STRATEGIE26. Okt. 2015

Bankprozesse: Organisatoren entwickeln sich zu Inhouse-Consultants

Claudia MeierProcedera Consult
Claudia Meier,Procedera ConsultProcedera Consult

Deut­schen Kredit­in­sti­tu­ten steht ein Men­ta­li­täts­wandel in der Bankor­ganisati­on bevor: Künftig müs­sen die Ver­antwortli­chen auf Mit­arbei­ter bauen, die zwi­schen den Ab­teilun­gen vermit­teln können und so ei­ne Vielzahl von Pro­jek­ten inn­erhalb der Bank stemmen. Die Zeit rei­ner Fach­spezia­lis­ten in den Or­ganisati­ons­ab­teilun­gen geht zu En­de.

von Claudia Meier, Procedera Consult

Bereits heute geht die reale Aufgabenverteilung in der Bankorganisation über Prozessmanagement und die Pflege des Organisationshandbuchs hinaus. Inzwischen kümmern sich Bankorganisatoren beispielsweise auch um Rechtevergabe, Vertragsmanagement oder das Formularwesen (vgl. Abb. 1). In vielen Fällen treibt die Organisationsabteilung zudem die Bankentwicklung voran. Im Vordergrund stehen dabei klassische Projektmanagementaufgaben sowie zunehmend auch Multiprojekt- und Beschwerdemanagement. Viele Institute haben auf die neue Aufgabenvielfalt noch keine passende Antwort gefunden.

Zunehmende Aufgabenvielfalt in der Bankorganisation.Procedera
Zunehmende Aufgabenvielfalt in der Bankorganisation.Procedera Consult

Organisationsverantwortliche suchen frisches Zielbild

Claudia Meier
Clau­dia Meier ist Inhabe­rin von Pro­cede­ra Consult. Das Un­ternehmen ber­ät seit 2008 Banken und Sparkas­sen zu den Schwerpunkt­themen Bankor­ganisati­on und Or­ganisati­ons­handbuch.

Zuvor war Meier bei ver­schiede­nen Banken in leiten­den Positionen be­schäftigt und hat dort Mi­grati­ons- und Or­ganisati­ons­projekte ver­antwortet.

Tatsächl­ich be­schäftigen sich die Banken derzeit vornehmlich mit der Umsetzung auf­sichtsrecht­li­cher Vor­ga­ben. An­ge­sichts der ho­hen Frequenz gesetzgeberi­scher Aktivitä­ten auf den Fi­nanzmärk­ten bleibt dadurch kaum noch Zeit, um die externe Dynamik in­tern angemes­sen abzubilden. Die Banken­aufsicht bindet aktuell mehr als 75 Pro­zent al­ler verfügba­ren Kapazitä­ten inn­erhalb der Or­ganisati­ons­ab­teilun­gen. Folgerichtig übernehmen die Or­ganisa­to­ren zu­nehmend Auf­ga­ben, die im Zu­sammenhang mit Regulatorik anfal­len. In der Praxis erfordert dies vermehrt Ab­stimmun­gen zwi­schen Fach­ab­teilun­gen, IT und Rechts­ab­teilung, um Pro­zesse compli­ance-kon­form abzubilden oder die­se etwa im Zuge von Pro­zessoptimierun­gen und -digi­talisierung umzuge­stal­ten. Schlei­chend verändert sich damit die Jobbeschreibung für Bankor­ganisa­to­ren. Ver­einfacht ge­sagt, brau­chen die Banken künftig aktive Pro­zessmana­ger, die als Inhouse-Consultants alle Fäden in der Hand hal­ten und bei fach­spezifi­schen Fra­ge­stellun­gen die jeweiligen Ab­teilun­gen ins Boot holen.

Bankorganisation 2.0: Methodenstarke Moderatoren

Aus bankanalytischer Sicht fordert dieser Veränderungsprozess vor allem zur Weiterbildung auf. Das zeigt ein Blick auf die Personalsituation heutiger Bankorganisationen: Drei von vier Mitarbeitern bringen berufliche Erfahrungen nur aus dem eigenen Haus mit (vgl. Abb. 2). Kollegen mit unternehmens- oder gar zusätzlich branchenübergreifendem Wissen sind eine Rarität – das ergibt sich aus den kumulierten Werten zur Berufserfahrung. Impulse von außen lassen sich so nur schwer aufnehmen. Insbesondere beim Thema „Change the Bank“ erweist sich veraltetes Methodenwissen als fatal. Fachabteilungen und IT gehen schnell von der Stange, wenn sie sich von den Bankorganisatoren unverstanden fühlen. Viele Banken setzen daher auf Fortbildungen in auf den ersten Blick fachfremden Kompetenzen wie Moderations- und Kommunikationstechniken. Doch genau auf diese Fähigkeiten kommt es bald an. Organisationsabteilungen können nicht mehr alles selbst erledigen. Sie brauchen angesichts zunehmender Komplexität bei Prozessen, IT-Anwendungen und rechtlichen Vorgaben Unterstützung aus den Abteilungen.

Hohe personelle Kontinuität – eine Herausforderung für die Innovationskraft.Procedera Consult
Hohe personelle Kontinuität – eine Herausforderung für die Innovationskraft.Procedera Consult

Neue Berufsperspektiven in der Bankorganisation

Ausgeprägte Soft-Skills spielen vor diesem Hintergrund eine immer wichtigere Rolle. Das hat noch einen ganz anderen Nebeneffekt: Die Bankorganisation öffnet sich. Bislang bestimmen vor allem Mitarbeiter, die in ihrem Bankleben schon viel gesehen haben und über einen großen Schatz an Organisationswissen verfügen, das Bild der Organisationsabteilung. Wenn der Methodenfokus den Wissensfokus ablöst, kommt es jedoch mehr auf integrative Fähigkeiten an und das Verständnis, Prozesse und Abläufe zu modellieren. Daraus ergeben sich für die Zukunft gänzlich neue Perspektiven für die eigene Berufswahl. Denn mit der Bankorganisation am Steuerrad gewinnt die Abteilung nicht nur an gesamtunternehmerischer Bedeutung, sondern bietet auch neue Gestaltungsmöglichkeiten für engagierte Mitarbeiter. Den Grundstein für eine funktionierende Bankorganisation können viele Institute übrigens selbst legen, indem sie die Organisationsabteilungen wieder zur Pflichtstation für Auszubildende machen. Bankfachliches Verständnis bleibt neben hoher Methodenkompetenz ein unverzichtbarer Baustein für mögliche Karrierewege in der Bankorganisation.

Über die Studie ''Aufgaben und Wandel von Organisationsabteilungen''
Die Studie „Aufgaben und Wandel von Organisationsabteilungen“ fasst die Ergebnisse von telefonischen Interviews zusammen, die mit 30 Organisationsverantwortlichen in Banken mit bis zu 4.000 Mitarbeitern geführt wurden. Das IOM Institut für Organisation und Management an der Steinbeis-Hochschule Berlin hat die Studie gemeinsam mit der Procedera Consult im Zeitraum September 2014 bis Januar 2015 durchgeführt. In 2016 ist geplant, die Studie mit einer vergrößerten Stichprobe zu wiederholen. Der Studienband steht kostenfrei zum Download zur Verfügung.
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