STRATEGIE9. Jul. 2015

Aussitzen ausgeschlossen: Was bedeutet Digitalisierung für den Bankensektor in Deutschland?

Vorstandsmitglied Dr. Andreas Dombret Frank Rumpenhorst / Bundesbank
Vorstandsmitglied Dr. Andreas Dombret
Frank Rumpenhorst / Bundesbank
Was können Banken und Sparkassen tun um die Digitalisierung als Chance zu nutzen? Dr. Andreas Dombret, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, beleuchtet das Verhältnis zwischen FinTechs und Banken – und rät zu einem neuen Denken und Kooperation. Insbesondere sollten Banken Innovationen begrüßen und sich selbst als „Digitales Ökosystem“ mit starken eigenen Assets verstehen. Die größte Gefahr ginge von Großkonzernen wie Apple und PayPal aus.

von Dr. Andreas Dombret

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Selbstverständlich haben die meisten Banken schon vor Jahrzehnten aufwändige IT-Infrastrukturen im Kernbankengeschäft etabliert, und Onlinebanking gehört mittlerweile zum Standardangebot. Die aktuelle Digitalisierungswelle aber vereinfacht und beschleunigt nicht nur einzelne Prozesse, sondern verändert viele Spielregeln des Bankengeschäfts.

Technologie, Konkurrenz und Kunden treiben die Digitalisierung

Dank Breitbandnetzen, Smartphones und Leistungssprüngen in der Datenverarbeitung verschieben sich die technischen Grenzen so schnell, dass sie faktisch keine Einschränkung mehr sind. Was jetzt in den Mittelpunkt rückt, ist die Frage nach sinnvollen Anwendungen.

Ökonomisch ist die Digitalisierung in vielerlei Hinsicht attraktiv: Mit intelligenter und gut eingesetzter IT können Prozesse automatisiert und variable Kosten gespart werden. Informationen können ohne Zeitverlust verarbeitet, verknüpft und analysiert werden. Ebenso hilft uns die heutige IT, Komplexität zu beherrschen. Und nicht zuletzt ermöglicht sie Dienstleistungen, die individuell auf den Kunden zugeschnitten sind.

Die FinTechs: Neue Konkurrenz oder Partner?

Was der Welle weitere Kraft verleiht, ist die neue Konkurrenz. Längst sind nicht mehr nur Banken im „Line Up“, also in der Startposition zum Wellenreiten. Innovative Unternehmen der Finanztechnologie, kurz FinTechs, haben in den vergangenen Jahren bereits eine große Anzahl IT-basierter Geschäftsideen entwickelt: für den Zahlungsverkehr, für die Kreditvermittlung oder für die Vermögensberatung.

Gewöhnlich überlebt nur ein kleiner Teil solch innovativer Ideen und neuer Unternehmen den Härtetest der Praxis. Dennoch zeigen die FinTechs durch ihre Ideenvielfalt, welches Entwicklungspotenzial in der Bankenbranche steckt.

Kunden haben ihre Macht entdeckt

Neben der Technologie und der Konkurrenz sind es aber auch die Kunden, die der Welle Kraft verleihen. Früher wurde das Bankgeschäft als ein Geschäft angesehen, das nur im persönlichen Kontakt möglich ist. Heute wenden sich Bankkunden zunehmend aufgeschlossen – bisweilen sogar fordernd – neuen technologischen Möglichkeiten ihrer Bankgeschäfte zu, ermutigt durch ihre positiven Erfahrungen mit Informationstechnologie in anderen Bereichen des Lebens. Onlinebanking ist mittlerweile, wie bereits eingangs erwähnt, für viele Bankkunden selbstverständlich. Gleichzeitig steigt mit innovativen Angeboten wie Videoberatung, digitaler Kreditvermittlung oder der Einbettung von sozialen Medien in Bankgeschäfte die Akzeptanz gegenüber digitalem Bankgeschäft mehr und mehr.

„banking without banks“

Keine Frage: die Digitalisierung in der Finanzbranche hat eine eindeutige und unumkehrbare Dynamik gewonnen. Doch wohin wird sich die Branche entwickeln? Visionen reichen bis hin zum „banking without banks“, also einer funktionstüchtigen Finanzbranche ohne Banken. In den Medien wird bisweilen sogar ein Überlebenskampf zwischen Banken und „digitalen“ Herausforderern heraufbeschworen.

