AKTUELL28. März 2019

Was die In-App-Girocard für den Payment-Markt bedeutet

Yuliya_P / Bigstock

Die deutsche Kreditwirtschaft plant eine In-App-Payment-Lösung auf Girocard-Basis und sucht zurzeit kooperierende Online-Händler für das Vorhaben. Das wurde vergangene Woche anlässlich einer Payment-Konferenz bekannt. Wie weit die technische Umsetzung gediehen ist, warum die juristischen Hürden niedriger sind als bei vergleichbaren Projekten dieser Art und welche Auswirkungen das für bereits bestehende konkurrierende Produkte mit sich bringt.

Manchmal sind es einzelne Tweets, die für mehr Furore sorgen als lange Berichte über Veranstaltungen. In der vergangenen Woche fand die Payment-Konferenz Profit Card in Berlin statt. Von dort twitterte der Payment-Experte Jochen Siegert ein Foto eines Slides der deutschen Kreditwirtschaft, auf dem es um eine „Girocard Digital In-App-Payment“-Lösung geht. Das wäre dann, so zählt Siegert korrekt mit, nach Kreditkarte, Girocard und Paydirekt das vierte Online-Payment-Verfahren, das die deutsche Kreditwirtschaft betreibt.

Twitter/Jochen Siegert

Bekannt ist bisher, dass die deutsche Kreditwirtschaft erklärt hat, dass sie in der Lage ist, In-App-Payment im Kontext mit der Girocard anzubieten. Man sei derzeit in Verhandlungen mit verschiedenen Online-Händlern und wolle im Laufe des Jahres mit entsprechenden Cases und Pilotprojekten an den Start gehen. Ob es wirklich dazu kommt ist unklar, denn zumindest die Banken haben ja durch die PSD2-Umsetzung volle Lastenhefte und IT-Projekte können ja gerne mal etwas später an den Start gehen als erwartet, siehe Apple Pay in Deutschland.

Technik? Fast fertig. – Rechtliche Umsetzung? Einfach möglich.

Die technische Seite des In-App-Payment auf Girocard-Basis soll jedenfalls, das bestätigten mehrere der Speaker anlässlich der Profit Card, weitgehend in trockenen Tüchern sein. Man sei derzeit vor allem auf der Suche nach Kooperationspartnern auf Seite der Händler.

Dahingehend äußerten sich sowohl Matthias Hoenisch vom Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) als auch Peter Blasche (Business Development für Euro Kartensysteme). Die Euro Kartensysteme verantwortet für die deutsche Kreditwirtschaft die Vermarktung der Girocard. Anders als bei Paydirekt will man offenbar nicht mit einer speziellen neuen Marke oder Bezeichnung an den Start gehen, sondern das Produkt ganz einfach unter dem Girocard-Label laufen lassen.

Ein entscheidender und nicht zu vernachlässigender Vorteil könnte dabei sein, dass die deutsche Kreditwirtschaft bereits in vielen Fällen zum einen über entsprechende Verträge mit den Handelsketten verfügt, die ja alle Girocard-Akzeptanz bieten und dass die beteiligten Händler zum anderen Multikanalfähigkeit in Form von Online- und In-App-Shopping bereits mitbringen. Die Rede war von diversen Ketten aus dem B2C-Umfeld, unter anderem für Kleidung und Schuhe, Unterhaltungselektronik oder Vollsortimenter – sie alle verfügen über entsprechende Verträge und erfüllen technisch die Rahmenbedingungen, um eine In-App-Lösung anzubieten. Demnach wäre die technische Implementierung in der App noch umzusetzen, was zwar nicht ohne Aufwand ist, aber deutlich leichter zu bewerkstelligen sein dürfte.

Der Erfolg von Apple Pay könnte mitgewirkt haben

Peter Blasche, Business Development Direktor Girocard bei Euro KartensystemeEURO Kartensysteme

Für die Händler ist eine solche digitale Girocard-Einbindung attraktiv – denn hier dürfte die übliche 0,2-Prozent-Obergrenze der Kosten gelten, was zahlreiche andere Bezahlverfahren aus Händlersicht deutlich teurer erscheinen lässt. Und ähnlich wie das bei vielen Kunden so beliebte Paypal müsste es auch relativ einfach sein, das Girocard-In-App-Payment durchzusetzen, zumal es für den Endkunden mehr oder weniger selbsterklärend ist.

Ein wenig dürfte aber auch der Erfolg anderer In-App-Payment-Lösungen, namentlich Apple Pay, eine Rolle beim Vorstoß der Banken gespielt haben, die sich verständlicherweise gerade in diesem wichtigen Zukunftsmarkt die Wurst nicht vom Brot nehmen lassen wollen. Gerade die Volks- und Raiffeisenbanken könnten so signalisieren, dass sie nicht nur bei Apple Pay dabei sind, sondern auch mit Hilfe der Girocard alles Kanäle bespielen können. Und die Sparkassen hatten ja auch bereits mit Apple Pay auf Girocard-Basis geliebäugelt. Davon abgesehen dürften Apple Pay und Google Pay bei den meisten Endkunden immer noch vorrangig mit der Payment-Variante am POS in Verbindung gebracht werden.

