STRATEGIE19. März 2021

Navigationshilfe für die ISO-20022-Migration

Marcus Sehr, Head of Treasury Services Europe bei BNY Mellon BNY Mellon

Die Finanzbranche stellt die traditionellen Strukturen für grenzüberschreitende Zahlungen auf das ISO-20022-Format um. ISO 20022 schafft ein Messaging-Ökosystem, das höhere Effizienz und Wertschöpfung im Zahlungsverkehr für Kunden ermöglicht. Die umfangreichen neuen Formate liefern die erforderliche Informationsstruktur und -tiefe, damit Banken den internationalen Zahlungsverkehr optimieren können.

von Marcus Sehr, Head of Treasury Services Europe, BNY Mellon

Obwohl der neue Stan­dard un­be­streit­ba­re Vor­tei­le bringt, er­for­dert die Vor­be­rei­tung von den Ban­ken er­heb­li­che An­stren­gun­gen und Res­sour­cen. Da in je­dem In­sti­tut vie­le Sys­te­me und fast al­le Ge­schäfts­be­rei­che von Än­de­run­gen im Zah­lungs­ver­kehr be­trof­fen sind, ist das Vor­ha­ben in der Zah­lungs­ver­kehrs­bran­che un­ver­gleich­lich.

Ban­ken müs­sen sich da­her über die be­vor­ste­hen­den Ent­wick­lun­gen in­for­mie­ren, die­se ver­ste­hen und ef­fek­ti­ve Stra­te­gi­en entwickeln.“

Komplexe Koexistenz

Im Jahr 2020 haben SWIFT und mehrere Marktinfrastrukturen ihre ISO-Migrationsstrategien geändert. Nach heutigem Stand wird die Bank of England ihr Großbetragszahlungssystem – bekannt als CHAPS – im Juni 2022 auf eine reduzierte Version des ISO-Standard und die zu übertragenden Daten auf einer „Like-for-Like-Basis“ umstellen, etwa ein halbes Jahr später folgt die Umstellung auf die erweiterte Version von ISO. Als nächstes werden dann SWIFT sowie die Euro-Clearingsysteme TARGET2 und EBA Clearing im November 2022 auf das erweiterte ISO Format migrieren. In den USA hat die Federal Reserve Bank noch keine überarbeitete Strategie bekanntgegeben, die Branche rechnet jedoch mit der Umstellung in der zweiten Hälfte des Jahres 2023.

Jede Bank sollte alle Termine und Entwicklungen im Auge behalten – nicht nur die im eigenen Währungsraum, denn jede einzelne Einführung kann Auswirkungen und Herausforderungen für Banken auf der ganzen Welt haben.“

Das ist auf die Koexistenz zurückzuführen, wenn sowohl Legacy- bzw. MT- als auch ISO-Nachrichten in Gebrauch bleiben. Beispielsweise könnten Zahlungen nach dem neuen ISO-Standard von einer vollständig ISO-kompatiblen Bank veranlasst werden, aber über eine Marktinfrastruktur abgewickelt werden müssen, die noch nicht migriert ist. Und da ISO-Nachrichten – auch als (XML-basierte) MX-Nachrichten bekannt  wesentlich mehr und stärker strukturierte Daten enthalten als MT-Nachrichten, führt dies zu Szenarien, in denen zwischengeschaltete Banken Informationen erhalten, die sie in der Zahlungskette nicht weitergeben können.

Mit solchen Komplikationen, die alle Währungen betreffen können, ist ab November 2022 zu rechnen, wenn Europa auf volle ISO-Fähigkeit migriert und SWIFT die netzwerkweite Nutzung von ISO-Formaten unterstützt. Viele Banken nutzen eine einzige Plattform für die Großbetragszahlungen, unabhängig von der Währung. Einige könnten sich dazu entschließen, nach dem Stichtag im November 2022 alle Währungen auf einmal zu migrieren. Das würde die Notwendigkeit eines gestaffelten Ansatzes sowie die Komplexität, die das Operieren über mehrere Standards hinweg mit sich bringt, verringern. Während der Koexistenzphase ist es für international tätige Banken wichtiger denn je, mit einem engagierten Partner zusammenzuarbeiten, damit grenzüberschreitende Transaktionen weiterhin reibungslos und effektiv ablaufen.

