FINTECH18. Oktober 2021

Finvia – mit massivem IT-Einsatz große Vermögen bequem verwalten; das Gründer-IT-Interview

Valentin Bohländer, Gründer und CPO Finvia
Valentin Bohländer, Gründer und CPO FinviaFinvia

Finvia ist ein 2020 gegründetes “Family Office” – d.h. das Unternehmen verwaltet und investiert die Vermögenswerte wohlhabender Personen und Familien. Finvia setzt dabei massiv auf digitale Technologie. Wir haben Valentin Bohländer (Gründer und CPO) über die digitale Plattform befragt.

Herr Bohländer, wie würden Sie Finvia (Website) in zwei kurzen Sätzen zusammenfassen?

Als Family Office betreuen wir das Vermögen unserer Kunden. Das Besondere: Indem wir die Beratungsleistung eines Family Office mit fortschrittlichen Technologien kombinieren, gehen wir in dieser Branche neue Wege.

Im Mittelpunkt steht hier unsere Finvia Online-Plattform, das ist im Grunde ein digitales Ökosystem, das unseren Kunden online oder per App 24/7 Zugriff auf ihre Vermögenswerte ermöglicht.”

Dabei können Kunden auf ihr Gesamtvermögen und -buchhaltung zugreifen, sensible Dokumente hochladen, verwalten und an Behörden weiterleiten und sogar die Bewertung und Kommentierung ihrer finanziellen Daten erhalten. Somit lässt sich auf Wunsch das gesamte Vermögen unserer Kunden hier abbilden. Unser Zielt ist es, einen „Digitalen Boardroom“ zu etablieren, der unseren Kunden die Möglichkeit bietet, ihr Vermögen in Echtzeit zu kontrollieren.

Wer sind Ihre Kunden?

Bei unseren Kunden handelt es sich um vermögende Personen, die ihr Vermögen optimal anlegen und nachhaltig vermehren möchten. Wir sprechen hier von Unternehmern, Gründern, Sportlern, Erben und vielen weiteren.

Bieten Sie es auch als White-Label-Dienstleistung für Banken/Versicherer an?

Nein, bislang bieten wir keine White-Label-Lösungen für Banken und Versicherer an. Wir kooperieren aber mit anderen Family Offices und gehen davon aus, dass es auf diesem Markt zunehmend zu einer Konsolidierung kommen wird.”

Es ist für viele, kleine Family Offices weder ökonomisch sinnvoll noch langfristig tragfähig, eigene Infrastrukturen zu betreiben. Stattdessen können Dienstleistungen von uns modular angefragt werden, wodurch zumindest Teile der Family Office-Infrastruktur von Finvia kommen.

Wie entscheidet sich, was als nächstes entwickelt wird?

Es gibt eine langfristige Product-Roadmap für die Umsetzung der Business Vision und kurze Abstimmungswege und schnelle Entscheidungszyklen, um schnell auf Opportunitäten zu reagieren.

Die Roadmap wird vor allem durch die Kundenbedürfnisse und die Business Vision definiert und basiert auf dem Feedback der Kunden und der internen Mitarbeiter.”

Die konkrete Umsetzung wird in klassischen Produktmanagement-Zyklen (Ideation, Design Thinking etc.) vorangetrieben und es werden in zweiwöchigen Sprint-Zyklen die Features/To-Do’s definiert.

Welche Programmiersprachen und Tools verwenden Sie?

Wir setzen bei unseren Client-Anwendungen auf Swift und TypeScript, bei unserer Business-Logic auf Rust und bei unseren finanzmathematischen Modellen auf Python.”

Unsere Infrastruktur läuft in Frankfurt hauptsächlich „containerisiert“ mit Hilfe von Kubernetes. Für unser Produkt- und Projektmanagement verwenden wir Asana und für die interne Kommunikation Teams.

Wie stark setzen Sie auf Automatisierung?

Das Thema Automatisierung behandeln wir mit einer sehr hohen Priorität. Wir sehen, dass sich im Bereich Family Office Services viele manuelle Prozesse etabliert haben – wie das Verwalten von Dokumenten, das Onboarding von Kunden, die Kommunikation mit allen Stakeholdern sowie das Portfolio- und Order-Management. Das hat historische Hintergründe. Und genau hier sehen wir ein enormes Optimierungspotenzial.

