PRODUKTE13. Juli 2020

Wie die Comdirect das Privatkundengeschäft der neuen Commerzbank prägt

Comdirect

Wie wird sich die Comdirect nach der Ver­schmel­zung mit der Commerzbank in ihrem Privat­kunden­geschäft aufstellen? Und wie stellt sich die Commerzbank auf?
Der­zeit führt das Un­ter­neh­men ei­ne Kun­den­um­fra­ge durch, die sehr auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke in die Ge­dan­ken­welt des Pro­dukt­ma­nage­ments und das Marketing der (noch) zwei Banken bietet. Auch einige interessante Ideen gibt es in Hinblick auf ein Geschäftsfeld, dass bislang keine der beiden Banken im Angebot hat, das in Zukunft aber definitiv wichtiger wird. In einer exklusiven Analyse zeigt IT-Finanzmagazin erste Entwürfe, die die Comdirect ausgewählten Kunden vorgestellt hat. 

Sicher haben Sie schon von der geplanten Verschmelzung von comdirect mit der Commerzbank AG gehört. Wir möchten Ihnen heute eine von mehreren möglichen Ideen vorstellen, wie unsere zukünftige Webseite nach der Integration aussehen könnte“ …

… kommt die Comdirect in dem Mailing, das offenbar an ausgewählte Kunden geht, gleich zur Sache. Man wolle sich auf dem Weg zur zukünftigen Webseite an den Wünschen der Kunden orientieren, heißt es. Die Ergebnisse der Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Kantar im Auftrag der Bank durchführt, sollen nur in anonymisierter und nicht nachvollziehbarer Form an die Bank gehen.

Interessant sind dabei erst einmal einige Gedankenspiele: Abgefragt wird, welche sonstigen Institute der Kunde wie gut kennt und gegebenenfalls nutzt: von Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken über die Deutsche Bank, Postbank und die HVB bis hin zu anderen Direktbanken von Consors bis Diba. Umgekehrt geht es aber auch darum, wie empfehlenswert er bestimmte Banken findet und ob er die Comdirect oder die Commerzbank vermissen würde.

Möglicherweise spielen Comdirect und Commerzbank mit der Überlegung, Marken intensiver oder weniger intensiv zu nutzen – vielleicht sogar, die Comdirect doch noch als Marke fürs Privatkundengeschäft zu erhalten?“

Auf der Website: Viel Comdirect, wenig Commerzbank

Dann zeigt das Unternehmen eine neue Website, die offenbar ein Vorschlag sein könnte, wie die neue Website aussehen könnte. Man betont natürlich, dass diese noch alles andere als final sei und auch nicht klar sei, ob die Seite letztendlich so aussehen werde. Es wäre aber sicher auch unglaubwürdig, dass man die Corporate Identity und das Webdesign ganz anders angehen will, wenn die Marktforschung an dieser Stelle nicht verheerend gegen die bisherigen Vorschläge spricht.

Comdirect

Insgesamt wirken die Seiten, lässt man einmal das Commerzbank-Logo am oberen Rand außer Acht, wie eine etwas modernere Fassung des Comdirect-Auftritts.

Wir haben schon Relaunches erlebt, bei denen trotz gleicher Marke mehr verändert wurde. Offenbar ist man sich also des Markenwerts der Comdirect im Konzern bewusst.

Wenn das wirklich der Ansatz ist, mit dem man auch die Commerzbank-Kunden beglücken will, dann darf man den Quickbornern gratulieren: Eine moderne Bildsprache, die weder die Commerzbank- noch Comdirect-Kundschaft so richtig verschreckt. Bleibt zu hoffen, dass unter der Haube ebenso viel Comdirect in das neue Endkundengeschäft der Frankfurter einfließt. Ein Teil des Screenshots lässt vermuten, dass die App mehr in den Vordergrund rücken wird und dass die Commerzbank sich zumindest nicht nur an Frankfurt annähern dürfte, sondern auch ans Lager der Neo- und Challenger-Banken.

„Gut, günstig, transparent“ – all das klingt zusammen mit Billig-Trades und ETFs im Kontext der Wertpapierangebote und der App eher nach Comdirect als nach dem etablierten Privatkundenberatung der Commerzbank im abgeschlossenen Büro bei Kaffee und Keksen. Dass die Commerzbank radikal an den Filialen spart, ist kein Geheimnis und dass sich Beratung auch individuell gut per Telefon oder Videokonferenz erledigen lässt, stellt die Direktbank schon seit langer Zeit unter Beweis. Entsprechend dreht sich auch eine Frage in der Kundenbefragung um die Rolle der Filialen der Commerzbank.

