STRATEGIE18. Februar 2019

Banking: Vaporisiert – und nicht nur digitalisiert (Teil 1)

Vaporisierung des Banking ist nur ein Zwischenschritt
Aha Soft/bigstock.com

In der Vergangenheit war die Abwicklung von Bankgeschäften ohne stoffliche Medienträger wie Banknoten, Münzen, Wechsel, Schecks und Kassenbücher unvorstellbar. Wer einen Kredit benötigte, Geld anlegen, Schecks gutschreiben oder Überweisungen durchführen wollte, kam um einen Besuch in einer Filiale nicht vorbei. Spätestens mit dem Aufkommen des kommerziellen Internets wie auch des Smartphones geht das Banking von seinem überwiegend stofflichen und flüssigen in einen neuen Aggregationszustand über, den der Autor Robert Tercek als „vaporisiert“ (gasförmig) bezeichnet. Verglichen damit sind die jüngsten Veränderungen, die häufig unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ zusammengefasst werden, eher marginal. Doch das alles ist nur ein Zwischenschritt.

von Ralf Keuper

Vaporisierung ist eine Metapher. Ein Erklärungsmodell. Von der Vaporisierung betroffen sind Geschäfte, Dienstleistungen oder Produkte, die durch digitale Informationen ersetzt werden können. Bücher, CDs und DVDs waren Ausdruck der festen Materie, d.h. die Information und ihre Übertragung war an ein physisches Objekt gebunden.

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­form-Öko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.

Mit dem World Wide Web be­gan­nen sich die In­for­ma­tio­nen  von ih­ren phy­si­schen Trä­gern zu lö­sen. Mit der Ver­brei­tung von Breit­band­diens­ten und Glas­fa­ser­ka­beln wur­de aus der In­for­ma­ti­on ei­ne Ver­sor­gungs­leis­tung, die auf Knopf- bzw. Tas­ten­druck un­mit­tel­bar zur Ver­fü­gung stand. Mit dem Smart­pho­ne konn­ten die In­for­ma­tio­nen durch die Luft an mo­bi­le Ge­rä­te über­mit­telt werden.“

Damit glich sich die Information der Atmosphäre an, indem sie sich schnell und frei verbreiten konnte. Das ist der vaporisierte Zustand. Im Banking wird diese Entwicklung durch die Verlagerung der Filiale auf das Smartphone sichtbar.

Die neuen Verbundeffekte (Economies of Scope)

Je informations- und technologieintensiver eine Branche ist, darauf wiesen Michael E. Porter und Victor E. Millar bereits vor 35 Jahren in Wettbewerbsvorteil durch Information hin, um so mehr ist ihr Geschäftsmodell von dem Fortschritt der Informationstechnologie abhängig. Etwa zur selben Zeit machte James Brian Quinn auf die wachsende Bedeutung der Software wie auch der Serviceindustrie für die Industrienationen aufmerksam. Folge davon sei, dass die Branchengrenzen verwischen und neue Verbundeffekte (Economies of Scope) möglich würden (Vgl. dazu: Die neuen Economies of Scope (Verbundeffekte) im Banking). August-Wilhelm Scheer bemängelt, dass die Paradebranchen der deutschen Wirtschaft (Automobilindustrie, Maschinenbau) die Bedeutung konsum- und informationsorientierter Produkte für die Digitalisierung nicht rechtzeitig erkannt hätten. Dieser Befund trifft in noch höherem Maß auf die Banken zu, deren Geschäft im Wesentlichen aus nichts anderem als Informationsverarbeitung und Datenmanagement besteht.

Alles in einem System – die Klebewirkung bindet KundenApple

Banken verfügen über keine großen Plattformen mit Klebewirkung

Die digitale Wirtschaft wird von den großen Plattformen wie Apple, Google oder Amazon dominiert. Sie bieten ein bislang unschlagbares Wertebündel, das, wie im Fall von Apple, aus Gerät + Betriebssystem + Store  + Apps + Reichweite + Inhalt besteht.“

Auf diese Weise erzeugen die Plattformen eine hohe Klebewirkung. Wer sich hier einmal eingerichtet hat, verlässt die Plattform nur höchst ungern – der Aufwand und die Wechselkosten sind zu hoch, die Alternativen nicht gut genug, um die Kosten für den Umstieg mindestens aufzuwiegen. Neben den Medienkonzernen haben diesen Wandel besonders die Banken zu spüren bekommen. Der Gang zur Filiale ist für die Kunden die Ausnahme. Stattdessen werden Bankgeschäfte über Apps und Smartphones erledigt. Die Banken haben keine Plattformen zu bieten, die auch nur eine annähernd große Klebewirkung erzielen wie Apple & Co.

