ANWENDUNG15. Mai 2017

Praxistest: ING DiBa-App zum Immobilienschätzen – schick, aber mit handwerklichen Schnitzern

Baumgarten

FinTechs setzen die etablierten Banken seit einiger Zeit mit innovativen Apps unter Druck. Damit sprechen sie eine junge, technikaffine Zielgruppe an, die in den kommenden Jahren für die Banken hoch attraktiv sein wird. Die Sparkassen mit YOMO oder die Deutsche Bank mit ihrer neuen Mobile-App haben darauf bereits reagiert. Die ING-Diba will da nicht zurückstehen und bringt jetzt ebenfalls eine neue App auf den Markt. Tobias Baumgarten hat sie getestet.

von Tobias Baumgarten

Die Grundidee der neuen App klingt so simpel wie mehrwertig: ich sehe unterwegs eine interessante Immobilie, die ich gern kaufen würde.

<q>ING DiBa/Baumgarten</q>
ING DiBa/Baumgarten

Schnell ein Foto gemacht und die App zeigt mir den ungefähren Marktwert an und berät mich zudem rund um die passende Finanzierung. Klingt zunächst einmal gut – in der Ausführung sind den Entwicklern allerdings einige handwerkliche Schnitzer unterlaufen.

Was die App kann …

Um den Marktwert zu bestimmen, lädt die App das Foto auf einen Server, wo es mittels KI als Wohnhaus oder Wohnung klassifiziert und mit den GPS-Daten kombiniert wird. Mittels einer Kaufpreisdatenbank von Sprengnetter und Bodenrichtwertkarten der Gutachterausschüsse wird dann eine Preisspanne auf Basis der ortsüblichen Bebauung und Größe angegeben. Hat der Nutzer mehr Kenntnisse über das Objekt, z.B. die Größe der Wohnfläche oder das Baujahr, kommt sogar ein konkreter Verkehrswert heraus.

Tester: Tobias Baumgarten
Tobias-Baumgarten-516Tobias Baumgar­ten ist gelern­ter Bank­kauf­mann und studier­ter BWLer. Er arbeitet derzeit als­ Spezia­list für Multi­kanal-Banking an Digi­talisierungs-Themen. Beruflich & privat lei­den­schaftlich in­ter­es­siert an FinTech-Themen, bloggt und twit­tert er ­privat über FinTech. Sie fin­den Tobi­as Baumgar­ten auf aboutfintech.de und Twitter.

Mit einer Vorstellung über den ungefähren Kaufpreis in der Hand kommt jetzt die ING-DiBa ins Spiel. Denn für den Immobilienerwerb benötigen die meisten Menschen eine Baufinanzierung. Die App bietet dazu einerseits einen Budgetrechner und ein Tool zum Anfragen einer Finanzierung andererseits. So weit, so gut. Allerdings leistet sich die App einige Schnitzer und vermittelt dem Nutzer dadurch den Eindruck, als hätten sich der Entwickler und die ING-Diba den Beta-Test und Use-Labs mit Kunden im Rahmen der Entwicklung gespart.

Auf den ersten Blick erscheint die App sehr nutzerfreundlich programmiert und intuitiv bedienbar. App öffnen, Foto knipsen, gegebenenfalls zwei Schieberegler verstellen und den Wert der Immobilie sehen. Soweit die Theorie – in der Praxis lauern bereits hier einige Stolperfallen, die dann die Frustrationstoleranz des Nutzers herausfordern.

… und welche Schwächen sie hat

Baumgarten

Zum Testen bin ich durch unser Wohngebiet spaziert und habe die Häuser in meiner Nachbarschaft ins Visier genommen. Gewachsenes, ländliches Baugebiet mit vielen Einfamilienhäusern. Jeweils 9 bis 12 Meter breit und 6 bis 8 Meter hoch. Der Nutzer kommt ob dieses Formats intuitiv auf die Idee, ein Foto im Landscape-Modus aufzunehmen, was die App scheinbar auch zulässt. Damit das Foto schön wird, noch schnell zurechtzoomen – fertig.

Denkste! Denn die App schneidet sich aus dem Bild automatisch ein Bild im Portrait-Modus zurecht – mit der Folge, dass nur das halbe Haus drauf ist.“

„Its not a bug – its a feature!“ …?Baumgarten

So kann die App natürlich nichts erkennen und meckert, dass das Objekt nicht eindeutig klassifiziert werden konnte. Wer sich in den Einstellungen durch die FAQ kämpft, erfährt denn auch, dass die Fotos ausschließlich im Portrait-Modus und immer ohne Zoom aufgenommen werden müssen. Blöd nur, dass einen die App beim Start nicht darauf hinweist.

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Ein weiteres Ärgernis ist zudem, dass die Kamera beim Knipsen nicht sofort auslöst, sondern erst mit einer Verzögerung von etwa zwei Sekunden. Und das liegt nicht an der Kamera, die in allen anderen Apps ansonsten blitzschnell reagiert.

