POSITIONEN1. Nov. 2015

Zahlungsverkehr: Spielt die Bank in Zukunft für den Kunden noch eine Rolle?

PayPal dominiert den Zahlungsverkehr im Internet. Für den täglichen Einkauf im Geschäft werden Apple, Google und Samsung diese Rolle übernehmen – so heißt es. Banken werden demnach die Bindung zu ihren Kunden verlieren und sind nur noch für die Backend Infrastruktur zuständig. Maik Klotz und Rudolf Linsenbarth haben die passende Antwort auf die Frage: Spielt die Bank beim Zahlungsverkehr für den Kunden in Zukunft überhaupt noch eine Rolle?

Maik-Klotz-500Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, Nein. Die Kunden werden in Zukunft immer mehr danach entscheiden, wie gut ein Produkt oder Dienstleistung ein Problem löst und in der Hand liegt. Innovation, Use-Case und Usabilitly werden eine immer wichtigere Rolle spielen.

Der Kampf um den Kunden wird ein Kampf um das Frontend werden.

Und für diesen Kampf sind Banken im Moment nicht gut ausgerüstet. Ein Beispiel dafür ist Apple Pay. Das Frontend kommt von Apple, die Technologie dahinter nicht. Apple ist keine Bank, kein Payment Service Provider und stellt trotzdem das Frontend für den Nutzer. Keine Bank hätte das geschafft, was Apple mit Apple Pay (oder Google mit Android Pay) schaffen wird.

Noch geniessen Banken einen hohen Vertrauensvorsprung, aber auch der kann schnell verschwinden. Schon heute bezahlen in Deutschland 18 Milionen Deutsche im E-Commerce mit PayPal, ein Produkt welches vor zehn Jahren hätte eigentlich von den Banken kommen müssen und erst jetzt mit dem Onlinebezahlsystem PayDirekt angegangen wird.

Gerade an Paydirekt sieht man auch, wie wenig Banken die Bedürfnisse Ihre Kunden verstehen. Im Interview zum Onlinebezahldienst „Paydirekt“ sagte Geschäftsführer der paydirekt GmbH Dr. Bartel einen Satz der exemplarisch für gesamte Branche ist: „zunächst sind die Banken wichtig“. Diese Aussage bringt es auf den Punkt, es geht primär um die Interessen der Banken. So wundert es auch nicht, das PayDirekt ein einfaches Nachamer-Produkt ist. Keine Innovation.

Am Ende des Tages entscheiden sich die Kunden aber nicht nach dem Wunschdenken der Banken, sondern danach welcher Dienst ein Kundenbdürfnis befriedigt. Egal ob Peer-2-Peer Payment, Mobile Payment oder Onlinebanking, die innovativen Dienste kommen viel zu oft von anderen Anbietern. Die ersten Banking-Apps kamen nicht von Banken, Mobile Payment ist kein Dienst von Banken und selbst für Peer-2-Peer Payment gibt es nur Produkte fernab der klassichen Bank.

Banken werden auch in Zukunft nicht verschwinden, aber die Rolle kann sich ändern. Die Banken von einst könnten die technologischen Zahlungsabwickler der Zukunft werden.

line

Maik Klotz

Maik Klotz arbeitet als Head of Business Development im Bereich Mobile Loyalty und Payment. Er ist Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät er Unternehmen zu kunden­zen­triert­en Inno­vations­methoden und der Fokussierung auf den Nutzer. Maik ist Jahrgang 1975.  Sie finden Maik Klotz auf XING oder Twitter.

Linsenbarth-Rudolf-500
Rudolf Linsenbarth

Gerne wird darauf verwiesen, dass erst Apple die Awareness für das Thema Mobile Payment geschaffen hat.

Sind die Banken also das nächste Nokia? Eher nicht!

Wie schwer es der Gigant aus Cupertino hat sich durchsetzen, sieht man an den fest gefahrenen Verhandlungen für den Rollout in anderen Ländern. Kannada sollte eigentlich schon längst ein Apple PayLand sein. Die Banken dort hatten aber frühzeitig Allianzen mit den Mobilfunkunternehmen geschlossen und sind auf Apple gar nicht angewiesen um ihren Kunden ein gutes Mobile Payment Angebot zu liefern. Apple ist jetzt gezwungen mit American Express seine zweite Option zu ziehen.

Das Problem ist nur AMEX besitzt eine wesentlich kleinere Kunden und Händlerbasis als VISA und MasterCard. Werden die Kunden sich in Kannada nun eine solche Karte zulegen, nur weil Sie dann Apple Pay nutzen können?

In Deutschland sieht die Situation etwas anders aus. Wenn hier jemand von Kartenzahlung spricht, meint er die Girocard („EC-Karte“).

Ein Produkt für das sich Apple, Google oder Samsung ganz und gar nicht interessieren. Soweit reicht die Kundenorientierung dieser Unternehmen nicht. Wenn man die ganze Welt erobern will, kann man auf die Besonderheiten einzelner Länder keine Rücksicht nehmen. Der Kunde soll sich gefälligst das Zahlungsmittel zulegen, welches Apple & Co auch im Angebot haben.

Also alles gut für die Banken? Zunächst mal haben die Banken verstanden, dass die Girocard in ihrer jetzigen Form nicht zukunftsfähig ist. Die Girocard kontaktlos wird ab nächstem Jahr eingeführt. Damit ist es aber nicht getan. Die kontaktlos Technologie macht nur Sinn wenn man die Möglichkeiten zum Formfaktorwechsel auch nutzt. Das bedeutet Integration in Wearables und Mobiltelefone. Dort bieten die Mobilfunkunternehmen dann auch die UX die der Kunde bereits von der kontaktlosen Karte kennt einschließlich bezahlen wenn der Akku leer ist.

Alle Umfragen, weisen darauf hin dass der Kunde Mobile Payment Produkten seiner Bank den Vorzug gibt. Sie müssen aber auch angeboten werden!

 line

Rudolf Linsenbarth

Rudolf Linsenbarth ist Senior Consultant für den Bereich Mobile Payment und NFC bei COCUS Consulting. Zuvor war er 11 Jahre im Bankbereich als Senior Technical Specialist bei der TARGO IT Consulting (Crédit Mutuel Bankengruppe). Linsenbarth ist einer der profiliertesten Blogger der Finanzszene und kommentiert bei Twitter unter @holimuk die aktuellen Entwicklungen der Branche.

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
http://www.it-finanzmagazin.de/?p=21717
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (11 Stimmen, Durchschnitt: 3,64 von maximal 5)
Loading...

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ibi-516-1610
Der europäische Zahlungs­verkehr betrifft alle: Was bewegt Privatpersonen und Organisationen derzeit?

Mit einer aktuellen Befragung möchte ibi research an der Universität Regensburg zusammen mit van den Berg und der ING-DiBa ermitteln, was die aktuellen Trends...

Schließen