EVENTS & MESSEN28. Januar 2020

PEX20 – Stranger Payments: Dynamisch, Bedeutsam, High-End für 180 ausgewählte Payment-Experten

Auf der Konferenz “Payment Exchange” diskutierten im Berliner Soho House 180 Payment-Experten über die Zukunft des Bezahlens. Startups, Regulierer und Dienstleister tauschten sich über die extrem dynamische Branche aus. Der Event-Bericht

von Helge Denker

PEX20 - Stranger Payments: Dynamisch, Bedeutsam, High-End für 100 ausgewählte Payment Manager
PEX20
Der Ort der Konferenz ist historisch bedeutsam. Denn in dem breiten, mehrstöckigen Gebäude Torstraße 1 in Berlin-Mitte saß von 1929 bis 1934 das Kredit-Kaufhaus Jonass. Hier konnte jedermann Waren kaufen, ein Viertel des Warenwertes anzahlen und den Rest in Monatsraten abstottern. Als Beleg und Kreditvertrag diente lediglich ein Kaufschein. Der Kleinkredit für Kunden, mitten in der Wirtschaftskrise ein großer Erfolg. Über die erfolgreichen Zahlungssysteme der Gegenwart und Zukunft diskutierten 180 Experten auf der 5. “Payment Exchange” (PEX20) unter dem Motto “Stranger Payments”. Die Atmosphäre locker, der Look Business Casual, man duzt sich und spricht deutsch.

Alexander Graf von Spryker und Podcaster bei “Kassenzone” macht das enorme Volumen der Branche klar:

38,4 Milliarden Dollar setzte Alibaba am 11. November 2019 online um. “Die erste Milliarde war nach 70 Sekunden erreicht – erklärte Graf. CEO Jack Ma hatte sogar noch mehr Umsatz erwartet.“

Plattformen wie Alibaba und Amazon gewinnen

Ein Trend der Payment-Branche: Internationale Plattformen der zweiten Generation, wie Amazon und Alibaba gewinnen. Amazon steigerte zuletzt den Umsatz um 200 Millionen Dollar pro Tag. Kleinere Online-Händler der ersten Generation machen mangels Marge kaum noch Gewinne oder fahren sogar Verluste ein. “Die Plattform gewinnt”, erklärte Graf, “Marken und andere Anbieter werden irrelevant”. Klassische Webshop-Konzepte wie Lidl online mit Non-Food-Sonderangeboten hätten sich überholt. Und: Große Plattformen wie Facebook lassen die Händler nicht mehr an die Payment-Daten ihrer Kunden ran.

PEX20 - Stranger Payments: Dynamisch, Bedeutsam, High-End für 100 ausgewählte Payment Manager
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Ein weiterer Trend: Das Smartphone-Shopping überholt den Desktop. Auch bei dem eher konservativen Modehaus Hugo Boss machen Kunden am Handy 2019 erstmals mehr Umsatz als am Desktop, berichtete Boris Griesinger.

Während Themen wie Nachhaltigkeit den Mode-Kunden stärker interessieren, sind Themen wie Blockchain zur Verfolgung der Produktionskette noch kein Thema.

Verschwinden bald die Debit- und Kreditkarten?

Im Mode-Marketing gewinnen junge Influencer wie Diana zur Löwen immer mehr Bedeutung. Die 24-Jährige hat auf Instagram über 800.000 modeinteressierte Follower. Auch hier ist das Smartphone die wichtigste Plattform, die Grenzen zwischen eigenem Content, Marketing und der Kampagne der Hersteller verschwimmen immer mehr. Marken wie About You (Otto Group) kooperieren mit den Influencern, verteilen Rabattcodes, schaffen eigene Produkte für deren Zielgruppe.

Die Influencer werden selbst zur Marke.“

Ihre jüngeren Nutzer suchten heute eher auf Instagram ein Restaurant, als auf Google Maps. Und interessieren sich auch für Politik, die EU und Aktien. Zur Löwen wirbt auch für Mastercard und Apple Pay. Stichwort: Kontaktloses Bezahlen.

Verschwinden im nächsten Innovation-Schritt die Kredit- und Debitkarten? Wird Bezahlen als weiteres Feature in das Smartphone integriert, wie bei Apple und Google Pay? Auch wenn die Deutschen immer noch am liebsten bar und per Rechnung zahlen, werden die Innovationszyklen im Payment immer schneller.

Die Technik am Point of Sale ist dagegen oft veraltet und muss erneuert werden. Tablets könnten sie ersetzen, Start-ups bieten hier Lösungen an, Samsung und Apple arbeiten am Soft-POS.“

Helge Denker, freier Journalist
Helge Denker ist freier Journalist in Berlin mit den Schwerpunkten IT, Security und Mobile. Von 2017 bis 2019 leitete er das Digitalressort von t-online.de (Ströer News Publishing). Von 2013 bis 2017 arbeitete er als Freier Journalist und Medienberater. Von 2011 bis 2013 war er Mitarbeiter der Süddeutsche Zeitung Digital in München, 2009 bis 2011 Digital-Redakteur bei Bild.de in Berlin. Davor arbeitete er fest und frei in Hamburg. Volontiert hat er bei ComputerBILD und der Axel-Springer-Journalistenschule, studiert Politik, Pädagogik und Soziologie in Hamburg und Kassel.
Louisa Tran von der Beauty-Kette Douglas sieht das Kunden-Smartphone beim Bezahlen klar im Fokus. Der Kunde könne bald selbst den Checkout machen, Produkte mit dem Phone scannen. Ikea mache es vor, habe dadurch mehr Umsatz und weniger Wartezeiten. Auch Rewe bietet es in Berlin schon versuchsweise an.

