MEINUNG4. Juni 2019

Was Prometheus und Epimetheus mit Digitalisierung zu tun haben – Dr. Weidmann, Bundesbank

Deutsche Bundesbank

Auf dem Bundesbank-Symposium „Zahlungsverkehr und Wertpapierabwicklung in Deutschland im Jahr 2019″ in Frankfurt am Main illustrierte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Dr. Jens Weidmann, die Entwicklungen hin zum digitalen Geld am Gleichnis von Prometheus und Epimetheus. Bisherige Krypto-Token erfüllen nicht die zentralen Funktionen des Geldes. Für die zukunftsträchtige Blockchain-Technologie fehlt noch der Durchbruch in der Praxis. Digitales Zentralbankgeld könnte die Finanzstabilität möglicherweise stärker gefährden. Die gemeinsame europäische Währung hat sich bewährt, ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt würde Europa stärken. Die Zusammenfassung seiner Rede.

von Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank

Die Anfänge aller Technik gehen zurück auf eine mythische Gestalt, zumindest wenn man den Sagen des antiken Griechenlands Glauben schenken mag. Der Titan Prometheus entwendete den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen. Damit schenkte er ihnen nicht nur Wärme, Licht und Schutz vor wilden Tieren, sondern auch den Schlüssel zu technischem Fortschritt – etwa dem Schmieden von Werkzeugen.

Dafür bestrafte ihn Göttervater Zeus grausam: Gefesselt in der Einöde des Kaukasus, fraß täglich ein Adler von Prometheus’ Leber, die nachts wieder nachwuchs. Doch das war Zeus nicht genug. Er schickte die wunderschöne Pandora, um auch die Menschen zu strafen. Prometheus hatte seinen Bruder Epimetheus gewarnt, keine Geschenke von Zeus anzunehmen. Aber Epimetheus hörte nicht und nahm Pandora zur Frau. Die Götter hatten Pandora eine mit allen Übeln gefüllte Büchse mitgegeben. Aus reiner Neugier öffnete Pandora die Büchse: Alles Unheil entwich und verbreitete sich über die Menschheit.

So verdeutlicht der Mythos, wie der Fortschritt Segen und Fluch zugleich sein kann. Oder weniger episch ausgedrückt: Er birgt Chancen und Risiken. Und der Mythos zeigt unterschiedliche Herangehensweisen: Prometheus steht im Griechischen für den „Vorausdenkenden“, Epimetheus hingegen ist der „Danachdenkende“.“

Krypto-Token und Blockchain

Bis Dezember 2017 kletterte der Bitcoin-Kurs auf einen Höchstwert von mehr als 19.000 US-$. Ein Jahr später kostete ein Bitcoin dann wieder weniger als 4.000 US-$. Aufgrund der hohen Preisvolatilität stuft ein aktueller EZB-Bericht derartige Krypto-Token als hochgradig spekulativ ein.

Die zentralen Funktionen des Geldes in einer Volkswirtschaft erfüllen sie nicht. Angesichts der Kursausschläge eignen sich Krypto-Token weder zur verlässlichen Wertaufbewahrung noch als Recheneinheit. Und auch als Tauschmittel kommen sie nur selten zum Einsatz, weil die Kosten der Transaktionen häufig hoch sind und die Abwicklung vergleichsweise viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein Faktor ist der große Energiebedarf: Unserer Schätzung nach verbrauchte eine Bitcoin-Transaktion Anfang vergangenen Jahres mehr als 400.000-mal so viel Strom wie eine normale Überweisung. Laut einer im Januar 2019 veröffentlichten Studie der BIZ sieht von 63 befragten Zentralbanken keine einzige in ihrem Land eine signifikante Nutzung von Krypto-Token. Nach wie vor interessant ist aber die den Token zugrunde liegende Distributed Ledger-Technologie.

Im Herbst vergangenen Jahres haben wir die Tests des gemeinsam entwickelten Blockchain-Prototyps abgeschlossen. Im Ergebnis erwiesen sich die geprüften Varianten grundsätzlich geeignet für den großvolumigen Einsatz. Verglichen mit den derzeit verwendeten Systemen schnitten die Blockchain-Lösungen allerdings nicht in jeder Hinsicht besser ab: Die Abwicklung dauerte teilweise etwas länger und verursachte relativ hohe Rechenkosten.

