ANWENDUNG18. Februar 2021

Siegeszug der Einfachheit: Zahlungsprozesse als Innovationstreiber in der E‑Mobilität

Siegeszug der Einfachheit: Zahlungsprozesse als Innovationstreiber in der E-Mobilität
Daniel Höfelmann, Director Innovation Management Aareal Bank WiesbadenAareal

Wandelt sich die Gesellschaft, dann verändert sich die Rolle der Banken. Wenn Neo-Banken und Tech Companies sich immer weiter in klassische Bankgeschäftsfelder hineindrängen, wird es für Banken Zeit, ihre zukünftige Rolle im Ökosystem kritisch zu hinterfragen. Längst besteht auch das Commercial beziehungsweise Business Banking nicht mehr nur aus dem Finanzieren und Abwickeln von Zahlungsverkehr von A nach B – immer stärker sind zusätzliche Kompetenzen wie Beratungs- oder IT-Leistungen gefragt. Gelegenheiten zur Neupositionierung gibt es genug, schließlich ändert sich die Welt um die Banken herum rasant. Ein Beispiel ist das Management kleinteiliger und komplexer Zahlungsströme zwischen verschiedenen Partnern, sogenannte Micro- und Multi-Party-Payments, auf Plattformen. Dringend gesucht sind im konkreten Fall gangbare Payment-Lösungen im E-Mobility-Bereich.

von Daniel Höfelmann, Aareal Bank

Gesellschaftliche und technische Entwicklungen verändern das Bankengeschäft rasant. Manchmal scheint es, als würde eine unsichtbare Macht die alteingesessenen Banken vor sich her treiben. Ob kleine, innovative FinTech-Spezialisten, alternative Finanzierungsangebote und nicht zuletzt das Niedrigzinsumfeld – alles scheint daran zu arbeiten, die vielbeschworene Systemrelevanz des Sektors zu erodieren. Warum sollten Banken auch immun sein gegen diese (R)Evolution? Wer bestehen will, muss sich an die äußeren Bedingungen anpassen – und diese geben auch im Finanzsektor nicht zuletzt die Kunden vor. Wenn beispielweise eine einfache Finanzierung oder ein simpler Geldtransfer von anderen Anbietern bequemer, schneller oder günstiger erstellt werden kann, dürfte es vielen klassischen Banken schwerfallen, diesen Wettbewerbsvorteil zu neutralisieren. Gut beraten scheinen daher diejenigen, die sich auf ihre Stärken fokussieren, ihre Angebote an die sich wandelnden Bedürfnisse anpassen und auch den selektiven Schulterschluss mit Herausforderern nicht scheuen, wenn es im Sinne des Kunden ist.

Wenn heute alle Welt vom Siegeszug der Ökosysteme oder der Plattform-Ökonomie spricht, sollten sich Banken vor Augen halten, dass sie den Ökosystem-Gedanken eigentlich in den Genen haben.“

Neue Ökosysteme auf dem Vormarsch

Digitale Ökosysteme verknüpfen mehrere Anbieter, die sich an Kundenbedürfnissen der Nutzer orientieren. Wesentlicher Aspekt ist dabei die Ausrichtung auf die End-to-End-Erfüllung eines Kundenbedürfnisses. Plattformen bringen auf einfache Weise Anbieter und Nutzer zusammen. Dabei denken heute natürlich alle zuerst an Amazon (und seinen Marketplace), den Giganten der Plattform-Ökonomie, der dieses Prinzip fast bis zur Perfektion entwickelt hat. Ökosysteme begegnen uns in der Wirtschaft immerzu, der Ökosystem-Gedanke ist keineswegs neu. Gerade im B2B-Bereich bieten oft viele Unternehmen gemeinsam Leistungen an. Durch die Digitalisierung stößt das Prinzip jedoch in andere Dimensionen vor:

Neu ist, dass immer kleinteiligere Transaktionen durch Prozessautomation ökonomisch attraktiv werden.“

Infobox Aareal Connected Payments
Im Rahmen einer Partnerschaft mit der smartlab Innovationsgesellschaft mbH hat die Aareal Bank ein automatisiertes Abrechnungsverfahren entwickelt, das erstmals im Bereich der Elektromobilität Anwendung findet: Die Lösung Aareal Connected Payments erleichtert das Abrechnungsmanagement komplexer Zahlungsströme zwischen verschiedenen Partnern, sogenannte Multi-Party-Payments, auf einer gemeinsam genutzten Plattform und unterstützt so den Fortschritt der E-Mobilität in Deutschland. Die Pilotierung der neuen Abrechnungslösung erfolgt zunächst auf der Plattform ladenetz.de, auf der smartlab mehr als 220 Stadtwerke als Anbieter von Ladestationen miteinander vernetzt. Die Plattform macht es möglich, dass Besitzer von E-Autos ihr Fahrzeug deutschlandweit an den Ladesäulen der teilnehmenden Stadtwerke mit nur einer Ladekarte oder der App von ladenetz.de aufladen können. Für den Nutzer ist das komfortabel, da es die Ladevorgänge und ihre Abrechnung vereinfacht. Mehr zu finden hier: Link

Spätestens dann, wenn es zur Ab­rech­nung kommt, ist je­doch schnell Schluss mit Sim­pli­zi­tät – denn der Zah­lungs­pro­zess ge­stal­tet sich oft klein­tei­lig, kom­pli­ziert und müh­sam und kann so den ge­sam­ten Busi­ness Ca­se in Fra­ge stel­len. Was nutzt das über­zeu­gends­te An­ge­bot, wenn es in ei­nem kom­ple­xen und er­go teu­ren Pro­zess mündet?