Datentöpfe im CRM noch immer getrennt

Was im E-Commerce passiert, geschieht am POS früher oder später auch. Warum im Shop nicht auf Rechnung zahlen? Dem Kunden ist diese Zahlungsweise wichtig. “Wir müssen den Payment-Mix erweitern”, forderte Tran. Das erfordert einen hohen Aufwand an neuen Prozessen, besonders in die IT und neues Investment. Die Technik sei dabei oft der hemmende Faktor, so Tran. Schon heute könne man bei Douglas online bestellen und im Laden die Ware abholen. Man müsse Online-Kunden auch offline erkennen können, so Tran.

Noch sind die Datentöpfe des CRM getrennt, zu viele Interface würden stören.“

Dabei könnte man Kunden, die ein Kleidungsstück in ihrer Größe oder Farbe im Laden nicht finden, es online anbieten und nach Hause schicken, schlug Maks Giordano von der Agentur “kreait” vor. Voraussetzung: Man muss Offline-Kunden besser kennenlernen.

In Zukunft könnten auch Augmented Reality in Läden für neue Shopping-Erlebnisse sorgen, zum Beispiel eine virtuelle Umkleide. Sind Innovationen im Payment wie Apple und Google Pay und Self-Checkouts da wirklich “der heiße Scheiß”? Oder eher ein Painpoint des Handels? Fest steht: Die Identifikation von Kunden wird immer wichtiger. Die umstrittene Bonpflicht sei keine Innovation, nur eine regulatorische Maßnahme. Neue Lösungen müssten Käufer und Händler weiterbringen und ein besseres Kauferlebnis im Laden bieten.

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Mit der Smartwatch bezahlen gilt schon als “Rocket Science”

Beim Bezahlen ist der Deutsche nach wie vor konservativ: Kontaktloses Zahlen, zum Beispiel mit der Smartwatch, gilt vielen schon als “Rocket Science”. Und die Skepsis in Sachen Datenschutz sitzt tief:

Rund 80 Prozent der Kunden bevorzugen Bargeld, der Rest nutzt Debit- oder Kreditkarten und mobile payment.“

Ist das Smartphone der Hardware-Hebel, um dieses Verhalten zu ändern? Bezahlen müsse so einfach wie möglich sein, betonte Giordano, nur dann habe es auf dem Markt eine Chance.

Fraud ist ein Payment-Problem

Ein großes Problem des Payments ist der Missbrauch (“Fraud”). Er wird in allen Branchen immer schneller (“Instant Fraud”) und immer internationaler. Er reicht von betrügerischen Call-Centern im Ausland bis zur organisierten Kriminalität, die auch KI einsetzt, um zum Beispiel Polizeifahnder in Darknet-Börsen mit Kreditkartennummern zu erkennen. Fraud hat immer etwas mit Payment zu tun, so der Tenor eines Panels mit Franziska Schneider von Mercedes Benz Vans Mobility, Nikolas Kipp von RatePAY und Valentin Burg von home24.

Sie berichten von organisierten Angriffen, Betrügern, die trickreich versuchen, Waren und Wagen abzugreifen.

Identitäts-Provider können dagegen hilfreich sein, so Franziska Schneider, es sei sinnvoll, sich Hilfe von Außen zu holen, zum Beispiel von ID-Providern.“

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Zu den gängigen Abwehrmaßnahmen gegen Fraud gehören unter anderem Auskunftsdienste und Geräte-Infos von Online-Bestellern. Auch müssen Anbieter die Identität von Kunden verteidigen und einen Identitätsdiebstahl (“Account Takeover”) verhindern. Dabei könne KI eine sinnvolle Unterstützung sein. Einige Panel-Teilnehmer erklärten, es sei sinnvoll, die Entscheidung, wie riskant ein Kunde sei, selbst zu treffen. Dabei helfen Erfahrungswerte. So gibt es beim Handel mit gebrauchten iPhones mehr Fraud als bei neuen, iPhone-Nutzer seien zahlungskräftiger als Android-User.

