STRATEGIE25. Mai 2020

Cloud-Migration: Wegbegleiter für Digitalisierung

An der Cloud führt bei Banken und Versicherern kein weg vorbei - sagt Dr. Ulrich Meyer, Direktor Geschäftsbereich Banken bei GFT
Dr. Ulrich Meyer, Direktor Geschäftsbereich Banken GFTGFT

Schnelligkeit durch Echt­zeit­kommunikation, Mobilität und Flexibilität über alle Kanäle und Geräte hinweg sowie mehr Identität über personalisierte Dienste. Im Zuge ständig wechselnder Kommunikationsverhalten steigt der Druck auf Unternehmen, wachsenden Kundenerwartungen nach zeitgemäßen Produkten und Services gerecht zu werden. Player wie Amazon, PayPal & Co. legen vor, wenn es um moderne Kundenerlebnisse geht und erhöhen somit die Erwartungen an neue, flexible Finanzdienstleistungen. Das lässt sich nur per Cloud erreichen.

von Dr. Ulrich Meyer,
Direktor Geschäftsbereich Banken bei GFT

Banken, die einerseits mit Legacy-Software und veralteten Infrastrukturen keinen erkennbaren Fortschritt generieren, oder den Kunden in ihrer Digitalisierungsstrategie nicht in den Fokus stellen, laufen aller Voraussicht nach Gefahr, hinter ihren Wettbewerbern zurückzufallen.“

Vor dem Hintergrund der digitalen Transformation müssen Finanzinstitute folglich Ihr Geschäftsmodell verstärkt auf die Bedürfnisse ihrer Kunden ausrichten. Cloud-Infrastrukturen wie beispielsweise die Google Cloud Plattform oder Microsoft Azure schaffen die notwendige Flexibilität, schnell auf Veränderungen reagieren zu können, um Produkte und Services mit kurzer Time-to-Market herauszubringen und sind zudem kosteneffizienter als unternehmenseigene Server.

Die Cloud gilt als zentrale Technologie für digitale Transformation. Denn das Outsourcing von Software in die Cloud hat viele Vorteile!“

Einerseits können Cloud-Lösungen entsprechend den jeweiligen Performance-Anforderungen skaliert werden. Periodische Aufgaben können ausgelagert und automatisiert werden. Darüber hinaus lassen sich Unternehmensdaten von überall abrufen und gewährleisten somit ein digitales und unabhängiges Arbeiten. In den vergangenen Jahren hat der auf Unternehmen lastende Innovationsdruck der Anwendung von Diensten einen bedeutenden Anstieg verschafft. Mittlerweile werden mehr als 70% aller IT-Dienste über die Cloud bereitgestellt, mit steigender Tendenz im Zeitalter von Home Office, Home Schooling & Co.

Für Unternehmen resultiert daraus die Chance, Prozesse und Services auf Kundenebene neu zu denken und somit auf veränderte Bedürfnisse und Nutzungsverhalten einzugehen.“

Neben steigenden Kundenerwartungen erfordern darüber hinaus auch interne Prozesse zunehmend neue Lösungen, insbesondere im Rahmen von Flexibilität in der Speicherung und Bereitstellung von Daten, denn der Trend zu Remote-Lösungen genießt seitens Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur eine hohe Akzeptanz, sondern gleichzeitig den Wunsch, diese Arbeitsstruktur auch in Zukunft wahrzunehmen. Zunehmende Anforderungen an virtuelle Prozesse, Produkte und Services werden folglich die Nachfrage nach Cloud Computing weiter vorantreiben.

Autor Dr. Ulrich Meyer, Direktor Geschäftsbereich Banken bei GFT
Nach seinem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie arbeitete Dr. Ulrich Meyer in diversen Positionen innerhalb der Finanzbranche. Sein Know-how basiert auf über 20 Jahren Erfahrung in der Beratung von Finanzdienstleistern. So war er unter anderem für entory / NTT DATA und Steria Mummert Consulting tätig, davon vier Jahr als Bereichsvorstand Financial Services. Seit September 2017 verstärkt Meyer das Team der GFT Technologies SE in Deutschland und leitet als Direktor den Geschäftsbereich Banken.
Ob für interne Prozesse, Organisation oder die Entfaltung neuer Geschäftsmodelle, der Einsatz Cloud-basierter Anwendungen hat einen positiven Nebeneffekt auf den Fortschritt von Unternehmen. Relevante Treiber für Entscheidungsträger, eine Migration in die Cloud oder auch die Weiterentwicklung bereits bestehender Cloud-Applikationen vorzunehmen, sind neben Kosteneinsparungen insbesondere eine größere Flexibilität und mehr Agilität. Schnelles, flexibles und automatisiertes Skalieren der Rechenleistung ermöglicht es Unternehmen, dynamisch auf das sich ständig ändernde Tagesgeschäft reagieren zu können und darüber hinaus eine geringere Abhängigkeit von strengen IT-Strukturen zu genießen.