Daher ist einer unserer Business Cases, dass wir so viele manuelle Prozesse wie nur möglich automatisieren. Und davon profitieren natürlich unsere Kunden indem wir diese „Digitalisierungsdividende“ an sie weitergeben.”

Denn durch unsere automatisierten Prozesse gepaart mit der beraterischen Exzellenz eines Family Offices bieten wir unseren Kunden den eigentlich klassischen Family Office Service – nur schneller, sicherer und effizienter.

Valentin Bohländer, Gründer & CPO von Finvia
Valentin Bohländer ist einer der Gründer von Finvia (Website). Als Chief Pro­duct Of­fi­cer (CPO) ver­ant­wor­tet er die Ent­wick­lung der di­gi­ta­len Platt­form. Nach sei­nem fi­nanz­markt­ori­en­tier­ten Mas­ter-Stu­di­um in Car­diff star­te­te er sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang als Teil des In­vest­ment-Teams bei UBS Sau­er­born. Hier un­ter­stütz­te er den CIO-Be­reich mit volks­wirt­schaft­li­chen Ana­ly­sen so­wie der Be­ur­tei­lung von In­vest­ment­ma­na­gern und de­ren Stra­te­gi­en. Zu­dem war er für die Ge­samt­ver­mö­gens­steue­rung der Kun­den­de­pots mit­ver­ant­wort­lich. Ge­mein­sam mit ei­ni­gen der heu­ti­gen Fin­via-Grün­der wech­sel­te er 2011 zur HQ Trust GmbH, dem Mul­ti Fa­mi­ly Of­fice der Fa­mi­lie Ha­rald Quandt, wo er Kun­den-In­ves­ti­tio­nen in Hedge­fonds ver­ant­wor­te­te und die Ent­wick­lung der Di­gi­tal­stra­te­gie ma­ß­geb­lich mitgestaltete.

Wie werden bei Ihnen die Produkte entwickelt – Wasserfall, Agile, etc.?

Wir setzen auf einen ganzheitlichen agilen Produktentwicklungsprozess. Das bedeutet bei Finvia, dass um jedes digitale Produkt herum ein voll-funktionsfähiges Team bestehend aus Designern, Produktmanagern und Softwareentwicklern zugeordnet wird, welches ein Produkt von Konzeption über Implementierung, Inbetriebnahme und Wartung ganzheitlich verantwortet.

Die Produktentwicklung selbst folgt der bekannten agilen Scrum-Methodik. Dabei entwickelt das Scrum-Team in zweiwöchigen sogenannten Entwicklungssprints funktionsfähige Inkremente des Produkts bis hin zur vollständigen Fertigstellung.

Finvia entwickelt Produkte so nah wie möglich an unseren Kunden. Ein kleiner Kreis an Early-Adoptern der Finvia-Kunden partizipiert bereits in der Konzeptionsphase neuer Produkte. Dies ermöglicht uns die Entwicklung passgenauer Anwendungen, die wirklich auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.

Welche Basistechnologien sind im Einsatz? Wie steht es etwa um die Verwendung von KI?

Künstliche Intelligenz ist für uns ein hoch-relevantes und spannendes Thema, beispielsweise in der Analytik oder Prognostik. Allerdings sind wir gerade erst in einer sehr frühen Phase und prüfen verschiedene Möglichkeiten, wie wir diese Technologie am besten in unser Produkt einführen.”

Ansonsten setzen wir sehr stark auf Cloud-Computing – private und public. Unsere gesamte Infrastruktur findet in der Cloud statt. So verzichten wir vollständig auf On-Premise-Lösungen.

Gerade in unserem Business ist der Aspekt Sicherheit ein zentrales Thema. Daher liegen hochsensible Kundendaten auch auf Hochsicherheitsservern der bayerischen Landesbank.

Setzen Sie auf Cloud-Lösungen (AWS, Azure & Co.) – und warum?

Wir nutzen AWS und Azure als Cloud-Lösungen für unsere Services. Diese stellen für uns die Grundlage dar, unseren Kunden eine moderne, digitale Plattform zur Verwaltung ihrer Vermögenswerte anzubieten.

Außerdem profitieren wir natürlich von den bekannten Vorteilen einer Cloud-Lösung wie beispielsweise der Skalierung von Kapazitäten. So können wir bei Bedarf Ressourcen hoch- oder runterfahren, um so von einer kosteneffizienten IT-Infrastruktur zu profitieren. Ein Vorteil, den wir auch an unsere Kunden weitergeben.

