IT-PRAXIS15. Oktober 2020

Alteos-CEO & CTO im Interview: „Moderne Versicherer und Software Engineering müssen Hand in Hand gehen“

Wie viel Software-Technik muss in Zukunft in einem Versicherungsanbieter stecken? Diese Frage treibt auch das InsurTech Alteos um. Wir haben mit dem CEO (Sebastian Sieglerschmidt) und dem CTO (Aleksander Heimrath) des Berliner Startups gesprochen – die meinen: Software Engineering muss Teil der Unternehmens-DNA der Versicherer werden.

Alteos ist 2018 als 100-prozentige Tochter der AXA entstanden und gehört – zumindest im Kern – der „klassischen“ Versicherungswelt an. In der Praxis verfolgt das Startup aber seine ganz eigene Vision: Als digitaler Versicherungsanbieter wendet sich Alteos speziell an kleinere und mittlere Vertriebspartner und hat sich im B2B2C-Bereich gänzlich auf den Schwerpunkt Affinity-Versicherungen spezialisiert. Damit sind Versicherungen gemeint, die Kunden gleich beim Kauf eines neuen Wertgegenstands (z.B. eines E-Bikes) oder einer Dienstleistung (z.B. einer Reise) mit abschließen. Die Basis des Geschäftsmodells bildet eine eigens entwickelte Software-Plattform, die sich durch einfache und elegante Konfigurationsmöglichkeiten in jeder Lage genau an die spezifischen Kundenbedürfnisse anpasst.

Herr Sieglerschmidt, digitale Zusatzversicherungen gehören inzwischen schon fast dem Mainstream an – was unterscheidet Alteos von anderen InsurTechs am Markt?

Alteos
Sebastian SieglerschmidtAlteos

Sebastian Sieglerschmidt: Natürlich ist das Thema an sich nichts Neues. Trotzdem sind wir überzeugt, dass der Markt noch immer ein großes, bislang nicht ausgeschöpftes Potenzial birgt. Gerade im Bereich der Affinity-Versicherung beobachten wir seit unserer Gründung ein sich stetig wandelndes Marktumfeld. Blicken wir allein auf die Entwicklungen im Zuge der Corona-Krise zurück:

Noch nie zuvor haben Angebote rund um New Mobility einen so großen Aufschwung erfahren wie jetzt.“

Wer da als Versicherungsanbieter schnell und flexibel reagieren und sein Angebot zielgruppenspezifisch ausrichten kann, ist klar im Vorteil. Und genauso verstehen wir auch unsere Arbeit: Mit Hilfe unserer eigens entwickelten Software-Plattform sind wir in kürzester Zeit in der Lage, genau die Versicherungspakete anzubieten, die gerade besonders gefragt sind – beispielsweise in puncto E-Bike.

Und welche Rolle spielt dabei die AXA-Gruppe?

Sebastian Sieglerschmidt: Die AXA ist Mehrheitsinvestor bei Alteos und ist außerdem Risikoträger bei den von uns angebotenen Versicherungen. Was unsere tägliche Arbeit angeht, handeln wir aber komplett unabhängig. Mit unserem Geschäftsmodell sind wir nicht nur speziell auf kleine und mittlere Partnerschaften im B2B2C-Bereich ausgerichtet; eine Nische, die so von der AXA nicht abgedeckt wird. Wir arbeiten vor allem zu 100 Prozent digital und entwickeln all unsere technischen Lösungen selbst.

Zum Thema Software, Herr Heimrath, wie genau ist die Alteos-Plattform aufgebaut?

Alteos
Aleksander HeimrathAlteos

Aleksander Heimrath: Unsere Software-Architektur folgt dem Microservices-Prinzip: Einzelne Funktionalitäten stellen fast immer auch eine eigene Anwendung dar. Die einzelnen Anwendungen kommunizieren untereinander wiederum über einen Messaging-Service.“

Derzeit nutzen wir dafür noch Amazons SQS, prüfen aber momentan eine Migration zu Apache Kafka. Die Kommunikation mit der Außenwelt findet über REST-APIs statt.“

Diese bilden fast alle Funktionalitäten im Lebenszyklus eines Versicherungsvertrages ab, von Preisauskunft über Abschluss hin zu Datenänderungen oder der Schadensmeldung. Eine beispielhafte Darstellung unserer API ist für alle öffentlich zugänglich unter https://docs.api.alteos.com. Vielleicht auch noch interessant:

Momentan beschäftigen wir uns auch mit dem Einsatz von GraphQL als Query-Sprache für unsere APIs.“

Die einzelnen Applikationen sind überwiegend mit Typescript/NodeJS oder Golang entwickelt. Für unsere Web-Applikationen nutzen wir React als Frontend-Framework.

Das ist der große Vorteil einer solchen Microservices-Architektur: Wir können für jede Anwendung theoretisch die richtige Sprache wählen.“

In der Praxis scheitert das natürlich manchmal an den Kenntnissen und Vorlieben des Teams. Aber derzeit experimentiert das Team zum Beispiel mit Kotlin.

