STRATEGIE22. September 2021

Über­le­gun­gen von Bundes­bank­präsident Dr. Weidmann zum digitalen Euro, Zentralbankgeld und Retail-CBDC

Überlegungen von Bundesbanker Dr. Weidmann zum digitalen Euro, Zentralbankgeld und CBDC
Dr. Jens WeidmannDeutsche Bundesbank

In der Eröffnungsrede zur Digital­konferenz „Fintech and the global payments landscape – exploring new horizons“ referierte Bundes­bank­präsident Dr. Weidmann zum Stand der Überlegungen zu einem digitalen Euro bzw. di­gi­ta­lem Zentralbankgeld. Neben Chancen und Risiken geht die Rede auch auf grenzüberschreitende Interoperabilität, Regulierung und weitergehende Möglichkeiten der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) ein. Eine Zusammenfassung seiner auf Englisch gehaltenen Rede.

von Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank

Das erste Papiergeld wurde vor ungefähr tausend Jahren in China eingeführt. Diese Innovation veränderte nach und nach das komplette Zahlungssystem. Heute erleben wir, dass der Zahlungsverkehr durch die Digitalisierung grundlegend verändert wird. Die Zentralbanken müssen sich überlegen, wie sie auf diese Herausforderung reagieren sollen.

Eine Möglichkeit ist die Emission von digitalem Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency – CBDC). Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion steht digitales Zentralbankgeld, das von Privatpersonen sowie von Unternehmen verwendet werden könnte – sogenanntes Retail-CBDC.“

Zentralbanken können sich aus ganz unterschiedlichen Gründen entschließen, digitales Zentralbankgeld einzuführen. Dessen Ausgestaltung wird maßgeblich von der angestrebten Funktionalität abhängen. Dementsprechend kann es sein, dass zukünftiges digitales Zentralbankgeld in verschiedenen Währungsräumen unterschiedliche Formen und Funktionen aufweisen wird. Natürlich sollte digitales Zentralbankgeld nur dann emittiert werden, wenn der wahrscheinliche Nutzen etwaige Nachteile oder Risiken überwiegt. Ein digitaler Euro muss den Bürgerinnen und Bürgern des Euroraums also einen klaren Mehrwert bieten.

Man geht davon aus, dass digitales Zentralbankgeld die Transaktionskosten senken und die Effizienz des Zahlungsverkehrs, der Finanzmärke und der Realwirtschaft steigern würde. Darüber hinaus könnte es innovativen Dienstleistungen Vorschub leisten und neue Geschäftsmodelle hervorbringen. Meiner Auffassung nach böte ein digitaler Euro zudem den entscheidenden Vorteil, dass Kunden und Unternehmen damit digital in Zentralbankgeld bezahlen könnten.

Wie mein EZB-Kollege Fabio Panetta hervorhebt, hätte ein digitaler Euro ganz ähnlich wie Bargeld ‚kein Liquiditätsrisiko, kein Kreditrisiko, kein Marktrisiko‘.“

Neben der Sicherheit schätzen die Menschen insbesondere die Anonymität von Bargeld. Um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu bewahren, müsste dem Datenschutz also höchste Priorität beigemessen werden. So anonym wie Bargeld wäre ein digitaler Euro allerdings nicht. Ein digitaler Euro würde das Bargeld nur ergänzen und nicht ersetzen.

Wir müssen die Risiken eines digitalen Euro im Blick behalten und begrenzen. Da digitales Zentralbankgeld zumindest bis zu einem gewissen Grad ein Substitut für Bankeinlagen wäre, könnte es wesentliche Risiken für die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems und die Umsetzung der Geldpolitik bergen. Käme es zu einem Ansturm auf digitales Zentralbankgeld, könnte dies die Stabilität des Finanzsystems gefährden.

