STUDIEN & UMFRAGEN4. Januar 2022

Finanzprodukte sollen nachhaltig werden – aber auch die Banken, fordern Kunden

Ein Fünftel der Verbraucher achtet beim Abschluss von Finanzdienstleistungen auf Nachhaltigkeit – jüngere stärker als mittlere Altersgruppen. <Q>BFACH
Ein Fünftel der Verbraucher achtet beim Abschluss von Finanzdienstleistungen auf Nachhaltigkeit – jüngere stärker als mittlere Altersgruppen. BFACH

Die Umfrage des Banken­fach­verbandes zeigt, dass jeder fünfte Haushalt auf Nachhaltigkeit bei der Geldanlage und bei Finanzierung von Konsumausgaben achtet. Noch höher ist der Anteil unter den Jüngeren. Die Frage „Wie grün…“ zielt aber nicht nur die auf Produkte, sondern ebenso auf die Finanzunternehmen.

Ist ein Atomkraftwerk grün? Oder ein Gaskraftwerk? Diese Frage beschäftigt derzeit die Politik – und wird in naher Zukunft den Vertrieb von Finanzprodukten beeinflussen. Auslöser ist die EU, die mit ihrer „Taxonomie“ den Finanzströmen eine Richtung geben will: weg von klimaschädlichen Prozessen, hin zu nachhaltigen Produktionsweisen und Dienstleistungen. Die EU-Taxonomie-Verordnung nennt dazu sechs Kriterien:

1. Klimaschutz
2. Anpassung an den Klimawandel
3. Schutz des Wassers und der Meereslebewesen
4. Biodiversität
5. Übergang zur Kreislaufwirtschaft
6. Vermeidung von Umweltverschmutzung

Diese sollen künftig als Bewertungsmaßstab dienen, ob Finanzprodukte als „nachhaltig“ eingestuft werden. Derzeit ist offen, ob die Kunden hierzulande sich den EU-Kriterien beugen, wenn „grüne“ Fonds und Anleihen in Atom- und Gaskraftwerke investiert sind. Die andere Frage ist, welchen Stellenwert Nachhaltigkeit überhaupt im Bereich der Finanzdienstleistungen hat.

Nachhaltigkeit zieht

Der jüngste Marktbericht des Fachverbandes für nachhaltige Geldanlagen (Download) legt eine beeindruckende Bilanz vor: Im Pandemiejahr 2020 war es schwierig Geld auszugeben. Deshalb wurde eine besonders hohe Sparquote erreicht. So wuchsen die nachhaltigen Anlagen um über 35 Prozent. In Zahlen: Von 183,5 Mrd. Euro im Vorjahr auf 248,3 Mrd. Euro.

Aber auch die Umfrage des Bankenfachverbandes zum Thema Konsumfinanzierung zeigt deutlich, dass Nachhaltigkeit zunehmend Gewicht bei der Entscheidung über Konsumausgaben und Geldanlagen gewinnt. So gibt mehr als jeder fünfte Befragte (21 Prozent) an, beim Abschluss von Finanzdienstleistungen auf Nachhaltigkeit zu achten. In der jüngeren Bevölkerungsgruppe (18 bis 24 Jahre) ist es sogar jeder Dritte.

Grüne Anlagen von grünen Banken

Von allen Befragten, die auf Nachhaltigkeit achten, sind 53 Prozent bereit, auch höhere Kosten für solche Finanzanlagen und -dienstleistungen in Kauf zu nehmen. Unter den Kundinnen und Kunden, die dem Thema höchstes Gewicht einräumten („Stimme voll und ganz zu“), gaben 34 Prozent an, dass Nachhaltigkeit in ihrem Leben eine große Rolle spielt. 15 Prozent investieren vor allem in nachhaltige Produkte.

Ein Drittel der Befragten gibt an, dass Nachhaltigkeit im eigenen Leben eine große Rolle spielt. 12 Prozent achten bei der Nutzung von Finanzierungen ebenso auf die Nachhaltigkeit der Bank. <Q>BFACH
Ein Drittel der Befragten gibt an, dass Nachhaltigkeit im eigenen Leben eine große Rolle spielt. 12 Prozent achten bei der Nutzung von Finanzierungen ebenso auf die Nachhaltigkeit der Bank. BFACH

Übrigens achtet diese Gruppe nicht nur auf die Nachhaltigkeit der Produkte, sondern auch auf die des Anbieters. Jede(r) Achte stimmt der Aussage zu „Bei der Aufnahme eines Barkredites/ der Finanzierung eines Produktes achte ich auf die Nachhaltigkeit des Anbieters“. Wer dieser Kundengruppe „grüne“ Produkte verkaufen will, muss also darlegen, dass Klima- und Umweltschutz nicht nur ein Verkaufsargument sind, sondern auch im eigenen Unternehmen gelebt werden.

Technische Herausforderung

Banken und Finanzdienstleister stehen also vor einer doppelten Herausforderung: Zum einen werden Kundinnen und Kunden die Kriterien für eine Einstufung als nachhaltiges Produkt hinterfragen. Eine Zertifizierung nach einer zweifelhaften EU-Taxonomie wird dann möglicherweise nicht akzeptiert. Mangels einheitlichem Ratingstandard und unterschiedlichen Anforderungen der Anleger macht es für Banken und Dienstleister Sinn, ein eigenes ESG-Rating zu entwickeln, das es ermöglicht, eigene und fremde Finanzprodukte gemäß dem Anlage-Profil des Kunden zu bewerten. Mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) stehen inzwischen geeignete Technologien zur Verfügung, um entsprechende Beratungsplattformen aufzubauen, meint etwa Karl im Brahm von Avaloq Sourcing.

Auf der anderen Seite müssen Finanzunternehmen künftig immer öfter auch ihre eigene Nachhaltigkeits-Berichterstattung gegenüber ihren Kunden offenlegen – aktuell und in verständlicher Form. Dafür gilt es ebenfalls, die technischen Voraussetzungen zu schaffen. Hier gibt es bereits Anbieter, die gezielt die Finanzbranche adressieren, wie beispielsweise den ESG-Manager des Greentechs Plan A.

Offen für weitere Angebote

Die Marktstudie zur Konsumfinanzierung führt der Bankenfachverband (BFACH) seit 2008 im Jahresrhythmus durch. Dazu befragt das Marktforschungsunternehmen Ipsos im Finanzmarktpanel der GfK mehr als 1.800 Verbraucherhaushalte nach ihren Finanzierungsgewohnheiten sowie -einstellungen und -absichten.

Die aktuelle Studie (Download) zeigt, dass Banken und Finanzdienstleister das Thema Nachhaltigkeit nicht nur beim Thema Geldanlage nutzen können, sondern auch bei Konsumentenkrediten.

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BFACH

Nachhaltigkeit rückt auch beim Thema Finanzen und Finanzierungen stärker in den Fokus der Menschen. Insgesamt 37 Prozent der Bundesbürger würden die Anschaffung eines nachhaltig hergestellten oder energieeffizienten Konsumguts eher in Betracht ziehen, wenn sie dafür eine passende Finanzierung angeboten bekämen.“

Jens Loa, Geschäftsführer des Bankenfachverbandes

Für Handel und Kunden sind Finanzierungen insgesamt ein wichtiges Bezahlverfahren. 61 Prozent aller finanzierten Käufe wären laut Aussagen der Verbraucherinnen und Verbraucher ohne Finanzierungsangebote nicht zustande gekommen. hj

 
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