Wir hatten das Glück, mit unserer Software-Plattform komplett auf der ‚grünen Wiese‘ anfangen zu können. Anfangs haben wir diskutiert, ob wir wirklich eine möglichst kleinteilige Microservices-Architektur umsetzen wollen. Das kostet ja ziemlich viel Setup-Aufwand, die ganzen Schnittstellen und entsprechende Konventionen zu planen und umzusetzen. Eine einzelne, monolithische Anwendung wäre da anfangs sicher schneller gewesen. Aber nun sind wir froh, dass wir uns die extra Mühe gemacht haben. Außerdem können wir – unabhängig von der Architektur – auch enorme Effizienzgewinne durch unser sehr modernes DevOps-Setup geltend machen.

Derzeit hosten wir unsere Workloads auf AWS.“

Dank der gesamten Infrastruktur, die als Code (Terraform) beschrieben wurde, gehen wir jedoch davon aus, in Zukunft pro Anwendungsfall auch andere Anbieter verwenden können.

Wir managen unseren Entwicklungs- und Deployment-Prozess mit Hilfe von Gitlab, Docker, Kubernetes, Helm und – seit neuestem – ArgoCD und FluxCD. Dadurch sind wir mittlerweile bei echtem ‚Continuous Integration & Deployment‘ angekommen, inklusive nahezu täglichen Releases.“

Sebastian Sieglerschmidt: Um das noch einmal zusammenzufassen: Für uns gehört das Thema Software Engineering genauso zu den Grundbestandteilen unseres Unternehmens wie ein möglichst diverses Team. Inzwischen sind wir auf eine Größe von 38 Mitarbeitenden angewachsen; viele unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bringen dabei einen ganz unterschiedlichen kulturellen und nationalen Background mit sich. Und: Über die Hälfte von ihnen ist im Bereich Software Engineering tätig. Wir wollen uns das Know-how hier nicht aus der Hand nehmen lassen, sondern alle technischen Lösungen soweit wie möglich selbst entwickeln.

Ein so international zusammengestelltes Team bringt sicherlich so manche Herausforderung mit sich…

Dr. Sebastian Sieglerschmidt, ALTEOS
 Dr. Sebastian Sieglerschmidt ist CEO von ALTEOS (Website), einem InsurTech-Startup mit der AXA Konzern AG als (Mehrheits-)Investor. Der Digitalisierungs- und E-Commerce-Experte bringt mehr als zwölf Jahre Führungserfahrung mit sich. Herr Sieglerschmidt hat an der WHU BWL studiert und an der FU Berlin in Psychologie promoviert. Seine berufliche Laufbahn begann 2003 bei McKinsey und führte ihn danach in die Selbständigkeit. Von 2012 bis 2017 hat er Allianz X, den Venturing-Arm der Allianz, aufgebaut und geleitet.
Sebastian Sieglerschmidt: Bei uns läuft das ehrlich gesagt ziemlich gut. Unternehmenssprache ist Englisch. Unter Entwicklern ist das ja ohnehin die vorherrschende Sprache, auch wenn es darum geht, Code zu schreiben, zu verstehen und zu dokumentieren. Natürlich gibt es manchmal kleinere kulturell bedingte Missverständnisse. Aber auch da hilft uns unser Selbstverständnis als Technologie-Unternehmen. Dieses schlägt sich in unser modernen Firmenkultur mit flachen Hierarchien, kurzen Dienstwegen, flexibler Arbeit im Büro oder von jedem anderen Ort auf der Welt sowie einem hohen Maß an gegenseitigem Vertrauen und Selbständigkeit nieder.

Und diese Firmenkultur dient dann wiederum als gemeinsamer Nenner für alle, auf den man sich im Konfliktfall zurückbesinnen kann.“

Auch die Personalsuche gestaltet sich durch unsere internationale Ausrichtung viel einfacher. In Deutschland werden einfach nicht genug Software-Ingenieure ausgebildet. Hier sehe ich ein riesiges Problem, dessen Lösung für mich eine der wichtigsten Aufgaben für die Politik darstellt. Immerhin: Das Blue-Card-Programm ist eine echte Hilfe. Und bei allem Ärger über die öffentliche Verwaltung – gerade hier in Berlin: Der Prozess, um mit Hilfe der Blue Card talentierte Experten aus dem Ausland zu Alteos zu holen, ist aus unserer Sicht klar, einfach und mit relativ kurzen Laufzeiten umgesetzt worden. Hier muss man Politik und Verwaltung wirklich ein großes Lob aussprechen!

Sie hatten vorhin den Geschäftsbereich New Mobility angesprochen – wie genau hat sich die Corona-Pandemie hier auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Sebastian Sieglerschmidt: Die Corona-Krise hat den Mobilitätsmarkt von Grund auf verändert – immer mehr Menschen sehnen sich jetzt danach, sich unabhängiger und individueller, aber dennoch preiswert fortbewegen zu können. Vor allem elektrifizierte Verkehrsmittel, mit denen sich innerhalb der Städte lange Distanzen zurücklegen lassen, die aber im Vergleich zum Auto vergleichsweise kostengünstig sind, erlebten und erleben (nach einer kurzen Pause während des Lockdowns) einen regelrechten Boom.

