STRATEGIE12. Juni 2020

Scheindigitalisierung bei Banken? Wie kurzfristige Maßnahmen zu nachhaltigem Erfolg führen

Fin-Martin Neumann, Consultant bei Fort.schritt
Fin-Martin Neumann, Consultant bei Fort.schritt Fort.schritt

Kreditinstitute mit geringem Digitalisierungsgrad können die Anforderungen ihrer Kunden nur unzureichend erfüllen. Viele Häuser versuchen nun, zielgerichtete digitale Lösungen schnellstmöglich umzusetzen. Doch Kreditinstitute, die überstürzt Prozesse digitalisieren, laufen Gefahr, sich in einer Scheindigitalisierung zu verlieren.

von Fin-Martin Neumann, Consultant bei Fort.schritt

Finanzinstitute sind jetzt dazu aufgefordert, ein digitales Ökosystem zu schaffen, in dem alle Leistungen abgebildet sind. Darin müssen auch Drittanbieter wie FinTechs oder externe Softwarelösungen sinnvoll in eine übergeordnete Digitalisierungsstrategie eingebunden sein, um das eigene Leistungsangebot flexibel und effizient zu gestalten.

Digitalisierungsprojekte zu Ende denken

Über die Jahrzehnte gewachsene Systemstrukturen machen es etablierten Banken schwer, innovative Veränderungen zuzulassen.

Institute, die den Handlungsbedarf erkannt haben, widmen sich bisher vor allem repetitiven und einfachen Kundenprozessen wie der Eröffnung eines Girokontos oder der Digitalisierung sogenannter „Papierschnittstellen“.  Dabei bietet die Digitalisierung in diesem Bereich das geringste Optimierungspotenzial.“

Bei der Entwicklung von digitalen Lösungen besteht zudem eine Ambivalenz zwischen der fachlichen Notwendigkeit und dem technischen Blickwinkel: Es sind in erster Linie die IT-Abteilungen der Banken, welche die Digitalisierung vorantreiben – ein Einblick in die komplexen Sachverhältnisse der Fachabteilungen fehlt ihnen meist. So kommt es nicht selten zu Verständnisproblemen im Entwicklungsprozess von Softwarelösungen. Nachträgliche Änderungen und Anpassungen sind oft unmöglich, wenn Konzeption und Entwicklung abgeschlossen sind. Korrekturen im Rahmen der Testphase sind meistens zu aufwändig und für die Kreditinstitute zu teuer. Nichtsdestotrotz sehen die Verantwortlichen in den Häusern das Ziel „Digitalisierung“ damit als erreicht, schließlich erfahren sie selten aus erster Hand, wie die Software funktioniert und angewendet wird.

Wir sprechen bei diesem Phänomen von Scheindigitalisierung.“

Kreditinstitute schöpfen ihre Digitalisierungspotenziale nur dann aus, wenn sie (auch) diejenigen Prozesse betrachten, die komplex und langwierig sind. Darin verstecken sich der wahre Optimierungsbedarf und die Chance auf hohe operationelle Effizienz. Außerdem steigen die Kundenbedürfnisse bei genau diesen komplexen Prozessen mit strengen regulatorischen Vorgaben und hohem Ressourceneinsatz. Ein Beispiel dafür ist der gewerbliche Kreditvergabeprozess.

Kurzfristige Maßnahmen schaffen Abhilfe

Autor Fin-Martin Neumann, Consultant Fort.schritt
Scheindigitalisierung kann gefährlich werden, sagt Neumann von Fort.schrittFin-Martin Neumann ist Consultant bei der Fort.schritt GmbH. Das Fach­ge­biet von Fin-Mar­tin Neu­mann ist das IT-ge­stütz­tes Pro­zess­ma­nage­ment. Sei­ne Schwer­punk­te lie­gen auf den Kre­dit­pro­zes­sen im pri­va­ten und ge­werb­li­chen Be­reich. Er bringt um­fas­sen­de Pro­jekt­er­fah­rung aus un­ter­schied­lich gro­ßen Be­ra­tungs­häu­sern mit.
Die Flut der KfW-Schnellkredite zeigte in den vergangenen Monaten auf, wie unterschiedlich Banken und Sparkassen ihre Prozesse an die veränderten Anforderungen anpassten – oder tatenlos blieben. Dabei reichten kurzfristige Optimierungslösungen für einen schnelleren Vergabeprozess von digitalen Antragsstrecken und Open-Banking-Plattformen in Zusammenarbeit mit FinTechs bis hin zu bankeigenen Antragsportalen.

