STRATEGIE29. März 2018

In 5 bis 10 Jahren machbar: Industrie 4.0 Meets Finance – hohe Potenziale auf einem kaum bestellten Feld

Prof. Dr. Hans-Gert Penzel, Geschäftsführender Gesellschafter ibi research an der Universität Regensburg<q>ibi research</q>
Prof. Dr. Hans-Gert Penzel, Geschäftsführender Gesellschafter ibi research an der Universität Regensburgibi research

Digital Finance ist überall, sagt ibi research. Schon lange sind es nicht mehr alleine die FinTechs, die neue Lösungen an den Markt bringen. Die etablierten Institute sind längst aufgesprungen und integrieren attraktive digitale Features in ihre Architekturen, vom Frontend bis zum Backend. Dabei bedienen sie sich häufig dreier Ansätze, der „3K“: Kopieren von FinTechs, Kooperieren mit ihnen, oder auch Kauf von Innovatoren.

von Professor Dr. Hans-Gert Penzel, ibi research 

Auch Industrie 4.0 ist überall, ganz besonders in Deutschland. Die vorhandene Infrastruktur in Produktion und Logistik (im Folgenden einfach mit „Maschinen“ bezeichnet) wird durch digitale Komponenten angereichert. Um die physische Welt legt sich schrittweise eine digitale Schicht. Diese Schicht bietet erstens eine umfangreiche Sensorik, verbindet die Maschinen mit ihrer Umgebung und macht sie zu sensiblen Wesen. Sie sorgt zweitens für die Speicherung der erfassten Daten in „Digital Twins“, also in den digitalen Ebenbildern der Maschinen.

Dabei ist noch unklar, wer zum Hort dieser Big Data wird: die jeweiligen Hersteller der Maschinen, ERP-Anbieter wie die SAP oder vielleicht die GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple & Co.).“

Drittens ermöglicht die digitale Schicht – das ist das eigentliche Ziel – eine umfassende Steuerung und Regelung der vernetzten Maschinen-Ökosysteme in Realzeit.

Die Schnittmenge von Industrie 4.0 und Digital Finance ist dagegen heute fast leer. Natürlich gibt es Diskussionen über das Bezahlen aus dem Auto heraus, oder besser: durch das Auto selbst. Es zahlt seinen Parkplatz, seine Maut, sein Benzin oder die Elektrizität, ohne dass der Fahrer eingreifen muss. Auch für das B2B-Geschäft werden Beispiele genannt, etwa Trade Finance:

Durch die digitale Kopplung der finanziellen Welt mit den physischen Stationen (dem Hafen, dem Zollamt, dem LKW) lassen sich die Handelsprozesse beschleunigen und kostengünstiger gestalten. Aber dies ist nur die Spitze des Eisberges; die Integration von Industrie 4.0 und Digital Finance eröffnet viel mehr Potenzial.“

 

Beginnen wir mit dem Bezahlen von Gütern und Dienstleistungen: Nicht nur das Auto wird zahlen. Auch beim Einstieg in die U-Bahn oder beim Verlassen des Geschäfts kann die Zahlung automatisch erfolgen. Aber viel mehr als das: Für alle höherwertigen Konsumgüter stellt sich die Frage, warum man sie eigentlich kaufen soll.

BIT-Magazin & ibi research
BIT - das Branchen Magazin von ibi research

Dieser Beitrag erschien in der aktuellen Ausgabe 1/2018 (1. März) des BIT-Magazins von ibi research (Seite 10) und veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Penzel. Die komplette Ausgabe können Sie hier im ibi-Shop für 15 € bestellen.

ibi research

Seit 1993 bildet die ibi research (Website) an der Universität Regensburg ei­ne Brücke zwi­schen Universität und Praxis. Das In­sti­tut forscht und ber­ät zu Fra­ge­stellun­gen rund um das The­ma “Digi­talisierung der Fi­nanzdienst­leis­tun­gen und des Handels“. ibi research bietet For­schungs-, Be­ra­tungs- sowie Schulungs­leis­tun­gen zur Umsetzung der Ergebnis­se.

Warum nicht für den Geschirrspüler nach Waschgängen zahlen, für den Fernseher nach Einschaltzeit, vielleicht sogar für die Ferienreise nach Sonnenstunden? Dieses Konzept des „pay as you go“ liegt für das beschriebene B2C-Geschäft nahe, kann aber im B2B-Geschäft nochmals stärkere Auswirkungen haben.“

Industriewaschmaschinen werden heute schon nach Waschzyklen bezahlt. Vergleichbares kann man sich für die meisten Produktionsmittel vorstellen – bis hin zur Stahlpresse, die nach der Zahl der Pressvorgänge abgerechnet wird.