Dazu gehören vor allem E-Bikes, E-Scooter oder E-Motorroller.“

Dieser Trend wird auch noch in Zukunft anhalten, davon sind wir überzeugt. Bei Alteos haben wir bereits zu Beginn des Jahres angefangen, unser Portfolio in Richtung New Mobility auszubauen. Neben Versicherungen für E-Scooter und E-Motorrollern zählt aktuell vor allem unser umfangreiches Angebot für die Absicherung von E-Bikes zu unseren Steckenpferden.

Aleksander Heimrath
Aleksander Heimrath ist seit 2018 als Chief Technology Officer bei ALTEOS tätig. Zuvor hat der gebürtige Pole über zehn Jahre lang Erfahrung in der IT-Branche gesammelt – u.a. als Mit-Gründer der Kreditplattform Innolend sowie als leitender Software-Entwickler bei Rocket Internet. Herr Heimrath hat zunächst Computer Science auf Magister an der TU Breslau (Polen) studiert und anschließend ein gleichnamiges Master-Studium an der TU Dresden angehängt.
Aleksander Heimrath: Wir haben festgestellt, dass gerade die Sorge vor einem möglichen Diebstahl noch immer so manchen potenziellen Käufer vor dem Erwerb eines E-Bikes abhält. Das wollten wir ändern – und haben uns mit dem Darmstädter Technologie-Startup IT’S MY BIKE zusammengetan. IT’S MY BIKE hat einen GPS-Tracker entwickelt, der für die Übermittlung der Positionsdaten des GPS-Sensors den relativ neuen Mobilfunk-Standard Narrowband-IoT nutzt. Die Funkverbindungen mit Narrowband-IoT reichen tiefer in Gebäude hinein. So können Fahrräder selbst in schwer zugänglichen Lokalitäten wie Kellerräumen problemlos geortet werden. Auch der Stromverbrauch ist merklich geringer im Vergleich zu den übrigen Mobilfunk-Standards. Der Tracker kann von einem unserer Vertriebspartner im Fahrradladen an fast jedem E-Bike-Motor montiert werden. Wird das E-Bike unbefugt bewegt, erhält der Besitzer über sein Smartphone einen Alarm und kann das E-Bike im Live-Tracking verfolgen und über die App sogar die Polizei informieren. Wir sorgen dann mit einem Spezialteam dafür, dass das E-Bike zum Besitzer zurückgebracht wird. Die Kombination aus E-Bike-Versicherung, Montage des GPS-Trackers und Rückholservice ist auf dem Markt bislang noch etwas absolut Einzigartiges – das wissen auch unsere Vertragspartner in den Fahrradläden zu schätzen, die durch das Zusatzangebot ihre Kundenbindung stärken können.

Wenn sich das E-Bike überall orten lässt, kann Alteos umgekehrt zu jeder Zeit auf den Standort des Fahrrads zugreifen?

Aleksander Heimrath:

Wir als Versicherung haben nur dann Zugriff auf die Position, wenn der Fahrradbesitzer einen Diebstahl gemeldet hat. Alles andere würden Kundinnen und Kunden auch nicht akzeptieren.“

Der GPS-Tracker kommuniziert mit einer App auf dem Smartphone. Diese Kommunikation läuft sicher über die Server unseres Partners IT’S MY BIKE. Über die App können sich Kundinnen und Kunden dann im Fall, dass das Fahrrad gestohlen wurde, mit der Alarmzentrale in Verbindung setzen. Sie erlauben erst den Zugriff auf die Position, bis wir anschließend tätig werden, um dem Dieb nachzustellen und das Fahrrad zurückzuholen.

Unabhängig vom Thema E-Bike – was ist das nächste Geschäftsfeld, dem sich Alteos gerne zuwenden möchte?

Sebastian Sieglerschmidt: Aktuell arbeiten wir daran, ein Versicherungspaket gezielt für ausländische Studierende zusammenzustellen. Während sich Studierende innerhalb Europas recht einfach versichern können, ist es vor allem für diejenigen außerhalb der EU extrem schwierig, sich einen Überblick über die wichtigsten Policen zu verschaffen.

Hier wollen wir helfen und ein Rundum-Paket entwickeln, das die Must-haves enthält, die ausländische Studenten neben ihrer Krankenversicherung noch haben sollten.“

Dazu gehört insbesondere eine private Haftpflichtversicherung sowie bei Bedarf auch eine Unfallversicherung. Generell arbeiten wir stetig am Ausbau unseres Portfolios. Neben der ständigen Weiterentwicklung unserer bestehenden Versicherungslösungen haben wir bisher im Schnitt drei bis vier neue Produkte im Jahr auf den Markt gebracht – daran wollen wir auch in Zukunft festhalten.

Herr Sieglerschmidt und Herr Heimrath, vielen Dank für das Interview!aj

 
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