Da Entwickler ihre Applikationen an „Out oft the Box“ Cloud-Plattformen ausrichten können, ist die Einführung neuer Dienste und Anwendungen wesentlich effizienter, sodass keine teuren Anpassungen an der jeweiligen IT-Infrastruktur vorgenommen werden müssen.“

Entscheidungsp­rozess für den Umzug in die Cloud

Die Cloud erleichtert Unternehmen die Einführung neuer Konzepte und Technologien. Virtuelle Maschinen und relationale Datenbanken werden schrittweise durch die Bereitstellung von Infrastrukturleistungen (IaC oder IaaS), NoSQL, Container und Orchestratoren ersetzt. Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz oder IoT-Lösungen sind Anwendungen immer intelligenter und vernetzter geworden, somit gehört der Ausbau von Cloud-Kapazitäten zu den essentiellen Maßnahmen, um Digitalisierung erfolgreich zu gestalten.

Die Frage, wann ein Umzug in die Cloud sinnvoll ist, beruht allgemein auf Geschäftsentscheidungen zum Kostenmanagement, Governance, Compliance, Sicherheit und Datenmanagement und sind für jede Organisation individuell.

Schlüsselmomente für die Migration sind etwa eine geplante Erweiterung oder ein Update im Unternehmen wie u.a. die Erweiterung von Kapazitäten des Rechenzentrums, innovationsgetriebene Applikationen oder auch die Migration der geschäftskritischen Kernanwendung auf ein modernes System (Rehosting).“

Um darüber hinaus Abhängigkeiten von nur einem Cloud-Anbieter zu vermeiden, ist die Implementierung Cloud-agnostischer und damit herstellerunabhängig einsetzbarer Services empfehlenswert.

Banken sind aufgrund hoher Compliance-Anforderungen und der Verwaltung sensibler Daten meist konservativer auf ihrem Weg in die Cloud. Häufig bestehen Abhängigkeiten von Legacy-Systemen, oder regulatorische Maßnahmen beeinträchtigen die IT-Entwicklung (DSGVO, MaRisk), wodurch die Automatisierung mancher Prozesse zwecks Sicherheit und Compliance verhindert wird. Demzufolge liegt der erste Schritt beim Umzug in die Cloud im Verständnis über die aktuellen Anwendungen und IT-Infrastruktur. Gemäß der Compliance und Sicherheitsanforderungen muss eine Cloud-Strategie vorab durch Geschäftsführer der Finanzabteilung, der IT-Infrastruktur und der Anwendungsgruppen bewertet werden, um Projekterwartungen aufeinander abzustimmen und eine klare Zieldefinition zu erarbeiten. Dahingehend unterstützend für die Bestandsaufnahme und Strategiefindung wirken Cloud-Assessments, wo aktuelle Anwendungen auf ihre Cloud-Fähigkeit analysiert werden, um eine qualitative Faktenlage für das Migrationsvorhaben zu entwerfen.

Der von Banken am häufigsten gewählte Ansatz, einen Einstieg in die Cloud zu wagen, findet über die Einführung einer Private Cloud statt.“

Hierbei wird die Cloud entweder auf Server ins Unternehmen selbst („On-Premise“) oder auf separat zugewiesene Server eines externen Dienstleisters verlagert. Durch das Betreiben eines eigenen Rechenzentrums mit ausschließlicher Nutzung der Ressourcen innerhalb der Organisation bietet eine Private Cloud die Möglichkeit, sowohl größerer Kontrolle über die Infrastruktur zu wahren als auch Erfahrungen über den Reifegrad (Readiness) der eigenen Technologien zu sammeln.

Im Gegensatz dazu gehört bei einer Public Cloud die IT-Infrastruktur einem ausgelagerten Cloud-Service-Anbieter. Services wie beispielsweise Office-Applikationen, CRM-Systeme oder Serverkapazitäten sind über das Internet zugänglich und stehen einer Vielzahl von Anwendern zur Verfügung. Durch die virtualisierte Infrastruktur fällt der interne Wartungsaufwand weg und Kapazitäten können dem jeweiligen Tagesgeschäft angepasst werden.

Als Hybrid Cloud versteht man infolgedessen die Kombination von Public Cloud und Private Cloud, welche die IT-Infrastrukturen aus beiden Umgebungen zusammenführt, um die jeweiligen Vorteile der Ansätze zu verbinden – je nach Anforderungen der einzelnen Applikationen.“

Wahl der passenden Cloud-Services

Im Kontext einer Cloud-Migration unterscheidet man die unterschiedlichen Cloud-Service-Modelle insbesondere hinsichtlich ihres Verantwortlichkeitsgrades.

„Infrastructure as a Service“ (IaaS) ist das grundlegendste Format von Cloud-Computing-Diensten. Bei IaaS wird die IT-Infrastruktur (dazu zählen Server und virtuelle Maschinen, Speicher (VMs), Netzwerke und Betriebssysteme) von einem Cloud-Anbieter geleast, wobei die Abrechnung nach Bedarf stattfindet.