Den größten Mehrwert bieten solche kurzfristigen Maßnahmen dann, wenn sie mit Bedacht gewählt und sorgfältig implementiert werden. Im ersten Schritt gilt es für Entwickler und Fachexperten zu definieren, wie Fachlichkeit und Fachlogik sinnvoll innerhalb der vorhandenen Softwarearchitektur abgebildet werden können. Ein Ansatz dafür ist das Domain-driven Design – eine konsequente Architektur auf Gateway-Basis mit hoher fachlich-technischer Verknüpfung. Eine modulare Ergänzung bzw. eine Erweiterung der Systemarchitektur mit gezielter Anbindung von Diensten über APIs gilt es im zweiten Schritt näher zu betrachten. Wo notwendig und gewünscht können über API Gateways gezielt funktionale Schnittstellen angebunden werden. Dabei ist auf eine hohe Konformität zu achten: Mit der Anbindung externer Lösungen zur Erweiterung der eigenen Services und des eigenen Backends steigen gleichermaßen Entwicklungs- und Wartungsaufwand. Es sind unter anderem Funktionsumfang und Technologie zu berücksichtigen: Welche Programmiersprachen kommen zum Einsatz? In welchem Format legt FinTech A die einzubindenden Daten ab und wie FinTech B – XML, JSON oder YAML?

Unter der Berücksichtigung dieser Kriterien sind APIs nicht nur PSD2-konforme Schnittstellen, sondern ein Digitalisierungsboost – sofern sie bestehende Legacy-Systeme punktgenau ergänzen.“

Darüber hinaus sollten Banken und Sparkassen sicherstellen, dass Backend-Daten auch auf Endgeräten mit unterschiedlichen Betriebssystemen wie iOS oder Android ohne Medienbrüche jederzeit zur Verfügung stehen.

Über Fort.schritt
Die Fort.schritt GmbH (Website) berät Banken, Sparkassen und Bausparkassen bei der Gestaltung und Optimierung IT-gestützter Prozesse. Thomas Keil-McCoy und Thomas Trompeter gründeten das Unternehmen mit Sitz in Weinheim 2015 aus einem Migrationsprojekt für Landesbausparkassen heraus. Fort.schritt hilft ihren Kunden, Prozesse zu digitalisieren und kosteneffizienter sowie nach regulatorischen Bestimmungen aufzusetzen.

Hohe Zeitersparnis durch künstliche Intelligenz

Kreditinstitute sollten in ihrer Digitalstrategie mittelfristig auch marktfähige KI-Lösungen wie Watson, Azure oder Amazons Web Service (AWS) in Betracht ziehen, die auch Cloud-basiert zur Verfügung stehen. Das Optimierungspotenzial ist enorm und auch Drittanbieter wie FinTechs bieten bereits spruchreife Lösungen.“

Der gewerbliche Kreditvergabeprozess ist auch hier ein Paradebeispiel. Banken nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung wie die elektronische Bearbeitung von Unterlagen bislang nur rudimentär. Durch eine automatisierte Verarbeitung, beispielsweise mit einem intelligenten Dokumentenmanagement, können die Häuser viel Zeit einsparen. Mit künstlicher Intelligenz oder Software-Bots ließen sich Dokumente auf wichtige Informationen scannen und zielgerichtet aufbereiten. Auch eine Rentabilitätsprognose oder eine Kapitaldienstfähigkeit könnte mittels KI und Data Analytics unter anderem durch eine API-Integration ermittelt werden, wenn sich ein adäquater Partner findet. Bei konsequenter Berücksichtigung dieser modularen Anbindung ließen sich aufwändige Prozessschritte gezielt digitalisieren.

Strategische Digitalisierung ist ein Teamsport

Kreditinstitute müssen IT-Expertise und bankfachliches Wissen enger verknüpfen, um kurzfristige, aber notwendige Maßnahmen zu identifizieren und konform in die eigene IT-Systemarchitektur zu integrieren. Die Fachlichkeit sollte dabei im Mittelpunkt stehen – Stichwort Domain-driven Design. So lassen sich genau die Digitalisierungspotenziale identifizieren, die eine tatsächliche bankfachliche Notwendigkeit mitbringen und auch langfristig einen gesteigerten Kundennutzen bieten. Für eine schnelle Umsetzung von Digitalisierungsprojekten führt kaum ein Weg an der Zusammenarbeit mit externen Partnern wie FinTechs und Drittanbietern vorbei.Fin-Martin Neumann, Fort.schritt

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://itfm.link/107536 
 
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (23 Stimmen, Durchschnitt: 4,35 von maximal 5)
Loading...

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

World Retail Banking Report: Plattformen sichern Innovation und Wachstum

Traditionelle Retailbanken geraten durch neue Marktteilnehmer mit kundenzentrierten Ansätzen erheblich...

Schließen