STRATEGIE24. Januar 2017

Apple, Google & Co. können beim mobilen Bezahlen gar nicht alle Nischen besetzen – Interview SIX Group

Jürg Weber, Division CEO Payment Services bei der SIX GroupSIX Group

Deutschland träumt den Dorn­rös­chen-Schlaf: Wenn es um mobiles Bezahlen geht, sind – in der heutigen EU – vor allem Großbritannien, Spanien und Italien Vorreiter. Global Player stehen mit Apple Pay, Google Wallet sowie Samsung Pay und Alipay (mehr…) in den Startlöchern, um den europäischen Markt für Zahlungsverkehr aufzumischen. Hierzulande hat der Handel noch ein paar technische Hürden (mehr…) zu überspringen und viele Verbraucher trauen sich noch nicht aus der Deckung. Die Angst vor Datenmissbrauch hält laut PwC bis zu zwei Drittel der Deutschen (mehr…) davon ab, mobil zu bezahlen. Genau darin sieht Jürg Weber, Chef der Payment-Sparte der international tätigten Schweizer SIX Group, eine Riesenchance – gerade auch in seinem Heimatmarkt Schweiz.

von Florian Bongartz

Herr Weber, warum sehen Sie ausgerechnet in Verbrauchern, die Angst vor Datenmissbrauch haben, eine Riesenchance im mobilen Zahlungsverkehr?

Ein durch Angst vermitteltes Verhalten oder eben Unterlassen ist eine emotionale Reaktion, die wir interpretieren können als eine Nachfrage nach sicheren Bezahllösungen.

Die Leute sagen ja nicht, wir wollen keine Mobiltelefone zum Bezahlen nutzen, sondern sie sagen, dass sie es aus einem ganz bestimmten Grund nicht tun.“

Die Datenschutzdebatten der vergangenen Jahre oder auch Edward Snowdens Enthüllungen über Geheimdienste, die unsere Alltagskommunikation überwachen, schüren Misstrauen gegenüber großen Organisationen, deren technische Fähigkeiten uns Unbehagen bereiten.

Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Aktivitäten von Apple, Google und Alipay ein?

Ganz klar: die großen Spieler stoßen eine Entwicklung an, die mobiles Bezahlen verbreitet und die Kunden dazu bringt, die technischen Lösungen dafür zu akzeptieren und zu nutzen. Das System funktioniert aber nur, wenn hinter Apple, Alipay und Google entsprechend große Nutzergruppen stehen. In erster Linie sind das Kunden, die diese Unternehmen bereits mitbringen. Apple beispielsweise hat eine weitgehend geschlossene IT-Ökonomie geschaffen, Alipay möchte zumindest Stand heute vor allem bestehenden Anwendern aus dem Heimatmarkt das mobile Bezahlen mittels AliPay auch im Ausland ermöglichen. Aktuell droht nach unserer Einschätzung also weder Banken noch Händlern der große Angriff von außerhalb.

Dies kann sich jedoch ändern, wenn Regulatoren Rahmenbedingungen schaffen, die den Zugang zu Kundendaten für diese Spieler leichter zugänglich machen oder wenn Kartenherausgeber ihre Kunden und deren Daten an diese Firmen weitergeben.“

Wie sehen Sie die Entwicklung?

ApplePay gibt es beispielsweise in der Schweiz heute schon mit einem ausgereiften Geschäftssystem. Aber nur wenige Banken bieten diesen Service den eigenen Kunden an. Alipay, Samsung Pay und Google arbeiten noch an ihren Europa-Strategien und haben viel zu bieten. Dabei gelten einfache Bedienung, sichere Daten und überschaubare Kosten als wesentliche Erfolgskriterien. Alles unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Das hat Raum gelassen für zwei lokale Lösungen.

TWINT

Sie sprechen von Ihrer eigenen Lösung Paymit und der Postfinance-Lösung Twint.

Genau. Gemeinsam mit der UBS und der Zürcher Kantonalbank haben wir im März 2015 Paymit lanciert. Auch auf Druck des Handels haben wir dann mit der Postfinance gesprochen und festgestellt, dass es kaum Sinn ergibt, mit Paymit und Twint zwei nahezu identische Lösungen parallel zu entwickeln. Kurz vor dem Jahreswechsel hat uns die Wettbewerbskommission grünes Licht gegeben, beide Systeme zusammenzuführen und ab Frühjahr 2017 unter dem gemeinsamen Namen Twint anzubieten.