Betrüger sichern den Job

„Betrüger sind sehr erfinderisch, aber das sichert unsere Jobs”, erklärte Nikolas Kipp ironisch. Es müsse gelingen, die Mitarbeiter für die Fraud-Abwehr zu begeistern. Auch Unternehmen könnten sich gegenseitig helfen, so wurde eine Liste mit bekannten Betrügern an andere Unternehmen weitergeleitet. Das sei ein positiver Ansatz bei der Fraud-Abwehr. Mit Strafanzeigen habe man dagegen schlechte Erfahrungen gemacht, viele Ermittlungsverfahren würden ergebnislos eingestellt.“

Hohe Erwartungen an den eEuro

Staatliche Regulierung ist für viele Unternehmen, die mit Payment zu tun haben, eher ein schwieriges Thema.“

Das Panel zum Thema “Payment Schemes” war mit Carolin Thomass von Payback, Peter Bakenecker von Mastercard, Juliane Steffen von Sixt und Sarah Gramberg von der Bundesbank hochkarätig besetzt. Gramberg betonte, dass es nicht die Aufgabe der Bundesbank sei, Zahlungssysteme wie XPay zu empfehlen. Man verhalte sich stets “neutral”.

Die Erwartungen an den eEuro seien sicherlich höher gewesen, gibt Gramberg zu, aber es sei wichtig, dass alle Risiken ausgeschlossen seien.“

Payback bietet seit kurzem mobile Payment in seiner App an, da dies “ein notwendiger Schritt im Kunden-Journey” sei, erklärte Thomass. Dabei werden auch Lastschrift- und Kreditkartenzahlungen angeboten. Mastercard habe mit der Einführung einer Debit-Karte einen wichtigen Schritt vollzogen, betonte Bakenecker. Kryptowährungen seien “gekommen, um zu bleiben”, erklärte er.

Man habe bei der umstrittenen Facebook-Währung Libra mitgemacht und die Empörung deutlich gespürt.“

Es gäbe insgesamt zu viele proprietäre Lösungen in der EU. “Nichts ist schlimmer, als ein fragmentierter Markt”, meinte auch Juliane Steffen von Sixt. Neben den großen Anbietern wie Apple und Google Pay würden auch immer mehr FinTech-Lösungen in den Payment-Markt einsteigen. Der Handel wünsche sich dagegen wenige, möglichst günstige Lösungen mit niedrigen Transaktionsgebühren. “Es darf den Kunden nichts kosten”, erklärte Thomass.

McKinsey: “Fragmentierung des Payments”

Auch Reinhard Höll von der Unternehmensberatung McKinsey sprach von einer “Fragmentierung des Payments”. Als Positiv-Beispiel nannte er Schweden, die Bargeld fast vollständig abgeschafft hätten.

In Deutschland werde nach wie vor das Bargeld bevorzugt, 80 Prozent aller Zahlungen erfolgen bar, mit Karten oder auf Rechnung. Kredit- und Debitkarten werden auch in zehn Jahren relevant sein, so Höll.“

Apple Pay werde sich am Markt etablieren, wenn der Kunde dieses Verfahren wolle. Die Innovationen in diesem Bereich werden weitergehen, es sei nur die Frage, ob die Geschwindigkeit gleich bleibe.

PEX20

Seit September 2019 gelten in Deutschland neue Regeln für das Online-Banking und das Zahlen mit Kreditkarte beim Online-Shoppen. Sie wird “Payment Service Directive two”, kurz “PSD2” genannt. Viele Online-Zahlungen müssen seitdem zweimal bestätigt werden, zum Beispiel mit einer zweiten TAN. Online-Händler dürfen keine Gebühren mehr verlangen, wenn Kunden mit Kreditkarte bezahlen. Außerdem können Nutzer Zahlungsdienstleistern und Finanz-Apps erlauben, auf Ihre Girokontodaten zuzugreifen, wenn diese bei der Finanzaufsicht Bafin registriert sind. Mit der Frage, was diese Umstellung für Händler bedeutet, beschäftigte sich ein weiteres Panel. Probleme treten damit vor allem beim Händler auf, dem Zahlungsempfänger. “Wir hoffen, dass der Kunde gewinnt”, erklärte Barbara Buchalik vom Bundesfinanzministerium. Digitale Infrastruktur werde ein Thema, so Buchalik, sie sollte “möglichst nicht außerhalb von Europa liegen.” Eine EU-weite Einführung wäre wünschenswert gewesen, möglichst in allen Ländern gleichzeitig, forderte die Runde.

Eine einseitige Regulierung in Deutschland sei “ein Hemmnis für Innovationen”. So gäbe es bisher “kaum Gewinner” der PSD2.“

“Mit einem Extra-Schritt beim Online-Banking kann ich leben”, erklärte Attila Dogan von Wayfair, “bei Kreditkarten wird das schon schwieriger. Warum sollte ich meinen Stammkunden neue Hürden aufbauen?”

Ausblick: Keine Super-App in Sicht

Bekommen wir in Zukunft immer noch mehr Zahlungsmöglichkeiten? Haben wir bald einen bunten Strauß an Zahlungsmitteln im Wallet auf dem Smartphone und in der Brieftasche? Noch ist die eine “Super-App” zum Zahlen nicht in Sicht, die alles kann,. Aber vielleicht schaffen es FinTech-Startups, die hohe Komplexität beim Bezahlen für de Kunden verschwinden zu lassen.Helge Denker

 
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