Die etablierten Rollen im Finanzsystem könnten sich durchaus verändern. Und dies könnte nicht nur die Geschäftsbanken betreffen. Schlussendlich könnte es dazu kommen, dass die Zentralbank direkt mit den Verbraucherinnen und Verbrauchern interagiert, dabei in großem Umfang Einlagen anzieht und ihre Bilanz deutlich ausweitet.

Wir haben ein zweistufiges Geld- und Bankensystem mit einer klaren Zuständigkeitsverteilung zwischen der Zentralbank und den Geschäftsbanken. Laut Markus Brunnermeier, Ökonom an der Princeton University, handelt es sich dabei um die wohl prägnanteste öffentlich-private Partnerschaft, die unsere Volkswirtschaften aufzuweisen haben. Sie sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Digitales Zentralbankgeld muss so ausgestaltet werden, dass sein potenzieller Nutzen möglichst ausgeschöpft werden kann. Zugleich müssen Risiken und eventuelle Nebenwirkungen eingedämmt werden. Digitales Zentralbankgeld muss hinreichend attraktiv sein, damit die Nutzerinnen und Nutzer es akzeptieren. Gleichzeitig darf die Attraktivität nicht zu hoch sein, da ansonsten Störungen im Finanzsystem entstehen könnten.

Wie genau ein digitaler Euro aussehen würde, steht noch nicht fest. Ein Alleskönner wäre er wohl nicht. Angesichts der Risiken könnte meiner Meinung nach ein stufenweiser Ansatz sinnvoll sein, also ein digitaler Euro mit bestimmten Merkmalen und der Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt weitere Funktionalitäten hinzuzufügen.“

Grenzüberschreitende Interoperabilität

Eine Eigenschaft, die digitales Zentralbankgeld attraktiv machen würde, wäre es für grenzüberschreitende Zahlungen nutzen zu können. Solche Transaktionen sind momentan noch immer relativ ineffizient und teuer. Hätten jedoch auch Gebietsfremde Zugang zum digitalen Euro, könnte dies Auswirkungen auf die Kapitalströme und die Wechselkurse des Euro haben. Im Falle einer hohen Auslandsnachfrage würde ein digitaler Euro die Bilanz des Eurosystems erheblich ausweiten. Umgekehrt könnte die Emission digitaler Zentralbankwährungen durch andere Länder entsprechende Effekte für den Euroraum mit sich bringen.

All dies spricht für eine internationale und multilaterale Zusammenarbeit. Nach meinem Dafürhalten ist von entscheidender Bedeutung, dass digitales Zentralbankgeld untereinander kompatibel ist und sich nicht gegenseitig behindert. Ein wichtiger Punkt sollte sein, dass durch die Interoperabilität von digitalem Zentralbankgeld grenzüberschreitende Zahlungen möglich sind.

Auf Ebene der G 20 hat diese Diskussion bereits begonnen. Vorschläge für unterschiedliche Ausmaße einer möglichen Zusammenarbeit reichen von einer grundlegenden Kompatibilität mit den gemeinsamen Standards bis hin zur Schaffung internationaler Zahlungsverkehrsstrukturen.

Regulierung von BigTechs

Dass Geld die Welt revolutionieren kann, ist nicht neu. Vor mehr als 2 600 Jahren wurden im alten Königreich Lydien, in der heutigen Türkei, die ersten Münzen der Welt geprägt. Die Erfindung von Münzen eine Vielzahl und Fülle an gewerblichen Waren begünstigt, was rasch zu einer weiteren Innovation geführt hat: dem Einzelhandel. Das benachbarte Griechenland übernahm diese Innovationen nicht nur, sondern etablierte darüber hinaus den Marktplatz als Zentrum des öffentlichen Lebens.

Inwieweit sich die Digitalisierung von Geld tatsächlich als revolutionär erweisen wird, bleibt abzuwarten. Sie kann die Transparenz verbessern, da die Verbraucherinnen und Verbraucher mit nur wenigen Klicks einen Überblick über den Markt gewinnen können. Sie könnte aber auch die Marktmacht konzentrieren und den Wettbewerb lähmen.