Sägt die neue In-App-Lösung am Ast von Paydirekt?

Die Alarmglocken müssten jetzt vor allem bei all jenen läuten, die noch daran glauben, dass das von der Kreditwirtschaft in einen bereits recht vielfältigen Markt gedrückte Paydirekt als mobile Bezahlvariante für In-App-Käufe positioniert werden kann. Spätestens seit dem Ausscheren einiger Banken im Januar (darunter ING, HVB Unicredit und Santander), die das Konsortium zum Ende 2019 verlassen wollen, ist  es immer weniger denkbar, dass Paydirekt als branchenweites Bezahlverfahren ein marktbeherrschender Standard wird.

Davon mal abgesehen bemerkt man gerade in den letzten Monaten in Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Vertretern der Bankenwelt ein deutliches Unbehagen, wenn es um den für die Kreditwirtschaft teuren Dienst geht. So ist es in der Tat erstaunlich, dass eine solche Funktionalität, die man bereits 2017 für Paydirekt in Aussicht gestellt hatte, nicht dort realisiert wird, sondern in einer gesonderten Variante an den Start geht.

Zofot / Bigstock

Dennoch halten wir es für wahrscheinlich, das schon aus politischen Gründen Paydirekt noch für einige Zeit weiter am Leben gehalten wird – schon weil die Branche lange und intensiv in das Produkt investiert und darum gekämpft hat und sich gerade in der Anfangsphase viele eine Umverteilung des Marktes zu Gunsten der deutschen Bankenwirtschaft davon versprochen hatten. Einige konkurrierende Vorschläge und Projekte wurden über die Jahre mit Hinweis auf Paydirekt dorthin umgeleitet oder gecanceled – gut möglich, dass hier noch einige persönliche Rechnungen offen sind.

In der Vergangenheit hatte Paydirekt den Händlern mit großzügigen technischen Zuschüssen und Werbekostenzuschüssen unter die Arme gegriffen, die teilweise in Form von pauschalen Rabatten an Kunden weiter gegeben wurden. All das sollte möglichst viele Händler animieren, die notwendigen technischen Implementierungen im eigenen Shop zu realisieren. Doch unterhält man sich mit E-Commerce-Verantwortlichen und Marketingchefs großer Online-Händler, wird schnell deutlich, dass, vorsichtig gesagt, andere Bezahlverfahren für die Händler eine höhere Priorität haben. Nach all diesen Investitionen ist es in mehrfacher Hinsicht erstaunlich, wenn die deutsche Kreditwirtschaft nun einen anderen Weg bei der In-App-Payment-Lösung geht.

In-App-Payment: Auf die Einfachheit für den Kunden kommt es an

Für Ralf Gladis, Gründer und Geschäftsführer beim Bamberger Payment-Spezialisten Computop, scheint es dagegen durchaus möglich, dass Girocard In-App-Payment parallel zu einer Lösung auf dem Paydirekt-Umfeld existieren kann, wenn es auch sowohl für Paydirekt als auch für internationale Mitbewerber wie Paypal eine harte Konkurrenz werden könnte. Eine gut gemachte Girocard-In-App-Lösung, das betont Gladis, werde auf viel Vertrauen bei den Konsumenten treffen, weil die Girocard insbesondere in Deutschland einfach eine extrem breite Anhängerschaft hat.

Jeder hat die Girocard als Teil seines Kontos – und deswegen lässt sich darauf ein gefestigtes Vertrauensverhältnis aufbauen. Voraussetzung dafür ist allerdings die kompromisslose Einfachheit eines solchen Produkts. Komfortabel ist (neben Sicherheit und Datenschutz als notwendigen Bedingungen) das Killer-Feature. Wenn die deutschen Banken die Registrierung und Zahlungsauslösung einfach und intuitiv für den Endkunden hinbekommen, dann ist das sowohl für den Endkunden als auch für den Handel ein extrem interessantes Produkt, das eine hohe Conversion verspricht.“

Ralf Gladis, Gründer und Geschäftsführer von Computop

Wie einfach es gehen kann, als Endkunde ein solches Zahlungsmittel einzubinden und den Bezahlprozess anzustoßen, mache Apple vor. Problematisch sei allerdings, das dürfe man nicht vergessen, dass die Girocard als rein deutsches Verfahren für internationale E-Commerce-Player immer mit gewissen Entwicklungsaufwand verbunden ist, da sie eben nur für den hiesigen Markt attraktiv ist. Zu diskutieren sein werde allerdings, was die Girocard hier an Zahlungsausführungs-Features leisten soll, etwa auch wie die Rückbuchung oder Teilausführung einer Zahlung funktioniert. tw

 
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