Worin besteht der praktische Mehrwert dieses Systems gegenüber ApplePay und Co.?

In erster Linie hilft uns, dass wir den lokalen Kunden, den Schweizer Kunden, besser kennen als die globalen Systeme. Unsere Gesellschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte mit ganz spezifischen Eigenheiten entwickelt. Das Vertrauen in unsere Banken, in unser schweizerisches Rechtssystem und in die Gewährung des persönlichen Datenschutzes ist einzigartig. Man kann sich wehren, man behält die Kontrolle. Mit Twint bauen wir darauf auf.

Das heißt, Kunden brauchen ihre Kontodaten nicht an einen internationalen Konzern zu übermitteln, sondern binden die aktuelle Bankverbindung ohne Administration direkt mit Twint an das Mobiltelefon an.

Damit lösen wir einen der größten Vorbehalte gegen mobiles Bezahlen auf: was passiert mit meinen Daten? Darauf können wir nun eine konkrete Antwort geben: gar nichts.“

Durch die direkte Kontoverbindung behalten zudem die Banken ihren Kundenzugang und die Kontrolle über die Daten ihrer Kunden.

Wie stabil ist dieser Zugang zum Kunden?

Twint

Kundennähe ist das große Asset der Schweizer Banken. Das lässt sich nicht ohne weiteres durch eine technische Lösung kompensieren.

Das habe ich gemeint, als ich davon sprach, den Zweifel der Verbraucher nicht nur als Bremse, sondern auch als Chance zu begreifen. Die Banken müssen diesen Vorteil nur technisieren, um sich lukrative Räume zu erschließen. Wir kennen beispielsweise unseren lokalen Markt wie unsere Westentasche und haben dafür passende Lösungen gebaut.

Ob Kundenkarten, Treueprogramme, Stempelkarten oder den Einzahlungsschein. Damit entwickeln wir einen Kundennutzen, der mit den Global Playern absolut mithalten kann.“

Wann rechnen Sie damit, dass Apple, Samsung und Google versuchen, direkt in die Kundenbeziehung zwischen Bank und Verbraucher einzudringen?

Wenn die Banken nicht aufpassen, kann das natürlich schnell passieren.“

Nach meiner Einschätzung besteht noch kein existenzbedrohlicher Druck, aber wir müssen uns der Herausforderung bewusst sein und sich ihr mit pragmatischen Lösungen stellen. Denn lokale Lösungen dürfen sich nicht mit einem generischen Dienst abfinden, wie ihn die großen Player entwickeln. Diese zielen auf Masse statt lokaler Verankerung. Hinter Paymit und Twint steckt vorerst eher der Nachbarschaftsgedanke. Menschen bringen ihr Konto aufs Mobiltelefon und Händler schließen sich diesem Kreis beispielsweise mit Loyalty-Systemen an, die bislang mit zighundert verschiedenen Mitglieds- und Bonuskarten vor allem für dicke Portemonnaies und volle Handtaschen gesorgt haben.

Künftig ist all das in einer zentralen Payment-App als digitaler Geldbörse aufgehoben.“

Viele dieser Funktionalitäten bietet Twint heute schon. Für einen global aufgestellten Konzern bedeutet das allerdings, wenn man diese Fertigungstiefe Land für Land abbilden möchte, eine ungeheure Komplexität und enorme Kosten.

Gerade Technologiekonzerne haben doch aber bewiesen, auch komplexe Vorgänge mit teils überraschender Geschwindigkeit revolutionieren zu können.

Diese Revolutionen haben sich meistens außerhalb der persönlichen Sphäre des Verbrauchers abgespielt. Netflix, Spotify, Amazon – all die großen Lebensvereinfacher haben ein Infrastruktur-Problem gelöst oder Restriktionen bei einer bestehenden Infrastruktur abgeschafft. Beim Bezahlen ist es aber so, dass die Verbraucher diesen infrastrukturellen Dreh- und Angelpunkt, nämlich die eigenen Zahlungsverkehrsdaten, nicht aus der Hand geben wollen. Gegen dieses Gefühl kommen Sie nicht an. Zumal dahinter keine abstrakte Angst steckt, sondern auch ganz praktische Probleme.

