MEINUNG10. Mai 2019

Krypto-Token aus Sicht eines Zentralbankers – Burkhard Balz, Deutsche Bundesbank

Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und verantwortlich für den Themenbereich Zahlungsverkehr
Deutsche Bundesbank

Am 8. Mai referierte Burkhard Balz (Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank) auf der CFS-Konferenz in Frankfurt am Main über Krypto-Token, Blockchain und die Potenziale der Distributed-Ledger-Technologie für Zahlungsverkehr und Wertpapierabwicklung. Weitere Aspekte der Rede waren die Herausforderungen technischer, organisatorischer und rechtlicher Natur sowie weitere Schritte zur Regulierung. Die Zusammenfassung seiner Rede.

von Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Der erste Krypto-Token Bitcoin ist angetreten, um ein neues Zahlungssystem zu schaffen. Manche sehen darin auch eine mögliche Weltwährung. Geld und alle Formen, Geld zu übertragen, sind unser Kerngeschäft. Krypto-Token verschaffen den Grundfragen, wie eigentlich stabiles Geld geschaffen und erhalten wird, neue Aufmerksamkeit.. Die dahinter stehende Technik könnte die Übertragung von Geld und Geldwerten verbessern.

Ich rede von „Krypto-Token“ und nicht von „Kryptowährungen“. Als sogenannte „Kryptowährung“ wurden vor einigen Jahren Bitcoin und zahlreiche Nachahmer bekannt, die ein digitales Peer-to-Peer Zahlungssystem versprochen haben. Diese öffentlich schon früh angebotenen Krypto-Token haben schnell viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: als vermeintlich revolutionäres Geld, als Zahlungsmittel im Darknet und als Spekulationsobjekt.

Die Welt der Krypto-Token hat sich weiterentwickelt, insbesondere die Blockchain-Technologie oder allgemeiner: Distributed-Ledger-Technologie. Diese Abwicklungstechnik ist vermeintlich weniger spektakulär, vermutlich aber von nachhaltigerer Wirkung.

Krypto-Token und Blockchain-Technologie

Das Universum öffentlich angebotener Krypto-Token ist groß und dehnt sich weiter aus. Seit dem Krypto-Urknall mit Bitcoin im Jahre 2009 sind angeblich über 2000 Krypto-Token dazugekommen. Manche sind gut sichtbar und erforscht. Doch es scheint auch viel „dunkle Materie“ zu geben, um im Bild zu bleiben.

Viele öffentlich verfügbare Krypto-Token müssen eher als Nischenphänomen angesehen werden. Aufgrund ihrer hohen Wertschwankungen sind Krypto-Token weit davon entfernt, Geldfunktionen übernehmen zu können. Sie eignen sich weder zur Wertaufbewahrung noch als Recheneinheit oder verlässliches Zahlungsmittel.“

In nur wenigen angebotenen Krypto-Token gibt es regelmäßig größere Umsätze. Wenige sind so liquide wie die beiden bekanntesten Krypto-Token Bitcoin und Ether, und kein Krypto-Token ist auch nur annähernd so liquide wie der Euro oder der US-Dollar. Als Spekulationsobjekt hingegen haben Krypto-Token einen wahrhaften Höhenflug erlebt. Die Bundesbank hat frühzeitig vor den Risiken dieser stark volatilen Investments gewarnt.

Wir haben gleichzeitig betont, dass die technologische Basis – die Distributed-Ledger-Technologie – wesentlich mehr zu bieten hat, als die Aussicht auf Spekulationserlöse. Konkret geht es um die technischen Grundelemente, die eine ‚Tokenisierung‘ von realen – nicht nur virtuellen – Vermögenswerten ermöglichen.“

Eine verteilte Datenbank in Kombination mit kryptografischen Hash-Verfahren sorgt mittels eines Protokolls in einem Rechnernetzwerk dafür, dass ein digitaler Wert (ein Krypto-Token) von Person zu Person übertragen werden kann. Dafür ist kein Intermediär erforderlich, keine zentrale Stelle, die den Übertrag bestätigt. Und sofern kein Angreifer die Mehrheit über die validierenden Netzwerkknoten erlangt, ist jede Transaktion abschließend und sicher auf einer Blockchain protokolliert.

