STRATEGIE26. April 2017

Blockchain steckt in Kinder­schuhen, wird aber schnell erwachsen – Sascha Schwarz DXC (ehem. CSC&HPE SE)

Sascha Schwarz, Leiter Banken & Capital Market DXC TechnologyDXC Technology

39 Prozent der Banken in Deutsch­land lassen Blockchain links liegen. Mit der technischen Plattform, die direkte Geldtransfers zwischen zwei Zahlungsverkehrspartnern ermöglicht, haben sich diese Institute noch gar nicht beschäftigt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie zur Blockchain, durchgeführt von DXC Technology in Deutschland (DCX entstand durch den Zusammenschluss aus CSC und HPE SE). Im Interview erläutert der Leiter Banken & Capital Market, Sascha Schwarz, was den Banken dadurch entgeht.

Herr Schwarz, wann ist der Zug abgefahren, um als Bank in Sachen Blockchain noch vorne mitzuspielen?

In den vergangenen 12 Monaten ist viel im Bereich der Blockchain, oder wie ich lieber sage, der Distributed Ledger Technology geschehen. Die Technik befindet sich aber ähnlich wie beim Internet Anfang der 90er Jahre noch in den Kinderschuhen. Die meisten Großbanken und Ver­sicher­ungs­un­ter­nehmen aber auch die Industrie beschäftigen sich mit diesem Thema und haben bereits Use Cases in Prototypen umgesetzt. Das ist aber noch überschaubar.

Wenn sich die Marktteilnehmer jetzt damit beschäftigen, ist der Zug noch längst nicht abgefahren.“

Laut Ihrer Studie halten 35 Prozent der Bankmanager Blockchain für eine Modeerscheinung ohne praktischen Nutzen für die Kunden. Wie reagieren Sie auf so eine Aussage?

Ähnliche Zurückhaltung und Einschätzungen gab es beim World Wide Web auch.“

Als 1997 Google gegründet wurde, hätte niemand erahnen können, dass der Konzern 20 Jahre später mit annähernd 600 Mrd. US-Dollar Marktkapitalisierung zum zweitwertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigt. Die Ergebnisse aus der Studie erstaunen mich daher nicht. Viele Unternehmen haben die Grundidee der Distributed-Ledger-Technologie auch noch nicht voll durchdrungen. Das ist aber notwendig, um genau wie beim Internet 20 Jahre zuvor die Einsatzmöglichkeiten umfassend bewerten zu können. Dazu gehören neben einem Grundverständnis von Peer-to-Peer Netzwerken und Verschlüsselungsmethoden auch rechtliche und steuerliche Aspekte.

Gibt es Einsatzmöglichkeiten für Blockchain, bei denen die Banken „Quick Wins“ erzielen können?

„Quick Wins“ sind ja bekanntlich einfach, schnell – also üblicherweise in wenigen Tagen – und ohne viel Geld umsetzbar. Die Distributed-Ledger-Technologie und ihre Implikationen, was die Infrastruktur einer Bank angeht, sind jedoch komplex. Hinzu kommen auch regulatorische Fragen, so dass ich mir „Quick Wins“ aktuell nicht vorstellen kann.

Wenn es um eigene Angebote geht, zeigen die Studienergebnisse, dass sich Banken auf Produkte rund um die Blockchain zurückziehen oder nur die Infrastruktur dafür bereitstellen wollen. Geht diese Rechnung Ihrer Meinung nach auf?

Vor kurzem habe ich ein Bankenforum zum gleichen Thema veranstaltet, das auch die zukünftige Rolle der Banken beleuchtet hat. Gerade bei Geschäftskunden sehe ich die Bank noch mehr als Berater auch für Anwendungsfälle einer Blockchain. Die Banken müssen dabei das Arbeiten in einem Eco-System, also im Verbund mit Venture Capital, Technologie-Unternehmen, Rechtsanwälten, FinTechs und so weiter intensivieren und dabei als Moderator fungieren. Denn die Banken haben durch das eigene Geschäftsmodell einen hervorragenden Einblick in die Märkte und auf die Akteure. Gemeinsam mit den Kunden und anderen Beteiligten ihres Eco-Systems können werthaltige Anwendungsgebiete entstehen.