Welche Probleme sind das?

Stellen Sie sich vor, Sie nutzen etwa ApplePay oder eines Tages Alipay und eine Zahlung wird falsch belastet. Wohin wenden Sie sich dann?“

Bisher haben Sie Ihre Hausbank angerufen oder online kurzerhand die Lastschrift zurückgegeben. Wie wollen Sie aber vorgehen, wenn der Anbieter in Cupertino, Singapur oder Seoul sitzt? Falls es um größere Summen geht, wollen Sie das sicher nicht einfach auf sich beruhen lassen. Was aber, wenn es zum Rechtsstreit kommt? Dann müssen Sie als Privatperson gegen einen internationalen Konzern vor einem internationalen Gericht Klage einreichen. Allein die Sprachbarriere, unterschiedliche Rechtsräume und die damit verbundenen finanziellen Aufwände dürften jeden Verbraucher erschrecken.

Twint

Nehmen wir an, Sie behalten Recht. Wie gewährleisten Sie einheitliche Standards, damit möglichst viele Banken und möglichst viele Händler auf kompatible lokale Dienste setzen?

Das ist technisch betrachtet überraschend einfach. Als Dienstleister stellen wir Schnittstellen bereit, um die Datenstrukturen von teilnehmenden Banken zu berücksichtigen. Im Handel setzen wir ab April weitgehend auf QR-Codes, wenn es um mobiles Bezahlen via Smartphone gehen soll.

QR-Codes ermöglichen zudem, beispielsweise Loyalty-Karten, Punktekarten oder Stempelkarten virtuell in einer digitalen Brieftasche zu pflegen.

Warum ausgerechnet QR? Das erscheint nicht gerade eine „State of the Art“-Lösung zu sein.

Ein Grund ist Apple. Das Unternehmen gibt die NFC-Schnittstelle nur für ApplePay frei. Zudem müssen Sie bei einer NFC-Transaktion physisch am POS präsent sein. Diese Lösung scheidet also für den Online-Handel aus.“

Ein QR-Code lässt sich dagegen sowohl am POS via Display aufschalten als auch online auf einer Webseite anzeigen oder sich auf einem Blatt Papier ausdrucken. Das System arbeitet betriebssystemunabhängig und bietet sich deshalb gerade für lokale Dienste an, da kleinere Banken kaum in der Lage wären, ein und dieselbe Lösung für unterschiedliche Betriebssysteme zu entwickeln und zu warten.

Nicht zuletzt deshalb hat sich auch Alipay für den QR-Code als einzige Lösung entschieden.“

Für größere Händler bietet sich auch der Beacon an, der über Bluetooth eine Zweiwege-Kommunikation erlaubt, die gerade Händler mit anspruchsvolleren Loyalty-Bedürfnissen anspricht. Der Beacon hat Vorteile, braucht aber Infrastruktur, was der QR-Code nicht benötigt. Wir werden beide Systeme aufbauen und zur Verfügung stellen.

Alipay gibt also den technischen Trend vor?

Gewissermaßen. Die heute bereits 400 Millionen chinesischen Kunden auf dem QR-Code verhelfen der oft kritisierten QR-Technologie möglicherweise zu neuer Blüte. Die Vorteile liegen auf der Hand: es ist ein einfaches System, das von jedem Mobiltelefon gelesen werden kann. Wir prüfen derzeit, ob sich die Voraussetzungen dafür schaffen lassen, einen gemeinsamen QR-Code zu entwickeln, …

…so dass sowohl mit Alipay in der Schweiz als auch mit Twint in China bezahlt werden kann. Diese Technologie ließe sich dann möglicherweise auch weiter ausnutzen.“

Sie sehen also: das Engagement internationaler Konzerne muss für Europa keine Einbahnstraße sein und muss nicht den Verlust der Zahlungshoheit und der persönlichen Daten bedeuten.

Herr Weber, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://www.it-finanzmagazin.de/?p=43721
 
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