Diesen verteilten Netzwerken fehlt die vertrauensbildende Komponente, die für Stabilität und Transparenz sorgt. Implizit setzt die Durchführung einer Transaktion im Bitcoin-Netzwerk das Vertrauen des Teilnehmers in die codierten Regeln des Bitcoin-Protokolls voraus. Das Protokoll und die darin vorhandenen Kontrollmechanismen können zwar transparent nachvollzogen werden, aber wer die im Regelsatz vorgesehenen Rollen übernimmt und ob dabei Konzentrationsrisiken entstehen, kann nicht immer eindeutig verifiziert werden. Zudem sind die anderen Teilnehmer in dezentralen Netzwerken oft nicht mit Klarnamen bekannt.

Daher favorisieren viele Projekte im Finanzsektor die Variante eines zugangsbeschränkten Netzwerkes. Dieses administrierte Netzwerk hat einen Betreiber, der den operativen Betrieb der Blockchain sicherstellt und berechtigte Teilnehmer zulässt. Alle Mitglieder sind eindeutig identifizierbar. So kann das Vertrauensproblem für die Teilnehmer und für die Aufsicht durch zugangsbeschränkte Netzwerke gelöst werden.

Warum sehen wir aber kein bedeutendes Wachstum von privaten Blockchain-Anwendungen? Seltener als angenommen stellen sich die erhofften Kosteneinsparpotenziale ein. Die Umstellung auf eine grundlegend neue Technologie erfordert zudem zunächst hohe Investitionskosten und der Nutzen von Einzellösungen ist in vielen Fällen noch unklar. Erfolg verspricht die Technologie oft nur dort, wo Netzwerkeffekte zum Tragen kommen. Nicht zuletzt sind bei einigen Anwendungen auch zuvor regulatorische Fragen zu klären.

Blockchain-Prototyp von Deutscher Börse und Bundesbank

Gemeinsam mit der Gruppe Deutsche Börse hat die Bundesbank einen eigenen Blockchain-Prototyp zu Forschungszwecken entwickelt. In der ersten Phase dieses Projekts haben wir uns auf die Darstellung von Zug-um-Zug-Abwicklung von Geld und Wertpapieren mithilfe einer Blockchain konzentriert.

Der simulierte Teilnehmerkreis umfasste Kreditinstitute, die tagsüber eigenständig miteinander Transaktionen innerhalb eines zugangsbeschränkten Netzwerks abschließen konnten. Der simulierte Handel auf der Blockchain sah die Umwandlung von echtem Geld in „digital coins“ und von echten Wertpapieren in „digital bonds“ vor.

Zum Tagesende nahm der Prototyp einen Ausgleich auf außerhalb der Blockchain geführten Geldkonten vor. Die digitalisierten Wertpapiere verblieben auf der Blockchain beim jeweiligen Teilnehmer. Dadurch vermieden wir, dass der Prototyp geldpolitische Auswirkungen hätte haben können.

Durch die Beschränkung des fiktiven Teilnehmerkreises auf zugelassene Kreditinstitute und die Transparenz der teilnehmenden Netzwerkknoten war im Prototyp zu jedem Zeitpunkt die eindeutige Zuordnung von Transaktionen zu Teilnehmern ersichtlich. Regulatorische Anforderungen konnten so voll und ganz erfüllt werden.

Die erste Projektphase hat gezeigt, dass funktional die Abbildung eines typischen Abwicklungsprozesses im Wertpapiergeschäft mit der Blockchain-Technologie möglich ist.

In der zweiten Phase des Projekts haben wir die Leistungsfähigkeit des Prototyps auf zwei unterschiedlichen Plattformen untersucht: Hyperledger Fabric und Digital Asset. Beide erwiesen sich als grundsätzlich geeignet für den großvolumigen Einsatz in Finanzmarktinfrastrukturen.

Während die Widerstandsfähigkeit des Systems durch den Einsatz der Blockchain erhöht werden konnte und die Abstimmungskosten sanken, haben wir erhöhte Abwicklungszeiten sowie verhältnismäßig hohe Rechenkosten bei unseren Implementierungen beobachtet. Die Technologie ist folglich nicht per se derzeit im Einsatz befindlichen Systemen überlegen.

Vor einem Einsatz in der Praxis müssten wesentlich umfangreichere Kosten-Nutzen-Analysen durchgeführt werden. Wir würden erwarten, dass sich die Vorteile der DLT erst im Laufe des Lebenszyklus von Wertpapieren richtig zeigen, vor allem, weil die Abstimmungen bei Folgeprozessen erheblich vereinfacht werden.