Wie überwinden Sie den Spagat zwischen DSGVO und US-Cloud-Act bzw. FISA?

Die Cloud-Anbieter, mit denen Finvia zusammenarbeitet (Amazon mit AWS und Microsoft mit Azure) sind allesamt bekannt dafür, sehr restriktiv bzw. grundsätzlich ablehnend im Umgang mit Behördenanfragen zu sein, insbesondere wenn diese etwa zu weit gefasst oder anderweitig unangemessen daherkommen.”

Finvia setzt hier auch sehr auf Vertrauen durch Transparenz – beide Anbieter legen z.B. Anzahl und Umfang eingehender Anfragen von Behörden öffentlich dar. Abgesehen von den Maßnahmen, die von Amazon und Microsoft direkt getroffen werden, implementiert Finvia selbst auf technischer Ebene immer weitere Maßnahmen, um volle Kontrolle über Daten zu haben – auch im Kontext von US-Behördenanfragen. Beispielsweise wird gerade intensiv geprüft, genau vor diesem Hintergrund alle Kundendaten im Backend über eine besondere Architektur wie „Envelope Encryption“ mittels kryptographischer Schlüssel zu verschlüsseln, auf die der Cloud-Anbieter AWS keinen Zugriff hat („Bring Your Own Key oder „BYOK“ genannt). Selbstverständlich verschlüsselt Finvia auch heute schon alle Kundendaten:

Mittels BYOK wird wirklich sichergestellt, dass selbst der Anbieter der Infrastruktur keinen Zugriff auf Klartextdaten mehr hat, selbst wenn er wollte.”

Wie garantieren und testen Sie die Sicherheit Ihrer Systeme?

Sicherheit bei Finvia beginnt zunächst mit einer klaren Verantwortung. Wir haben ein dediziertes Security Team, welches die Security der Firma entlang eines detaillierten Security Programms stetig weiter ausbaut.

Auf strategischer Ebene glauben wir, dass viel Hebelwirkung für Security im intelligenten Einsatz moderner Technologien besteht, z.B. was Themen wie Infrastruktursicherheit, Access Management oder Security Monitoring betrifft. Wir orientieren uns hier an der cutting-edge des Security Lösungsmarkts und stellen uns immer wieder selbst die Frage, wo wir noch besser sein können.

Wie viele Firmen arbeiten auch wir mit externer Unterstützung, einfach um in diesem sensiblen Thema eine etwaige Betriebsblindheit auszuschließen und unsere Maßnahmen extern validieren zu lassen. Regelmäßige Security Assessments und auch Bug Bounty Programme gehören hier dazu.”

Welche Schnittstellen hat das System und wie wird es an Kernbanksysteme angebunden?

Unsere System Architektur setzt sich zusammen aus externen Lösungen und selbst entwickelten Anwendungen.

Bei den externen Lösungen nutzen wir die vorhandenen Schnittstellen der Anbieter. Für unsere Eigenentwicklungen nutzen wir GraphQL- und gRPC-Schnittstellen. Alle Schnittstellen werden mit einer zentralen Event-Streaming Lösung orchestriert.”

Zu den Banken haben wir unterschiedliche Schnittstellen für die automatische Eröffnung von Kontos und Depots, Reporting und Ordermanagement. Dabei nutzen wir verschiedene Lösungen, die abhängig von den digitalen Fähigkeiten der Banken sind. Wir bauen gerade eine Multi-Banking-Orderlösung auf, so dass wir auch mit einer Vielzahl von Banken automatisch ordern können.”

Wenn Sie ein wenig in die Zukunft sehen – welche Technologie wird sich in fünf Jahren am stärksten auf Ihr Geschäft auswirken – worin werden Sie investieren?

Aktuell setzen wir auf eine Reihe digitaler Innovationen, um unserem Anspruch als fortschrittliches Family Office gerecht zu werden.

Unter anderem setzen wir auf Künstliche Intelligenz, IT-Automatisierung, Blockchain – zum Beispiel Tokenisierung der Investmentprodukte, um Kunden eine optimale Abwicklung zu bieten und ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten sowie offene Schnittstellen für andere Anbieter.”

Herr Bohländer, vielen Dank für das Interview.aj

 
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