E-Mobilität als Musterbeispiel kleinteiliger Multi-Party-Payments

Ein span­nen­des, ak­tu­el­les Bei­spiel bie­tet sich im Be­reich der im­mer schnel­ler fort­schrei­ten­den Ver­brei­tung der Elek­tro­mo­bi­li­tät in Deutsch­land. Stadt­wer­ke und an­de­re En­er­gie­ver­sor­ger sind als An­bie­ter von La­de­säu­len da­bei, die Lad­ein­fra­struk­tur im Land auf- und aus­zu­bau­en. Ver­bun­den ist die Schaf­fung ei­nes mög­lichst flä­chen­de­cken­den La­de­net­zes für sie – un­ter an­de­rem – mit gro­ßen Payment-Herausforderungen.

Deutschlandweit ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­le Stadt­wer­ke La­de­säu­len auf­ge­stellt. Zu­nächst konn­ten dar­an nur Ver­trags­kun­den la­den und be­zah­len. Wer früh auf E-Mo­bi­li­tät setz­te und in ver­schie­de­nen Städ­ten un­ter­wegs war, hat­te dar­um oft das gan­ze Hand­schuh­fach vol­ler Kun­den­kar­ten der ver­schie­de­nen Stadt­wer­ke. Nut­zer­freund­lich­keit geht anders!

Seit 2017 gilt die Ladesäulenverordnung 2, laut der jeder E-Auto-Fahrer an jeder Ladesäule tanken und bezahlen können muss. Auch deshalb machen inzwischen immer mehr Roaming-Angebote – ähnlich wie im Mobilfunk – dem Kunden Ladepunkte von Fremdanbietern zugänglich und stellen gleichzeitig den nötigen Datenaustausch zwischen allen Beteiligten sicher: Plattformen zum Beispiel, auf denen sich die Ladesäulenbetreiber zusammenschließen und ihre Leistungen im Verbund anbieten können. Für alle angeschlossenen Ladesäulen braucht der Nutzer nur noch eine einzige Kundenkarte, mit der er sein E-Auto laden kann.

Herausforderung: Zahlungen an vielen Tausend Ladesäulen verrechnen

Was für den E-Autofahrer ein Plus an Komfort bedeutet, ist für Plattformbetreiber und Stadtwerke mit technischen Implikationen verbunden und stellt sie vor große Herausforderungen: Wie sollen sie umgehen mit der wachsenden Menge an Micro- und Multi-Party-Payments – also mit den vielen, kleinteiligen Bezahlvorgängen, die bei jedem Ladevorgang an den tausenden Ladesäulen in Deutschland anfallen und zwischen den Stadtwerken verrechnet werden müssen? Aufgrund der hohen Komplexität haben einige Anbieter zeitweise sogar auf die Abrechnung untereinander verzichtet beziehungsweise haben Flat-Tarife angeboten. Die Suche nach Lösungen wird immer dringlicher:

Je stärker sich die E-Mobility in Deutschland verbreitet, desto stärker steigt das Umsatzpotenzial für die Energieanbieter – desto größer wird aber auch die Menge an Einzeltransaktionen, die es zu verarbeiten gilt.“

Autor Daniel Höfelmann, Aareal
Daniel Höfelmann ist Director Innovation Management bei der Aareal Bank AG (Webseite) in Wiesbaden. Er und sein Team treiben die Innovations- und Digitalisierungsaktivitäten der Bank vor­an. Dazu gehören sowohl das Generieren von Ideen über unterschiedliche Kanäle (darunter Start-up Screening und neue Technologien) als auch die prototypische Umsetzung und Marktvalidierung für Nutzer oder Kunden. Höfelmann hat an der Frankfurt School of Finance and Management studiert und war da­nach fast ein Jahrzehnt lang im Digital Private Banking der Credit Suisse in Zürich für Digitalisierung, Start-up-Beziehungen und Innovationsthemen mitverantwortlich. Seine Themenschwerpunkte sind Fin- und PropTech sowie digitale Transformation. Er ist Mentor am Frankfurter Start-up- und Innovationzentrum TechQuartier.

