STRATEGIE1. Oktober 2018

Die Bank als Plattform braucht ein Mindestmaß an technologischer Souveränität und Unterstützung

IT-Plattform ist eingesperrt
AlexLMX/bigstock.com

Die Transformation einer Bank in eine digitale Plattform, die es mit Amazon & Co. aufnehmen kann, stößt in der Theorie wie auch in der Praxis auf kaum überwindliche Hürden. Verantwortlich dafür sind die fehlende technologische Souveränität der Banken und ihr geringer Einfluss auf den Medienwandel. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre wird sein, inwieweit es Wirtschaft und Politik gelingt, alternative Infrastrukturen und Geschäftsmodelle zu fördern.

von Ralf Keuper

Der Medienphilosoph Marshall McLuhan hat mit seiner Aussage „Das Medium ist die Botschaft“ den Wandel verdeutlicht, der sich in den letzten Jahrzehnten mit der Verbreitung der Elektrizität und des Fernsehens vollzogen hat. Mit dem Internet ist eine neue Dimension hinzu gekommen. Demnach haben Medien (Bücher, Zeitungen, Videos, Smartphones, Tablet-PCs, Computer, Virtual/Mixed Reality, Geld) einen großen Einfluss darauf, wie wir uns und unsere Umgebung wahrnehmen.

Medien sind nicht neutral. Diese Aussage war für die Banken bis vor zehn Jahren noch ohne große Bedeutung. Der bevorzugte Kommunikationskanal war die Filiale mit ihrem Maschinenpark, bestehend aus Geldautomaten, Kontoauszugsdruckern und SB-Terminals.“

Der persönliche Kontakt mit dem Kundenberater war durch nichts zu ersetzen. Um den technik-affinen Kunden entgegenzukommen, wurde das Online-Banking in die Mehrkanal-Strategie aufgenommen. Mittlerweile hat sich Filiale auf das Smartphone oder den Tablet-PC verlagert: Sie befindet sich nun in einer Umgebung, die von z. T. unsichtbaren Regeln und Machtstrukturen geprägt wird. Der Betreiber des App-Stores legt die Kriterien fest, welche die Banken-Apps erfüllen müssen.

NFC: Der Streit um die Plattform

Wie der Streit um den Zugang einiger australischer Banken auf die NFC-Schnittstelle von Apple zeigt, können die Banken von für sie wichtigen Medienkanälen abgeschnitten werden. Anders als früher befindet sich die für das Banking benötigte Infrastruktur in den Händen privater Unternehmen, die zudem noch potenzielle und reale Mitbewerber sind. Damit nicht genug: Mit ihrer Hardware und Software haben sie einen erheblichen Einfluss darauf, wie die Abwicklung von Bankgeschäften im Alltag wahrgenommen wird. Im Idealfall können sie die Kunden auf ihrer Plattform mit allen nötigen Informationen und Angeboten (Produkte, Services) versorgen, ohne dass die Nutzer daran Anstoß nehmen oder sich dessen bewusst werden.

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­form-Öko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.

Das Hauptmedium der Banken, das Geld, zirkuliert immer häufiger an den Banken vorbei.“

Die Deutungshoheit über das Geld und seine Verwendungsmöglichkeiten haben diejenigen, die über die entsprechenden Medien (Smartphones, WeChat, Alipay, Paypal, Google Pay, Apple Pay, Sprachassistenten, VR) zu seiner Darstellung und Interpretation verfügen – und das sind – Stand heute – nicht die Banken, sondern Google, Amazon, Apple, Alibaba, Baidu, Tencent, Samsung, Microsoft & Co.

Mindestmaß an technologischer Souveränität:
Ohne wirtschaftspolitische Unterstützung wird es kaum gelingen

Lange Zeit herrschte die Ansicht, das Internet benötige nur wenig regulatorische Eingriffe. In seiner Konzeption war die Bildung von Quasi-Monopolen, wie wir sie derzeit mit den großen digitalen Plattformen wie Amazon beobachten können, nicht vorgesehen. Ebenso wenig ein Identity Layer, der gleich zu Beginn für die Nutzer die Möglichkeit geschaffen hätte, ihre digitale Identitäten mehr oder weniger selbst zu verwalten und damit dem Lock-In-Effekt von Google und Facebook zu entgehen. Wie Evgeny Morozov in Der Roboter bleibt hier in der SZ vom 27.09.2018 schreibt, vollzieht sich in den westlichen Industrienationen momentan ein Sinneswandel. Zu lange hatte man übersehen, dass ein Mindestmaß an technologischer Souveränität die unabdingbare Voraussetzung für den eigenen Wohlstand ist.