Trotz zahlreicher Tests von Blockchain-basierten Prototypen fehlt bislang der wirkliche Durchbruch als Anwendung. Die neue Technologie ist zwar zukunftsträchtig, bedarf für den Einsatz in der Praxis aber noch weiterführender Entwicklung.“

Risiko digitales Zentralbankgeld

Laut einer Bundesbank-Studie wurden 74 % der protokollierten Zahlungen im Sommer 2017 in bar getätigt. Der Anteil der Debit-Karten stieg. Immer mehr Karteninhaber stellen fest, wie angenehm und schnell das kontaktlose Zahlen sein kann.

Vor dem Hintergrund technischer Neuerungen und steigender Beliebtheit bargeldlosen Zahlens beschäftigen sich Notenbanken auch mit der Frage digitalen Zentralbankgeldes. Das „e-krona“-Projekt der schwedischen Notenbank will prüfen, ob eine digitale Bezahlalternative in sicherem Zentralbankgeld verfügbar gemacht werden kann. Auf den Einsatz der Distributed-Ledger-Technologie soll dabei vorerst verzichtet werden. Die Riksbank hat noch nicht entschieden, ob die e-krona eingeführt werden soll oder nicht.

Die Einführung digitalen Zentralbankgeldes sollte auf jeden Fall wohlüberlegt sein. Die Achtlosigkeit des Epimetheus und der Pandora mahnt uns, vorsichtig zu sein.

Digitales Zentralbankgeld für einen breiten Nutzerkreis hätte möglicherweise gravierende Auswirkungen: Es könnte die Geschäftsmodelle von Banken und die Intermediation auf Finanzmärkten grundlegend verändern. Die Nachfrage nach digitalem Zentralbankgeld könnte größer oder volatiler sein als jene nach Bargeld. Die Finanzstabilität wäre im Krisenfall womöglich stärker gefährdet als heute, da mit digitalem Zentralbankgeld eine zusätzliche, sehr liquide und sichere Anlagealternative bestünde.“

Diese Bedenken sollten nicht leichtfertig zur Seite geschoben werden. Ich sehe uns Notenbanken in der Pflicht, den Bürgerinnen und Bürgern moderne, schnelle und auch internetfähige Zahlungsmittel anzubieten. Es geht darum, im Sinne der Verbraucher Lösungen am Puls der Zeit und Technik zu entwickeln, ohne unnötige Risiken für die Finanzstabilität einzugehen.

TARGET Instant Payment Settlement (TIPS)

Fortschreitende Digitalisierung bedeutet zunehmende Kommunikation in Echtzeit, Entsprechend soll auch in Echtzeit gezahlt werden können. Dies funktioniert seit knapp zwei Jahren auf breiter Basis mit SEPA Instant Payments.

Zur Verarbeitung dieser Zahlungen hat das Eurosystem mit TARGET Instant Payments Settlement – kurz TIPS – im November letzten Jahres einen Service eingerichtet, der europaweit Echtzeitzahlungen ermöglicht, die direkt in Zentralbankgeld abgewickelt werden. In maximal 10 Sekunden ist das Geld beim Empfänger gutgeschrieben und kann dann sofort weiterverwendet werden.

Instant Payments sollen Innovationen fördern und Mehrwert für die Endnutzer bringen. Es muss aber auch darum gehen, einer Fragmentierung des Zahlungsverkehrs in Europa entgegenzuwirken.

Bisher nutzen Banken Instant Payments eher verhalten. Auf mittlere Sicht dürften Systeme für Echtzeitzahlungen innerhalb Europas zum Standard werden. Potenzial sehe ich auch, wenn über Europa hinaus Brücken zu anderen internationalen Systemen geschlagen werden. Denn gerade diese Zahlungen sind noch vergleichsweise langsam und teuer.

Die Implementierung von Instant Payments ist mit Herausforderungen und zusätzlichen Investitionen verbunden. Bei Zahlungen in Echtzeit steigen nicht zuletzt die Anforderungen an die Betrugserkennung der Banken.

Cyber-Sicherheit

Die Bundesbank betreibt kritische Infrastrukturen von internationaler Bedeutung und verwaltet hochsensible Daten. Würden Zentralbanksysteme ausfallen, könnte dies nicht zuletzt die Finanzstabilität in Gefahr bringen. Cyber-Sicherheit hat daher für uns einen besonders hohen Stellenwert. Auch die Bundesbank ist im Visier.

Dass es Prometheus gelingt, das Feuer zu stehlen, zeugt von mangelnden Schutzmaßnahmen. Dass Epimetheus die Warnungen seines Bruders in den Wind schlägt, macht ihn zur Schwachstelle im System, über die sich Angreifer Zugang verschaffen können.

