STUDIEN & UMFRAGEN29. April 2022

Female Finance bewegt jeden dritten Broker

Frauen investieren auf ihre Weise: sie setzen andere Schwerpunkte und haben häufig andere Einkommensbiografien als Männer, woraus sich abweichende Bedürfnisse ergeben. Doch die wenigsten Angebote nehmen darauf Rücksicht. Mit Female Finance wollen Finanzdienstleister diese Zielgruppe angemessen adressieren – und völlig unerschlossene Potenziale aktivieren.

Digital investieren liegt im Trend – es gibt aber geschlechterspezifische Unterschiede, ergab eine Marktanalyse. <Q>Sopra Steria Next
Digital investieren liegt im Trend – es gibt aber geschlechterspezifische Unterschiede, ergab eine Marktanalyse. Sopra Steria Next

 

Digitales Investieren liegt zwar im Trend, das spüren sowohl traditionelle wie neue Finanzdienstleister. Doch die Fan- und Nutzergemeinde der Trading-Plattformen, die dank Neobrokern und Robo-Advisors in den vergangenen Jahren enorm zugelegt hat, ist überwiegend männlich. Unter den Privatanlegern ist nur jeder dritte weiblich.

Eine der Ursachen liegt in unterschiedlichen Biographien. Weibliche Lebensläufe sind häufiger von Care-Arbeit geprägt. Auch Elternzeiten werden von Frauen statistisch deutlich häufiger in Anspruch genommen als von Männern. Daraus resultiert eine im Durchschnitt größere Volatilität beim Einkommen. Kundinnen sind daher unter anderem auf flexiblere Produkte für die Altersvorsorge angewiesen.

Daneben erwarten Frauen Features, die ihnen Prognosen für ihre Geldanlagen und Planungen für das verfügbare Einkommen liefern. Sie wünschen sich häufiger Lösungen, die einen positiven Einfluss auf Klima und Umwelt haben, und sie setzen im Durchschnitt eher auf Sicherheit als Männer.

Problem erkannt

Jeder dritte Finanzdienstleister im Wertpapierhandel (33 Prozent) will verstärkt Frauen als Kunden für sich gewinnen. Eingebettet ist dieser Ansatz in das Ziel, den Finanzsektor nachhaltiger zu gestalten, ergab die Marktanalyse „Digital investieren“ der Management- und Technologieberatung Sopra Steria hervor. Dazu wurden die Depotangebote von 40 Anbietern aus Deutschland und Österreich untersucht. Mit zehn Anbietern aus Deutschland und fünf aus Österreich wurden zudem ausführliche Interviews geführt.

Nachhaltigkeit sei der Megatrend schlechthin, und dieser schließe auch die Frage der Geschlechtergleichheit mit ein, betont Robert Bölke, CIO Advisory bei Sopra Steria Next. Der Weg dorthin führt über Female Finance – also einer stärkeren Orientierung an weiblichen Interessen und Biografien bei Ansprache und Produktgestaltung. Doch vor allem den klassischen Banken und Sparkassen fehlen für die gezielte Akquise und die Entwicklung von Produkten für weibliche Kunden oftmals die passenden Werkzeuge.

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Sopra Steria Next

Ein besserer Zugang von Frauen zum Finanzsystem gehört zu jeder Nachhaltigkeitsstrategie. In einem scharfen Wettbewerbsumfeld ist es für die Finanzdienstleister wichtig, sich mit gendergerechten Investmentmöglichkeiten am Markt zu positionieren und zu differenzieren.“

Robert Bölke, Sopra Steria Next

Female Finance in der Praxis

Unter den Vorreitern findet man eine angepasste Angebotspalette, sie investieren zudem in ein gezieltes Marketing. Sie nutzen beispielsweise Kooperationen mit Influencerinnen, um Frauen für sich zu gewinnen und den Gender-Investment-Gap zu schließen. Daneben gestalten sie Funktionen und das Design von Apps und Online-Portalen so, dass sie der User-Journey und den Informationsbedürfnissen von Investorinnen entsprechen.

Dem Aufbau von Netzwerken und der Austausch mit anderen Anlegerinnen kommt in diesem Zusammenhang ebenfalls hohe Bedeutung zu. FinTechs wie Heyfina, finmarie und Vitamin setzen als Trading-, Finanz- und Coaching-Plattformen für Frauen sogar vollumfänglich auf die weibliche Finanzkraft, so eines der Analyse-Ergebnisse von Sopra Steria.

KI in der Kundensegmentierung

Für die Analysten der Management- und Technologieberatung sind für Female-Finance-Angebote wesentlich bessere Kundenprofile unabdingbare Voraussetzung. Die klassische Kundensegmentierung der Banken und Sparkassen kann dies jedoch für die heterogenen Zielgruppen nicht leisten. Die statische Einteilung in Gruppen müsse immer stärker dynamischen und individuellen Kundenprofilen weichen, die eine Vielzahl von Informationen vereinen, so eine der Empfehlungen. Die Marktanalyse zeige, dass die Kundinnen von heute keine Angebote über isolierte Einzelprodukte möchten, sondern eine umfassende, integrierte Lösung für ihre jeweiligen Zielsetzungen oder aktuellen Lebenssituationen.

Der Markt für digitales Investieren wachse, während sich der Wettbewerb zugleich verschärft, stellt Robert Bölke fest. Wer in diesem lukrativen Markt Anteile gewinnen und den Preiskampf umgehen wolle, braucht eine individuellere Produkt- und Marketingstrategie. Die Institute sollten daher lernen, die Daten ihrer Kundinnen und Kunden besser zu nutzen, mahnt der Banking-Experte.

Einen Beitrag dazu können Technologien wie Künstliche Intelligenz leisten, die inzwischen durchaus ausgereift seien. Sie können beispielsweise helfen, Kundenprofile durch frei verfügbare Informationen zu ergänzen. Dazu bedarf es jedoch einem Datenmanagement, das alle Kontaktpunkte erfasst – von der Newsletter-Ansprache über Eingaben in Trading-Apps bis zu Auswertungen von Hotline-Anfragen. Auf diese Weise erhalten die Finanzdienstleister einen viel umfassenderen Blick auf die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden als bisher. Durch Data-Mining wiederum lassen sich sehr spezifische Cluster identifizieren. Diese bilden dann die Ausgangsbasis, um spezifische Lösungen für Kundinnen und Kunden entwickeln.

Die vollständige Marktanalyse finden Sie ab sofort hier zum kostenfreien Download. hj

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/139531
 
 

 

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