STRATEGIE21. Februar 2022

Gibt es in der Zukunft überhaupt noch Banken? … fragt Bundesbanker Prof. Wuermeling

Gibt es in der Zukunft überhaupt noch Banken? ... fragt Bundesbanker Prof. Wuermeling
Prof. Dr. Joachim Wuermeling Bert Bostelmann

Seine Keynote-Rede bei der Konferenz “25 Jahre Bank der Zukunft“ des International Bankers Forum in Frankfurt am Main begann Prof. Wuermeling von der Bundesbank mit der provokanten Frage: Gibt es in Zukunft überhaupt noch Banken im herkömmlichen Sinne? Anhand von drei weiteren Fragen versucht er, die Bank der Zukunft und die Zukunft der Banken zu skizzieren. Eine Zusammenfassung seiner Rede.

von Professor Dr. Joachim Wuermeling, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Eine Welt ohne Banken liegt für einige durchaus im Bereich des zwar Künftigen, aber doch Möglichen.”

Ausgangspunkt dieser Vision ist die Blockchain-Technologie. Darauf basierend basteln Entwickler an einem dezentralen Finanzsystem – Decentralised Finance, abgekürzt DeFi. Die Vision ist ein Finanzsystem, das ganz ohne Intermediäre auskommt – also auch ohne Banken. Das wäre sicherlich revolutionär. Aber: Stand heute ist die DeFi-Welt von der Wirklichkeit der Kunden weitgehend abgekapselt; und damit fehlt ihr natürlich die Grundlage, um zum Finanzsystem der Zukunft zu werden.

Kann DeFi überhaupt funktionieren? Klar ist, dass es noch sehr viele offene Fragen gibt. Technische Fragen: „Können Blockchains skaliert werden?“ Rechtliche Fragen: „Wie handhaben wir auf Computercode basierende Verträge?“ Regulatorische Fragen: „Was sind eigentlich die Risiken und wer ist dafür zuständig sie zu managen?“ Politische Fragen: „Wie können wir verhindern, dass ein dezentrales Finanzsystem zum Paradies für Kriminelle wird?“ Und schließlich die Frage, wie demokratisch, liberal und dezentral wäre DeFi wirklich? Die Banken mögen als Intermediäre wegfallen, aber es ist zu vermuten, dass auch DeFi nicht völlig dezentralisiert sein wird – nur wer sitzt dann im Zentrum und steuert das Netzwerk?

Es ist also mehr als unsicher, ob sich das als sinnvolle Alternative zum traditionellen Finanzsystem etablieren kann. Wir haben es fraglos mit einer spannenden Reise zu tun, deren Richtung und Ziel mir aber noch recht offen scheinen.

Wer wird die Bank der Zukunft?

Nehmen wir also für den Moment an, dass Intermediäre in der Zukunft weiterhin eine zentrale Rolle spielen werden.”

Die Digitalisierung hat das Tor zum Markt für neue Spieler geöffnet – und die Regulierung hat dabei ein wenig geholfen; denken Sie an die PSD2. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen digitale Finanzprodukte. Welcher dieser Spieler wird die Bank der Zukunft?

Die These, dass FinTechs innerhalb kürzester Zeit die etablierten Banken verdrängen würden, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Zudem sind FinTechs nicht mehr die einzigen neuen Spieler auf dem Markt. Daneben finden wir hoch-digitalisierte traditionelle Banken, die so genannten Neobanken oder die allgegenwärtigen BigTechs.

Das Finanzsystem der Zukunft wird sicherlich modularer.”

Zwar wird es vermutlich nicht zu dem Legobaukasten werden, den die DeFi-Enthusiasten sich erträumen, aber wir werden sicherlich deutlich seltener sehen, dass ein einziges Unternehmen die komplette Wertschöpfungskette abdeckt. Insofern ist die Bank der Zukunft möglicherweise ein Netzwerk aus mehreren kleinen Unternehmen, die sich auf verschiedene Teile der Wertschöpfungskette spezialisieren.

Den unsicheren Faktor hier stellen natürlich die BigTechs dar. Denn die sind in einer guten Position, sehr schnell sehr groß zu werden – so sie denn einen Appetit für das im Moment eher margenarme Bankgeschäft entwickeln. BigTechs müssen Finanzdienstleistungen gar nicht als primäres Geschäftsmodell sehen. Es dient nur dazu, Kunden zu binden und Daten zu generieren. Ihre Erträge erwirtschaften sie anderswo, und wären damit Banken gegenüber klar im Vorteil.