Aber Banken und Sparkassen sind selbstverständlich nicht überflüssig.

Einerseits sind sie mit dem Angebot von Konten auch für innovative Finanzdienstleister unersetzlich. Andererseits haben sie ganz eigene Wettbewerbsvorteile bei der Digitalisierung. Dazu gehört, dass sie ein Gesamtpaket an Dienstleistungen und Geschäftsfeldern anbieten können, das für die Kunden und für das Institut selbst Synergien schafft. Ein Vorteil ist auch, dass die Kunden nach wie vor großes Vertrauen in Banken und Sparkassen haben, was die Datensicherheit angeht – das zeigen zumindest verschiedene Umfragen. Auch bei komplexeren Finanzierungsfragen wird der persönliche Kontakt zu Banken nach wie vor geschätzt.

Banken kooperieren mit Start-ups

Schwarz-Weiß-Malerei ist völlig unangemessen: Banken kooperieren bereits mit Start-ups und entwickeln teilweise selbst sehr innovative Konzepte. Und die Geschäftsmodelle vieler FinTechs müssen sich auch erst noch beweisen – sofern sie überhaupt einen Angriff auf das Bankengeschäft darstellen. Letztlich ist offen, wohin sich die Branche entwickeln wird. Der jüngst angebrochene Wettkampf von Streamingdiensten in der Musikbranche belegt, dass auch Jahre nach dem Beginn der Digitalisierung die Karten neu gemischt werden können.

Banken und Sparkassen dürfen aber nicht den Fehler machen, die Entwicklung zu unterschätzen.

Gerade im Bereich der Computertechnik neigen bisweilen selbst Fachleute dazu, falsche Prognosen zu treffen. So bezeichnete Bill Gates im Jahr 1995 das Internet als einen reinen „Hype“. Noch unglücklicher war eine Prognose, die der damalige Chef von IBM im Jahr 1943 abgab: Er schätzte, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gebe. Im Geschäftsleben gilt also unverändert: Wer den Trend verpasst, wird schnell abgehängt.

Tugenden im digitalen Zeitalter: Aussitzen ausgeschlossen

Die erste Botschaft lautet: „Aussitzen ausgeschlossen“. Es mag eine Tugend sein, sich auf das zu konzentrieren, was man gut kann und Veränderungen in Ruhe abzuwarten. In einer Umbruchphase wird das allerdings vermutlich in eine Sackgasse führen. Stillstand ist Rückschritt.

Ob Foto- und Filmbranche, Musikindustrie oder der Telekommunikationssektor – alle diese Branchen haben im Zuge der Digitalisierung nicht nur ein neues Medium eingeführt, sondern auch neue Kernkompetenzen aufbauen müssen. Eingesessene und bis dato erfolgreiche Unternehmen scheitern dabei nicht unbedingt an fehlendem Innovationswillen, sondern eher an der fehlenden Bereitschaft, sich von Grund auf neu auszurichten.

Als mahnendes Beispiel wird hier oft Kodak genannt: Als Hersteller von Filmmaterial für analoge Fotoapparate geriet das Unternehmen in große Schwierigkeiten, als die digitale Fotografie ihren Siegeszug antrat. Im Jahr 2012 musste Kodak einen Insolvenzantrag stellen und konnte nur dank einer radikalen Umstrukturierung sein Überleben sichern.

Zur Gefahr, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, gesellt sich zeitlicher Druck. Bei einem Umbruch bilden sich grundlegend neue Standards und neue Gewohnheiten. Wenn auf diese Weise erste Trampelpfade auf dem Feld der Digitalisierung entstanden sind, erscheint es mehr oder weniger überflüssig, sich noch Gedanken über die Wegplanung zu machen.

PayPal und Apple sind die Wettbewerber

Ein Beispiel ist der Zahlungsverkehr. Dort haben Wettbewerber wie PayPal oder jüngst Apple Zahlungsverfahren eingeführt, die den Konsumenten im digitalen Umfeld entgegenkommen. Gewöhnen sich die Kunden erst einmal an eine neue Art des Bezahlens, haben Wettbewerber mit ähnlichen Produkten es alles andere als leicht, die Kunden zum Wechsel zu bewegen.

