STRATEGIE25. März 2019

Moblie Payment in China und was wir in Europa von WeChat lernen können (Teil 1)

WeChat Pay
WeChat Pay/Wirecard

Als WeChat 2011 gelauncht wurde, gab es kaum Resonanz in den Medien außerhalb von China. Tencent disruptierte damit seine bereits erfolgreichen Anwendungen QQ (Instant Messaging Dienst) und Q Zone (Social Network), indem WeChat ausschließlich auf die mobile Nutzung ausgerichtet wurde. Die Entwicklung zur Super-App geschah schrittweise, orientiert an den sich entwickelnden Bedürfnissen der Nutzer, die sich durch deren Datenspur offenbarten. Der WeChat-Plattform gelang es, durch die technologischen Rahmenbedingungen und den Wert, welchen die Plattform zu liefern in der Lage war, viele andere Unternehmen dazu zu bewegen, ihre Apps direkt in der WeChat-Welt zu erstellen, anstatt eigene Wege zu gehen. Die Analyse

von Boris Janek

In nur 2 Jahren wurde WeChat zur dominierenden Plattform und monopolisierte gleichzeitig das digitale Leben der Chinesen, beinahe alles war möglich. Entscheidend für den weiteren Siegeszug war aber der Wunsch bzw. der Ansatz, die Funktionalitäten vom Smartphone in die reale Welt zu übertragen.

WeChat sollte zur Fernbedienung des Lebens werden.“

Nicht die digitalen Güter, sondern die Möglichkeit nahezu jedes Handels- und Dienstleistungsangebot über Barcodes nutzen und bezahlen zu können, darf als die Initialzündung für die chinesische Payment-Revolution verstanden werden, die wiederum auch einen wichtigen Beitrag für die heute führende Rolle der Chinesen bei künstlicher Intelligenz leistete.

Der entscheidende Schritt hierfür war dabei, in die Geldbörsen der Nutzer zu kommen. Erst eine überlegene Bezahlfunktion sollte WeChat zum Alleskönner machen und damit natürlich auch die Mobile-Payment-Revolution auslösen.

WeChat startete mit einem digitalen roten Umschlag zu Neujahr
suthee/bigstock.com

Digitale rote Umschläge

Am Neujahrstag 2014 blies WeChat zur Attacke. Rote Umschläge mit Bargeld sind chinesische Tradition zum Neujahrstag. Vergleichbar mit Weihnachtsgeschenken, die aber auch von Unternehmen an ihre Mitarbeiter vergeben werden. Diese Tradition machte sich WeChat zunutze. Sie gaben ihren Nutzern die Möglichkeit, digitale rote Umschläge mit echtem Geld an Freunde zu versenden. Sobald die Benutzer ihre Bankkonten mit WeChat verknüpften, konnten sie Umschläge im Wert eines bestimmten Geldbetrages an eine Person oder in einen Gruppenchat verschicken und ihre Freunde an einer Art Wettbewerb teilnehmen lassen: Wer sie erhält und die Umschläge zuerst öffnet, bekommt schließlich das Geld. Dieses Geld existierte dann in der WeChat Wallet der Benutzer innerhalb der App. Es konnte von da an verwendet werden, um Einkäufe zu tätigen oder es an andere Freunde zu versenden.

Die Mischung aus Tradition und Gamification führte zur Versendung von 16 Millionen Paketen am Neujahrstag und die Anbindung bzw. Akquise von 5 Millionen Bankkonten.“

Boris Janek, FINANCE ZWEINULL
Boris Janek wurde 1967 in Gummersbach geboren. Ein Studium der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, Organisationswissenschaften und Psychologie brachten ihn nach Wuppertal. Seine Karriere startete er als Personalberater bei apriori. Anschließend wurde er Leiter guide Entwicklung bei der guide guide ag Rolandseck. 2001 wurde Janek Mitarbeiter der VR-NetWorld, danach Digital Innovation Strategist. Heute ist er bei der ADG – Akademie Deutscher Genossenschaften tätig. Ein Insider, der Innovationen vorantreibt, Startups kennt und die Bankensicht damit vereinbart. Janek betreibt das Blog financezweinull.de und ist auch auf Twitter aktiv (@electrouncle).
Jack Ma nannte diese Aktion später Pearl Harbor Attacke auf sein ebenfalls bereits erfolgreiches Angebot Alipay. Letztendlich trieb die Konkurrenz dieser beiden Internetgiganten die Mobile-Payment-Revolution in China voran, die natürlich außerdem davon profitierte, dass es in China keine vergleichbare Infrastruktur und kein vergleichbares Bankensystem wie in Deutschland oder Europa gab. Wie auch, bei mehr als einer Milliarde Menschen? Könnte man fragen.

Nicht vergessen darf man darüber hinaus die hohe Smartphone-Penetration, die zwischen 2009 und 2013 von 233 auf 500 Millionen Nutzer stieg. Letztendlich war die Möglichkeit, überall, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Höhe zu bezahlen, der Auslöser einer Konsum-Revolution. Innerhalb der Anwendungen kann man inzwischen die Stromrechnung, Essens-Lieferungen, Live-Streaming, On-Demand Maniküre, Zugtickets, Kinokarten, Fahrradmiete, Einkäufe bei kleinen Straßenhändlern und auf Märkten und vieles mehr bezahlen.

In China ist es gelungen, die Online- und die Offline-Welt eins werden zu lassen. Nicht zuletzt auch durch die Hilfe staatlich getriebener Innovation. Ein Phänomen, das in der westlichen Welt weitgehend fehlt und an vielen Stellen sogar abgelehnt wird.“

Aber wäre es nicht wünschenswert, wenn auch in Deutschland staatliche Institutionen wirklich verstehen würden, was zu tun ist, um die digitale Transformation erfolgreich zu durchlaufen und diese Kompetenz auch in aktive Innovation übertragen könnten?

Das Problem: Denken in Insellösungen

Es ist eigentlich nicht zu erwarten, dass in Europa oder Deutschland eine ähnliche „Mobile Payment“-Revolution stattfindet. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist sicherlich das nach wie vor existierende Denken in nationalen- und Unternehmenslösungen. Es fehlt eine Kooperations- und Ökosystem-Kultur. Jeder denkt, er könne selber und eigenständig den Durchbruch erzielen und entsprechend den ganzen Kuchen essen.

nmedia/bigstock.com

Darüber hinaus scheint es gerade in Europa nicht ohne staatliche Innovation zu gehen, zumindest gilt es regulatorische und kulturelle Barrieren zu beseitigen.

Was der chinesische Weg ebenfalls andeutet? Auf keinen Fall wird der Durchbruch über eine klassische Bank oder einen klassischen Payment-Dienstleister gelingen.

Der Nutzer erwartet mehr als eine Payment-Funktion oder ein Zahlungsmittel. Jede Innovation muss echten Mehrwert liefern. Zeitersparnis und Bequemlichkeit werden nicht ausreichen. Wir werden also warten müssen.“

Schließlich wird unsere Ungeduld aber doch befriedigt werden. Manche Dinge dauern etwas länger.Boris Janek

Weiterführende Literatur:
1. AI Superpowers – China, Silicon Valley and the new world order.  – Kai Fu Lee (bei z. B. Amazon – kein Affiliate-Link)

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/87120
 
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