MOBILE PAYMENT28. Dezember 2017

Mobilfunkunternehmen: Ist das Vodafone-Wallet das „Video 2000“ des Mobile Payment?

Video 2000 konnte sich - obwohl technisch besser - nicht durchsetzen. Droht der Vodafone-Wallet das gleiche Schicksal?
Video 2000 konnte sich – obwohl technisch besser – nicht durchsetzen. Droht der Vodafone-Wallet das gleiche Schicksal?wikimedia/Ubcule

Anfang der 80er Jahre gab es einen Formatkrieg um das beste Video System. Video 2000 von Grundig und Philips galt unter Experten als die überlegene Technik, mit Laufzeiten von bis zu 16 Stunden war das System den Wettbewerbern weit voraus. Beim Mobile Payment läuft seit Jahren ein ähnlicher Wettstreit der Systeme. Was war passiert? Und was bedeutet das für die Zukunft? Die Hintergründe zur E-Plus-, Telekom- & Vodafone-Wallet und warum Vodafone nun auf ApplePay hoffen muss.

von Rudolf Linsenbarth

Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth beschäftigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kunden­bindung und Digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Linsenbarth ist profilierter Blogger der Finanzszene und kom­men­tiert bei Twitter unter @holimuk die aktuellen Ent­wick­lungen. Alle Beiträge schreibt Rudolf Linsenbarth im eigenen Namen.
Wer das Thema schon länger verfolgt weiß, dass die Mobilfunkunternehmen hier das ganz große Rad drehen wollten. Beim ursprünglichen NFC-Konzept war die SIM-Karte mit Smartcard-Technologie der zentrale Sicherheitsanker im Handy. Eine Organisation zur Standardisierung namens Global-Platform wurde gegründet. Die Infrastruktur, sogenannte Trusted Service Manager (TSM) zum Verbinden von SIM-Karte und Banken-Rechenzentrum sollten Unternehmen wie Gemalto, Gieseke & Devrient und Oberthur bereitstellen. Alle Zahlkarten, aber auch Fahrtickets, Auto und Hotelzimmerschlüssel, so die Vorstellung, werden dem Kunden „Just in Time“ über die Luftschnittstelle zugespielt.

Das Kalkül von Telekom, Vodafone & Co, zu den beiden wesentlichen Technologiepartnern in diesem Verbund, Handy-Herstellern und TSM-Anbietern, bestanden bereits Lieferbeziehungen, so dass diese sich einer dominanten Position der Mobilfunkunternehmen nicht in den Weg stellen würden.

Zu früh …

Dieses Konzept wurde bereits im Jahr 2004 entwickelt. Damals existierte die Akzeptanzinfrastruktur für das kontaktlose Bezahlen noch gar nicht. Kunden hatten überhaupt keine Vorstellung, was so ein Paradigmenwechsel für sie bedeutet und ob sie davon Vorteile haben werden. Die Banken sahen vor allem einen Intermediär, der sich gerade zwischen ihre Kundenbeziehung drängt, und zeigten den Mobilfunkunternehmen die kalte Schulter.

Kommt Apple Pay?
Apple/ITFM

… und dann kam auch noch Apple

Am schlimmsten aber traf die Telkos der Erfolg des iPhone. Hier gab es nun einen Handy-Hersteller, der nicht mehr zu steuern war. Technische Spezifikationen wurden nun durch Apple gesetzt. Das Unternehmen aus Cupertino hatte sich lange gegen die NFC-Technologie gesträubt und erst im Jahr 2014 eine Lösung präsentiert, bei der die Mobilfunkunternehmen außen vor waren.

Trotzdem ließen Telekom und Vodafone sich nicht entmutigen und begannen mit der Entwicklung ihrer Mobile Wallets. Die Telekom stolperte etwas orientierungslos durch die Landschaft.“

Als zukünftige Größe im internationalen Zahlungsverkehr hatte man sich mit „Click & Buy“ einen eigenen Dienstleister zugelegt. Man wollte so mit einer hohen Fertigungstiefe die Grundlagen für die Skalierung legen. Das ist dann gründlich schiefgegangen und in der Not kopierte man das Vodafone-Konzept, bei dem fast alle Gewerke an externe Dienstleister vergeben worden sind. Als Feigenblatt wurde Click & Buy noch eingebunden und durfte seine Banklizenz beisteuern. Das sollte sich dann bitter rächen.

SIM-Karten
Scanrail/bigstock.com

Kunden wollten kein Prepaid

E-Plus, Telekom und Vodafone gingen also mit einer Mobile-Payment-Lösung an den Start, die eine Prepaid-Kreditkarte vorsah. Damit ist man dann beim Kunden gnadenlos durchgefallen! Mit Prepaid ist in Deutschland kein Blumentopf zu gewinnen und Kreditkartenakzeptanz war im Jahr 2014 abseits von Tankstellen und Hotels eher die Ausnahme. Vodafone begann daher, das Konzept weiterzuentwickeln und heraus kam eine Lösung, die der Tokenisation im iPhone auf den ersten Blick sehr ähnelt.

