STRATEGIE8. Januar 2021

Der Lavego-Unzer-Deal: girocard und #DK sind wichtige Treiber! Das Interview.

Als im Sommer 2018 über die Konsolidierung im Markt der girocard-Netzbetreiber berichtet wurde, war das Fazit, dass Lavego einen starken Partner gebrauchen könnte (hier mehr). Damals antwortete Lavego, dass sie sich in der Rolle als unabhängiger Anbieter sehr wohl fühlen würden und bisher jedes diesbezügliche Angebot abgelehnt hätten. Rudolf Linsenbarth hat nachgehakt.

Herr Gohlke, warum hat der Lavego-Zusammenschluss bei Unzer nun gepasst?

Florian Gohlke ist Gründer und CEO der Lavego
Lavego
Lavego hätte aufgrund der sehr tiefgehenden, technischen Expertise und der extrem flexiblen PaySphere-Plattform sicherlich auch weiterhin erfolgreich in den bis jetzt bedienten Nischenmärkten agieren können. Mich persönlich reizt es aber sehr, das ganze Know-how von Lavego in die Unzer-Gruppe einzubringen und alle Lösungen einer viel größeren Kundenbasis zur Verfügung stellen zu können. Die E-Commerce-Welt und die PoS-Welt zu vereinen, ist eine tolle Aufgabe.

Herr Hüllemann, warum haben Sie sich für Lavego entschieden, anstatt lieber selber einen Netzbetrieb aufzubauen? Wäre das nicht preiswerter gewesen?

Heidelpay

Es wäre auf keinen Fall günstiger gewesen, einen eigenen Netzbetrieb aufzubauen. Lavego war für uns die einzige und beste Chance im europäischen Markt. Wir haben uns nicht nur ein großes Know-how beim Thema technischer Netzbetrieb dazugekauft, es passt auch persönlich sehr gut. Florian ist ein erfolgreicher Entrepreneur, der seine Chancen schnell erkennt und ergreift – genauso wie ich. Den europäischen Gedanken haben wir ebenfalls gemeinsam.

Was Unzer jetzt noch fehlt, ist eine eigene Acquiring-Lizenz, kommt die 2021?

Mirko Hüllemann: Die Acquiring-Lizenz fehlt uns noch, das ist völlig richtig.

Wir wollen auf jeden Fall auch Acquirer werden. Mein Wunsch wäre es, dass es möglichst zügig geht.“

Ob es 2021 bereits klappt, kann ich Ihnen nicht versprechen. Wir arbeiten auf jeden Fall daran.

Wie soll Lavego wachsen? Ist es vor allem die Hoffnung, dass die „Deutsche Kreditwirtschaft“ die girocard endlich ins Online-Zeitalter überführt. Wollen Sie bei KMU-Kunden einen Kontrapunkt zu den mPOS-Anbietern setzen? Oder glauben Sie, dass es gelingen wird, Marktanteile der anderen Netzbetreiber zu übernehmen?

Mirko Hüllemann: Natürlich hoffen wir, dass girocard endlich onlinefähig wird. Unser Ziel ist es, mit dem nexo-Protokoll sowohl KMUs als auch großen Kunden eine einheitliche europäische Omnichannel-Lösung zu bieten. Dazu brauchen wir einen Netzbetreiber, der alle Datenpunkte hat. Wir wollen in allen Bereichen wachsen und natürlich auch Marktanteile von Wettbewerbern abgreifen.

PackagePay ist ein eCommerce Payment von Lavego mit USP Charakter. Wird das Verfahren im Zusammenspiel mit Unzer jetzt einen Push erhalten?

Florian Gohlke: Da bin ich mir sicher! Wir sehen aber, dass in Deutschland keiner der Paket-Logistiker Alleinstellungsmerkmale gegenüber seinem Wettbewerb braucht – die platzen derzeit aus allen Nähten. Mit Karte bei Lieferung zu bezahlen hilft, das extrem aufwändige Bargeldhandling zu eliminieren. Das ist ein Ansatz. Ein anderer Ansatz sind Märkte außerhalb Deutschlands, die viel Nachnahme- und Vorkasse-Geschäft haben.