Das Finanzsystem könnte also nicht nur mit Blick auf die Wertschöpfungskette modularer werden. Bankprodukte selbst könnten einzeln aus der Bank herausgelöst und in andere Anwendungen oder Plattformen integriert werden: Embedded Finance. Für die Existenz von Banken wird es entscheidend sein, ob Finanztransaktionen künftig auf diesen Plattformen und Anwendungen stattfinden oder weiterhin in der Bank verankert sind. Dieses Rennen ist aus meiner Sicht noch völlig offen.”

Was braucht die Bank der Zukunft?

Technologie ist die Ecke, aus der heraus sich das Bankgeschäft am stärksten verändert. Die neuen Spieler im Markt sind in der Regel hochtechnisierte Unternehmen – nicht selten sind IT-Spezialisten die treibende Kraft.

Dabei ist mit ganz neuen „Ermöglichungstechnologien“ zu rechnen. Clouds, APIs als Schnittstellen, Künstliche Intelligenz bis hin zu Quantencomputern eröffnen völlig neue Möglichkeiten für Produkte, Prozesse und Analysen. Digitalisierung erobert den gesamten Maschinenraum der Bank – und auch die Bankenaufsicht.

Aber Technologie bedeutet nicht alles. Wer sich im Bankenmarkt behaupten will, muss auch etwas vom Bankgeschäft verstehen: von Betriebswirtschaft, von Risikomanagement und von Regulierung. Diese Dinge zugunsten technischer Expertise zu vernachlässigen, kann langfristig zu Problemen führen.

Auch FinTechs und Neobanken brauchen erfahrene Banker in ihren Reihen. Denn auch wenn die Bank der Zukunft digitaler sein dürfte, heißt das nicht, dass nur noch digitale Kompetenzen gefragt sind.

Langfristig geht es um eine tragfähige Symbiose aus neuen Technologien und klassischem Bankgeschäft. Genau das beobachten wir auch jetzt schon: Sowohl in den bestehenden Banken wie auch in der Kooperation mit FinTechs. Letztere übernehmen typischerweise nur einen Ausschnitt des Bankgeschäfts; für alles Weitere kooperieren sie häufig mit etablierten Banken. Das Herz des Bankgeschäfts schlägt weiter in den Banken – Banken sind es, die Anbieter von Geld mit Nachfragern nach Geld zusammenbringen.”

Wie regulieren wir die Bank der Zukunft?

Innovationen sind für Regulierer aus vielen Gründen eine Herausforderung. Erstens müssen wir möglichst rasch Expertise aufbauen. Zweitens stellt sich bei Innovationen oft erst im Laufe der Zeit heraus, wohin sie führen. Drittens ist der Nutzen von Innovationen oft direkt erlebbar, während die Risiken sich erst über die Zeit aufbauen. Die Aufgabe von Regulierern ist es also, Wasser in den Wein zu schütten, bevor alle betrunken sind – das gefällt natürlich nicht jeder und jedem.

Wir sollten innovative Entwicklungen von Beginn an und Schritt für Schritt begleiten. Nur so können wir von vornherein die Risiken einhegen und künftige Krisen verhindern. Und nur so können wir von Anfang an einen regulatorischen Rahmen bauen, der auch wirklich passt. Dabei sind wir natürlich technologieneutral.

Es ist erfreulich, dass wir die relevanten Debatten wieder auf internationaler Ebene führen. Mit Blick auf die Digitalisierung gibt es noch eine weitere Dimension: Nachdem mit der Globalisierung Finanzsysteme über Ländergrenzen hinweg zusammengewachsen sind, verschmelzen sie jetzt mit anderen Sektoren – Stichworte sind BigTech, Social Media und „Embedded Finance“. Es wird also immer wichtiger, dass Regulierer nicht nur über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, sondern auch über Sektorgrenzen.”

Wir Regulierer und Aufseher profitieren natürlich auch selbst davon. Auch wir können Big Data und Machine Learning nutzen, um Risiken früher zu erkennen und besser einzuhegen. Allerdings gilt auch hier: Technik allein ist kein Allheilmittel; sie ergänzt die Erfahrung und das Wissen von Menschen.

Fazit

Das Finanzsystem bildet das Rückgrat jeder Volkswirtschaft. Die Frage nach der Bank der Zukunft hat damit eine hochpolitische und gesellschaftliche Dimension, die wir immer mitdenken müssen. Es geht darum, die Realwirtschaft zuverlässig zu finanzieren. Daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern.

In gigantischen technologischen Potenzialen liegt die große Chance, das Finanzsystem nicht nur erheblich effizienter zu machen, sondern auch fundamental stabiler. Darauf arbeiten wir als Bundesbank mit aller Kraft hin.

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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