Heute predigt jedoch keine Regierung mehr eine weitere Liberalisierung des Daten-, Software- oder Hardware-Markts. Alle Staaten sind nun gezwungen, zwischen zwei Optionen zu wählen: die technologische Souveränität wieder zu behaupten – oder nichts zu tun, entweder, weil es an guten Ideen fehlt, an Macht oder wegen anhaltender innenpolitischer Kämpfe.“

Der Verkauf von Kuka an ein chinesisches Unternehmen würde derzeit wohl kaum auf  Zustimmung im Bundeswirtschaftsministerium stoßen.

Im Vergleich dazu, d.h. zur Wiedergewinnung der technologischen Souveränität, sind Vorschläge, die Internetkonzerne dazu zu zwingen, zumindest einen Teil ihrer Daten öffentlich zu teilen, eher kosmetischer Natur. An den eigentlichen Machtverhältnissen und Abhängigkeiten vermag das wenig zu ändern. Auch die Zerschlagung der Internetkonzerne wird nicht ausreichen, solange keine echten Alternativen bestehen.

Ein neues Airbus-Projekt

Die politischen Verantwortlichen in Europa waren in den letzten Jahren keinesfalls untätig. Genannt seien der Digital Single Market, die GDPR, eIDAS und ePrivacy-Richtlinie. Die General Data Protection Rule (GDPR) hat in den USA bereits zu einem Umdenken in einigen Bundesstaaten geführt. Deutschlands Informatik-Pionier August Wilhelm-Scheer forderte in einem Interview mit Econlittera einen Ruck, der durch Politik, Forschung, Gesellschaft gehen müsse. Als Beispiel brachte er das Programm für die Mondlandung unter John F. Kennedy. Als Vorlage bietet sich, gerade für Europa, das Airbus-Projekt an. Im Jahr 1968 forderte Jean-Jacques Servant-Schreiber in Die amerikanische Herausforderung: 

Wenn die Europäer ihr Wachstum, das heißt ihr Schicksal, mittels einer eigenständigen Politik selbst bestimmen wollen, müssen sie zuallererst einen geographischen und menschlichen Raum schaffen, der groß genug ist, damit die wirtschaftliche Expansion sich darin kraftvoll entfalten kann und der Pro-Kopf-Verbrauch, die Infrastrukturinvestitionen sowie die Aufwendungen für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt entsprechend gesteigert werden können. … Wir stehen also mit dem Rücken zur Wand: Die Rückkehr zum Nationalstaat ist in der Expansion nicht mehr möglich; entweder wir entwickeln eine europäische Industriepolitik, oder die amerikanische Industrie wird weiterhin die Zukunft des gemeinsamen Marktes bestimmen. Dieser erste Punkt steht bereits eindeutig fest. Er ist nicht ohne Folgen für die Gegenreaktion.“

Die Infrastruktur-Investitionen müssten dabei Technologien aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz, des Cloud-Computing, Quantencomputing, Blockchain und Identifikationslösungen umfassen. Im Idealfall wäre das der Nährboden für neue Geschäftsmodelle – auch im Banking. In The case for publicly enforced online rights plädiert der bereits erwähnte Evgeny Morozov für die Errichtung einer öffentlichen Infrastruktur für digitale Identitäten durch den Staat. Unabhängige Instanzen sollten für die Überwachung der Algorithmen, die Einhaltung des Datenschutzes wachen und die Entwicklung dezentraler Software-Lösungen (OS, Blockchain) unterstützen. 

Nur wenn es gelingt, die Banken und andere Branchen aus der Umklammerung und Abhängigkeit der großen digitalen Plattformen zu lösen, ergeben Gedankenspiele Sinn, wie Banken sich als Plattform behaupten können.“Ralf Keuper

 
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