In den letzten Jahren haben privatwirtschaftliche Initiativen auf dem Gebiet der Stablecoins die Besorgnis über die wachsende Bedeutung von BigTechs im Zahlungsverkehr und deren generell zunehmende Marktmacht verstärkt. Wird der Wettbewerb durch die steigende Marktmacht der BigTechs eingeschränkt, so muss dieser Entwicklung mit den Mitteln des Wettbewerbsrechts und der Wettbewerbspolitik auf verlässliche Weise entgegengewirkt werden. Einige wichtige Aspekte digitaler Finanzdienstleistungen unterliegen der Bankenaufsicht. Im Fall von BigTechs verschwimmt unter Umständen die klassische Abgrenzungzwischen den zuständigen Regulierungsbehörden.

Letzten Endes sollten Regierungen und Märkte den Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Die Regulierungspolitk sollte die Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen, ihre persönlichen Daten selbstbestimmt zu nutzen, um letztlich die Konsumentensouveränität zu stärken.

Auch hierbei könnte ein digitaler Euro hilfreich sein. Das Eurosystem hat keinerlei kommerzielles Interesse an Nutzerdaten oder -verhalten. Ein digitaler Euro könnte somit dazu beitragen, das zu bewahren, was schon immer das Wesen des Geldes ausmacht: Vertrauen.“

Digitales Zentralbankgeld und DLT

Der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) wird oft großes Potenzial zugeschrieben, um programmierbare Zahlungen zu ermöglichen. Praktisch wäre ein programmierbares Zahlungsmittel für Anwendungen wie Smart Contracts, Machine-to-Machine-Zahlungen, Zahlungen im Internet der Dinge oder Pay-per-Use.

Dabei muss es sich aber nicht unbedingt um digitales Zentralbankgeld handeln. Eine alternative Lösung wäre, dass in der Privatwirtschaft Geschäftsbankengeld tokenisiert wird. Die von der EU vorgeschlagene „MiCA“-Verordnung legt einen Rahmen für Payment-Token fest, an dem sich der private Sektor orientieren kann.

Empfänger von Großbetragszahlungen könnten weiterhin eine Abwicklung in Zentralbankgeld bevorzugen, da damit kein Zahlungsausfallrisiko verbunden ist. Würde es uns gelingen, eine Brücke zwischen privaten Blockchain-Netzwerken und der bestehenden Zahlungsinfrastruktur zu schlagen, könnten Handelsgeschäfte auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie in Zentralbankgeld abgewickelt werden, ohne dass dazu digitales Zentralbankgeld erforderlich wäre. Expertinnen und Experten der Bundesbank  arbeiten an einer sogenannten „Trigger-Lösung“, mit der Smart Contracts konventionelle TARGET2-Transaktionen auslösen können.

Zentralbanken könnten auch selbst Token ausgeben, die von Geschäftsbanken genutzt werden können. Solches Zentralbankgeld für den Wholesale-Bereich könnte innovative Lösungen für den Austausch und die Abwicklung von finanziellen Vermögenswerten ergänzen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Tokenisierung von Vermögenswerten in der Finanzwelt eine immer größere Rolle spielt, könnten solche Zentralbank-Token einen bedeutenden Vorteil bieten.

Es ist vorrangig Aufgabe des privaten Sektors, der Bevölkerung innovative Zahlungslösungen anzubieten und den Kundenkontakt zu pflegen. Die Zentralbanken stellen die kritischen Infrastrukturen bereit, auf deren Grundlage andere ihre Dienstleistungen entwickeln und anbieten können, und wirken somit als Katalysatoren.

Zentralbanken müssen auf dem neuesten Stand der Technik sein. Ansonsten können sie nicht das Grundgerüst für Zahlungssysteme liefern und kein sicheres und vertrauenswürdiges Geld für das digitale Zeitalter bereitstellen.“

Die vollständige englische Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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https://itfm.link/125464 
 
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