Lavego hat mit PaySphere einen komplett neuen Acquiring Host entwickelt. Soweit bekannt, soll der auch zum nexo-Standard kompatibel sein. Könnten Sie damit einem Händler, der sowohl in Deutschland und Frankreich aktiv ist, Cartes Bancaires und girocard Akzeptanz über eine einheitliche Terminalinfrastruktur anbieten?

Die Fragen stellte Rudolf Linsenbarth
Rudolf LinsenbarthRudolf Linsenbarth be­schäf­tigt sich mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität. Er ist seit über 15 Jahren in den Bereichen Banken, Consulting, IT und Handel tätig. Lin­sen­barth ist profilierter Fachautor und Praktiker im Finanzbereich und kommentiert bei Twitter (@holimuk) die aktuellen Entwicklungen. Alle Beiträge schreibt Linsenbarth im eigenen Namen.
Florian Gohlke: Das ist das Ziel. Wir sind da sehr pragmatisch und werden auf PaySphere die noch verbliebenen nationalen Debitverfahren in Europa umsetzen. Dann können uns sowohl eigene Terminals als auch Terminals von Partnern als Gateway nutzen, um diese Schemes abzuwickeln. Das ist für mich ein echtes europäisches Integrationsprojekt.

Betreibt Lavego in seinem Netz bereits Terminals, die nach nexoFAST-Standard zugelassen sind? Werden Sie in Zukunft auch eigene Terminals für die girocard, abseits der etablierten CCV, Ingenico, Verifone und YOMANI, anbieten?

Florian Gohlke: Noch nicht – die Zulassungen für die nexo-Komponenten sind für das erste Quartal 2021 geplant, der Pilotbetrieb mit der girocard in Q2.

nexo ermöglicht es uns, auch andere als die bereits in Deutschland vertretenen Hersteller zu nutzen. Konkret bereiten wir die Zulassung für zwei neue Hersteller vor.“

Gibt es eigentlich schon Kassen im Lavego-Netzbetrieb, die über das nexo Retail-Protokoll angebunden sind?

Florian Gohlke: Nein, noch nicht. Aber um die Einführung der nexoFAST-Terminals in Deutschland zu erleichtern, haben wir neben der nexo-Retailer auch die ZVT-Kassenschnittstelle implementiert. Parallel dazu arbeiten wir an einem SDK, das die Anbindung erheblich erleichtert. Auch dieses SDK wird sowohl ZVT als auch nexo-Retailer unterstützen und kann deshalb protokollübergreifend verwendet werden. Wenn das Terminal an einer Kasse getauscht wird, muss der Integrator nichts an seiner Schnittstelle ändern, egal ob Poseidon oder nexo eingesetzt wird.

Wird nexo Retail auch bei den Tillhub-Kassen implementiert? Überhaupt, wie sieht es mit Kassen aus, die als All-in-One daherkommen, wie z.B. das von Google Wallet Pionier Osama Bedier entwickelte Kassensystem POYNT oder enfore von Marco Börries?

Mirko Hüllemann: Tillhub ist extrem offen und vielfältig, was die Nutzung von innovativen Zahlmethoden angeht und sie bringen – ähnlich wie Poynt oder der Enfore Donner – ein All-in-One Payment-Gerät heraus. nexo ist zwar in der Terminallandschaft noch nicht so weit verbreitet, aber auch Tillhub profitiert von dem Standard. Das Ganze wird flexibler und neue Bezahlgeräte, die auf den Markt kommen, können schnell angebunden werden.

Vielleicht noch kurz zu All-in-One-Lösungen: Dem Händler ist nicht bewusst, wenn er sich für einen Anbieter am PoS entscheidet, ob er ein iPad kauft oder ein anderweitiges Tablet oder einen PC. In seiner Wahrnehmung kauft er ein Kassensystem.

Tillhub bietet eine Lösung aus einem Guss und kann sich durch die Software stark von Wettbewerbern in Europa abheben.“

Für uns war die Gesamtheit der Services besonders interessant, die die Software möglich macht. So können Händler Geschäftsprozesse wie Kundenmanagement, Analysen in Echtzeit und von überall, Mitarbeiterverwaltung, Gutscheine, mehrere Standorte, Lager und Inventar einfach über die Software digitalisieren und steuern.