Die Technologie hat zwar Potenzial, es bedarf aber noch grundlegender Weiterentwicklung, um einen nachhaltigen Mehrwert zu generieren.“

Potenziale für Krypto-Token

Das Projekt hat gezeigt, dass der konkrete Anwendungsfall der Blockchain eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob die Technologie erfolgversprechend ist.

So sehen wir zum Beispiel nur geringen Mehrwert durch den Einsatz von Blockchains im innereuropäischen Zahlungsverkehr, der bereits heute äußerst sicher und effizient abläuft. Der währungsraumüberschreitende Zahlungsverkehr hingegen, der zu großen Teilen über Korrespondenzbankbeziehungen abgewickelt wird, könnte durchaus von Systemen mit Blockchain-Technologie profitieren.

Für die Abwicklung von Wertpapieren oder die Bereitstellung von Sicherheiten dürfte die Blockchain-Technologie ebenso größeres Potenzial für Einsparungen bedeuten. Eine Reduktion der Anzahl an Intermediären, der Zugriff aller Beteiligten auf eine gemeinsame Datengrundlage sowie die automatische Verarbeitung von Corporate Actions könnten Abwicklungszeiten deutlich verringern.

Deshalb arbeiten viele Anbieter von Finanzmarktinfrastrukturen daran, bestehende Handels- und Abwicklungssysteme zu optimieren oder gar neue Plattformen für den Handel und die Abwicklung digitaler Vermögenswerte bereitzustellen.

Herausforderungen in der Praxis

Für jeden Einsatzzweck gibt es Herausforderungen technischer, organisatorischer und rechtlicher Natur.

Wird die Blockchain für den jeweiligen Einsatzzweck benötigt? Was kann durch die Blockchain-Technologie besser gelöst werden? Ist die Blockchain-Technologie mit Restriktionen verbunden? Ist sie skalierbar? Besteht Interoperabilität zu vorhandenen Systemen? Und wie sieht es mit IT-Sicherheit aus?“

Gerade in der Finanzwelt nehmen Sicherheit, Vertraulichkeit und Datenschutz eine besondere Rolle ein. Blockchain-Lösungen sollten in der Lage sein, die heutigen Anforderungen an den Finanzsektor zu erfüllen. Darüber hinaus sollte man vermeiden, viele kleine Insellösungen zu schaffen, die nicht interoperabel sind.

Auch organisatorisch gilt es, den Anforderungen des Finanzsektors zu entsprechen. Diese sehen zum Beispiel eine klare Zuteilung von Verantwortlichkeiten und damit einhergehende Rechenschaftspflichten vor.

Die Übernahme von Verantwortung muss auch in verteilten Netzwerken gelten. Verantwortliche können andernfalls für ihr Handeln nicht haftbar gemacht werden. Die Zuteilung von Verantwortlichkeiten erfordert ein transparentes Rollenkonzept der Teilnehmer eines Netzwerks. Es bedarf einer ausgewogenen und transparenten Governance.

Besteht keine eindeutige Zuteilung von Rechten und Pflichten in einem verteilten Netzwerk, ist die Betrugsgefahr hoch. Das Festlegen von Verantwortlichkeiten ist zudem grundlegende Voraussetzung, um einen sicheren gesetzlichen Rahmen für operative Anwendungen auf Blockchain-Basis zu schaffen.

Auch rechtlich gibt es eine Reihe „offener Baustellen“. Ein Kernpunkt der rechtlichen Diskussion ist die Möglichkeit, Vermögenswerte zu digitalisieren.

Hierbei steht bislang vor allem das Urkundenerfordernis für Wertpapiere im Vordergrund und die Frage, wie im digitalen Zeitalter damit umgegangen werden soll. Um Emission, Handel und Verwahrung eines Wertpapiers mittels einer Blockchain darstellen zu können, muss das Wertpapier in rein digitaler Form allen zivil- und aufsichtsrechtlichen Anforderungen genügen.

Das „Eckpunktepapier zur regulatorischen Behandlung von elektronischen Wertpapieren und Krypto-Token“ ist die erste umzusetzende Maßnahme der Blockchain-Strategie der Bundesregierung. Ziel des Papiers ist es, einen verlässlichen rechtlichen Rahmen zur Behandlung digitaler Wertpapiere und Krypto-Token in Deutschland zu schaffen.