Die Technik erscheint wenig ausgereift

Als normaler Nutzer wäre ich vermutlich an dieser Stelle bereits ausgestiegen und hätte die App wieder gelöscht – 1 Sterne-Bewertung im Appstore inklusive. Aber als Tester gibt man natürlich nicht so schnell auf. Mit viel Learning by doing nachmittags also der zweite Anlauf – mit neuem Frust. Jetzt wusste ich zwar, wie ich die Fotos aufnehmen musste, nur viel besser wurde das Ergebnis nicht. Bei vier von sechs getesteten Objekten erkannte die App das Objekt nicht – obwohl die Fotos jeweils für ein Verkaufs-Exposé gereicht hätten.

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Wahlweise monierte die App allerdings auch, dass ich meine Internetverbindung überprüfen solle. Das tat sie selbst dann, wenn ich vollen Empfang mit UMTS/H+ oder LTE hatte und testweise selbst Videostreaming problemlos funktionierte. Sporadisch meinte die App zudem, Autokennzeichen oder Personen auf dem Bild zu erkennen, wo weit und breit keine zu sehen waren. Aus Gründen des Datenschutzes verweigerte die App aber dann den Dienst.

Was sonst noch nervt: Keine manuelle Eingabe

Ordentliche Preisspanne …Baumgarten

Immerhin, in einigen wenigen Fällen funktionierte die App dann tatsächlich so, wie sie es eigentlich sollte. Dann allerdings waren die angezeigten Preisspannen enorm. Für das erkannte Einfamilienhaus verkündete die App „durchschnittliche Preise in der Region: 273.000 € – 554.000 €“ – ja vielen Dank für diese Einschätzung.

Erst, wenn man über die Schieberegler das Baujahr einschätzt, wird der Wert konkret. Die App hilft einem übrigens trotz Foto und KI nicht bei dieser Einschätzung.“

Damit die App überhaupt arbeitet, müssen die Positionsdienste laufen, sonst meckert sie. Allerdings nicht bereits beim Öffnen, sondern wenn man den ersten Schnappschuss machen will. Eine manuelle Adresseingabe ist alternativ nicht möglich. Auch die Internetverbindung ist obligatorisch, klingt erstmal logisch, ist aber hinderlich. Gerade in ländlichen Gebieten steht man öfters mal im Funkloch. Da wäre es schön, wenn man den Schnappschuss erstmal nebst Positionsdaten zwischenspeichern und später im heimischen WLAN hochladen könnte.

Wer sich von alldem nicht abschrecken lässt und tatsächlich einen Wert erhält, würde nun vielleicht gern eine Finanzierung anfragen. Also schnell auf den entsprechenden Button geklickt. Hätten die Entwickler nutzerfreundlich gedacht, würden nun die von der App ermittelten Daten nebst Geodaten in den Rechner übernommen. Dummerweise verlinkt der Button einfach auf die allgemeine Rechner-Webseite der ING-DiBa. Die Formulare sind so blank, als wären sie mit Persil gewaschen worden – letzte Chance vertan, mich positiv zu überraschen.

Wem nutzt diese App?

ING DiBa/ Baumgarten

Am Ende bleibe ich ratlos zurück: was soll diese App und wem nützt sie überhaupt? Mir als Nutzer geht sie auf jeden Fall wegen der genannten Fehler und Unbequemlichkeiten schnell auf die Nerven. Der Mehrwert hält sich arg in Grenzen, denn selbst, wenn sie denn mal funktioniert, ist die genannte Preisspanne riesig. Der ING-DiBa dient sie bisher als wirklich platter Lead-Generator hin zu den Rechentools, ohne allerdings die Daten der App sinnvoll zu nutzen.

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Bleibt eigentlich nur noch Sprengnetter, der Immobiliendienstleister im Hintergrund. Der erhält eine Menge Daten in Form von Fotos und Einschätzungen zu den Baujahren der Objekte. Damit kann Sprengnetter auf günstige Art und Weise seine Datenbank anfüttern. Und auch die KI zur Objekterkennung wird vom Nutzer kostenlos trainiert.

Das Fazit: Gut gemeint.

Die neue App der ING-DiBa ist sicherlich gut gemeint und könnte dem Kunden tatsächlich einen Mehrwert bieten. Allerdings haben die Entwickler alles in ihrer Macht stehende dazu beigetragen, die User Experience zu ruinieren.“

Man wünschte sich, sie hätten noch vor der Veröffentlichung der App einen geschlossenen Betatest mit anspruchsvollen Testern durchgeführt. Bei einem kleinen Startup hätte ich den einen oder anderen Fehler sicherlich nachgesehen, aber nicht bei einem der größten Finanzkonzerne Europas.Tobias Baumgarten

Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://www.it-finanzmagazin.de/?p=50016
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