Wir haben in Deutschland zwar über 20 Netzbetreiber, aber der Tankstellen-Markt gilt immer noch als sehr speziell und wird nicht von jedem bedient. Was macht den Bezahlvorgang im Mineralölgeschäft so besonders und welche Kompetenzen kann Lavego hier in die Waagschale werfen?

Mirko Hüllemann und Florian Gohlke
Heidelberger Payment

Mirko Hüllemann ist Gründer und CEO von Unzer (Website). Unzer wurde im Jahr 2003 als heidelpay gegründet und hat als einer der Pioniere der Branche in den letzten knapp 20 Jahren immer wieder zukunftsweisende Innovationen rund um das Transaktionsmanagement hervorgebracht.

Florian Gohlke ist Gründer und CEO der LavegoFlorian Gohlke ist Gründer und CEO der Lavego (Website). Seit 1992 wickelt Gohlke mit seinem Team Kartentransaktionen in besonders anspruchsvollen Märkten wie Tankstellen und unbedienten Terminals in Automaten ab – mit inhouse entwickelten Lösungen. Lavego ist Netzbetreiber und Zahlungsinstitut.

Florian Gohlke: Petrol ist ein vergleichsweise kleiner Markt mit sehr hohen Anforderungen an die Technik – deshalb sind wir hier seit fast 20 Jahren dabei. Die Terminals brauchen spezielle Software zur Abwicklung von Diesel- und Flottenkarten. Der zentrale Host muss das ebenfalls unterstützen und es gibt zusätzliche Protokolle wie IFSF. Zusätzlich haben wir Tankautomaten, die mit Vorautorisierungen arbeiten. PaySphere unterstützt diese Anforderungen natürlich für unsere eigenen Terminals, wir wickeln aber auch Diesel- und Flottenkarten für andere Netzbetreiber ab.

Eine Lavego-Spezialität ist auch die Terminalausstattung für unbeaufsichtigte Tankstellen. Im Augenblick boomen Apps, die es dem Autofahrer ermöglichen, direkt an der Zapfsäule zu bezahlen, ohne den Kassenraum betreten zu müssen. Werden wir da auch Lösungen von Lavego und Unzer sehen?

Florian Gohlke: Für die Lavego ist der Tankstellen-Markt nach wie vor der wichtigste Zielmarkt, daher haben wir diese Anforderung aus dem Markt bereits aufgenommen. Wir arbeiten an Lösungen mit unseren Kunden.

Die größte Herausforderung ist nicht das Bezahlen über eine In-App-Lösung, sondern die vollständige Integration in die nicht homogene Tankstellen-Technik. Mit den neuen Android-basierten Terminals auf Basis des nexo-Standards wird die Integration in eine bestehende Infrastruktur deutlich vereinfacht. Bereits heute sind im Unzer-Portfolio passende Produkte und Services verfügbar.

Das nächste Wachstumsthema im Bereich Mobilität sind die für 2030 avisierten 400 000 Ladesäulen. Die derzeit eingesetzten Ladekarten sind ja auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Welche Zahlverfahren haben hier eine Zukunft?

Florian Gohlke: Seitdem ich selbst ein Elektroauto fahre, kann ich die Berichte von verzweifelten Anwendern, die spontan an einer Ladesäule Strom tanken wollen, sehr gut nachvollziehen. Das sind in meinen Augen die Überreste der „wilden“ Anfangsjahre.

Im aktuellen Referentenentwurf für die Änderung der Ladesäulenverordnung des BMWI sind schon Regelungen vorgesehen, die die Akzeptanz von „normalen“ Karten wie der girocard vorschreiben.“

Wir kooperieren bereits seit geraumer Zeit mit mehreren Herstellern von Ladesäulen, die von Beginn an auf Public-Payment gesetzt haben. Technisch funktioniert eine Ladesäule wie ein Tankautomat. Das ist seit vielen Jahren unser Brot- und Buttergeschäft, in dem wir viele Zusatzleistungen anbieten, um den Betrieb zu vereinfachen.

Ab 2021 greift die PSD2 für Kreditkartenzahlungen endgültig. Erwarten Sie durch eine stärkere Friktionen bei der starken Kundenauthentifizierung, eine Veränderung im Payment Mix?

