STRATEGIE20. August 2020

Digital programmierbarer Euro: „Die Blockchain ist dem Vorhaben der EZB immer noch überlegen“

Digital programmierbarer Euro: Professor Philipp Sandner, Frankfurt School of Finance and ManagementFrankfurt School of Finance and Management
Professor Philipp Sandner, Frankfurt School of Finance and ManagementFrankfurt School of Finance and Management

 

Die aktuelle Diskussion um digitale Währungen bricht nicht ab und gewinnt weiterhin an Fahrt. Zudem hat der Bitcoin zuletzt um gut 25 Prozent zugelegt. Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen stieg von 270 Mrd. USD auf ca. 370 Mrd. USD an. Es könnte sein, dass wir aufgrund der breiten Dynamik im Bereich Blockchain generell aber auch Kryptowährungen vor einem sehr spannenden 3. und 4. Quartal stehen. François Baumgartner im Gespräch mit Professor Philipp Sandner zum digitalen Euro (wir berichteten) und zu den Auswirkungen von Libra und Central Bank Digital Currencies (CBDCs) auf europäische Banken.

Herr Professor Sandner, wie definieren Sie den digital programmierbaren Euro?

Beim digitalen, programmierbaren Euro handelt es sich um eine digitale Variante des Euros, die über eine Distributed-Ledger-Technologie (DLT) organisiert wird. Es handelt sich somit nicht um eine eigene Währung, sondern lediglich um eine digitalisierte Version des Euros.

Der digitale, programmierbare Euro kann sowohl von regulierten Finanzinstituten wie Banken und E-Geld-Instituten, aber auch von der Zentralbank in Form einer digitalen Zentralbankwährung (CBDC) bereitgestellt werden.“

Können Sie uns die Vorteile und Chancen nennen?

Der Hauptvorteil des digitalen, programmierbaren Euros liegt darin, dass Zahlungen „programmierbar“ gemacht werden können. Diese Programmierbarkeit verspricht ein sehr hohes Automatisierungspotenzial für alle Art von Zahlungen. Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr können Zahlungen durch den digitalen, programmierbaren Euro darüber hinaus schneller und günstiger abgewickelt werden, da durch die Nutzung einer DLT Intermediäre entfallen. Zuletzt können Leistung und Gegenleistung auf einer Plattform abgewickelt werden, was einen enormen Effizienzgewinn für digitale Geschäftsmodelle darstellen kann.

Aufgrund der dezentralen Speicherung der Transaktionsdaten ist das System zudem resilienter, sodass ein Systemausfall unwahrscheinlicher wird.“

Welche Nachteile und Risiken sollte man beachten?

Sollte der digitale, programmierbare Euro in ferner Zukunft als CBDC emittiert werden, bei der Personen einen direkten Kontozugang bei der EZB erhalten würden, könnte der Finanzsektor in großem Maße negativ beeinflusst werden. So könnte beispielsweise eine Disintermediation des Finanzsektors und digitale Bank Runs drohen. Zum Glück ist diese extreme Variante einer CBDC sehr unrealistisch.

Welche abweichenden Sichtweisen gibt es hierzu noch?

Es gibt Vertreter der Zentralbanken, Blockchain-Befürworter und die Anwenderperspektive. Diese Akteure haben allesamt eine unterschiedliche Sichtweise auf das Thema. Bei der Sichtweise der Anwender stehen der gesamte industrielle Komplex, der Kapitalmarktbereich und Financial Inclusion im Vordergrund. Letzteres besetzt wahrscheinlich das Libra-Projekt mit dem Vorhaben eines Stable Coins. Der digitale, programmierbare Euro kann von regulierten Finanzinstitutionen, wie Banken und E-Geld-Instituten, und von der Zentralbank emittiert werden.

Aus Haltersicht stellt der digitale Euro eine Forderung gegenüber dem Emittenten dar.“

Aus diesem Grund ist der von der Zentralbank emittierte digitale Euro als die sicherste Variante anzusehen, da Zentralbankgeld per definitionem nicht ausfallen kann. Wenn wir darüber sprechen, haben wir eine ideale Welt ohne Inflation im Blick.

