STRATEGIE4. Mai 2020

S/4-Migration: Lästige Pflicht oder strategisches Projekt?

Thomas Ist äußert sich zum Thema S/4-Migration
Thomas Istel, Partner bei KPMG Financial Services im Bereich Digital Products & Enabling Services;mti&m

Die SAP AG hat einen erzwungenen Technologie­schub initiiert, der aufgrund der hohen Markt­durch­dringung auch große Auswirkungen auf deutsche Finanzinstitute haben wird. Die Einführung der neuen S/4-Plattform und die Ankündigung, die Wartung der bisherigen R/3-Plattform nur noch bis 2027 zu gewährleisten, stellt die Unternehmen vor Herausforderungen. Dabei kommt es entscheidend auf die Unternehmen der Finanzindustrie selbst an – ob sie die Migration als notwendiges Übel begreifen, oder darin echte Chancen sehen.

von Thomas Istel, Partner bei KPMG Financial Services im Bereich Digital Products & Enabling Services

Der Nutzen einer S/4-Einführung wird durchaus unterschiedlich bewertet. Einer KPMG-Befragung von aktuell SAP-nutzenden Banken zufolge sehen ein Drittel der Befragten die Umstellung primär als eine Zwangsmigration und haben nicht die damit verbundenen strategischen Chancen im Blick.

Rund zwei Drittel sind hingegen der Meinung, dass mit dieser IT-Migration neue Möglichkeiten verknüpft sind.“

Doch worin begründen sich die gegensätzlichen Positionen?

Stringente Fokussierung auf operative und dispositive Einzelkomponenten

Um diese unterschiedliche Bewertung der S/4-Plattform zu verstehen, müssen wir einerseits das strategische Zielbild des Softwareherstellers und andererseits die aktuellen Architekturen von deutschen Banken beleuchten.

Die strategische Zielarchitektur der SAP AG folgt einer stringenten Fokussierung auf operative und dispositive Einzelkomponenten. Was nicht mehr zur SAP-Kernkompetenz zählt oder in der funktionalen Architektur stringenter zugeordnet werden kann, wird sukzessiv ausgebaut und muss an anderer Stelle verarbeitet werden. Die für eine Gesamtbank erforderlichen Systemapplikationen, die nicht von der SAP bereitgestellt werden – bspw. für Meldewesen oder Risk – werden von anderen Systemanbietern in die SAP-Architektur integriert. Hierbei soll der SAP FSDP eine Schlüsselrolle als Datendrehscheibe innerhalb dieser IT-Landschaft zu kommen. Neben der strategischen Zielarchitektur werden im Rahmen des Plattformwechsels von R/3 auf S/4 weitere architektonische Prinzipien umgesetzt, welche sich auf technische und effizienzgetriebene Aspekte clustern lassen.

Technische Aspekte der Strategie:

  • hohe Datenintegration bedingt durch eine einheitliche Plattform
  • beschleunigte Datenverarbeitung durch Einsatz der HANA-Technologie

Effizienzgetriebene Aspekte der Strategie:

  • Standardisierung in den einzelnen Funktionen
  • hohe Datengranularitäten mit wenigen Datenredundanzen

Die Entwicklung der HANA-Technologie, die durchgängig auf der S/4-Plattform zum Einsatz kommt, war eine zwingende Voraussetzung für die Umsetzbarkeit der obigen architektonischen und in Teilen effizienzgetriebenen Prinzipien. Die HANA-Technologie basiert auf verschiedenen Techniken/Methoden (u.a. In-Memory-Computing, Spalten-basierte Speicherung), die zu deutlich schnelleren Datenverarbeitungs- und Datenlesegeschwindigkeiten führen und damit auch den Umbau der Datenmodelle von SAP-Anwendungen (wie das Eliminieren von Datenverdichtungen und -redundanzen) ermöglichen. Ein Beispiel für die Umsetzung eines schlankeren Datenmodells ist das S/4 Hauptbuch, welches keine Summen- und Indextabellen mehr nutzt, da alle Auswertungen nun aufgrund der hohen Performance der HANA-Technologie unmittelbar auf die granularen Daten der Einzelpostentabelle (ACDOCA) aufsetzen. Abstimmungen zwischen Summen- und Einzelpostentabellen sowie die aufwändige Analyse von Inkonsistenzen fallen somit weg. Zusätzlich sind auf der S/4-Plattform die Nebenbücher mit dem Hauptbuch vollständig datentechnisch integriert, sodass Schnittstellen und redundante Datenhaltungen zwischen diesen Systemen wegfallen.

