STRATEGIE24. Juli 2019

Der Kommentar: X-Pay – der vorvorletzte Versuch

X-Pay: Ein erster Blick von Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth

X-Pay – ist das nun ein Sommerloch-Klassiker (Handelsblatt/Paywall) oder wirklich eine Nachricht mit Substanz? Meine erste Assoziation bei dem Namen war, nach X kommt Y und Schluss ist mit Z. Der Kommentar

von Rudolf Linsenbarth

Betrachten wir einmal aus der Nähe, was mit X-Pay laut Gerüchteküche angerichtet werden soll. Man nehme Paydirekt, die girocard, giropay, Kwitt und Co. packe alles in einen Topf und halte anschließend den Mixer rein. Fertig ist das neue Payment-Verfahren der Deutschen Kreditwirtschaft.

Glauben Sie, dass so et­was den Kun­den und Händ­lern schme­cken wird? Ich auch nicht!“

Liegt das jetzt am Koch oder dem Rezept?
Hier ein Blick ins Gewürzregal der DK:

girogo wird nicht Teil von X-Pay
girogo
1. girogo
Richtig – das ist die einzige Zutat, die nicht in diese Suppe soll. Etwa, weil das Produkt nicht mehr verfügbar ist? Weit gefehlt, 45 Millionen Sparkassen-Karten im Feld liefern sich mit den wenigen verbleibenden Händlern ein Wettrennen, wer zuerst diesen Rohrkrepierer des Deutschen Payments beendet. Aktuell prominentester Aussteiger auf Handelsseite ist der VFL Wolfsburg. Hier gibt es ab der neuen Saison Kartenzahlung wie im Handel. Auch Bayer Leverkusen pilotiert bereits eine Ablösung. Bliebe in der Fußballbundesliga nur noch Werder Bremen (Der letzte macht das Licht aus!). Ob die kontaktlose Geldkarte noch bei Norma im Einsatz ist, habe ich seit 2 Jahren nicht mehr getestet. Wahrscheinlich auch hier still und leise abgeklemmt. Damit leistet sich der DSGV wahrscheinlich das teuerste Kantinenzahlverfahren der Republik.

2. giropay
Die Antwort auf „Sofortüberweisung“ hätte eigentlich gute Chancen gehabt, im Online Payment eine größere Rolle zu spielen. Leider waren zuerst die privaten Großbanken nicht zur Teilnahme bereit und später war man der Meinung, mit Paydirekt das bessere Ass im Ärmel zu haben. Am 14.09.2019 mit der Einführung der PSD2 ist giropay nicht mehr auf eine Kooperation aller Banken angewiesen und könnte im Prinzip solo durchstarten. Man darf gespannt sein, wie viel Beinfreiheit die Mannschaft „An der Welle 4“ in Zukunft haben wird.

Autor Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mo­bi­le Pay­ment, NFC, Kun­den­bin­dung und di­gi­ta­ler Iden­ti­tät. Er ist seit über 15 Jah­ren in den Be­rei­chen Ban­ken, Con­sul­ting, IT und Han­del tä­tig. Lin­sen­barth ist pro­fi­lier­ter Fachautor und Praktiker im Fi­nanz­be­reich und kom­men­tiert bei Twit­ter un­ter @holimuk die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
3. Paydirekt
Im Prinzip ist zu dem Zahlverfahren bereits alles gesagt, so dass ich hier auch nichts Neues hinzufügen könnte.

4. Kwitt & Co.
Meine 2 Cent zum Thema: Wer meint, den Business Case über eine direkte Bepreisung der Transaktionen zu erreichen (einige Sparkassen haben auch Kwitt in der Preisliste), der kann es auch bleiben lassen. Neben den P2P-Zahlverfahren gilt das übrigens auch für Instant Payment!

5. girocard
Damit wären wir jetzt beim einzigen Schwergewicht in dieser Reihe. Nachdem der BVR vor 4 Jahren die ‚Jugend-forscht-Projekte‘ mit der kontaktlosen Geldkarte gestoppt hatte, war die DK mit ihrer Plastikkarte wieder in der Spur. Der Erfolg stellt sich ein.

Was allerdings nach wie vor Probleme bereitet, ist die girocard ins Handy zu bringen. Zwar haben die Genossenschaftsbanken und Sparkassen seit einem Jahr eine App für Android. Doch die Weiterentwicklung stockt. Immer noch gibt es kein CDCVM oder eine Transaktionshistorie. Die Privatbanken halten sich bei dem Thema völlig bedeckt.