Mehr noch: Sie sind auf die Plattformen, deren Geräte, Apps, Betriebssysteme und Reichweite angewiesen, um den Kontakt mit ihren Kunden aufrechtzuerhalten. Das wurde den Sparkassen erst kürzlich wieder bewusst, als Google bekanntgab, seinen Sprachassistenten nun doch nicht für Überweisungen freizuschalten. Zuvor hatte Amazon verkündet, seine Sprachassistentin Alexa nicht für das Voice Banking freizugeben.

Die eigentliche Herausforderung: Aufbau eines dynamischen digitalen Ökosystems

Dabei ist eine digitale Plattform mit entsprechender Klebewirkung und Reichweite nur die halbe Miete. Erst wenn es gelingt, ein Ökosystem um die Plattform zu errichten, können ganze Märkte vaporisiert werden. Das wurde dem damaligen Chef von Nokia bewusst, als er in einer Brandmail an die Mitarbeiter die Herausforderungen beschrieb, denen Nokia angesichts des Apple-Ökosystems ausgesetzt war (Vgl. dazu: Die Bank als Plattform: Lektionen von NokiaNew Banking: Plattform ist Pflicht – Ökosystem ist die Kür).

SymbolbildBalkansCat/bigstock.com

Banken müssten demnach fähig und willens sein, über offene Schnittstellen (Open APIs) für einen ständigen Fluss an Informationen und Ideen zu sorgen. Um die Schnittstellen herum bilden sich Entwickler-Communities, die aber nur dann andocken, wenn sie der Überzeugung sind, dass sich der Einsatz lohnt, d. h. das Ökosystem muss in der Lage sein, seine Mitglieder zu ernähren. Welche Bank ist dazu – Stand heute – in der Lage?

Beherrschung der Wertkontrollpunkte

Der wohl entscheidende Vorteil eines digitalen Ökosystems, wie von Apple, besteht darin, an den entscheidenden Punkten der Wertschöpfung die Kontrolle auszuüben: Am Wertkontrollpunkt. Die Plattform-Riesen, so Tercek, haben gar nicht die Absicht, das gesamte Ökosystem zu kontrollieren; das wäre ohnehin nicht möglich. Stattdessen konzentrieren sie sich auf wenige Schlüsselfunktionen, über die sie ihren Anteil am Wert der Transaktionen auf der Plattform abschöpfen können. Mit ihren Nutzungsbedingungen können sie das Verhalten der Nutzer bestimmen. Die Teilnehmer sind gezwungen, sofern sie ihre Zielgruppen erreichen wollen, die Marketing- Kommunikationskanäle des Ökosystems zu nutzen.

Die vier entscheidenden Wertkontrollpunkte in der vaporisierten Wirtschaft:

1. Die Werkzeuge zum Erzeugen von Inhalten,
2. die Werkzeuge um Entdecken und Kommunizieren,
3. die Systeme der Einnahmeerzielung,
4. die Geräte und Software für Konsum und Speicherung der Inhalte.

Welche Wertkontrollpunkte beherrschen die Banken noch? Die Bedeutung der Filiale hat abgenommen, über eigene Plattformen und Ökosysteme verfügen sie nicht, von Betriebssystemen, Hardware und anderen Werkzeugen/Tools ganz zu schweigen. Sie können die Kreditversorgung der Wirtschaft beeinflussen und versuchen, über die Konditionsgestaltung ihre Einnahmen zu erhöhen und Kooperationen mit FinTechs eingehen.

Eventuell gelingt es, zusammen mit Zulieferern, wie den Herstellern von Kernbankensystemen, lebensfähige Plattformen und Ökosystem zu errichten. Viel mehr ist da nicht.“

Vaporisierung ist nicht der Abgesang des Banking – das Zwischenfazit

Die Vaporisierung des Banking ist im vollen Gang. Das informations- und technologieintensive Geschäft der Banken verflüchtigt sich und lässt sich auf den großen Plattformen und Ökosystemen nieder. Die Plattformen und Ökosysteme können Verbundeffekte erzielen, die in der Vergangenheit, im Industriezeitalter, von keinem Unternehmen in dieser Form erreicht wurden. Branchengrenzen verwischen.

Über das Banking hat sich eine Daten- und Informationssicht gelegt, die außerhalb der Kontrolle der Banken sind. Anders als damals, als sie die Clearingstelle für den Daten- und Informationsfluss in der Wirtschaft waren, besetzen die Banken heute keine relevanten Schlüsselfunktionen und Wertkontrollpunkte in der digitalen Wirtschaft.“

Schon heute entfällt in den USA und Schweden der größte Teil des Bruttoinlandsprodukts auf die immaterielle Wertschöpfung. Digitale Güter und Informationsgüter haben Maschinen und Autos den Rang abgelaufen. Eigentlich eine gute Nachricht für Banken. Mehr dazu in Teil 2.Ralf Keuper

 
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