Allerdings dürfte der ROI in den ersten Jahren noch negativ oder zumindest kaum positiv auffallen. Das kennen wir von den ersten Gehversuchen im Internet und muss allen Beteiligten klar sein.“

Umfragen zeigen, dass die Deutschen im europäischen Vergleich etwa beim Bezahlen per Smartphone eher zu den Technikmuffeln gehören. Lohnt sich die Blockchain für Banken überhaupt?

Deutschland war bisher gegenüber Neuerungen immer etwas zurückhaltend und es lassen sich viele Beispiele aufzeigen. Bleiben wir im Bereich Zahlungsverkehr. Denken Sie an das Bezahlen mit EC- oder Kreditkarte. Schon dabei hängt Deutschland anderen Ländern hinterher. In den USA ist die Kreditkarte das Zahlungsmittel Nummer 1. Bevor ein Distributed Ledger als mögliches Bezahlmittel per Smartphone eingesetzt wird, kommen andere bereits vorhandene Mobile-Payment-Lösungen wie die von der Deutschen Bank gerade erst vorgestellte zum Zuge.

Aber für das mobile Zahlen via Bitcoin-Wallet gibt es bereits erste Ansätze, wie z.B. das lokale Angebot von Pey in Hannover.“

Was raten Sie einer Bank, die heute entscheidet, sich mit Blockchain-Angeboten am Markt zu platzieren?

Bauen Sie Know-how auf! Das kann durch die vielen Beiträge im Internet, durch die Teilnahme an Fachvorträgen oder durch die Mitarbeit in Blockchain-Communities erfolgen.“

Wichtig ist dabei ein Team zusammenzustellen, das über entsprechende Branchenkenntnisse sowie fachliche und technische Kompetenz verfügt. Denn es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten innerhalb aber auch außerhalb der Banken-Industrie, die Beachtung finden sollten. Denkbar wäre auch, gemeinsam mit einem der heute bereits am Markt tätigten Anbieter neue Anwendungen zu entwickeln oder bestehende einfach zu beziehen.

Fast jeder vierte Bankmanager geht davon aus, dass noch in diesem Jahr erste Blockchain-Angebote für den Endverbraucher kommen. Weitere 29 Prozent erwarten dies in 2018 oder 2019. Worauf dürfen wir uns Ihrer Einschätzung nach einstellen? Welche technologischen Grundlagen müssen Banken erfüllen, um mit Blockchain durchstarten zu können?

Diese Frage lässt sich leider kaum direkt beantworten, da sich die technischen Anforderungen aus dem Use Case heraus ergeben. Es gibt zu viele zu berücksichtigende Variablen: Für welchen Zweck und Nutzerkreis ist die Blockchain gedacht? Handelt es sich um eine öffentliche, also von allen Internetnutzern frei zugängliche Blockchain, ähnlich wie Bitcoin? Oder eine private, geschlossene Blockchain, bei denen nur ein begrenzter Nutzerkreis zugelassen ist? Welche Rechte und Pflichten haben die Nutzer? Gibt es einen technischen Konsens für durchzuführende Transaktionen oder sollen diese durch eine Instanz reguliert und gesteuert werden? Eine immer stärkere Beachtung erhalten zunehmend die „Smart Contracts“. Dabei handelt es sich um Computerprotokolle, die unterschiedliche Vertragsbedingungen bei der Abwicklung eines Vertrages technisch unterstützen. Das ausgewählte Authentifizierungsverfahren der Blockchain-Teilnehmer und das Verschlüsselungsverfahren wirken sich ebenfalls auf die technologischen Anforderungen aus.

Sascha Schwarz, DXC Technology
Sascha Schwarz ist Managing Partner bei der DXC Technology und leitet den Bereich Consulting für Banking & Capital Markets in der Region Nord, Zentral und Osteuropa.

Wie können Blockchain-Anbieter da helfen?

Möglicherweise lassen sich die angedachten Use Cases mit Angeboten etwa von ripple, blockstream oder iBit umsetzen.“

Das wäre günstig. Anderenfalls muss eventuell ein ganz eigenes Blockchain-Konzept entwickelt und umgesetzt werden. An dieser Stelle ist genau das technische Know-how gefragt, das die Banken unbedingt aufbauen sollten.

Wie können kleinere Institute, die etwa an ein Rechenzentrum angeschlossen sind, mit Blockchain punkten?