Schutzmaßnahmen sind Cyber-Hygiene und Cyber-Resilienz. Es geht darum, die Mitarbeiter zu „sensibilisieren“ gegen Unachtsamkeit, aber auch gegen Versuche, Druck oder Angst durch Drohungen zu erzeugen.

Cyber-Resilienz meint die Widerstandsfähigkeit des Systems im Fall von Cyber-Angriffen. Das bedeutet unter anderem, die sogenannten „Kronjuwelen“ besonders zu schützen. Hierzu müssen zunächst die größten Schätze beziehungsweise die kritischen Assets identifiziert werden.

Dem Zweck, Schwachstellen aufzudecken, dient darüber hinaus das sogenannte „Red Teaming“ – auch als „ethisches Hacking“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um simulierte Angriffe einer Gruppe von Spezialisten, dem „Red Team“, das Vorgehensweisen feindlicher Hacker verwendet. Ziel ist es, in den Kern eines Systems vorzudringen. Dies muss das verteidigende Team verhindern. Zu ihm gehören zuallererst die eigenen IT-Experten, letztlich aber alle Mitarbeiter der Institution, die sich der Übung unterzieht.

Mit dem European Framework for Threat Intelligence Based Red Teaming – abgekürzt TIBER-EU – haben die Notenbanken des ESZB ein einheitliches Rahmenwerk erarbeitet, das im Mai letzten Jahres veröffentlicht wurde. Es soll Unternehmen dabei unterstützen, mittels Red-Team-Übungen höchste Widerstandsfähigkeit gegen Cyber-Attacken zu erreichen. Nationale Behörden können TIBER-EU nun auf freiwilliger Basis implementieren.

Europa stärken

Prometheus mag als Begründer unserer Kultur in grauer Vorzeit gesehen werden. Den Grundstein für den europäischen Einigungsprozess hat jedoch erst vor knapp 70 Jahren der damalige französische Außenminister Robert Schuman in seiner berühmten Erklärung gelegt. Seitdem ist viel erreicht worden. Der gemeinsame Binnenmarkt bietet Verbrauchern eine größere Produktauswahl zu niedrigeren Preisen und hat die Wirtschaftsleistung in der EU spürbar erhöht.

Unsere gemeinsame Währung hat sich als stabil bewährt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten belief sich der durchschnittliche Preisanstieg im Euroraum auf 1,7 %. Drei Viertel der Befragten im Euroraum befürworten die gemeinsame Währung, in Deutschland sind es sogar 81 %.

Ein gemeinsamer europäischer Kapitalmarkt würde sowohl grenzüberschreitende Investitionen als auch die private Risikoteilung fördern. Über diese Wirkungskanäle könnten die Wachstumskräfte gesteigert und wirtschaftliche Schocks besser abgefedert werden.“

Die USA geben ein gutes Beispiel für diese Stoßdämpfer-Funktion. Ihr integrierter Kapitalmarkt verteilt knapp die Hälfte der Last eines Schocks über die Grenzen der Einzelstaaten hinweg – deutlich mehr, als es Fiskaltransfers dort leisten. Dagegen wird im Euroraum nur ein Zehntel eines Schocks durch eine solche private Risikoteilung aufgefangen.

Ein Schritt, die Kapitalmarktunion voranzubringen, wäre, bestehende nationale Vorschriften weiter zu vereinheitlichen. Beispielsweise hat die Europäische Kommission einen Vorschlag unterbreitet zur beschleunigten, außergerichtlichen Verwertung von Sicherheiten. Europäische Mindeststandards in diesem Bereich könnten helfen, künftig notleidende Kredite in den Büchern von Banken rascher abzubauen.

Demgegenüber stellt die Behandlung von Krypto-Token und Initial Coin Offerings (ICOs) einen Bereich dar, für den im Sinne der Kapitalmarktunion von vornherein eine einheitliche europäische Regulierung wünschenswert wäre.

Technologische Neuerungen bergen sowohl Chancen als auch Risiken. Diese Zweischneidigkeit des Fortschritts und den Umgang mit ihr illustrieren Prometheus und Epimetheus eindrücklich. Verständigung und Zusammenarbeit sind nicht nur wesentlich, wenn es darum geht, den technischen Wandel verantwortungsvoll zu gestalten. Sie sind für uns auch ganz wesentlich, um gemeinsam Europa zu stärken.“

Die vollständige Rede können Sie hier nachlesen.pp

 
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