Mobile Payment nur für eine Minderheit unter der Minderheit

Was sich aber mittlerweile geändert hatte, war die Tatsache, dass eine immer größere Anzahl von Handy-Herstellern ihre eigene Roadmap bei der Produktentwicklung verfolgte. Hier den Global-Platform-Standard einzuhalten und die Geräte dafür zu zertifizieren, hatte für diese Produzenten keine Priorität mehr. Zum anderen entschied sich Vodafone dazu, sein Wallet nur Kunden mit einem „Laufzeitvertrag“ zur Verfügung zu stellen. Also Prepaid-Kunden und Kunden, die zwar im Vodafone-Netz telefonierten, wie z.B. 1&1 oder Edeka mobil waren ganz außen vor. Von weit über 40 Millionen Kunden, die im Vodafone Netz verbleiben, also nur noch die Vertragskunden. Davon sind wiederum die iPhone-Nutzer abzuziehen. Der verbleibende Rest muss dann noch ein NFC-fähiges Android-Smartphone besitzen. Damit ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Nicht alle Smartphone-Hersteller halten den Global Platform Standard ein und unterstützen das Single Wire Protokoll (z.B. Google). Wenn sie es denn tun, müssen sie ihr Smartphone gegenüber Vodafone noch zertifizieren. Das erspart sich beispielsweise Motorola.

Das Ende vom Lied, für Vodafone Wallet reduziert sich ein Potenzial im mittleren zweistelligen Millionenbereich auf einen niedrigen einstelligen.“

Damit verliert das Programm erheblich an Attraktivität für externe Partner. Ganz zu schweigen davon, dass die Basisbetriebskosten von der Menge der Nutzer völlig unabhängig sind und solch ein Produkt rentabler wird, je mehr Kunden sich dafür entscheiden.

girocard mobile im Vodafone Wallet
Die girocard mobile sollte sowohl in die Telekom, als auch in die Vodafone Wallet – das ging schief.ITFM

Die Telekom beerdigt ihre Wallet

Der nächste Tiefschlag für Vodafone war die Beendigung des Telekom-Wallet. Click&Buy war mittlerweile dermaßen defizitär, dass man in Bonn die Reißleine zog und das Startup liquidierte. Damit war aber auch die Lizenz für die eigene Payment-Lösung im Telekom-Wallet dahin. Eine Investition, um die schlecht laufende Prepaid-Karte unter Lizenz einer anderen Bank weiterzuführen, wollte man nicht tätigen. Also hoffte man auf die Targobank, aber die ließ sich Zeit und nach einem halben Jahr war dann endgültig Schluss. Verärgerung bei den Genossenschaftsbanken und Sparkassen war die Folge. Sie planten ursprünglich, ihre girocard in die Wallets der beiden Telkos zu platzieren. Nur Vodafone-Wallet alleine, E-Plus hatte seinen Ausflug ins Mobile Payment mit der O2-Fusion beendet, war dann doch nicht attraktiv genug.

Ist die Vodafone-Wallet alleine noch genug?

Ob Vodafone-Wallet eine Zukunft hat, wird sich wahrscheinlich 2018 entscheiden. Das Produkt ist fertig und die Nutzer sind damit äußerst zufrieden. Es gehört zu den stabilsten und zuverlässigsten Mobile-Payment Lösungen.

Auch im Punkt Zusatzfunktionen belegt das Produkt einen Spitzenplatz. Fahrer der Mercedes E-Klasse können sogar ihren Autoschlüssel darin ablegen. Wie sich mit dem jetzigen Setup aber jemals Geld verdienen lässt, ist nicht absehbar. Eine weitere Unwägbarkeit ist die Zukunft der SIM-Karte. Mit der eSIM werden die Karten neu gemischt und die Mobilfunkunternehmen werden ihre Pool Position in diesem Spiel wahrscheinlich räumen müssen.

Sich an die Kreditkarten-Unternehmen anzulehnen und deren Tokenisation zu adaptieren, ist vielleicht die zurzeit beste Option für Vodafone-Wallet. Im Windschatten einer Apple-Pay-Einführung kann man dann zeigen, dass hier zumindest die beste Lösung für Android ist.

Ansonsten gilt genau wie für VIDEO 2000 nicht immer ist die technologisch beste Lösung diejenige, die sich am Markt durchsetzen wird. Es zeichnet sich ein Ausgang ab, der stark an den Videoformatkrieg erinnert.“Rudolf Linsenbarth

 
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