Ich gehe davon aus, dass sich die Rechenzentren mit dem Thema Blockchain bereits auseinandersetzen und an geeigneten Anwendungsfällen alleine oder innerhalb ihres Eco-Systems arbeiten. Unabhängig davon können kleinere Institute von einem zunehmenden Angebot in 2018 oder 2019 profitieren, um entweder Anreize bei den Rechenzentren zu wecken oder aber Angebote von Blockchain-Anbietern selbst zu nutzen. Dabei wird die Prüfung der rechtlichen, regulatorischen und steuerrechtlichen sowie Sicherheitsaspekte einen hohen Kostenblock abdecken. Kleinere Institute dürften sich daher wohl eher mit anderen Instituten zusammentun und Arbeits- und Interessengemeinschaften bilden, idealerweise und wenn vorhanden mit deren Rechenzentren.

Zahlreiche Banken müssen wegen des Zusammenschlusses von Fiducia und GAD auf ein neues Kernbanksystem migrieren. Ist das die Chance, um die Weichen für Blockchain zu stellen?

Die Fiducia und GAD beschäftigen sich bereits heute mit dem Thema Blockchain und haben diesem sicherlich in ihrer Digitalisierungsstrategie den entsprechenden Platz eingeräumt.“

Da die Entwicklung von Blockchain-Lösungen noch am Anfang steht, werden klassische Kernbanksysteme vorerst nicht ersetzt werden. Als vorbereitende Maßnahme und Chance sehe ich die Berücksichtigung und Integration von standardisierten und offenen Schnittstellen, dem Einsatz von API-Management und Cloud Service Brokerage Tools.

Bei öffentlichen Blockchains fehlt den Banken ein direkter Zugriff. Einige Institute befürchten deshalb, rechtliche Vorgaben nur schwer umsetzen zu können. Welche Compliance-Risiken sehen Sie beim Thema Blockchain?

Die Grundidee einer öffentlichen Blockchain liegt ja gerade darin, dass eine externe Regulierung nicht vonnöten ist. Die Freigabe einer Transaktion erfolgt elektronisch und durch die Akteure. In der Tat gibt es ausreichend regulatorische Vorgaben auf Landesebene, innerhalb von Staatengemeinschaften wie der EU und weltweit. Die entsprechenden Stellen, wie etwa die BaFin, die Landeszentralbanken oder das World Economic Forum beschäftigen sich bereits mit dem Thema.

Es wird aber noch etwas dauern, bis es Handlungsempfehlungen für eine Umsetzung derzeitiger oder zukünftiger rechtlicher Vorgaben bei der Nutzung von Blockchain geben wird.“

Wer diese später herausgibt und welche bindend sein wird, ist heute noch unklar. Klar ist aber, dass die Blockchain-Anwendung primär über Fragen der Regulatorik entscheiden wird.

In diesem Jahr erwartet die Banken eine neue MaRisk-Novelle. Künftig müssen die Institute Risiken etwa bei ausgelagerter IT identifizieren und überwachen (AT 9). Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das Thema Blockchain?

Die neue MaRisk-Novelle AT 9 soll die effektive Steuerung und Überwachung von Auslagerungsrisiken durch die Bank sicherstellen. Dabei beschreibt die BaFin deutlicher als bisher, was als Auslagerung zu betrachten ist und was nicht.

Überführt man die Anforderungen [der BaFin] auf eine offene Blockchain, dann sind die Limitationen und fehlende Anwendbarkeit auf die Blockchain schnell ersichtlich. In einem offenen Peer-to-Peer Netzwerk ist die Frage an wen ausgelagert wird nicht zu beantworten.“

Nicht viel einfacher sieht es bei einer geschlossenen Blockchain aus. Da davon auszugehen ist, dass diese über Landesgrenzen hinaus Verwendung findet, sind unterschiedliche regulatorische Anforderungen, die nationales und internationales Recht enthalten, zu berücksichtigen.

Herr Schwarz, vielen Dank für das Gespräch!fb

Zur Studie: DXC Technologie hat in Deutschland 100 Fach- und Führungskräfte online zur Blockchain-Technologie befragt. Die Ergebnisse der Studie können in Kürze auf der Internetseite abgerufen werden können.

 
Sie finden diesen Artikel im Internet auf der Website:
https://www.it-finanzmagazin.de/?p=49097
 
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