IT-PRAXIS26. November 2020

IT im Highlander-Prinzip: Es kann nur EIN System geben! Der Praxisbericht der NRW.Bank-IT

NRW Bank
Tobias Schmitt, NRW.BankNRW.Bank

Im Jahr 2004 wickelte die NRW Bank ihr Handelsgeschäft über einen ganzen Strauß von IT-Systemen ab. Während die Händler im Front-Office bereits damals schon nur mit einem einzigen System arbeiteten, setzte die Bank im Back-Office und im Nebenbuch sechs verschiedene Systeme ein: eines allein für Futures und Optionen, ein anderes für Schuldscheine und Bonds, wieder ein anderes für Swaps. Heute, 16 Jahre später, bearbeitet die NRW Bank die Kernprozesse im Handelsumfeld in einem IT-System. Sie hat im September die Konsolidierung ihrer Kapitalmarktsysteme abgeschlossen und wickelt jetzt das gesamte Kapitalmarktgeschäft über „FIS Front Arena“ ab – von der Geschäftseingabe über die Risikorechnung und Abwicklung bis hin zur Buchhaltung.

von Tobias Schmitt, Bereichsleiter IT/Organisation/Interne Dienste der NRW.Bank

Für die NRW Bank, die ihr Fördergeschäft bereits weitgehend automatisiert hat, ist die IT-Konsolidierung im Handelsgeschäft ein weiterer Meilenstein in der digitalen Integrationsstrategie. Die Arbeiten daran begannen bereits vor über einem Jahrzehnt: Als infolge der Finanzkrise 2007/2008 die regulatorischen Anforderungen an Banken stiegen, wuchs damit auch die Komplexität der IT-Systeme. Bei Änderungen mussten oft mehrere Systeme und Schnittstellen angepasst werden – was teils schwierige Umbauarbeiten erforderte.

Um dieser Entwicklung zu begegnen, hat die NRW Bank bereits früh das Zielbild entworfen, ihr Handelsgeschäft front-to-back in einem einzigen System zu betreiben.“

Programmierung im eigenen Hause

Als Förderbank, die am Kapitalmarkt ausschließlich Eigengeschäft betreibt, hat die NRW Bank eine Sonderstellung unter den Kreditinstituten. Das Back-Office an IT-Dienstleister auszulagern, kam ebenso wenig in Frage wie die Möglichkeit, ein komplett neues IT-System für Back- und Front-Office einzukaufen. Dann nämlich hätte die Bank auch im Front-Office „Front Arena“ austauschen müssen. Dieses System hat aber mit seiner modernen Programmiersprache Python aus unserer Sicht großes Zukunftspotenzial. So entstand die Idee, unser bestehendes Frontoffice- und Risikomanagement-System in Richtung Operations und Accounting auszubauen.

Weil es dafür keine Software-Blaupause gab, entschieden wir uns, gemeinsam mit dem Softwareanbieter FIS selbst in die Entwicklung zu gehen. Untypisch für eine Bank, die ja kein Softwarehaus ist.“

So fanden seit 2012 mehrere Entwicklungspartnerschaften zwischen der NRW Bank und FIS statt. Anders als andere Banken, die für ein solches Projekt oft eine große Zahl externer Entwickler ins Haus holen, haben wir die fachliche Ausprägung und die Programmierung vor allem mit eigenen Mitarbeitern vorangetrieben. Insgesamt waren bis zu 85 Kolleginnen und Kollegen aus der Bank über die Jahre an diesem Projekt beteiligt.

Eine Sprache, keine Schnittstellen

Autor Tobias Schmitt, NRW Bank
Tobias Schmitt leitet den Bereich IT/Organisation/Interne Dienste in der NRW Bank (Website). Er verantwortet die gesamte IT der Förderbank für Nordrhein-Westfalen. Der Betriebswirt startete seine Karriere als Regional COO Asia /Pacific bei der WestLB und verantwortete anschließend die technische Aufspaltung der WestLB in eine reine Geschäftsbank und die heutige NRW Bank, zu welcher er im Anschluss wechselte.
Die Lösung, die wir gemeinsam mit FIS entwickelt haben, zahlt sich heute gleich auf mehreren Ebenen aus. Der größte Vorteil: Seit der Umstellung auf eine einzige Software haben wir keine Systemschnittstellen mehr. Kapitalmarkt, Risikocontrolling und Backoffice arbeiten alle mit demselben System, sie sehen alle dieselben Daten. Übermittlungsfehler sind damit ausgeschlossen und viele Prozesse laufen automatisierter ab, weil etliche Schritte wegfallen. Ein Beispiel: Wenn in unserem alten System ein Wertpapier eine Kupon-Zahlung hatte, wurde der Kupon-Datensatz zunächst in einem System erstellt und musste anschließend in einem anderen im Vier-Augen-Prinzip freigegeben werden. Heute, im neuen System, werden solche Datensätze automatisiert erzeugt und müssen auch nicht mehr freigegeben werden. Denn unser System und das IT-System der Lagerstellen der Wertpapiere sind nun verbunden – wir können quasi direkt die Lagerstellen einsehen.

Hinzu kommt: Künftig arbeiten alle unsere IT-Mitarbeiter mit derselben Programmiersprache. Das macht flexible Personalplanung möglich. Und nicht zuletzt war die Entwicklung des neuen Systems in NRW-Bank-Eigenregie deutlich kostengünstiger, als wenn die Bank ein komplett neues System gekauft hätte.

Gemeinsame Releases

Großen Systemen wird oft nachgesagt, dass Release-Wechsel komplex werden und lange dauern. Richtig ist, dass wir uns künftig bei einem Update vom Front- bis zum Backoffice in allen Bereichen eng abstimmen müssen.

Ich sehe das als Vorteil, denn es fördert das Verständnis und die Zusammenarbeit.“

Aus strategischer Perspektive hat uns die erfolgreiche IT-Konsolidierung einen großen Schritt vorangebracht: Sie ermöglicht uns ein stärker integriertes, schnelleres und sichereres Arbeiten im Handelsgeschäft als je zuvor.

Mit der nun erreichten Front-to-Back-Konsolidierung sämtlicher Handelsgeschäft-bezogenen Prozesse im System FIS Front Arena besitzt die NRW Bank eine weltweite Alleinstellung.“Tobias Schmitt, NRW Bank

 
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