Dabei werden enorme Mengen kleinteiliger Forderungen entstehen, die gebündelt oder nicht gebündelt abgerechnet werden müssen.“

Dies erfordert Verfahren, die den Weg vom physischen Sensor bis aufs Konto schnell und effizient bewältigen. Andererseits müssen sie sicher sein. Denn wenn es gelingt, auf kleine Einzelforderung einen noch kleineren illegalen Aufschlag zu setzen, zwischen richtigen Forderungen falsche einzuschleusen und den Rechnungs- und/oder Zahlungsadressaten zu ändern, wird das häufig kaum auffallen. In Summe können aber enorme Schäden entstehen. Eine Lastschrift über den CAN-Bus im Auto ist keine gute Lösung, wenn man verstanden hat, wie einfach sich heute ein Neufahrzeug „knacken“ und von außen steuern lässt. Wir brauchen Lösungen, die effizient und sicher über mehrere Ebenen der Architektur operieren können, vom Sensor bis aufs Konto!

Die Ver­än­de­run­gen beim Zah­len sind das Spie­gel­bild neu­er Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se, die auch weitreichende Folgen für die Finanzierung haben.“

Denn die Maschine wird dann nicht mehr vom Maschinen-Nutzer gekauft und finanziert oder geleast. Sie bleibt grundsätzlich in den Büchern dessen, der sie produziert hat und vom Nutzer via „pay as you go“ über eine lange Zeitstrecke die Zahlung dafür erhält. Damit verschiebt sich der Kapitalbedarf vom Maschinen-Nutzer zum Maschinen-Produzenten, Finanzierungsstrukturen könnten sich massiv verändern.

Das wird zur Herausforderung für Kredit- und Leasing-Geber, die sich neue Kunden suchen müssen und dabei die Finanzierungsmodelle anpassen werden.“

Die Kette zieht sich aber noch länger, sie reicht bis ins Investment Management hinein. Mit AnaCredit erreicht die EZB eine standardisierte, zeitnahe Dokumentation aller größeren Kredite; der Einzelkredit wird dadurch hochtransparent und zunehmend handelbar. In der Industrie 4.0 werden Maschinen bzw. deren „Digital Twins“ ebenfalls detailliert beschrieben und in Realzeit dokumentiert werden. Warum sollten sie nicht auch in ihren finanziellen Strukturen abgebildet werden?

Vielleicht übernimmt die die EZB auch hier die Initiative, dieses Mal für ein Framework „AnaObject“ zur standardisierten finanziellen Beschreibung solcher Objekte, die ja in der Regel als Kreditsicherheiten dienen. Zielrichtung wäre es, damit das Risikomanagement zu vereinfachen und zu verbessern.“

Bei so viel Transparenz könnten Maschinen sogar zu eigenen Anlageobjekten für Investoren werden – vielleicht nicht individuell, aber als Objekte in einem Portfolio, einem „Maschinen-Fond“. So gesehen ist das eine Variante der Securitization für Anlage-Investitionen, und man kann sich bereits erste Fonds-Namen ausmalen: „Machines for Car Industry Worldwide“ oder „Machines Across Industries Germany“, vielleicht ein liquiderer Fond „Small Machines with Short Lifecycles“ oder ein riskanterer Fond „Machines in Chinese Countryside“. Die Investoren legen ihr Geld dann in diversifizierte Portfolien von Maschinen statt in ganze Unternehmen an, vermutlich mit interessanten Risikoprofilen.

Was auf den ersten Blick wie Utopia wirkt, ist auf Basis der Datenlage vermutlich in fünf bis zehn Jahren machbar.“

Warum werden die beschriebenen Themen kaum adressiert? Banken hätten wohl keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen, denn die Zeiten verölter Produktionshallen sind lange vorbei. Aber sie stöhnen unter der Last, die rein finanzielle Seite der Digitalisierung und der Regulation zu bewältigen. Umgekehrt haben Maschinenbauer genug damit zu tun, die industrielle Seite der Industrie 4.0 in den Griff zu bekommen. Schon die Anforderung, einen unsicheren CAN-Bus im Auto durch eine sichere Hardware zu ersetzen, ist eine große Herausforderung.

In der Schnittmenge zwischen den Branchen fehlen Wissen, Kapazitäten und Motivation. Hier öffnet sich ein dankbares Gebiet für Forschung, Entwicklung und Umsetzung.

Vielleicht entsteht ja auch eine neue Spezies: die Gruppe der Industry FinTechs, kurz InFinTechs? Es wird spannend zu beobachten, wer hier die Führung übernimmt!“Professor Dr. Penzel

 
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