EVENTS & MESSEN28. November 2018

Die CeBIT ist Geschichte: Nachruf auf eine IT-Messe mit Höhen und Tiefen

Deutsche Messe AG

Die größte IT-Messe der Welt, deren Ende man in den letzten (mindestens) zehn Jahren vorausgesagt hatte, ist nun endgültig Geschichte. 2019, das teilte die Messegesellschaft heute mit, wird es entgegen aller Planungen keine CeBIT mehr geben. Auch der durchaus gelungene Versuch des Neuanfangs mit Festivalcharakter hat nicht dazu beigetragen, dass die CeBIT wieder eine tragfähige Veranstaltung werden kann. Die Messegesellschaft hat hier viel Mut bewiesen – und verloren. Ein Nachruf auf eine Veranstaltung, von der wir erst jetzt merken, dass sie den Digitalmenschen und der IT-Crowd fehlen wird.

Den Termin für die nächste CeBIT führt Google noch als eigenen Eintrag, Karten bestellen konnte man heute Mittag auch noch – und auch die Planer der Deutschen Messe waren noch vor wenigen Tagen bei Unternehmen und Redaktionen, um für „Europas führendes Digitalevent“ zu werben. Jetzt hat die Messegesellschaft die Reißleine gezogen und das „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“, so der sperrige Name aus den 80ern, ist Geschichte. Nach 32 Jahren, in denen (insbesondere in der ersten Hälfte) die Veranstalter jedes Jahr immer noch eine Schippe drauflegen konnten.

Und nun? Zu wenige Buchungen, zu wenige der etablierten Firmen, die in die Messe mit einem Stand investieren wollten, zu viele, die der mutige Neuanfang in diesem Jahr mit SAP-Riesenrad und Campingplatz offenbar verschreckt hat. 120.000 Besucher waren es in diesem Jahr, gut 800.000 in den Jahren um die Jahrtausendwende. „Die Deutsche Messe wird ihr Messeportfolio für ihre Digitalthemen neu sortieren“, heißt es jetzt in schönstem PR-Deutsch. Man werde auf andere, inhaltlich spitze Zielgruppen für die einzelnen Teilbereiche setzen. Und doch wird das für viele von uns, die wir der Messe über viele Jahre (mehr oder weniger – nunja, sie hat es einem auch nicht immer leicht gemacht) die Treue gehalten haben, kein adäquater Ersatz sein.

Messe, schnell weg! Jahrelang wurde die CeBIT immer größer

Hannover im März war kein Zuckerschlecken („CeBIT ist Schneebit“)– und so mancher machte aus dem Messeschnellweg das berühmte „Messe? Schnell weg!“. Und doch werden wir die CeBIT vermissen, die guten Jahre in den 90ern und kurz nach der Jahrtausendwende, als es jedes Jahr neue Superlative zu vermelden gab, als einige der Messeparties noch legendär waren und man nur ein hysterisches Lachen zu hören bekam, wenn man nach einem freien Hotelzimmer in der auch nur ansatzweise nahen Umgebung der Stadt fragte. Damals, als die CeBIT noch ein Welt-Event für die IT-Branche war, als selbst die Bankenhalle noch hinreichend voll war und viele Firmen die Messe gerne verlängert hätten, um alle Termine unterzukriegen.

Selbst die Unterkünfte in jenen Boomjahren waren noch lange Gesprächsthema: der korpulente Zwei-Meter-Kollege, der im Kinderbett übernachtet hatte, die Messe-Mami, die einen (wenn man sich teilweise seit Jahren kannte) mit Hausmittelchen betreute, wenn die Messegrippe Richtung Messeende zuschlug, oder auch die Dörfer im (großen!) Hannoveraner Umland, in denen man an Kellerbars die Trinkfestigkeit der Einheimischen austesten konnte.

Die späten CeBIT-Jahre: Besucherrekorde dank Schulklassen aus der Region

Dann kamen die späten Jahre, in denen „alles früher besser“ war, in denen man „nicht mehr da hinfährt“, weil es doch ohnehin alles im Internet gibt und in denen vor allem Schulklassen aus dem niedersächsischen Umland die Hallen füllten – nur damit die Messegesellschaft einen neuen Besucherrekord vermelden konnte. Die Kids interessierten sich zwar erwartungsgemäß mehr für Kugelschreiber und Gratis-USB-Sticks als für Banking-Lösungen und IT Security, aber Geschäfte wurden dennoch gemacht (wenn auch zunehmend bescheidener).

Längst gab’s die Innovationen für die Endkunden zur CES in Las Vegas und zum Mobile World Congress in Barcelona und längst waren die ersten großen Namen der Messe ferngeblieben oder hatten ihre Stände auf ein Minimum reduziert.

Die Bankenhalle wurde zusehends leerer, war schon vorher eine Zone, um die die Tütensammler einen großen Bogen machten – auch wenn es hier in den letzten Jahren mehr um Blockchain-Lösungen und künstliche Intelligenz als um Payment-Terminals und Geldzählmaschinen ging.“

Tobias Weidemann, IT-Finanzmagazin

Totgesagte leben länger – und sterben über kurz oder lang dann doch. Wie wird es weitergehen? Böse Zungen behaupten, dass man Hannover jetzt in 50 von 52 Wochen zumachen kann, weil es da ohnehin nur noch die Hannover Messe als größere Veranstaltung gibt. Die dürfte jetzt immerhin nach der Absage der CeBIT noch mehr Zuspruch seitens der Computer- und IT-Unternehmen finden. Das zeichnete sich schon in den letzten Jahren ab, als man bemerkte, dass Industrie 4.0 und IoT eben doch mindestens so viel mit IT wie mit Produktionsanlagen zu tun hatte. Vielleicht wird die Bankenhalle ja dort weiterleben – so oder so ähnlich. Und dann sind da noch die Spezialmessen, Konferenzen und Events für die Spezialisten. Die gibt es mehr denn je – doch Hannover wird hier bei Null anfangen müssen und es sicher in einem hochgradig gesättigten Markt schwer haben.tw

 
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