Plant die Commerzbank einen Trade-Republic-Klon?

Wird die Commerzbank zur Comdirect? Zumindest im Markenauftritt?
Comdirect

Interessant aber auch einige Fragen, die die Comdirect am Schluss stellt und die darauf hindeuten, dass in Quickborn und Frankfurt noch ganz andere Saiten aufgezogen werden könnten: Der Kunde wird befragt, wie er zu Zero-Commission-Anbietern wie der Trade Republic, Scalable Capital Broker, Gratisbroker, Degiro und Co. steht, die als niederschwellige Angebote meist via Smarphone-App die kleineren Anleger abholen wollen. Es wäre wenig verwunderlich, wenn die Commerzbank mit einem entsprechenden Angebot an den Markt kommt. Denn gerade das Sparplangeschäft in der ETF- und Aktienvariante lässt sich, das zeigt gerade wieder die neue Sparte der Scalable Capital, gut im Markt einführen.

Klar ist, dass die Kunden noch viel zu erwarten haben – und dass die Fusion (böse Zungen in der Branche sprechen von einer feindlichen Übernahme oder Annexion) der Comdirect für die Quickborner gar nicht so problematisch sein könnte. Man wird abwarten müssen, wie viel von dem hier vorgestellten Entwurf sich dann letztlich im Auftritt der Commerzbank finden wird und wie viel Comdirect „unter der Haube“ zu finden ist.

Die Fragen nach den Zero-Commission-Anbietern könnte aber darauf hinauslaufen, dass es ein niedriger bepreistes Angebot mit Einschränkungen (beispielsweise im Angebot und in den verfügbaren Handelsplätzen) geben kann und dass die preisbewusste Kundschaft hierauf verwiesen wird, während die vermögenderen Kunden im Kernangebot gehalten werden sollen und dort mehr als bisher für ihre Comdirect zahlen müssen.

Wie stark prägt Comdirect-Ex-Chef Walter das neue Bild?

Arno Walter (ehem. Comdirect-Chef) ist Bereichsvorstand Wealth Management & Unternehmerkunden bei der Commerzbank
Arno Walter (ehem. Comdirect-Chef) ist Bereichsvorstand Wealth Management & Unternehmerkunden bei der Commerzbankcomdirect

Der langjährige Comdirect-Chef Arno Walter ist jedenfalls Anfang des Jahres zur Commerzbank gewechselt – und verantwortet dort als Bereichsvorstand Wealth Management & Unternehmerkunden auch das Integrationsprojekt im Rahmen der beabsichtigten Verschmelzung der Comdirect auf die Commerzbank. Nachdem nur wenige Comdirect-Aktionäre der Commerzbank ihre Papiere übertragen hatten (und die Commerzbank die Annahmeschwelle von 90 Prozent klar verfehlt hatten), wird die Verschmelzung nun auf der Basis von Hauptversammlungsbeschlüssen realisiert.

Dabei ist die Hinwendung zu mehr Moderne und weniger Tradition für den Commerzbank-Konzern eine Strategie, bei der manche Kunden auf der Strecke bleiben könnten. Schließlich hat die Commerzbank selbst ja auch seine traditionsbewusste, wenig netzaffine Kundschaft, von denen laut einer Yougov-Umfrage im Auftrag der Wirtschaftswoche nur 68 Prozent überhaupt ein Online-Banking-Konto nutzen. Denen könnte Walters Versprechen „unsere Kunden werden in der Commerzbank mehr Comdirect erleben“ eher sauer aufstoßen, zumal die Coronakrise und die jüngsten Einschnitte darauf hindeuten, dass das Filialnetz, mit dem die Commerzbank gerne wirbt, weiter ausgedünnt wird.

Doch die Stellung der Comdirect im Unternehmen ist eine solide – denn die Direktbank kann mit 44 Milliarden verwaltetem Vermögen und vergleichsweise starken Zahlen punkten.“

Und mit dem Ausscheiden von Martin Zielke, dem Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank, könnte das Vertrauen in den Erfolg der Comdirect tatsächlich eine gute Idee für die Zukunft des Privatkundensparte der Commerzbank sein. Das neue Erscheinungsbild (mehr Moderne als Tradition) steht der Bank gut zu Gesicht. Abzuwarten bleibt, wieviel Comdirect im Maschinenraum unter Deck übrig bleibt.tw

 
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