Mirko Hüllemann: Im Online-Handel auf jeden Fall, weil Kunden möglichst reibungslos zahlen wollen. Die Anzahl derjenigen Kunden, die Rechnungskauf nutzen, ist bereits jetzt sehr hoch. Ich denke, das wird dadurch noch verstärkt. Der Rechnungskauf wird (wieder mal) einer der Gewinner sein. Dadurch, dass wir das Paylater-Geschäft der Paysafe Group und die Universum Group übernommen haben, sind wir hier gut aufgestellt. Unzer gehört zu einem der größten Player in Europa was den Rechnungskauf betrifft.

Mit #DK und EPI wollen die Banken wieder eine stärkere Rolle im Payment einnehmen. Sehen wir bereits 2021 erste Pilotinstallationen?

Florian Gohlke:

Bei #DK könnte ich mir das vorstellen. Lavego wurde gebeten, bei den Vorbereitungen zu unterstützen, die girocard internet- und In-App-tauglich zu machen.“

Bei EPI kann ich mir das nicht vorstellen: 16 Banken aus Europa werden sich nicht so schnell auf irgendetwas einigen können.

Der Handel setzt große Hoffnungen in Request to Pay und Instant Payment. Teilen Sie diesen Optimismus?

Mirko Hüllemann: Jede Vereinheitlichung, die europaweit greift, ist gut für den Handel und wird von mir ausdrücklich begrüßt. Ich glaube aber nicht, dass die Nachfrage unter (Online-)Händlern bei Request to Pay so groß sein wird. Denn so wie ich es verstanden habe, ist es noch nicht abschließend klar oder geplant, dass ein Händler in Echtzeit auch sieht, ob der Kunde gezahlt hat – es ist erst einmal ein reiner Nachrichtendienst. Daher erschließt sich mir nicht, worin der Vorteil von Request to Pay im Vergleich zu anderen Zahlungsarten für Händler liegt. Der Service müsste außerdem deutlich günstiger sein als zum Beispiel Instant Payments, die zwar schnell aber relativ teuer sind.

Bitte gewähren Sie beide uns noch einen Blick in ihre persönliche Glaskugel. Wird es 2030, also in 10 Jahren, am physischen POS noch Bargeld und Kartenzahlung geben, und wenn ja, welchen Anteil werden diese jeweils haben?

Florian Gohlke: Auch wenn das für unsere Branche toll wäre – aber Bargeld werden wir in Deutschland noch sehr lange sehen.

Corona hat einen enormen Schub gebracht. Aber selbst damit hat Bargeld noch immer 40 Prozent Anteil. Meine Prognose: Nach wie vor 10 bis 20 Prozent Bargeldanteil in 10 Jahren.“

Die Frage zielt ja auch darauf ab, ob man am physischen PoS noch so etwas wie einen Terminal benötigt. In 10 Jahren werden wir keine Magnetstreifen und keine Chipkarten mehr sehen – es wird kontaktlos oder mit QR-Codes gearbeitet. Erste Geräte, die nur noch diese beiden Schnittstellen besitzen, haben wir schon im Labor. Die sehen aber immer noch aus wie Terminals. Und schlussendlich muss immer jemand wie wir da sein, der sich um eine Transaktion kümmert. Die Arbeit wird nicht weniger werden.

Mirko Hüllemann: Da bin ich tatsächlich anderer Meinung: Der Anteil von Bargeld wird in 10 Jahren verschwindend gering sein. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess noch einmal beschleunigt. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wir über „das Mittel der Wahl“ in 10 Jahren sowieso gar nicht mehr sprechen müssen: Was zählt, sind Daten. Unser Ziel ist es, dass es Händlern und Zahlungsdienstleistern auch in stationären Geschäften egal sein kann, wie ein Kunde bezahlt.

Payment rückt damit komplett in den Hintergrund und die Identifikation des Kunden spielt die Hauptrolle.“

Ob jemand sich im Geschäft per QR-Code, am Terminal oder mithilfe eines Fingerabdrucks identifiziert: Wichtig ist, dass er so einfach wie möglich zahlen kann.Rudolf Linsenbarth

 
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