EVENTS & MESSEN18. April 2018

Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele: „Einige Neuerungen werden erheblich überschätzt“

Bundesbank Vorstandsmitglied Carl-Ludwig ThieleManjit Jari/Bundesbank
Bundesbank Vorstandsmitglied Carl-Ludwig ThieleManjit Jari/Bundesbank

An der Universität Hohenheim hat Carl-Ludwig Thiele zum Wandel der Banken im digitalen Zeitalter gesprochen. Unter dem Titel „Zwischen Virtualität und Virtuosität“ machte das Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank deutlich, dass es gerade in Zukunft auf Vertrauen in den Geschäftsprozessen ankommen wird. In einer Welt, die von nicht-physischen Kontakten und Geschäften geprägt sei, behalte der Euro weiterhin seinen Stellenwert als physische, handfeste Währung. Dieser Seitenhieb gegen den Bitcoin war nicht die einzige kritische Bemerkung über Krypto-Währungen und virtuelles Geld.

Carl-Ludwig Thiele sprach auf Einladung der Stiftung Kreditwirtschaft, die seit jeher ein Podium für den Austausch zwischen Forschung und Praxis, Universität und Gesellschaft bildet. Dabei bezog der Bundesbankvorstand klar Stellung zu Gunsten des Euroraums und der physischen Währungen. Thiele machte deutlich, dass auch und gerade in einer Welt, die immer mehr von aus der Ferne und virtuell abgewickelten Geschäften geprägt sei, der Aufbau von Vertrauen ein wichtiges Element darstelle.

Viele hinterfragen die diesbezüglichen Vertragswerke nicht. Aber sobald ernsthafte Zweifel bestehen – etwa ob der App-Anbieter redlich mit den erzeugten Daten umgeht – dann kommt das Vertrauen wieder ins Spiel, wie man an den Vorgängen um Facebook in den vergangenen Wochen gesehen hat. Dann möchte man Erklärungen von Personen aus Fleisch und Blut erhalten, die die Verantwortung übernehmen. Der Verweis auf einen Algorithmus reicht nicht mehr aus.“

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank

Virtuelles kann die Realität nicht ersetzen

Die virtuelle Welt biete eine Reihe von Chancen, aber auch Herausforderungen, etwa beim Einsatz von kontaktlosen und mobilen Bezahlverfahren. „Manchmal hat man den Eindruck, dass einige Zeitgenossen mehr vom Morgen verstehen als vom Heute. Das macht mich skeptisch. Wer aber über das Morgen redet, muss das Heute verstehen.“ Dennoch könne die Virtualität Realität nicht ersetzen – und Letztere sei immer noch Maßstab für den unternehmerischen Erfolg. „Die Informations- und Kommunikationstechnik wird jedoch hauptsächlich so eingesetzt, dass ein Produkt ergänzt oder gestaltet wird, nicht aber, dass es ersetzt wird.“

Derzeit werde viel über den Aufbruch der Wertschöpfungsketten und vom Eindringen neuer Anbieter in bestehende Geschäftsfelder diskutiert. Und in der Tat gebe es einige Beispiele von spektakulären Marktveränderungen. Doch selbst in der Informationsbranche sei Digitalisierung noch kein Erfolgsgarant an sich. Kritisch sieht der Bundesbankvorstand die Beschleunigung der digitalen Welt und ihrer Geschäftsmodelle. Zudem stellt Thiele die Rolle der FinTechs in Frage:

Die Technologiegeschichte lehrt, dass gesellschaftliche Umwälzungen durch technische Neuerungen nicht selten erheblich überschätzt wurden. Möglicherweise hat eine Mischung aus Euphorie, fehlendem technischem Verständnis, Angst vor unkontrollierbaren Prozessen und Verfügbarkeit von Finanzmitteln Dritter die hohen Investitionen in Start-ups und FinTechs begünstigt, ohne dass immer ein Mehrwert zu erwarten ist. Andererseits ist nicht zu verkennen, dass zahlreiche FinTechs frischen Wind in etablierte Märkte gebracht haben.“

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank

Big Data als Chance – wenn es gelingt, den Datenschatz zu heben

Die zentrale Herausforderung bestehe heute darin, den Hype von der Wirklichkeit abzugrenzen und zwischen kurzfristigen Modeerscheinungen und langfristigen Trends zu unterscheiden. Die Vermehrung des Datenschatzes biete den Banken eine Fülle von Chancen – vorausgesetzt, ihnen gelingt es mit Hilfe von Big Data Analytics und künstlicher Intelligenz, diesen Datenschatz auch zu heben und in geschäftsrelevante Erkenntnisse umzumünzen. Die Generierung eines wirklichen Mehrwertes sei die akute Herausforderungen der Finanzhäuser.

Ich glaube zwar nicht, dass Banken überflüssig werden, aber ich sehe gleichwohl die Notwendigkeit, eigene Prozesse anzupassen, neue Verfahren anzuwenden, Geschäftsmodelle zu adjustieren, die Mitarbeiter zu schulen und stets das Kundeninteresse neu zu bewerten. Auch hier wird gelten: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank

Hier nimmt Thiede auch die Zentralbanken nicht aus. Es führe kein Weg an der methodischen Weiterentwicklung des Instrumentariums der Zentralbanken vorbei.

Über das analytische Instrumentarium hinaus verbinden viele mit Digitalisierung auch die Distributed-Ledger-Technologie und sogenannte digitale oder virtuelle Währungen, die wir als Krypto-Token bezeichnen. Wir haben uns relativ früh mit Bitcoin und seiner Bedeutung für die Finanzwirtschaft und vor allem für die Geldpolitik befasst. Damals wie heute sehen wir in Bitcoin ein interessantes Nischenphänomen, das aber bislang keine signifikante Auswirkung auf die Realwirtschaft oder Geldpolitik und Finanzstabilität hat.“

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank

Auch wenn Thiele die Blockchain-Technologie, bzw. allgemeiner die Distributed-Ledger-Technologie als wirklich bahnbrechende Erfindung sehe, die es zu erforschen gelte, messe er Krypto-Token keinen intrinsischen Wert bei.

Wir haben stets betont, dass wir Krypto-Token nicht für eine Währung und nicht für Geld halten. Krypto-Token erfüllen praktisch keine der drei Geldfunktionen als Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit. Krypto-Token sind nur virtuelle Güter ohne Gebrauchs- oder Verbrauchswert. Außerdem haben sie keinen Emittenten. Anders als bei Zentralbankgeld steht niemand hinter der Währung.“

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank

Er habe keinen Zweifel daran, dass der von uns emittierte Euro auch weiterhin das dominante Geld im Euroraum bleiben werde, sofern die Zentralbanken für einen stabilen Geldwert des Euro und für effiziente Zahlungswege sorgen.

Den vollständigen Redetext von Carl-Ludwig Thiele finden Sie auf der Seite der Bundesbank. tw

 

 

 
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