Eine Anpassung entsprechender zivil- und aufsichtsrechtlicher Regelungen ist kein einfaches Unterfangen. Die Option zur Behandlung digitaler Wertpapiere nach dem Vorbild des Bundesschuldwesengesetzes stellt zwar einen gangbaren Weg zur Emission von Wertpapieren dar. Vor allem im Handel und in der Verwahrung elektronischer Wertpapiere, genauer gesagt der Registerführung, sind jedoch noch viele Fragen offen.

Weitere Schritte für Regulierer, Unternehmen und Verbraucher

Für einen regulatorischen Rahmen sind Anstrengungen auf europäischer Ebene erforderlich. Nur mit einem harmonisierten Rahmenwerk können wir Regulierungsarbitrage innerhalb der EU effektiv entgegenwirken.

Mit der Umsetzung der Änderungen der 4. EU-Geldwäscherichtlinie wird bereits ein erster Schritt zu einer harmonisierten regulatorischen Behandlung von digitalen Handelsplätzen und Anbietern elektronischer Geldbörsen für Krypto-Token hinsichtlich der Identitätsprüfung von Kunden vollzogen. Stets muss gelten „same business – same risk – same rules“: risikogleiches Geschäft muss den gleichen regulatorischen Regeln unterliegen.

Viele Unternehmen wollen möglichst zügig rechtliche Sicherheit erlangen. Die Erarbeitung eines geeigneten regulatorischen Rahmenwerks erfordert aber Zeit. Ein geeigneter Regulierungsrahmen ist eine Voraussetzung, aber kein Freischein für ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Der Aufbau eines neuen Marktsegments erfordert Vertrauen.

Vertrauen ist ein kostbares Gut, das sich schnell verspielen lässt. Eine solide rechtliche Grundlage, transparente Geschäftsprozesse, durchdachte Sicherheitsvorkehrungen und nicht zuletzt verlässliche Ansprechpartner können dabei helfen Vertrauen aufzubauen. Denn auch digitale Ökosysteme leben vom persönlichen Kontakt zwischen ihren Mitgliedern.

Wenn Geschäftsmodelle auf dem Angebot öffentlich verfügbarer Krypto-Token basieren, ist für Kunden häufig nicht erkennbar, welcher Regulierung in welcher Jurisdiktion ein Unternehmen unterliegt. Daher gilt es auch von Unternehmerseite ein Zeichen zu setzen, internationalen Regulierungsbemühungen nicht auszuweichen.

Käufer sollten bedenken, weder ein europäischer Regulierungsrahmen noch der Standort eines Unternehmens allein sind ein Freischein für ein seriöses Angebot. Als Käufer von Finanzprodukten sollte man immer kritisch prüfen, ob das Angebot den eigenen Vorstellungen und der eigenen Risikopräferenz entspricht. Dazu gehören beispielsweise folgende Fragen: Wer steht hinter einem Angebot? Welche Leistungen werden versprochen? Sind die Versprechungen realistisch? Passen Zeithorizont und Risiko der Investition zu meinen Investitionsvorstellungen?

Innovative Geschäftsideen enthalten meist ein hohes Erfolgsrisiko. Ein Großteil neu gegründeter Unternehmen sammelt nicht genügend Kapital ein oder erreicht nicht die kritische Masse an Nutzern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorhaben scheitert, ist hoch.

Darüber hinaus mischen sich immer wieder Betrüger unter seriöse Anbieter. Auch wenn uns hier keine verlässlichen Statistiken vorliegen, zeigen vereinzelte Studien immer wieder, dass unter Anbietern von Initial Coin Offerings ebenso wie Betreibern von Handelsplätzen, Betrugsversuche und Manipulation bei Krypto-Token keine Seltenheit sind.

Ich kann Ihnen folglich nur raten: Schauen Sie genau hin und informieren Sie sich, bevor sie Ihr Geld anlegen.“

Fazit

Wir sollten daran arbeiten, für die Blockchain-Technologie Einsatzzwecke zu finden, wo sie einen wirklichen Mehrwert liefert: bei der Tokenisierung realer Vermögenswerte.

Hierzu bedarf es innovativer und nachhaltiger Lösungen, wie wir Geld, aber auch bestehende Vermögenswerte tokenisieren und in gesunde digitale Ökosysteme überführen können.

Wir stehen hierbei noch am Anfang, aber bei technischen Innovationen handelt es sich häufiger um evolutionäre als um revolutionäre Prozesse.

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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