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STRATEGIE9. November 2022

Banken-IT in der Praxis: Zwischen Langläufern und schnellen Sprints – das Brot- und Buttergeschäft

Experte für IT bei Banken: Rolf Fillinger, Union Investment
Rolf Fillinger, Union InvestmentUnion Investment

In den IT-Abteilungen der Banken und KVGen wird die Zukunft des Finanzmarktes mit entwickelt. Aber neben den Trendthemen wie KI, Blockchain oder Cloud darf das tägliche Brot- und Buttergeschäft nicht vernachlässigt werden. Kann in diesem Spagat zwischen Forschungslabor und Maschinenraum auf Management-Ebene mehr Verständnis für die komplexe Projektarbeit geschaffen werden? Und können die Institute aktuelle Trends in Impulse für den Alltag umwandeln? Rolf Fillinger (Union Investment) und David Olah (Cofinpro) geben einen Blick hinter die Kulissen.

von Rolf Fillinger, Union Investment
und David Olah, Cofinpro

Die IT-Abteilungen in der Finanzwelt müssen Jahr für Jahr immer höhere Datenvolumen verarbeiten und den verschiedenen Fachbereichen zur Verfügung stellen.

Experte für IT bei Banken: David Olah, Cofinpro
David Olah, CofinproCofinpro

Bei Union Investment zum Beispiel steigt die Menge der gespeicherten Marktdaten alle zwölf Monate um 30 bis 40 Prozent! Diese rapide Zunahme ist nicht allein den geschäftlichen Erfolgen des Unternehmens geschuldet, sondern resultiert vornehmlich aus den gestiegenen Anforderungen seitens des Regulators oder der Anwender.

Markdatenwachstum zwingt zur Weiterentwicklung

Die Bereitstellung der Marktdaten als Routineaufgabe wird flankiert von der kontinuierlichen Weiterentwicklung und Modernisierung der Systeme. Zusätzlich werden – quasi als Kür neben der Pflicht – zeitgleich neue Technologien evaluiert, auch wenn bei diesen der geschäftliche Nutzen nicht immer realisiert werden kann oder erst spät in der Entwicklungsphase entdeckt wird.

Unser Datenbestand für über 100.000 unterschiedliche Wertpapiere wächst in drei Dimensionen: Zunächst einmal wird die historische Rückbetrachtung kontinuierlich länger. Zweitens vergrößert sich das Anlageuniversum kontinuierlich um immer neue Regionen und Anlageprodukte. Und drittens wächst die Anzahl der Datenfelder, zum Beispiel aufgrund regulatorischer Vorgaben. Hier sind es aktuell vor allem ESG-Informationen, die zu den gespeicherten Wertpapieren hinzugefügt werden. Der Datenhaushalt wächst ständig, aber auch die Auswahl an Technologien, mit denen wir dieser Herausforderung begegnen können.“

Rolf Fillinger, Gruppenleiter Marktdatenmanagement in der Union IT-Services GmbH

Den Blick für langfristige Themen nicht verlieren

Für diesen Spagat aus täglichem „Klein-Klein“ und großen Zukunftsprojekten müssen die Ressourcen verteilt werden. Und da gibt es durchaus kontroverse Diskussionen. Limitierender Faktor ist in den meisten Fällen allerdings weniger das Budget, sondern vor allem der personelle Rahmen. Häufig genießen Themen aus den Fachbereichen eine höhere Priorität als ein rein IT-getriebenes Thema, das für den geschäftlichen Erfolg nur einen indirekten Nutzen bringt.

Autor Rolf Fillinger, Union Investment
Rolf Fillinger leitet die Gruppe Marktdatenmanagement in der Union IT-Services GmbH, in welcher alle IT-seitigen Aspekte des Markt- und Stammdatenmanagements bei Union Investment (Webseite) gebündelt sind. Die Gruppe verantwortet die Applikationsbetreuung und -weiterentwicklung der EDM-Plattform und arbeitet eng mit der Fachabteilung Datenmanagement zusammen.
Wenn einer Anforderung beispielsweise ein direkter Kundenwunsch eines institutionellen Investors oder ein nachgewiesenes Interesse des Privatkundenmarktes zugrunde liegt, ist diese Priorisierung auch aus IT-Sicht naheliegend. Entsprechend wird die Fachexpertise schwerpunktmäßig für die Unterstützung und Weiterentwicklung der fachlichen Prozesse eingesetzt und steht damit nicht mehr für alternative Technologiethemen zur Verfügung.

Trotz dieser Priorisierung ist es wichtig, den Blick für die langfristigen Themen zu bewahren und Fachkräfte auch für übergeordnete Aufgaben freizustellen, die nicht unmittelbar geschäftskritisch sind, aber auf lange Sicht einen wichtigen Beitrag liefern können. Hierfür ist die Testautomatisierung ein gutes Beispiel: Für ein einziges Release lohnt sich der Aufwand oftmals nicht, Ressourcen auf die Automatisierung von Testfällen zu allokieren. Mit schnellerer Time-to-Market und steigender Komplexität der Anforderungen und Systemlandschaft ist ein manuelles Testen irgendwann nicht mehr effizient – und kann bei mangelnden Ressourcen sogar zu Qualitätsproblemen führen.

