
Praktisch alle Bankprodukte und Bankdienstleistungen, inklusive diverser Beratungsleistungen, sind digitalisierbar.
Der daraus resultierende Verdrängungswettbewerb ist gnadenlos.

Gewinner dieses Wettbewerbes sind die Digitalisierungsexperten. D.h. Unternehmen, die es schaffen, im Bereich der Finanzdienstleistungen den Wettbewerbsvorteil der Skaleneffekte zu nutzen. D.h. niedrige Stückkosten aufgrund extrem schlanker Prozesse mit einer hohen Nutzerzahl zu verbinden.

Genossenschaftsbanken und Sparkassen vor Ort dürfen der Realität ins Auge schauen. Trotz aller Bemühungen im Bereich der Digitalisierung sind sie keine Digitalisierungsexperten.“

Trotz aller Fusionsbemühungen sind die Kundenzahlen zu gering, um durch Skaleneffekte konkurrenzfähig zu bleiben. Trotz der Nutzung aller Einsparpotenziale mittels schlanker Prozesse, Zweigstellenschließung und Mitarbeiterabbau wird die CIR im Vergleich zu den Digitalisierungsexperten nicht konkurrenzfähig sein.

Dies führt zu einem Sterben der Genossenschaftsbanken, wie wir Sie kennen. Übrig bleiben hoch technisierte, weitestgehend anonyme Großgenossenschaften ohne wirklichen Bezug zur Region und den darin lebenden Menschen.

Der Fokus auf Digitalisierung und Kostenreduzierung hat bei vielen Geno-Banken dazu geführt, dass sie sich über Jahre hinweg völlig auf die internen Belange konzentriert haben. In Relation noch gute Betriebsergebnisse und eine gute Marktposition bestätigen sie in ihrer strategischen Ausrichtung. Ähnlich wie bei Nokia besteht kein Grund an der bisherigen Ausrichtung etwas zu ändern. Derweil verstärken Unternehmen mit der weltweit größten Markt- und Finanzmacht, wie Google, Apple, Amazon und Facebook, ihre Aktivitäten im Bankgeschäft.

Deswegen noch einmal die Sinn-Frage an alle Geno-Bänker:

Wofür stehen Sie morgens auf und gehen zu Arbeit?“

Michael Mayer, Dilligentia

 

 
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