Geht es um die Migration von Standardsoftware in eine Cloud-Betriebsumgebung, spricht man von „Software as a Service“ (SaaS), einer Methode, die in der Regel im Lift and Shift-Verfahren erfolgt. Cloud-Anbieter hosten und verwalten die Software-Anwendung und die zugrundeliegende Infrastruktur, führen Wartungsarbeiten, Software-Updates und Sicherheits-Patches durch. Beim Übergang auf die neue Betriebsumgebung ist kein Redesign der bestehenden Lösung erforderlich.

„Platform as a Service“ (PaaS) bezieht sich auf Cloud-Computing-Dienste, die eine On-Demand-Umgebung für Entwicklung, Testen, Bereitstellung und Verwaltung von Software-Anwendungen bieten. PaaS soll eine Erleichterung für Entwickler in der Erstellung mobiler oder Web-Anwendungen sein, um Arbeitsaufwände für die Konfiguration oder Verwaltung der zugrundeliegenden Infrastruktur, die für die Entwicklung erforderlich sind, zu vermeiden (Server, Speicher, Netzwerk und Datenbanken).

Wie PaaS konzentriert sich das „Serverless-Modell“ auf die Erstellung von Anwendungen, ohne Zeit mit der laufenden Verwaltung von Servern und der dafür erforderlichen Infrastruktur zu verschwenden. Der Cloud-Anbieter übernimmt die Konfiguration, Kapazitätsplanung und Serververwaltung. Serverlose Architekturen sind hochgradig skalierbar und ereignisgesteuert. Funktionen werden nur dann genutzt, wenn ein Ereignis eine solche Nutzung auslöst.

Im Rahmen der Wahl des zum Geschäftsmodell passenden Cloud-Services müssen Finanzinstitute und Unternehmen allgemein zusätzlich eine Entscheidung hinsichtlich der Tiefe ihrer Migration in die Cloud treffen:

  • Rehosting: Wenige bis keine Veränderungen bei der Migration. Der aktuelle Zustand wird mit minimalen Änderungen an der Gesamtarchitektur zum gewählten Cloud-Anbieter verschoben.
  • Refactor: Beinhaltet einige Änderungen an der Anwendungsarchitektur, um die Elastizität zu nutzen. Dies wird oft erreicht, indem ein Architekturmerkmal durch ein PaaS-Äquivalent ersetzt wird.
  • Rearchitect: erfordert erhebliche und materielle Änderungen an der Anwendung, um Cloud-native Fähigkeiten zu nutzen. Zusätzlich sind enorme Entwicklungsressourcen erforderlich, die in der Regel in einem langwierigen Projekt münden.
  • Rebuild: Der ursprüngliche Quellcode wird entsorgt und die Anwendung von Grund auf an die Cloud-Plattform konstruiert. Dieser Ansatz bietet die größte Freiheit bei der Nutzung der Cloud-nativen Architektur.
  • Replace: Verzicht auf die benutzerdefinierte Anwendung, stattdessen wird SaaS verwendet, um die entsprechenden Geschäftsanforderungen zu erfüllen. Der primäre Migrationsaufwand bei diesem Ansatz besteht darin, die Daten aus der Legacy-Anwendung in die neue SaaS zu übertragen.

Kulturwandel und Agile Mindset

Heutzutage haben die meisten Unternehmen verstanden, dass die Cloud ihr Wegbegleiter für die Digitalisierung ist. Allerdings sind nicht alle erfahren genug, eine robuste Cloud-Strategie aufzubauen, kämpfen mit mangelnden Kapazitäten oder hegen Unsicherheiten über Systeme, Tools und Prozesse sowie die Bereitschaft ihrer Mitarbeiter, den Umzug in die Cloud zu meistern. Viele haben keinen genauen Einblick in die IT-Infrastruktur und sind nicht in der Lage, die Vorteile der Cloud in Bezug auf Kosten, Agilität, Geschwindigkeit und Markteinführung zu quantifizieren. Andere sind sich zwar der Vorteile bewusst, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen.

Sowohl für die Wahl des Cloud-Service-Modells als auch den reibungslosen Übergang auf die neue Betriebsumgebung spielt einerseits das technische wie auch das psychologische Verständnis der Entwickler eine entscheidende Rolle.“

Auf den Wechsel der Technologie sind die meisten technischen Teams in Finanzinstituten jedoch nicht angemessen vorbereitet, ihr Wissen über Cloud-Services oder den Umgang mit neuen Applikationen fehlt, oder sie vertreten sogar eine ablehnende Haltung. Die Harmonisierung zwischen Projektentwicklung und Systemadministration (DevOps) ist folglich für eine erfolgreiche Cloud-Migration von entscheidender Bedeutung, da sie die Zusammenarbeit erleichtert und sich auf Basis der Vision von Produkten anstelle von Projekten orientiert. Durch eine iterative Weiterentwicklung und Coaching der verantwortlichen Teams sowie einem effektiven Anforderungsmanagement wird den technischen Experten ermöglicht, die neuen Anwendungen zu verstehen und sich agil zu organisieren. Andernfalls wird die Gefahr, Beschäftigte auf dem Weg in die digitale Zukunft des Unternehmens zu verlieren, real.Dr. Ulrich Meyer, GFT

 
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