Entwicklung des analytischen Nebenbuchs ist beispielhaft

Die Fokussierung auf die SAP-Kernkompetenzen sowie die stärkere Standardisierung von Einzelfunktionen lassen sich sehr gut an der Entwicklung des analytischen Nebenbuchs (FPSL) für Finanzinstrumente festmachen. Der ursprünglich angebotene SAP Bankanalyzer hatte den Anspruch, die gesamte Banksteuerung inklusive der dafür erforderlichen Datenhaltung zu unterstützen. Im Markt hat sich diese breit angelegte Lösung nicht komplett durchsetzen können, denn im Wesentlichen kam nur das Nebenbuch für Accountingzwecke (AFI) zum Einsatz. Im Rahmen des S/4-Plattformwechsels fokussiert sich die SAP auf die Komponenten mit sehr hoher Marktdurchdringung: die Bilanzierung über das Nebenbuch für Finanzinstrumente (FPSL) und dem Hauptbuch (S/4 Finance), wobei beide Komponenten nun in der S/4-Plattform vollständig integriert sind.

Autor Thomas Istel, KPMG
Thomas Istel ist Partner bei KPMG Financial Services (Website) im Bereich Digital Products & Enabling Services. Seine langjährige Consulting Erfahrung mit Fokus auf Banken und Versicherungen bildet die Grundlage für die Beratung von Finanzinstituten bei der Neuausrichtung und Optimierung von Geschäftsprozessen, deren Fach und IT-Architektur und den betroffenen IT-Systemen. Thomas Istel ist der verantwortliche Partner für SAP Services von KPMG für Finanzinstitute.

Die Anbindung von Drittanbietern bzw. die Datenhaltung für die Banksteuerung wird in dem separaten System FSDP unterstützt. Für Risiko und das Meldewesen kooperiert SAP mit anderen Anbietern (Wolters Kluwer mit OneSumX / BearingPoint mit Abacus360), die die Methoden zur Verfügung stellen und die SAP die Datenintegration mit diesen Lösungen bereitstellt.

Zusätzlich wurden die Komplexität und die Freiheitsgrade des Customizing für FPSL deutlich gegenüber dem ursprünglichen Bankanalyzer-Modul AFI reduziert. FPSL richtet sich nun strikt an dem sogenannten Accounting Modell aus, dass eine klare Trennung von operativen und analytischen Verarbeitungsschritten fordert. Eine Vermischung im Customizing, wie es im AFI-Modul teilweise erfolgte, lässt FPSL nicht mehr zu. Mit dieser Einschränkung der Freiheitsgrade wird das Ziel verfolgt, eine höhere Standardisierung der im Markt betriebenen Lösungen zu erreichen, um damit einerseits dem Kunden die Upgrades auf neue Releases zu vereinfachen und andererseits auch den Weg für einen Public-Cloud-Betrieb (Software as a Service) zu ebnen.

Übereinstimmung von strategischen Zielbildern ist ein zentraler Faktor

Mit der einheitlichen Plattform S/4 HANA will SAP eine stärkere Standardisierung von Funktionen und der Konzentration auf Kernkompetenzen mit der gleichzeitigen Offenheit zur Integrierbarkeit von Drittanwenderlösungen bieten – warum ist dann die Resonanz am Markt so unterschiedlich?

Die meisten größeren Institute haben sich im letzten Jahrzehnt eine Architektur aufgebaut, die vom Grundgedanken vergleichbare Ziele verfolgte. Andere Institute sind von diesem strategischen Zielbild noch weiter entfernt. Hier übernehmen die bestandsführenden Vorsysteme teilweise dispositive Funktionen und einzelgeschäftliche Daten stehen der Banksteuerung nicht oder nur über ineffiziente Bypass-Lösungen zur Verfügung.“

Der Nutzen, den die S/4-Einführung stiften kann, hängt also stark davon ab, ob das strategische Zielbild des jeweiligen Instituts mit dem der SAP im Grundsatz übereinstimmt und im Falle der Kongruenz der Zielbilder das Institut ihre Zielarchitektur bereits erreicht hat.

Optimierungspotenzial bei Kosten und Gesamtarchitektur

So werden die größeren Institute, die in den letzten Jahren den SAP AFI, das SAP New GL und ein Financial Datawarehouse eingeführt haben, aktuell nur einen geringen unmittelbaren Mehrwert aus einer S/4-Einführung ziehen können. In Einzelfällen könnten Engpässe in der Tagesverarbeitung oder bei der Erstellung von Auswertungen beseitigt werden. Darüber hinaus werden die neuen S/4-Lösungen im Vergleich zu ihren bisherigen SAP-Systemen „lieb gewonnene Möglichkeiten“ aufgrund der Standardisierung nicht mehr anbieten und ggf. noch Funktionsanpassungserfordernisse aufweisen. Unabhängig davon wird die S/4-Migration trotzdem auch für die oben genannten Institute aus Kostengesichtspunkten interessant sein, da die größere Standardisierung und Komplexitätsreduktion der SAP-Systeme die langfristigen Betriebs- und Changekosten senken sollten.

Für Institute, die in der Vergangenheit wenig in ihre Architektur investiert und teilweise aufgrund von Zeit- und Budgetdruck ihre Architektur durch Bypass-Lösungen „verbaut“ haben, ist die S/4-Einführung die große Chance, eine leistungsstarke, flexible und zukunftsfähige Lösungsarchitektur zu nutzen. Thomas Istel, KPMG Financial Services/ft

 
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