Im Interview: Professor Dr. Philipp Sandner

Prof. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management (Website). In den vergangenen zwei Jahren gehörte er zu den „Top 30“ Ökonomen Deutschlands im Ranking der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und zählte gemäß dem Capital Magazin zu den „Top 40 unter 40“. Sandner ist Mitglied im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen sowie im Blockchain Observatory der Europäischen Union.

Es handelt sich also in Ihrer Begriffswelt um „account-based digital currencies“, richtig?

Es kommt darauf an. Je nachdem, mit wem Sie sprechen. „account-based digital currencies“ können schneller etabliert werden als „token-based digital currencies“. Letztere haben dafür auf lange Sicht eine höhere Funktionalität. Bei „account-based digital currencies“ ist der Euro quasi eingesperrt auf Bankkonten und kann nur zwischen Konten hin- und hergeschoben werden. Bei „token-based digital currencies“ können Sie den Euro analog zu Bargeld aus dem System rausholen. Sie könnten also Euros abheben. Die Gefahr der Geldwäsche müsste dann aber natürlich eingedämmt werden.

Die Chancen hingegen liegen in der Anbindung von Maschinen oder selbstfahrenden Autos am Zahlungsverkehr und an effizienteren Leistungsaustauschprozessen, konkret die Abwicklung von Leistung und Gegenleistung.“

Das wird aber noch Jahre dauern.

Die Europäische Zentralbank (EZB) möchte nun near-realtime Euro-Zahlungen ermöglichen. Und zwar rund um die Uhr. Warum und wann kann mit dieser Umsetzung gerechnet werden?

Das ist eine äußerst spannende Frage und die Verlautbarung der EZB wurde von den Medien bislang überhaupt nicht aufgegriffen. Bisher ist es oftmals so, dass Sie nur werktags den Euro überweisen können. In Zukunft soll nach einer Überweisung das Bargeld in ein paar Sekunden auf dem Empfängerkonto sein. Jenes soll rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche möglich sein.

Das Vorhaben der EZB ist genau das, was die Blockchain-Technologie verspricht.“

Von daher kann man dieses Projekt meines Erachtens als Antwort oder gar als Angriff auf Libra interpretieren. Die Umsetzung von near-realtime Euro-Zahlungen wird aber mit Sicherheit noch ein paar Quartale dauern. Ich begrüße die Entwicklung, weil dadurch mehr Wettbewerb geschaffen wird.

Welche Funktion erfüllt die Blockchain und warum bildet diese die alternative Basis für den digital programmierbaren Euro?

Die Blockchain kann near-realtime-Zahlungen genauso bewerkstelligen. Mehr noch: Smarte Technologien, Industrie 4.0 und intelligente Maschinen können leichter mit der Welt des Zahlungsverkehres vernetzt werden. Das sind dutzende Millionen von Geräten, die in einigen Jahren angebunden werden müssen.

Auch Wertpapierkäufe können schneller als bisher abgewickelt werden, weil Verrechnung mit anderen Assets leichter möglich ist.“

Deshalb ist der Blockchain-Ansatz dem Vorhaben der EZB immer noch überlegen.

Kürzlich wurde das Positionspapier „Der digitale programmierbare Euro“ vom FinTechRat des Bundesfinanzministeriums veröffentlicht. Zuvor wurde mit dem Open Letter „Roadmap Digitaler Euro“ ein optimistischer Zeitstrahl definiert. Wie lautet nun der aktuelle Status-Quo?

Das Verständnis fehlte bei vielen Beteiligten noch. Viele verwechselten Blockchain mit Bitcoin oder dem digitalen Euro. Jetzt wächst das Verständnis, wie zum Beispiel in Behörden und Unternehmen. Perspektivisch geht es darüber hinaus um geopolitische Interessen, weil Zahlungsinfrastrukturen elementar sind. Das sieht man vor allem an China. Dort wurde bereits 2014 begonnen, an einem System zu arbeiten, das es nun ermöglicht, die chinesische Währung digital abzubilden. Mit diesem sogenannten DC/EP-System testen nunmehr 40 Millionen Menschen die digitale Währung in China. China möchte durch dieses System die Bedeutung der eigenen Währung erhöhen. Zum Glück wacht Europa langsam auf und startet zahlreiche Initiativen.

