PAYMENT-ANWENDUNG10. September 2015

Vorbild “Paymit”: So führen die Schweizer nationales mobile Payment ein

Paymit/SIX
Paymit/SIX

Paymit ist die sehr pragmatische Antwort der Schweizer auf PayPal. Im Mai starteten die Finanz­unter­nehmen Six, UBS und ZKB in der Schweiz die mobile P2P Lösung Paymit. Den drei Initiatoren haben sich Mitte Juli Raiffeisen sowie die Kantonalbanken von Genf, Waadt und Luzern angeschlossen. Der Beitritt der Credit Suisse wird in Kürze erwartet. Paymit ist eine Erfolgsgeschichte, an der sich deutsche Payment-Anbieter orientieren könnten.

von Dirk Röder

Während UBS und ZKB (Züricher Kantonalbank) vielen etwas sagt, so ist Six ein mächtiger Player, der gerne im Hintergrund bleibt. Das Unternehmen betreibt eine Infrastruktur für den schweizerischen Finanzplatz in vier Bereichen: die Swiss Exchange (Börsenplatz), Partner im Post-trade (Securities service), Finanzinformationen und Kartengeschäft. Im zuletzt genannten Bereich bietet Six Dienstleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Hier ist auch die neue App angesiedelt.

p2p-Payment ist das Ergebnis einer weitsichtige Planung

Autor Dirk Röder

Autor Dirk RöderPrivat

Dirk Röder ist Mit­grün­der von opentabs, ei­ner mobilen Be­stell- und Bezahllösung für die Gas­tronomie. Röder­ hat tiefgrei­fen­de Erfahrun­gen im Change Management und der stra­tegi­schen Pro­dukt­entwicklung, mit den Schwerpunk­ten Mobile, FinTech und Automobil. Er teilt sei­ne Ge­danken auf sei­nem Blog roederhallo.de über twitter und LinkedIn.

Die Strategie bei der Entwicklung von Paymit lässt sich auf Zielgruppe, das richtige Produkt zur richtigen Zeit und Plattformgedanke zusammenfassen. Junge Menschen stehen neuen Technologien tendenziell eher aufgeschlossen gegenüber, ältere nutzen lieber bekannte Technologien. Für die Entscheidung zu eine “peer 2 peer” muss das Konsortium den internationalen Markt frühzeitig sehr genau beobachtet haben. Der weltweite Trend weg von eMail oder gar Facebook, hin zu sogenannten Messenger Diensten ist offensichtlich, nicht erst nach der spektakulären Übernahme von Whatsapp durch Facebook.

p2p – woher kam die Idee?

Gleichzeitig kommt der zweite Innovationsschub innerhalb der Messenger durch eine Zahlfunktion. Die chinesische App weChat ist das whatsapp Chinas und kann bereits seit 2013 für Bezahlungen von allerlei Produkte genutzt werden. Kurz darauf ergänzte das dahinter stehenden Unternehmen Tencent die Bezahlung um den p2p Charakter. Damit können nun Nutzer von weChat sich gegenseitig Geld überweisen. Daraufhin ging es Schlag auf Schlag. PayPal kaufte Ende 2013 Braintree und damit deren P2P app Venmo. Nur ein Jahr später ergänzt Snapchat – der neue Star am Messenger Himmel – mit Snapcash diese Funktion und im März’15 zog Facebook nach und rollt dieselbe Funktion im Messenger aus.

Die Jugend hat einen enormen Bedarf, sich gegenseitig Geld zu schicken. Gemeinsame Urlaube, Einkäufe, Parties etc; immer legt jemand für den anderen Geld aus und das Einsammeln der Beträge gestaltet sich mit herkömmlichen Zahlungsmethoden (IBAN, TAN Liste, …) schwierig. Stattdessen ist die Überweisung aus dem Adressbuch im Telefon einfach und schnell. Paypal.me zielt genau in diese Richtung. Hier kann sich jeder eine eigene Landingpage anlegen und diese URL an seine Freunde oder Geschäftspartner schicken und Geld anfordern. Zudem ist Paypal.me nicht nur auf Teenager ausgerichtet, weil explizit auch Geschäftstreibende angesprochen werden.

Paymit: Den Kunden in den Mittelpunkt stellen

Paymit/SIX
Paymit/SIX

Paymit setzt auf einen Bedarf in einer technik-affinen Zielgruppe und löst damit vor allem auch ein Problem: Eine Banküberweisung ist einfach lästig, zeitaufwendig und kompliziert. Für traditionelle Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen ist es nahezu unmöglich, aus dem Gefängnis ihres eigenen – noch aktuellen – Erfolgs auszubrechen. Ganz anders die Eidgenossen rund um Paymit, die ureigene Interessen einer Bank hinten anstellen. Paymit ist eine Plattform, an die sich die jeweilgen Institute anbinden und die Dienstleistung unterschiedlich gestalten können. So funktioniert die UBS Paymit-App mit jedem Bankkonto, während die App der ZKB um den Dienst von Paymit ergänzt wurde und folglich nur mit einem ZKB Konto funktioniert. Gleichzeitig gibt es natürlich die eigentliche Paymit App. Bald können andere Apps dieses SDK zum Bezahlen integrieren und somit die Verbreitung von Paymit weiter vorantreiben.

Im nächsten Schritt soll die Bezahlung an der Kasse und im Internet möglich sein, so Urs Rüegsegger, Chef von SIX. Das Ziel sei Paymit als Standard in der Schweiz zu etablieren. Rüegsegger betrachtet die Bezahlung am POS als Königsdisziplin und ist sich gleichzeitig der enormen Herausforderungen bewusst. Dabei geht es nämlich nicht nur um die technische Integration. Eine Transaktion am POS darf nicht länger dauern als die Zahlung mit einer NFC Kreditkarte, also 2 Sekunden. Ohne Zugriff auf den NFC Chip im iPhone wird das sehr schwer für Paymit. Da sich das iPhone in keinem Land der Welt so gut verkauft wie in der Schweiz, müssen folglich Alternativen her.

Swisscom – ein starker Telekommunikationsanbieter als Partner

Anfang August konnte SIX mit der Swisscom ein neuer Partner gewinnen. Swisscom – größte Telekommunikationsanbieter in der Schweiz – stellte seine eigenen Anstrengungen für das Zahlsystem “Tapit” ein. Tapit brachte es immerhin auf 10.000 Downloads. Die Kompetenz von Six auf der Anwendungsseite und die des Telekommunikationsdienstleisters in der Mobil-Technik konzentrieren sich auf Dienstleistungen für Händler und Nutzer, die den Geschäftsprozess vor Ort mit Paymit insgesamt beschleunigen und so den noch vorhanden Nachteil bei der reinen Bezahlung ausgleichen. Gerade in der Gastronomie gibt es hier mit Starbucks und opentabs interessante Ansatzpunkte: Das Entkoppeln von Bestellung und Bezahlung ermöglicht die Zubereitung des Kaffees, während der Nutzer noch in der Tram sitzt. Der Chef von Six hat eine sehr klare Strategie und kennt den Markt und dessen technische Hürden sehr genau. Dabei verliert er nie das wichtigste aus den Augen: den Nutzer.

Doch Paymit ist nicht alleine in der Schweiz und konkurriert mit Twint von der Postfinanz und der neuen App des Einzelhandelsriesen Migros im mobile payment Segment. Schlussendlich ist das Rennen für alle Teilnehmer noch völlig offen. Allerdings überzeugt Paymit mit einer glasklaren, tagesaktuellen Produktstrategie und einer der Zielgruppe entsprechenden Kommunikation.aj

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