Konsolidieren und automatisch abrechnen

Hier nun kommt die Pay­ment- und Bran­chen­ex­per­ti­se von Ban­ken ins Spiel, um prak­ti­ka­ble Lö­sun­gen für Platt­form­be­trei­ber und de­ren en­er­gie­wirt­schaft­li­che Kun­den zu fin­den. Ge­sucht ist ei­ne Ab­rech­nungs­lö­sung, die Platt­form­be­trei­ber in­te­grie­ren kön­nen, um dar­über den Zah­lungs­ver­kehr zwi­schen den in­vol­vier­ten An­bie­tern au­to­ma­ti­siert ab­wi­ckeln zu lassen.

Statt je­des klei­ne Mi­cro-Pay­ment ein­zeln und bi­la­te­ral ab­zu­wi­ckeln, gilt es die Zah­lungs­strö­me auf ein Mi­ni­mum zu kon­so­li­die­ren, al­so al­le Ein­zelab­rech­nun­gen pro Ab­rech­nungs­zy­klus zu bün­deln und über ei­nen Zah­lungs­dienst­leis­ter au­to­ma­tisch ab­zu­rech­nen. Nicht zu ver­ges­sen: Al­le An­bie­ter brau­chen im B2B-Kon­text elek­tro­ni­sche Ein­zel­rech­nun­gen, die auch steu­er­li­che Be­son­der­hei­ten be­rück­sich­ti­gen, und da­mit ei­ne voll­um­fäng­li­che Trans­pa­renz über sämt­li­che Vor­gän­ge im Zah­lungs­pro­zess zu ge­währ­leis­ten. Der bis da­to enor­me Ab­rech­nungs­auf­wand der Stadt­wer­ke un­ter­ein­an­der wird so auf ein Mi­ni­mum reduziert.

Payment-Lösung für E-Mobility-Plattformen – die wichtigsten Prozessschritte:

  1. Input der Zahlungsdaten
  2. Input der Kunden- und Rechnungsstellungsdaten
  3. Matching der Transaktionen zwischen den beteiligten Anbietern
  4. Errechnung und Netting der Forderungen bzw. Verbindlichkeiten zwischen den Anbietern
  5. Digitale und automatisierte Rechnungserstellung
  6. Digitaler Rechnungsversand
  7. Durchführung und Kontrolle der Zahlungsabwicklung im Bereich der Forderungen
  8. Durchführung und Kontrolle der Zahlungsabwicklung im Bereich der Auszahlungsansprüche

Von den komplexen Prozessen, die im Hintergrund ablaufen, sollte der Endkunde natürlich nichts mitbekommen – er freut sich über ein reibungsloses Nutzererlebnis. Plattformbetreiber können unterdessen ihren Service gegenüber den Stadtwerken erweitern – und diese wiederum bringen mehr Effizienz in ihre Zahlungsprozesse auf diesem Zukunftsmarkt.

Cross-sektorale Zusammenarbeit

Das The­ma Elek­tro­mo­bi­li­tät und Ab­rech­nung wird künf­tig wei­ter an Wich­tig­keit ge­win­nen. Mit der Im­mo­bi­li­en­bran­che wird künf­tig ei­ne wei­te­re Par­tei stark in das The­ma E-Mo­bi­li­ty und Lad­ein­fra­struk­tur in­vol­viert sein. So wer­den zum Bei­spiel für vie­le Mil­lio­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­bei­t­neh­mer so­wie Mie­te­rin­nen und Mie­ter Kon­zep­te ent­wi­ckelt wer­den müs­sen, wie sie künf­tig an ih­rem Ar­beits- be­zie­hungs­wei­se Wohn­ort das La­den ih­rer Fahr­zeu­ge si­cher­stel­len kön­nen. Ei­nen Schritt wei­ter ge­dacht: In ei­ner ur­ba­nen Zu­kunft neh­men der on-De­mand-In­di­vi­du­al­ver­kehr und ver­netz­te Tür-zu-Tür-Mo­bi­li­täts­kon­zep­te mit ei­ner Viel­zahl an in­vol­vier­ten An­bie­tern zu. Mi­cro- und Mul­ti-Par­ty-Pay­ments ge­win­nen da­durch al­ler Vor­aus­sicht nach wei­ter an Bedeutung.

Mehr denn je ist hier ei­ne cross-sek­to­ra­le Zu­sam­men­ar­beit ge­fragt. In der Ver­gan­gen­heit war das Si­lo­den­ken in ei­ni­gen Bran­chen noch stark aus­ge­prägt. Doch Pro­zes­se en­den nicht an der Un­ter­neh­mens­tür. Per­spek­ti­visch sind des­halb vie­le Par­tei­en – aus der Au­to­mo­bil-, Im­mo­bi­li­en- und En­er­gie­bran­che – ge­for­dert, stär­ker über Sek­to­ren­gren­zen zu kooperieren.

Die Bank agiert als Schnittstelle zwischen den Branchen und kann ihnen rund ums Thema Payment beratend zur Seite stehen. Damit übernehmen die Banken im Bereich der E-Mobilität eine Rolle, die ebenfalls in ihren Genen steckt – die des Business Enablers.“

Daniel Höfelmann, Aareal Bank
 
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