Allerdings wird in Europa zu viel diskutiert und zu wenig programmiert.“

Demnach ist China seinem Ansatz einem vergleichbaren Ansatz der EZB mindestens 6 Jahre voraus. Das sagen so auch EZB-Mitarbeiter.

Die Firma Lindner Traktoren aus Österreich wird mit Cash on Ledger, einer Versicherung, 2 Technologiekonzernen und uns als akademischer Partner in Summe 30 Traktoren als Internet of Things-Geräte an den Euro auf Blockchain-Basis anschließen. Weshalb und welche Anwendungsszenarien gibt es noch?

Man beginnt nun langsam, Maschinen direkt an den Zahlungsverkehr anzuschließen. Maschinenbau und Logistik, Industrie 4.0, Daten-Monetarisierung und Trade Finance sind unglaublich große Industriekomplexe, die vom digitalen Euro profitieren würden. Sie könnten also Pay-Per-Use-Modelle in der Industrie ermöglichen. Ein plastisches Beispiel: Eine Kommune kauft einen Traktor für 100.000 Euro und kann mit dem Fahrzeug machen was sie will. Mit dem programmierbaren Euro können Sie den Traktor per Kilometer mieten.

Das heißt: Sie können drei Kilometer mit dem Traktor fahren, um Streugut im Winter zu verteilen. Nach drei Kilometern kommt in dieser Sekunde die Rechnung und sie wird in SAP sofort verarbeitet.“

Die Nutzung des Traktors, wenn er wirklich eingesetzt wird, wird dann verursachungsgerecht verrechnet, was zu zahlreichen Vorteilen zum historischen Modell des gekauften Traktors führt, welcher oftmals unausgelastet auf dem Hof steht.

Der digitale programmierbare Euro streift auch die moderne Vertragstheorie. Worauf kommt es bei Smart Contracts genau an?

Smart Contracts sind programmierte Codezeilen, die auf einer DLT gespeichert und automatisch ausgeführt werden, wenn vorgegebene Bedingungen erfüllt sind.

Folglich sind Smart Contracts selbstausführende Vereinbarungen, die enormes Automatisierungspotenizal versprechen.“

Beispielsweise könnten auf diese Art und Weise Bestellvorgänge in der Industrie automatisiert werden. So könnte ein Smart Contract implementiert werden, der automatisch eine Bestellung auslöst, wenn eine Untergrenze, zum Beispiel eines Inventarbestands, unterschritten wird und die Bestellung direkt mit dem digitalen, programmierbaren Euro bezahlt. Aber auch alle Arten von Finanzdienstleistungen wie Factoring oder Leasing würden damit effizient und automatisiert möglich.

Können Sie uns die unterschiedlichen Vorgehensweisen der handelnden Player bei der Etablierung digitaler Währungen erläutern?

Im Reich der Mitte setzt man auf ein Public-Private-Partnership-Modell, bestehend aus Zentralbank, Geschäftsbanken, Finanzorganisationen und Unternehmen. Das funktioniert meines Erachtens aktuell am besten. Dann gibt es noch das Konsortium um Libra.

In Europa gibt es bislang ansonsten kein vergleichbares groß angelegtes Projekt. Deshalb muss Europa hier massiv aufholen.“

Das geht nur mit eigenen Projekten für eine digitale Währung.“

Was bedeutet diese Entwicklung für Europa und auf was kommt es jetzt an?

Die Frage der Governance der Zahlungsinfrastruktur hängt vom entsprechenden Emittenten ab. So könnten wie oben beschrieben beispielsweise Banken und Zentralbanken das System betreiben und der Industrie Lösungen des digitalen, programmierbaren Euros zur Verfügung stellen.

Herr Professor Sandner, vielen Dank für dieses Gespräch. François Baumgartner

 
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