STRATEGIE15. Oktober 2018

Blockchain: Viel Lärm um nichts? Der Standpunkt.

Viel Blockchain-Hype ... um nichts?
Wirklich? Dmi-T-bigstock

An der Blockchain scheiden sich noch immer die Geister. Handelt es sich hierbei um eine Tech­no­logie mit dem Po­ten­zi­al, Wirt­schaft und Ge­sell­schaft zu trans­for­mie­ren, qua­si ein neu­es Be­triebs­sys­tem, oder aber ha­ben wir es mit ei­nem Tech­no­lo­gie-Hype zu tun, der sich frü­her oder spä­ter in Wohl­ge­fal­len auf­lö­sen wird?

von Ralf Keuper

Letzteren Standpunkt („Blockchain wird sich in Wohlgefallen auflösen“) vertritt mit Vehemenz der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini, der einer der wenigen Ökonomen war, der die Finanzkrise 2007/2008 hatte kommen sehen. In seiner Stellungnahme „Crypto is the Mother of All Scams and (Now Busted) Bubbles While Blockchain Is The Most Over-Hyped Technology Ever, No Better than a Spreadsheet/Database“ (hier im Original) für den US-Senat rechnet Roubini schonungslos mit Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie ab. Wir beschränken uns hier auf die Aussagen zur Blockchain-Technologie.

Roubini benennt die verschiedenen Defizite der Technologie Stand heute. Dazu zählen der hohe Energieverbrauch für das Mining, die Gefahr von Machtkonzentrationen (Mining Pools), die geringe Skalierbarkeit und Sicherheitsrisiken (51% Attacken).

Nouriel Roubini, Professor of economics at New York University’s Stern School of BusinessNouriel Roubini

Whichever way you try to slice it blockchain leads to centralization and lack of security. And this fundamental problem when you try scalability will never be resolved. Thus, no decentralized blockchain will ever be able to achieve scalability that is critical to make it useful for large scale financial or any other type of transactions.“

Dezentralisierung, wie sie von den Enthusiasten propagiert wird, hält Roubini für einen Fall ideologischer Verblendung. Die Realität sähe anders aus:

The reality is one of a massive centralization of power among miners, exchanges, developers and wealth holders, the total opposite of the lie of a decentralized system.“

Weiterhin:

.. all trading is centralized as 99% of all trading occurs on centralized exchanges while hundreds of decentralized exchanges have no trading, no liquidity are collapsing. And centralized exchanges are being hacked daily as there is not security in keeping crypto assets in a wallet; and once hacked your wealth is gone forever.“

kotist/bigstock.com

Bedarf für öffentliche Blockchains bestehe nicht. Bis heute sei keine öffentliche Blockchain-Lösung am Markt erschienen, welche auch nur annähernd die Leistungsfähigkeit althergebrachter Verfahren (Datenbanken, Tabellenkalkulation) erreiche. Die einzig halbwegs brauchbaren Lösungen seien ihrem Wesen nach keine echte Blockchain – es handele sich um private Distributed-Ledger-Lösungen, bei denen eine zentrale Instanz oder eine Autorität darüber wacht, wer Zugang zu dem Netzwerk bekommt. In dieser Form seien sie keine sinnvolle Alternative zu den derzeit verwendeten Datenbanken. Für diese Aussage sprächen überdies die geringe Verbreitung der Blockchain in den Unternehmen sowie Schätzungen des Research-Unternehmens Gartner.

Die Argumente, die Roubini anführt, sind nicht neu. In dieser komprimierten Form bekommt man sie jedoch selten zu lesen.

Dazu einige Anmerkungen…

Autor Ralf Keuper, Bankstil
Ralf Keuper ist Bank- und Di­plom­kauf­mann und seit rund 15 Jah­ren in ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen be­ra­tend im Ban­ken­um­feld tä­tig. Er be­rät Ban­ken bei der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on so­wie Fin­Techs bei ih­rem Markt­ein­tritt. Ke­u­per hat un­ter an­de­rem als Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king bei der COR&FJA AG und Se­ni­or Con­sul­tant Ban­king & Fi­nan­cing bei Ste­ria Mum­mert Con­sul­ting AG ge­ar­bei­tet. Er kom­men­tiert auf sei­nem Blog Identity Economy die Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen In­dus­trie 4.0, In­ter­net of Things (IoT) und Di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten, die gro­ße Aus­wir­kun­gen auf das Ban­king ha­ben. Mehr noch: Ban­king wird Teil der Da­ten- und Platt­form-Öko­no­mie. In ver­schie­de­nen Beiträgen und Veranstaltungen hat er dazu Position bezogen. Alle Beiträge von Ralf Keuper finden Sie hier.
Es ist in der Tat fraglich, ob die Blockchain die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen kann.

Blockchain wird inzwischen als eine Art Wunderwaffe angepriesen, die nahezu alle Probleme der Menschheit lösen kann – inklusive Krebsbekämpfung und Weltfrieden.“

Insofern muss man die Blockchain hin und wieder vor ihren „Freunden“ schützen. Es gibt Anwendungsfälle, in denen sie ein Mittel der Wahl sein kann, worauf Karl Wüst und Arthur Gervais in Do you need a Blockchain? (hier PDF) hinweisen. Für Prof. Dr. Reiner Lenz von der FH Bielefeld kann sie die “costs of trusts” erheblich reduzieren. Auf der anderen Seite stehe die wachsende Komplexität, die mit der Blockchain in die unternehmensinternen und unternehmensübergreifenden Prozesse Einzug halte. Bei richtiger Anwendung, so Lenz, könne die Blockchain aus Investitions- und Finanzierungssicht für Unternehmen die richtige Wahl sein. Für ihre Funktionsweise setzt die Blockchain Veränderungen in der Art und Weise voraus, wie Unternehmen untereinander kommunizieren und Daten austauschen.

Nicht nur eine Frage der Blockchain-Technologie, sondern auch der Unternehmenskultur

Ebenso wichtig ist es, dass die Unternehmen sich auf eine einheitliche Sprachregelung (Datenmodelle, Taxonomien) einigen können. Die Blockchain ist auch eine Institutional Technology, d.h. sie übt einen großen Veränderungsdruck auf die Organisationsstrukturen, das Informations- und Personalmanagement der beteiligten Unternehmen aus. Vorstellbar sind hybride Lösungen, d.h. die Kombination aus gewöhnlichen ERP-Systemen und der Blockchain, wie sie u.a. von Prod. Dr. August-Wihlelm Scheer bevorzugt wird. Die entscheidende Frage wird sein, wie sich Machtkonzentrationen verhindern bzw. begrenzen lassen. In diesem Punkt ist Roubini zuzustimmen. Ohne entsprechende Governance-Strukturen wird es schwer sein, Machtmissbrauch zu verhindern. Wer soll diese Aufgabe übernehmen? Digitale Notare, Verbände, Kommunen, Banken, Industrie-und Handelskammern, neue Formen von Genossenschaften, der Staat?

Die technischen Defizite wie die Skalierung und der Energieverbrauch werden sich m.E. beheben lassen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir durch den Einsatz der Blockchain-Technologie ein neues Produktivitätsparadoxon der IT erleben werden.“

Damit die Blockchain ihr Potenzial entfalten kann, muss die Interaktion der Unternehmen mit Kunden und anderen Akteuren auf ein neues (Vertrauens-)Niveau gehoben werden. Gleichzeitig muss sich das Rechtssystem anpassen. Das wird nur schrittweise gehen. Ob und inwieweit Banken diesen Wandel in ihrer angestammten Rolle als Intermediäre begleiten können, wird sich zeigen.Ralf Keuper

 
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