STUDIEN & UMFRAGEN5. November 2019

Sopra Steria: Gratis-Konto ist bei den meisten Banken ein Auslaufmodell

dolgachov/Bigstock

Sinkende Guthabenzinsen machen es für deutsche Banken und Sparkassen immer schwerer, dem Kunden ein kostenloses Girokonto anzubieten. Nach zahlreichen mehr oder weniger offen eingeführten Gebühren für einzelne Dienstleistungen stoßen immer mehr Banken an die Grenzen der Finanzierbarkeit. Die Studie „Branchenkompass Banking“ von Sopra Steria Consulting zeigt nun, dass die Kunden in Zukunft für ihr Girokonto zur Kasse gebeten werden.

Deutsche Banken denken inzwischen vermehrt darüber nach, kostenlose Girokonten abzuschaffen und neue Gebühren einzuführen. Der Grund ist bemerkenswert: 76 Prozent der Institute gehen davon aus, dass Gratiskonten vor allem wegen der europäischen Zahlungsdiensterichtlinie (PSD2) ihre Ankerfunktion verlieren. Weil die Kunden ihren Kontozugang für die Dienste anderer Anbieter freigeben könnten, spiele es kaum noch eine Rolle, wer das Konto führt – zu diesem Schluss kommt eine Studie von Sopra Steria Consulting. Deshalb sinken die Hemmungen bei den Instituten, angesichts der angespannten Ertragslage höhere Preise durchzusetzen und auch für bislang kostenfreie Angebote Gebühren zu verlangen. Das geht aus dem „Branchenkompass Banking 2019“ von Sopra Steria Consulting und dem F.A.Z.-Institut hervor. Hierfür wurden 101 Führungskräfte aus der Bankbranche befragt.

Kontogebühren: Für die Verbraucher wird es teurer

Verbraucher in Deutschland müssen sich darauf einstellen, dass ihre Bank sie bald zur Kasse bittet. Fast 30 Prozent der Institute möchten Gebühren für ihre Girokonten einführen oder weiter an der Preisschraube drehen, wenn schon entsprechende Gebühren erhoben werden. Jede fünfte Bank will zudem einen höheren Beitrag für Giro- und Kreditkarten verlangen. Depots für Wertpapiere sollen ebenfalls teurer werden.

Sopra Steria Consulting

Darüber hinaus gelten sogar negative Zinsen nicht mehr als Tabu, wie einige der Institute bereits heute beweisen. Weil sie für jeden Euro zahlen müssen, den sie bei der Europäischen Zentralbank verwahren, geben immer mehr Institute die dadurch entstehenden Kosten an ihre Kunden weiter – bisher allerdings vor allem bei den Großkunden und Unternehmen, seltener bei den Privatkunden. Elf Prozent planen, damit in nächster Zeit zu beginnen.

Der Widerstand gegen Minuszinsen für private Bankguthaben bröckelt. Nach den institutionellen Anlegern und Unternehmenskunden kriegen jetzt auch die Privatkunden die Folgen negativer Zinsen zu spüren.“

Tobias Keser, Business Unit Director Banking bei Sopra Steria Consulting

Völlig kostenlose Konten schon heute die Ausnahme

Wirklich kostenlose Konten gebe es ohnehin kaum noch, so der Bankexperte. Das lasse die schwache Ertragslage einfach nicht mehr zu. Jüngste Zahlen zeigen, dass der Überschuss in der gesamten Branche 2018 um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen ist. Großbanken kämpfen mit einem Ertragsschwund von mehr als 60 Prozent, wie der aktuelle Monatsbericht der Deutschen Bundesbank belegt. Weil sie die Preise frei bestimmen können, haben in den letzten Monaten immer mehr Anbieter damit begonnen, ihre Kontomodelle umzustellen und einzelne Dienste mit einer Gebühr zu belegen – auch, um den Kunden nicht mit einer standardmäßigen Kontoführungsgebühr zu verschrecken. Beispielsweise rechnen einige Institute für eine papierhafte Überweisung extra ab sowie für die Girocard oder den Telefonservice. „Komplett kostenlos sind meist nur noch Girokonten, die Kunden vor allem online und ohne persönliche Betreuung in der Filiale nutzen“, erklärt Tobias Keser.

Sopra Steria Consulting

Banken suchen nach neuem Geschäftsmodell

Mehr als die Hälfte der Banken plant indes, neue Produkte und Dienste zu entwickeln, um ihre Kunden zu überzeugen. Dabei fällt zunehmend auch die Scheu, sich mit FinTechs und anderen Dienstleistern zusammenzutun und gemeinsam an einem verbesserten Angebot zu arbeiten. Ganz oben auf der Liste stehen Anwendungen für das Multibanking. Neun von zehn Instituten haben entsprechende Lösungen bereits entwickelt oder sind dabei, das zu tun. 85 Prozent beschäftigen sich mit Videochat- und Beratungen über das Internet. Online- und Mobilfunkzahlsysteme liegen bei 83 Prozent und damit gleichauf mit Big Data und künstlicher Intelligenz. 71 Prozent der Banken suchen angesichts dieser Entwicklungen nach einem veränderten Geschäftsmodell.

Durch die Digitalisierung und mit PSD2 ist ein Kampf um die Kundenschnittstelle entbrannt. Die Institute müssen investieren, um ihren Kunden das beste Gesamterlebnis zu bieten und sie im eigenen Ökosystem zu halten.“

Tobias Keser, Business Unit Director Banking bei Sopra Steria Consulting

Der „Branchenkompass Banking 2019“ fasst die Ergebnisse einer Online-Befragung von 101 Führungskräften aus Kreditinstituten in Deutschland zusammen. Darüber hinaus bieten vier persönliche Interviews mit Spitzenvertretern der Branche eine inhaltliche Einordnung und Vertiefung. Die Studie wurde von Sopra Steria Consulting gemeinsam mit dem F.A.Z.-Institut entwickelt und durchgeführt. Die Studie ist zum Preis von 75 Euro inkl. 7% MwSt. bei Sopra Steria erhältllich (zur Vorjahresstudie hier entlang).tw

 
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