Systeme auf den Wandel vorbereiten

Autor Marcus Sehr, BNY Mellon
Experte für ISO 20022: Marcus Sehr, BNY Mellon Marcus Sehr leitet alle Treasury Services Aktivitäten in Europa und ist Mitglied des EMEA Business Executive Committee des Unternehmens. Bevor er im April 2019 zu BNY Mellon (Webseite) kam, war er fast 20 Jahre lang bei der Deutschen Bank tätig. Er hatte eine Vielzahl von Führungspositionen inne und leitete große paneuropäische und globale Teams in den Bereichen Treasury Services, Technologie und Operations.

Ein we­sent­li­ches Ele­ment der ISO-Stra­te­gie ei­ner Bank ist die Vor­be­rei­tung ih­rer Sys­te­me. Die Platt­for­men müs­sen mit den grö­ße­ren und stär­ker struk­tu­rier­ten Da­ten­men­gen des neu­en Stan­dards in Be­zug auf Ka­pa­zi­tät, Spei­che­rung und Leis­tung zu­recht­kom­men. Vie­le Ban­ken set­zen be­reits neue Tech­no­lo­gi­en ein und di­gi­ta­li­sie­ren ih­re Platt­for­men, so dass sie even­tu­ell be­reits über die Fä­hig­kei­ten ver­fü­gen, gro­ße Da­ten­men­gen zu ver­ar­bei­ten und ISO-ba­sier­te Da­ten­mo­del­le zu un­ter­stüt­zen. Für Ban­ken, die noch über­wie­gend mit Alt­sys­te­men ar­bei­ten, wird die Um­stel­lung auf ISO ei­ne grö­ße­re Her­aus­for­de­rung dar­stel­len. Sol­che Ban­ken kön­nen ent­we­der ih­re be­ste­hen­den Le­ga­cy-Platt­for­men ak­tua­li­sie­ren, oder se­pa­ra­te ex­ter­ne Sys­te­me auf­bau­en, um die Da­ten zu in­te­grie­ren und zu verknüpfen.

Wesentlich ist, dass Ban­ken ih­re Da­ten­mo­del­le über den ge­sam­ten Le­bens­zy­klus des Zah­lungs­ver­kehrs hin­weg ana­ly­sie­ren, da je­des Sys­tem, das mit der Zah­lungs­ver­ar­bei­tung in Be­rüh­rung kommt, be­trof­fen sein kann – ein­schlie­ß­lich der Nach­rich­ten­über­mitt­lung, Kon­to­da­ten, Sank­ti­ons­prü­fung, Bu­chungs­ein­trä­ge, Ab­wick­lungs­be­rich­te, Aus­zü­ge, Re­porting, Ab­rech­nun­gen und An­fra­gen. Da die Ge­schäfts­be­rei­che in gro­ßen Fi­nanz­in­sti­tu­ten oft mit­ein­an­der ver­floch­ten sind, könn­te ISO auch an­de­re Be­rei­che wie z. B. Wert­pa­pie­re und FX da­zu zwin­gen, ih­re Ver­ar­bei­tungs­ar­chi­tek­tur zu überdenken.

Da ISO den Kern der wichtigsten Zahlungsverkehrsökosysteme betrifft und in mehreren Phasen eingeführt wird, müssen Banken rechtzeitig Tests durchführen, um einen reibungslosen Ablauf während der Koexistenzphase zu gewährleisten.“

Die Automatisierung der Tests ist aufgrund der Zeiträume, in denen Unternehmen ihre Ökosysteme ISO-konform machen müssen, entscheidend.

Ein langer Weg liegt vor uns

Zahlreiche Faktoren sind bei der Umstellung auf ISO zu berücksichtigen, die von den Banken während des gesamten Migrationsprozesses viel Aufmerksamkeit, eine eingehende Bewertung und eine Vielzahl an Maßnahmen erfordern. Auch wenn die Anforderungen herausfordernd sein können, bringt ISO viele Chancen mit sich. Die umfassenden Datensätze ermöglichen eine größere Effizienz, Standardverfahren, umfangreiche Datenanalysen, eine bessere Risikosteuerung und letztlich ein verbessertes und individualisiertes Kundenerlebnis.

Die Umstellung auf ISO 20022 hat begonnen. Angesichts dieser gewaltigen Aufgabe ist es essenziell, dass jede einzelne Bank die Chancen voll ausschöpft, um ihren Kunden einen Mehrwert zu bieten.“

Die hier geäußerten Ansichten sind ausschließlich Ansichten des Autors und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten von BNY Mellon wider. Dieser Beitrag stellt keine Beratung durch Treasury Services oder eine andere geschäftliche oder rechtliche Beratung dar und sollte nicht als solche angesehen werden.Marcus Sehr, BNY Mellon

 
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