Bei der girocard für Apple Pay ist man ebenfalls noch weit von einer Lösung entfernt. Den Satz der Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey „Wir befürworten eine Integration der Girocard, dazu muss aber noch Arbeit erledigt werden, auch beim Konsortium der Girocard“, sehe ich dann auch eher als die freundliche Fassung von:
„Ihr habt eure Hausaufgaben nicht gemacht!“

Twitter

Stattdessen knallen die Sektkorken für etwas, das andere Banken bereits ein Jahr zuvor geliefert haben.

Also nicht, dass jemand meint, ich gönne den Sparkassen und Volksbanken den Erfolg nicht. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass deren Kunden auf die Kreditkarte als Zahlungsmittel in Apple Pay warten? Womöglich um dann in London bei jeder U-Bahn Fahrt oder jedem Drink im Pub eine Auslandseinsatzmindestgebühr in Höhe von 77 Cent zu bezahlen.

Für die relevanten Kundengruppen der beiden Institutsgruppen zählt die girocard! Wer etwas anderes will, hat sich bestimmt schon um eine Alternative bemüht.

X-Pay – girocard onlinefähig

Wenn die girocard den Weg ins iPhone findet, wird sie hoffentlich auch onlinefähig sein. Dann müsste man das nur noch in der Android-Welt nachziehen und die allumfassende Zahllösung der Deutschen Kreditwirtschaft wäre Realität … also X-Pay!

Ergänzungs-Update 25.07.:

SWOT-Analyse zu X-PAY

Stärken (Strength):

S1 Zugang zum Kunden

S2 girocard Marktführer
Schwächen (Weakness):

W1Fehlende Agilität
W2Großer Ballast an Legacy Technologie
W3girocard (EC Karte) als Marke immer noch nicht akzeptiert
Chancen:

C1Gewinnung der Kunden für Online Payments
C2Etablierung einer Payment-Marke
C3Bindung der Kunden über ein innovatives Produkt
Matching-Strategie:

S1, C1, C2 und C3 müss­ten laut SWAT Ana­ly­se die Be­grün­dung für die Ent­wick­lung von X-PAY als neu­em Zah­lungs­pro­dukt lie­fern. Nach­dem ich das jetzt auf­ge­schrie­ben ha­be, scheint mir das doch sehr dün­nes Eis zu sein. Ha­be ich bei den Chan­cen und Stär­ken noch et­was vergessen?

Umwandlungsstrategie:

Aus C1, C3, W1, W2 und W3 kann man ableiten, dass die Techniken die bereits im Baukasten vorhanden sind, auch zum Ziel führen. Will heißen, die Banken ersetzen girocard und Paydirekt durch die Debit Produkte der Schemes, Mastercard und VISA.

Risiken:

R1Fokusverlust
R2Kannibalisierung etablierter Produkte
Neutralisierungsstrategie:

S2 und R1 sprechen eindeutig gegen X-PAY als eigenständiges Payment-Verfahren. Stattdessen scheint es günstiger zu sein, alle Ressourcen in die Ertüchtigung der girocard als Online-Zahlverfahren zu stecken

Verteidigungsstrategie:

R1, R2, W1 und W2 wer nichts macht, macht zwar nicht kei­nen Feh­ler, aber ver­schwen­det zu­min­dest kein Geld. Bei die­ser Stra­te­gie könn­te man sich voll auf die Pro­duk­te au­ßer­halb von Mo­bi­le Pay­ment kon­zen­trie­ren. Zum Bei­spiel In­stant Pay­ment eta­blie­ren und ab­war­ten, wie sich die VUCA Welt weiterentwickelt.

 

NFC geht - aber Online? X-Pay soll die Lücke schließen.
panandrii/bigstock.com

Auf besonderen Wunsch von André Bajorat habe ich zum Thema noch eine SWOT-Analyse erstellt. Wenn ich mir das Ergebnis so anschaue, halte ich eine Neutralisierungsstrategie oder die Umwandlungsstrategie für den sinnvollsten Move.

Bei der Neutralisierungsstrategie müssten die Banken aber in der Lage sein, allerspätestens innerhalb eines Jahres zu liefern. Ansonsten ist es besser, die Ressourcen in eine Umwandlungsstrategie zu stecken. Von der Matching-Strategie kann man nicht wirklich sprechen, es sei denn, ich habe im Bereich Chancen oder Stärken etwas vergessen. Selbst die Verteidigungsstrategie wäre in diesem Fall besser. Rudolf Linsenbarth

Noch mehr zu X-Pay? X-Pay: Das steckt hinter den Plänen der deutschen Kreditwirtschaft für einen neuen Zahlungsdienst … mehr>>

 
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