Vom Fließband und Reaktivität zu DevOps

Eine organisatorische Veränderung, die dem zuvor erwähnten erforderlichen Spagat zwischen einer Umsetzung von Fachbereichsanforderungen einerseits und der Verbesserung des IT-Systems andererseits hilft, ist die Einführung eines DevOps-Vorgehensmodells. Statt von Development, Problem-Management und Support zu sprechen, wird ein Tech-Experten-Pool geschaffen, der die Grenzen zwischen diesen Rollen einfacher überwinden lässt.

Mit unserem Experten-Pool sind wir in der Lage, flexibel auf verschiedene Situationen zu reagieren. Ist das Ticket-Aufkommen höher, werden mehrere Personen im Support benötigt. In einer anderen Phase müssen mehr Neuanforderungen umgesetzt werden, weshalb eine größere Anzahl an Entwicklern benötigt wird. So können wir unseren Schwerpunkt optimal am Bedarf ausrichten.“

David Olah, Cofinpro-Team-Lead für DevOps im Markt- und Stammdatenumfeld bei Union Investment

Das Zusammenrücken der Verantwortlichkeiten in Form eines Tech-Experten-Pools bringt noch weitere Vorteile mit sich:

  • Support-Anfragen können schneller beantwortet werden, da sich die Entwickler näher am Support befinden.
  • Lücken oder Fehler, die der Support findet, werden zeitnah adressiert. Dadurch verbessert sich die Robustheit des Systems schneller als zuvor.
  • Anforderungen können erhoben und umgesetzt werden, damit der Anwender mehr selbstständig erledigen kann, ohne dass Support-Anfragen notwendig sind („shift-left“).

Der neu definierte Aufgabenbereich führt auch zu neuen Herausforderungen. So steigen die Ansprüche hinsichtlich Teamorganisation, Aufgabenverteilung und -tracking und vor allem an das Selbstmanagement.

Agilität für Fachbereich und IT als Chance

Autor David Olah, Cofinpro
David Olah von der Unternehmensberatung Cofinpro (Webseite) verantwortet die Weiterentwicklung und den Betrieb der Marktdatenmanagementsysteme und leitet ein Team von ca. 10 Personen.
Die zuvor berichtete steigende Komplexität der Daten, Systeme und Anforderungen führt zu weiteren Hürden im täglichen Arbeitsablauf, die nur schwer zu beherrschen sind. In einem klassischen Wasserfall-Vorgehen könnte das Szenario wie folgt aussehen: Ein Fachbereich konzipiert eine neue Anforderung im Januar, diese würde dann vom Developer im April geschätzt und im Juli umgesetzt werden. Zur möglichen Abnahme im Oktober würden dann womöglich ganz andere Mitarbeiter eingesetzt, als ursprünglich im Januar vorgesehen, und auch die Rahmenbedingungen können sich in der Zeit komplett geändert haben.

Diesen Schwierigkeiten kann aus der Agilität heraus mit cross-funktionalen Teams begegnet werden: Die Zusammenarbeit zwischen IT und Fachabteilung wird enger, gerade bei komplexeren Problemstellungen. Denn mit einer ausgefeilten Konzeption und sauberer fachlicher Zulieferung an die IT hört die Zusammenarbeit nicht auf. Im Gegenteil: Vom Fachkonzept ausgehend ist in den darauffolgenden Schritten der technischen Konzeption bis zur Inbetriebnahme der kontinuierliche Austausch inklusive Nachjustierung der Anforderungen wichtig.

Da das passende Projektvorgehen passend zur Problemstellung gewählt wird, werden Ergebnisse schneller erreicht. Sollen zum Beispiel neue Funktionen am Frontend eingebaut werden, kann nach zwei Wochen bereits ein funktionales Ergebnis im Review gezeigt werden. Von Sprint zu Sprint wird dieses erweitert, überarbeitet und verbessert, informiert durch das Feedback des Fachbereichs.

Anders bei den größeren Projekten beispielsweise mit Datenzulieferungen für Portfoliomanagement- oder Buchhaltungssysteme. Dort geht es um Datenströme in einer langen Prozesskette, die sich über mehrere Systeme mit unterschiedlichen Verantwortlichen spannt. Hier können klassisch-konzeptbasierte Ansätze mit einer ausführlichen Analyse und Konzeption ökonomisch sinnvoller sein.

Das Mindset der beteiligten Personen ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ausschlaggebend. Im Fokus muss die Lösungsorientierung stehen. Es ist nicht zielführend, einen bereits veralteten Plan zu verfolgen, sondern kreative Lösungen gemeinsam mit dem Fachbereich zu entwickeln. Das erlaubt uns, rechtzeitig auf notwendige Änderungen zu reagieren.“

David Olah, Cofinpro-Team-Lead für DevOps im Markt- und Stammdatenumfeld bei Union Investment

Im Maschinenraum ist also kein Platz für Machine Learning und Co.?

Die Bandbreite der IT-getriebenen Neu- und Weiterentwicklungen in den Instituten ist groß, auch abseits der gerade angesagten Buzzwords. Tech-Trends, wie oben genannt, werden natürlich mit Neugier beobachtet – sind aber eher Futter für die Innovationslabore der Institute. Von dort finden die Technologien und Trends, die in die Systemlandschaft passen und nachhaltig einen Mehrwert stiften, dann auch offene Türen in den Maschinenraum.Rolf Fillinger, Union Investment und David Olah, Cofinpro

 
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