Deutsche Kreditinstitute finden sich daher bei ihrem gemeinsamen Vorstoß für den Online-Zahlungsverkehr in der ungewohnten Rolle der Angreifer wieder. Gerade deshalb ist es auch so wichtig, dass die deutsche Kreditwirtschaft gemeinsam antritt, um ihre Chancen zu erhöhen.

Neue Spielregeln lernen

Spielregel Nummer eins lautet: Die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Kunden erhalten eine ganz neue Bedeutung. Leicht zugängliche, transparente und individuelle Dienstleistungen werden selbstverständlich. In sozialen Netzwerken, bei Onlinekäufen oder bei der Suche nach Informationen gehört es für Konsumenten bereits heute zur Alltagserfahrung, mit den eigenen Vorstellungen im Mittelpunkt zu stehen. Auch bei Bankgeschäften wollen Kunden künftig in ihrer Lebenssituation abgeholt werden – das gilt vor allem, aber nicht nur für die jüngere Generation.

Wer als Anbieter erfolgreich sein möchte, muss es sich also zur Gewohnheit machen, die Perspektive der Kunden einzunehmen.

Das bringt uns zur zweiten Spielregel: es kommen auch zusätzliche Spieler, die keine klassische Lizenz haben. Der Wettbewerb wird globaler und transparenter, die Wettbewerber vielfältiger. Im Onlinegeschäft ist der nächste Anbieter für den Kunden womöglich nur wenige Klicks entfernt – auch über Ländergrenzen hinweg.

Und auch die Herausforderer sind nicht mehr durch einen Blick auf die Internetseite der Bankenaufsicht auszumachen: Neben den FinTechs sind auch andere IT-geprägten Branchen nur einen Schritt vom Bankgeschäft entfernt. Bereits heute beginnen im Internet etablierte Unternehmen, ihren riesigen Kundenstamm und ihre Erfahrung mit digitalen Prozessen und Datenmanagement mit Bankleistungen zu verknüpfen. Branchengrenzen verschwimmen. So gilt heute mehr denn je: Banken müssen wissen, was die Konkurrenz macht, um die eigene Strategie zu überprüfen und zu schärfen.

Die dritte Spielregel schließlich betrifft die Anpassungsfähigkeit. Die Taktik muss flexibel bleiben. Die digitale Welt lädt zum Experimentieren ein, neigt zu plötzlichen Trends und ändert sich stetig. Das Bankwesen ist sicherlich nicht in allen Aspekten dieser Rastlosigkeit unterworfen. Dennoch wird die eigene Anpassungsfähigkeit wichtiger. Gestützt wird sie zum Beispiel durch eine flexible IT-Architektur. Auch Geschäftsmodelle können offener und flexibler gestaltet werden. So sollten sich Banken strategisch als „digitales Ökosystem“ betrachten. Bei diesen Strategien stellt die Bank eine digitale Plattform bereit, deren Inhalte von Kunden und anderen Dienstleistern mitgestaltet werden können.

Wer in einer digitalen Finanzbranche bestehen will, muss ihre neuen Spielregeln verinnerlichen und anwenden. Nicht nur die Strategie selbst muss hinterfragt werden, sondern auch die darunter liegenden Denkmuster.

Wer nicht „digital“ denkt, wird es schwer haben im Wettbewerb um den digitalen Kunden.

Von der Digitalisierung können alle Beteiligten profitieren, kurzfristig aber vor allem die Privatkunden: Die neuen technischen Möglichkeiten und der stärkere Wettbewerb bescheren ihnen Geschäfte, die noch besser auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Vier wichtige Ansätze um die Digitalisierung erfolgreich mit zu gestalten

Erstens braucht jede Bank eine „digitale Agenda“ und eine anpassungsfähiger Strategie.

Zweitens muss jede Bank ein Gleichgewicht zwischen vorhandenen Stärken und neuen Formen des Bankgeschäfts finden.

Drittens muss jede Bank sich des Problems der IT-Sicherheit bewusst sein und dieses Bewusstsein auch an ihre Kunden weitergeben.

Viertens muss jede Bank ihre IT-Infrastruktur soweit wie nötig modernisieren und für die nötige Sicherheit der Systeme sorgen.

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http://www.it-finanzmagazin.de/?p=17134
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